9. Februar 2011

Lied gegen die Schwerkraft

Sag mal Körper, langsam fühle ich mich verarscht von Dir. Hast Du es nicht noch vor zwei Wochen geschafft, dass mich Verkäuferinnen als "armes süßes kleines Mädchen bezeichneten", als ich kaltblütig ein Kleid umtauschen wollte, dass ich anderswo billiger gesehen hatte? Wurde ich wegen Dir nicht gestern beim Bier kaufen nach meinem Ausweis gefragt?
Gut, dass ich mich bereits Mitte September darauf freuen kann, "Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht" durch mein Revier zu schmettern, damit habe ich mich schon abgefunden. Und auch damit, dass mein Wortschatz immer noch schwindend gering ist, ich ab und zu über der Kloschüssel hänge, nur einen Abend vor Klausuren zu lernen beginne, mir Tetrisfelder an die Wand malen möchte, der Ausdruck "an der Tür schellen" in mir Lachanfälle auslöst. Aber in der Performation von traditioneller Weiblichkeit hast Du mich einst mit üppigen Hüften beschert, die über Körbchengröße 75 A hinwegtäuschten. Und nun, gerade mal 10 Jahre später, was fällt Dir da Lustiges ein? Links im Winkel, was seh ich da? Die Schwerkraft. Das ist doch kein Alter für die Schwerkraft! Ich bin doch nicht Dornröschen, die mit 20 schon so zäh war, dass man eine besonders alte Hirschkuh finden musste, um damit die Menschenfresserstiefmutter zu verkohlen! Und außerdem ist da doch gar nichts da, für die Schwerkraft! Ich dachte immer, das kommt noch und dann hängt es bereits! Das ist bloßer Zerstörungswillen der Schwerkraft! Pure Lust am Deprimieren auf der Mikroebene. Damit auf der Meseoebene mehr verhüllende Klamotten gekauft werden. Und auf der Makroebene die Runterdrückung der Frau durch die Schwere, ob die der Männer oder anderer Kräfte des Seins, abgefeiert wird. Na komm, Schwerkraft, das ist doch wirklich nicht Dein Ernst, oder? Soll ich nun, sollte ich mal meinen Ausweis vergessen, sagen, sehen Sie sich doch mal meine Brüste an, hm? Ist es das, was Du willst? Und Körper, Du lässt das einfach so zu? Ich bin enttäuscht. Peter Licht hatte Recht, verdammt.
Nur weil ich mit 10 meiner Mutter noch glauben machte, ich würde mir immer noch gern Tierheim-Tier-Vermittelsendungen angucken, weil ich glaubte, es bräche ihr das Herz, wenn sie die Wahrheit erführe, und aus dem selben Grund meinem Vater mit 15 verschwieg, das mein Liebesleben sich nicht mehr 19:40 bei GZSZ abspielte, brauchst Du Dich doch nicht damit zu rächen!

Kommentare:

  1. Magst Du Brecht? Als Lyriker? Ich mag ihn sehr. Und habe an folgendes Gedicht gedacht:

    Des Morgens nüchterner Abschied, eine Frau
    Kühl zwischen Tür und Angel, kühl besehn.
    Da sah ich: eine Strähne in ihrem Haar war grau
    Ich konnte mich nicht mehr entschließen mehr zu gehen.

    Stumm nahm ich ihre Brust, und als sie fragte
    Warum ich Nachtgast nach Verlauf der Nacht
    Nicht gehen wollte, denn so war's gedacht
    Sah ich sie unumwunden an und sagte:


    Ist's nur noch eine Nacht, will ich noch bleiben
    Doch nutze deine Zeit; das ist das Schlimme
    Daß du so zwischen Tür und Angel stehst.


    Und laß uns die Gespräche rascher treiben
    Denn wir vergaßen ganz, daß du vergehst.
    Und es verschlug Begierde mir die Stimme."

    "Entdeckung an einer jungen Frau", Du wirst es kennen, wie ich Dich kenne.

    Aber ansonsten gefällt mir Dein Text besser als mir das Gedicht gefällt.

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  2. Der letzte Satz ist völlig übertrieben. Aber ich bin so eitel, dass ich mich sogar darüber freue. (Zitat)
    Ich mag das Gedicht sehr und kenne es natürlich (in dieser Reihenfolge!), v.a. wegen "das ist das Schlimme
    Daß du so zwischen Tür und Angel stehst."
    Ich mag Brecht. Als Lyriker und Dramatiker. Letzteres aber eher zum Angucken, denn lesen.
    Hab mal bei der Lesebühne gelesen und nie vergessen:
    "Als ich im Finstern war
    und das Licht kam nicht zu mir
    schrie ich laut in der Nacht wie ein Tier, das keine Hoffnung hat
    und das Licht kam nicht zu mir
    Seitdem schreie ich immer, ob es gleich nicht kommt,
    wie ein Tier, das keine Hoffnung hat."

    Danke.

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  3. Aus welchem Text stammt dieses Zitat? Ach, warte, ich werde es googeln. Von Brecht mag ich am liebsten den "Orangenkauf", und das "Sonett Nr.19". Und das Zitat aus dem Gedicht über die Kindermörderin, die ihre Kinder getötet hat, weil sie sie nicht ernähren konnte:

    Ihr aber, ich bitte Euch, wollt nicht in Zorn verfallen,
    Denn alle Kreatur braucht Hilf von allen.",

    ist ein grandioser Vers über das Mitleid.

    Nichts zu danken, ich danke Dir, nun: Für Deine Eitelkeit. Auch.

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