19. September 2011

23 1/2 Sommer

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling und ein Glück noch keinen Sommer.

Ich bin in der Mitte des Septembers geboren, also keinesfalls ein Herbstkind. Ich kenne Sonnenstrahlen seit meiner Geburt, oh ja ich kenne Sonnenstrahlen. Und deshalb sind es trotz 23 Lenzen 23 1/2 Sommer, die ich mit mir verbracht habe, mindestens. Seit dem ich mich nicht mehr über die großen Ferien freuen kann, wird mir in der Mitte des Sommers das Herz gebrochen, und am Ende ist mein Konto leer. Diesmal nur letzteres, aber es ist jemand gestorben.

Aber das war erst am Ende, nach dem ich mir 5 Wochen Sommer gekauft hatte, und bekam, was ich wollte: Zweieinhalb Regentage, Meer, die schönsten Orte und die Leichtigkeit sogar gratis. Tucholski schrieb anstatt eines Liebesromans einmal einen Sommerroman, Schloss Gripsholm, der ins Tragische abdriftete. Sommergeburten eben.

Berlin ist im Herbst ein wunderschönes Örtchen, wenn man das Haus verlässt. Wenn nicht, dann fehlt hier jegliches Licht, und schlafwandelnd steht Ich auf und versucht verzweifelt die Temperatur der Aircondition zu erhöhen, aufwachend und feststellend, das man so etwas nicht besitzt. Warum auch?

Wieder zurück in Berlin sind alle hier erkältet und konsumieren Tee. Ich bleibe bei Kaffee und versuche mich tapfer an Herbstspaziergängen, mit Hut und Lederjacke, doch trügerisch winken die Sonnenstrahlen hin zum Platz vorm Schloss Charlottenburg. Das sieht zwar aus wie Sonne, das ist aber kalt.

Kalt ist übrigens keine Temperatur, kalt ist ein Gefühlszustand. Übers Wetter reden war noch nie so wichtig wie heute. Gelbe Säue und Sonnenbrände weichen harschen Winden und unverschämt üppigen Kastanien. Übers Wetter zu reden ist kein Small Talk, das ist bitterer Ernst.

Ich möchte anderen Tee als ihr! Den serviert man in kleinen geschwungenen Gläsern, er ist rabenschwarz, weckt Hirn und Herz in angenehmen Wegen. Wenn es heiß ist draußen, macht das gar nichts, denn eine Akklimatiserung, innen und außen ist unnötig. Ich möchte andere Gesänge und anderes Geläute. Am Ende bleibt man bei rot an der Ampel stehen und telefoniert nach Haus.

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