19. Juli 2010

Run Baby Run

"Die hat aber och eenen am Loofen. Rennt da über die ganze Wiese zum Mülleimer, obwohl auf dem Weg nach oben noch drei gewesen wären."
Jetzt weiß der, der das sagte: Ich musste rennen.
Ich muss immer rennen. Schon immer. Es wurde immer schlimmer. Es wird immer schlimmer. Als Kind reichte es mir lediglich Berge hinunter zu rennen. Mittlerweile renne ich mitten im Gespräch los. Es ist nicht unhöflich gemeint, wirklich. Wenn ich umbiege und zurück renne, werde ich, gut gedanklich durchgepustet, wieder an genau dem Punkt ansetzen, an dem du unterbrochen wurdest.
Wohl wünsche ich denen Kraft, mit zu halten, die mit mir betrunken von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen. Mit dem Gehen ist dann nämlich nicht mehr so viel- es wird gerannt. Mittlerweile kann ich mit jeder Art von Schuh rennen, um jede Tages- und Nachtzeit, bei jeder Temperatur. Ich kann nicht. Ich muss.
Vielleicht wird es immer schlimmer, weil mein Leben sich immer mehr wie ein großes Rennen anfühlt. Früher hatte man so viel Zeit, dass man noch am Bach spielen konnte und sich stundenlang darüber wundern, dass eine Katze gefaucht hatte. Mich hatte jedenfalls bis zum Alter von acht Jahren noch nie eine Katze angefaucht.
Heute fauchen mich auch keine Katzen mehr an, das liegt aber an dem eher traurigen Umstand, dass ich einfach, in der Großstadt lebend, so gut wie keine Katzen mehr zu Gesicht bekomme, nur noch Hunde. Treu trotten sie neben ihren Frauchen und Herrchen her und bellen vor allem bei anderen Hunden. Die Anmut eines katzigen Schmeichelns oder eben Fauchens muss ich missen, ein Verlust, der mich tatsächlich so schmerzt, wie ich es mir nicht hatte vorstellen können.
Mir gelegentlich begegnenden Wohnungskatzen fehlt der gewisse Flow, den eine Dorfbachkatze in ihrem Fauchen mit sich trägt.
Also, was haben denn Katzen nun damit zu tun, dass sich mein Leben wie ein großes Rennen anfühlt?
Es fehlt das beruhigende Element, dass sich hinsetzen und geniesen auch o.k. ist. Ständig denke ich, dass ich jede Sekunde zur Selbstverwirklichung nutzen muss. Statt ein Buch zu lesen, schreibe ich einen Blog, statt ins Kino zu gehen, plane ich meinen Kurzfilm, statt meinen Urlaub vernünftig zu planen, denke ich über Praktika und Jobs nach, nur um mich dann doch nicht zu bewerben, und mich dann im plötzlichen Nichtstun wiederzufinden. Das natürlich auch keines ist, sondern mit Zukunftssorgen und weiteren Selbstverwirklichungsplänen ausgefüllt wird.
Und ich glaube, mit jedem Rennen, das zum großen Rennen gehört, geht ein Stück weit von mir verloren. Nein, das ist so nicht richtig. Ich renne sehr viel, und ich gewinne dabei immer was dazu, ich hab aber keine Ahnung, in welche Richtung ich eigentlich renne. Das ist es.
Nein, das ist es nicht.
Ich hab einfach nur einen zu loofen .

Kommentare:

  1. "du hast'n ding zu loofen", heißt et im volksmund, und "du hast een' zu sitzen".

    mir gefällt's, dass du das thematisiert hast. mir kommt auch das "gehen im alkoholisierten zustand" mit dir bekannt vor, reginchen. ;o)

    nimm dir die zeit und ruh dich auch mal aus, in gedenken an die gechillten dorfkatzen, die ich trotzdem nicht mag.

    ansonsten run baby run, if u have to. :o)

    maiko

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  2. regine, du hast echt n ding zu loofen, keene frage.
    genau das macht dich sehr sympathisch und für mich unverwechselbar!
    der blog hier hat mir sehr gut gefallen, es fehlte nicht am benanten "flow".
    run, regine, ran (KEIN TIPPFEHLER MEINERSEITS!)!
    und vielleicht nimmst du uns ja mal mit auf die laufbahn...
    herzlichst, schtefan...

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  3. Oh, mir kommen gleich die Tränen. Danke ihr zwei! Ihr dürft jederzeit mit auf die Laufbahn, ob denkerisch, literarisch oder alkoholsiert per pedes.
    Wenn ihr kein Latein könnt, so wie ich, guckts mal nach, vielleicht ist das ja ne Lautverschiebung. Ich glaube aber nicht.

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