20. Juli 2010

Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb.

Kennt ihr diesen alten, was ist das nur, ein Witz? Eine endlose Geschichte? Es ging so:

"Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb. In dem Korb lag ein Buch und da stand: Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb, in dem Korb lag ein Buch und da stand...u.s.w."

Dieser Witz, oder diese kleine Endlosgeschichte, das hat mich als 8-jährige mindgefucked.
Ich wollte ein Ende für diese Geschichte erfinden, am liebsten ein schönes, natürlich, aber auch ein unglückliches hätte mir gereicht.
Wahrscheinlich war mir die Traurigkeit dieser Geschichte schon damals bewusst, weil sie so sinnlos, unschön und gefühllos immer weiter geht. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich sie hörte. Und auch, wenn ich sie selbst erzählte, was ich in seltsam abgestoßener Faszination immer wieder tat.
Heute kenne ich die Geschichte anders. Sie macht mir aber immer noch Kopfschmerzen. Wenn ich sie erzähle. Sie geht so:

Es war einmal ein Mädchen. Das kaufte sich ein Buch. Und da stand:

"Dieses grüne Ding, dem jeder die Nestwärme anroch, hat sich in etwas mehr als einem Jahr in eine blaße, großäugige junge Frau verwandelt, die lernt mühsam, aber für die Dauer, dem Leben ins Gesicht zu sehen, älter und doch nicht härter zu werden."(Christa Wolf-Der geteilte Himmel)
Das Mädchen las das Buch nie zu Ende, daher weiß sie nicht, ob dem Mädchen in dem Buch sein gutes, hehres Ziel gelang. Sie weiß aber, dass, sie sich in dieser Textstelle wiederfand, ebenso wie der arme Mann sich buchstäblich in dem Buch in seinem Korb wiederfand.

Warum wohl der arme Mann ein Buch in seinem Korb mit sich herumtrug? Irgendwie macht mich diese Überlegung noch trauriger, aber auf der anderen Seite tröstet sie mich auch ein bisschen, denn dass der Mann einen Grund hatte, das Buch in seinem Korb mit sich herumzutragen, das gibt der Geschichte eine spannende, kopfschmerzenvermeidende Komponente. Überhaupt, egal, was der Grund ist, würde ich diesen Mann treffen, ich würde ihm den Korb einfach aus der Hand reißen und ihn zwingen, lieber mit mir oder irgendjemand anderem, spazieren zu gehen und zu reden, anstatt diesen Korb zu tragen, mit einem quälend langweiligen Buch darin. Egal, ob er zetert und schreit darüber, dieses verdammte Buch, das ihm so wichtig ist, dass er es in einem Korb mit sich herumtragen muss, zu verlieren.

Zurück zur neuen Geschichte:
Sie hatte das selbe hehre Ziel, wie das Mädchen in dem Buch. Doch je mehr sie sich von dem Buch entfernte und ihr eigenes Leben lebte, spürte sie, dass sie nicht mehr dieses Ideal eines reifenden Menschen vor sich haben durfte. Das vielmehr die Menschen um sie herum, sie als eine fixe Frau wahrnahmen, die so war, wie sie eben war, die Mädchenfrau mit dem Buch und dem Ideal. Und irgendwann hörte sie auf, dieses Buch zu lesen, vernahm die vielen Stimmen um sie herum, die teils schmeichelnden, teils ablehnenden, in denen sie sich nicht mehr zurecht fand. Nicht mehr wusste- und nicht wissen wollte- was Frau oder Mann sagte, was Freund oder Feind. Also hielt sie sich die Hände auf die Ohren und rannte. Teils nahm man sie an der Hand und wies ihr eine Richtung, teils rannte sie weg und nahm selbst eine andere. Wenn sie hin und wieder zur Rast kam, zwang sie sich, ihr Ideal zu vergessen und ihr Werden pragmatischer zu fassen: "Werde ich Popliteratin, oder die Frau, die in die U-Bahn pullert?"
Und ironischerweise brachte sie diese Frage zurück zu ihrem Ideal. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie es nicht erreichen konnte, wenn der erste Teil der Frage ihre Antwort sein sollte. Wollte sie es allerdings nicht verraten, so würde der zweite Teil der Antwort ihr Schicksal sein.
Das Herz zerfraß ihr den Kopf. Popmusik machte sie empfänglich für die dringlichen Fragen, die aus ihr heraus sprachen. Und sie musste nun erneut rennen. Versuchte sie, jemanden nun an der Hand zu nehmen, nahm er sie ein Stück weit mit. Sie schien in eine Richtung zu gehen, die die ihre war, denn sie war sich sicher, solange man an einer Hand ging, die nicht wirklich an der Hand hing, jedoch am Herzen, konnte jeder in seine Richtung gehen, unter Stolpern, mit nackten Füßen, sich verletzend, aber doch in die richtige Richtung. Doch Gesetze der Hadronenphysik machten ihr schmerzhaft bewusst, dass es nicht funktionierte. Physik war eben noch nie ihre Stärke gewesen.
Also rannte sie weiter. Und fiel auf die Knie und las das Buch nicht zu Ende.
Ob das Mädchen immer noch rennt, das Buch in dem Kopf, in dem stand, dass sie nicht rennen sollte, und es dennoch tuend, das kann ich nicht sagen. Ich habe die Geschichte noch nicht zu Ende gehört. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es ein Buch ist, bei dem man auf Seite 21 aus Langeweile stecken bleibt, und es zuschlägt. Oder ob es einfach nur eine endlose Geschichte ist. Nennen wir sie einen Witz, wie der mit dem Mann mit dem Korb, der natürlich gar keinen Grund für das Tragen von diesem hat. Er ist einfach nicht ganz richtig im Kopf.
Oder ob ich mir für diese Geschichte tatsächlich mal ein Ende überlege, anstatt Kopfschmerzen davon zu bekommen? Endlos rekursiv und dann return.

Kommentare:

  1. ich denke mir, das buch des mädchens ist, im gegensatz zu dem des mannes, nicht sinnlos, voller gefühl und hat höhen und tiefen. und wenn es nun ein buch wäre, das noch gar nicht bis auf die letzte seite vollgeschrieben ist? wenn das mädchen das buch selbst schreiben könnte? ideale könnten sich somit ändern oder zumindest etwas verschieben, denn allein, sich bis aufs letzte daran zu klammern, bringt schon verbissenheit und härte mit sich.
    würde man mich nach ihrer geschichte fragen, sie erreichte ihr ziel und somit auch ihr ideal, indem sie den weg zum ziel machte; auch an der seite von anderen menschen, denn wege zusammen gehen hieße nicht, die falsche richtung zu wählen. es wäre eine geschichte auf lebenszeit, die sich selbst schreibt. ohne spiralen, ohne kopfschmerzen.

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  2. Danke, Sarah. Das bedeutet der Erzählerin wirklich viel, dass du sowas ohne Wissen der Motivation einfach so sagst. Cheers!

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