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8. Juli 2012

4 Uhr morgens erwartet Dich keiner: oder möbliert ist eben schon.

Um 8 Uhr morgens wende ich mich im Bett um. Eine halbe Stunde lang, und noch eine. (Ja, manchmal Stunde, glaube ich kaum zuzugeben.) Schaffe ich es, Kleidung um mich zu hüllen, sieht ihr jeder an, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Die Kleider erwecken den Eindruck, als befänden sie sich noch im Schrank, und ich mich im Bett, weil doch jeder sehen kann, dass wir noch nicht zusammen gehören, vielmehr an unseren Bestimmungsort zurückstreben, sie so also konvex um mich wehen, mich erst recht auf zwei Zentimetern Pfennigabsätzen unglaubhaft machen. Diese Nacht konnte ich wieder einmal nicht schlafen. Ich weiß, dass mir das in Berlin zweimal im Sommer geschah. Es hatte immer mit Prüfungen zu tun, erinnere ich mich, und weiß nicht recht, was ich davon halten soll, jetzt, wo keine ansteht. Ich plane also, den Kleidern ein Schnippchen zu schlagen, jetzt aufzustehen, Achseln und Beine zu rasieren, und in die Businesskleidung zu schlüpfen, mir ein prächtiges Frühstück einkaufen zu gehen, und so endlich auch den Eindruck zu erwecken, um 10, ich sei schon seit Stunden wach und hätte einiges erledigt. Aber man muss nicht einmal eine dekadente Langschläferin sein, um frühmorgens von niemandem erwartet zu werden. Im Supermarkt kann ich mich für keinen Käse entscheiden, (In Krakau gibt es einfach keinen salzigen Käse. Wie überhaupt kein wirklich würziges Essen. Ich war im indischen-, im Thai-Restaurant- entweder habe ich mir seit 15 Jahren tatsächlich die Magennerven oder so verätzt, oder ich habe Recht.) und der Putzmann wird wütend, denn nachdem um 3:30 neben mir die letzten Partyeinkäufer heraustorkelten, rechnet er einfach nicht mit einer Person, die unschlüssig das Käseregal auswendig lernt. Er weiß nicht, dass besagte Person tagsüber in einem Museum arbeitet, und Informationen durch das zirkelhafte Beschreiten allein aufnehmen und wiedergeben kann. Ich gehe spazieren, und auch hier erwartet mich keiner. Nicht das Pärchen, dass sich an jedes Schaufenster presst und küsst, auf dessen Route wir uns treffen. Nicht der Hundebesitzer, der eine Stunde wähnt, in dem niemand ihn erschreckt auf Deutsch anschreien kann. Der Betrunkene nicht, der nachdem er mich catcallte gar nicht weiß, was er in meine rotunterlaufenen Augen sagen soll, und der dann vorbeitorkelt, ohne, dass ich etwas tun muss. Gibt es eigentlich eine Grauzone zwischen "Reclaim the night" und Morgenspaziergang? Der Obdachlose wacht auf und sieht mich erstaunt an, als hinter mir die Hoftür ins Schloss fällt. Gemeinhin nächtigt er doch unbemerkt im Hinterhof unter meinem Fenster. Zurück vor diesem, mein Teilchen Stadt vom Aquarium aus betrachtet, stelle ich fest: erwarten tut mich auch nicht die schwanzlose rote Nachbarskatze, der der Kater aus "Breakfast at Tiffanys" ist, und der nicht versteht, wie ich ihm herzlos das Fenster öffnen und doch mein Zimmer verschließen kann. Das Zimmer selbst liegt im ersten Licht des Morgens... Im Spaziergang habe ich gerade gemerkt, wie schön die Stadt ist, in der ich lebe. Wenn die Temperatur gut ist, noch keine Autos fahren... Ein paar verirrte, letzte Taxis, kleine Schnarcher einer ansonsten gleichmäßig atmenden, schlafenden Stadt. Wie bezaubernd die roten Kirchdächer, wenn ihre Glocken nicht klingen, wie einladend Cafés wirken, wenn keine Menschen sie füllen. In der Küche weit das Fenster öffnen. Es im Zimmer der Katze verschließen. Das Kleid ordentlich am Bügel aufhängen, das Bett machen, das im Wandschrank steht. Die Räume sind hoch, in Altbauten üblich, auch in den herzlos sanierten, der Hinterhof mit seinen Balkonen allerdings bleibt geteilt und angenehm unangemessen intim. Es ist ein neues möbliertes Zimmer, zwei Tische, ein Sofa, ein Sessel, ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Wandschrank, in dem sich das Bett befindet. Das Schönste bisher, und wie ich so wandelte, um diese Zeit, in diesen Graden, hier könnte ich bleiben, das habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Leichten Herzens hatte ich das letzte Zimmer zusammengepackt, die im Sommer nutzlos gewordenen samtenen Hosen und Röcke, geschäftig-knisternden, glänzenden Blusen, schwere, sanftmütige Mäntel. Aber auch die Leinenstoffe, die ich mir hier umhüllte, die einzigen, die ich nicht wünschte, von mir zu weißen. Das löchrige Bettuch, einzig dazu bestimmt, hier gelassen zu werden. Und während ich Schritt für Schritt, versuche eine Hängebrücke zu betreten, bei der ich nicht sicher weiß, aber hoffe, nicht wieder hinter mir alle Seile trennen zu müssen, die die hölzernen Pfosten, die irgendwas das irgendwie meiner Identität zusammen hielten, sondern vielmehr soll sie das Zurückgehen nicht nötig, aber möglich machen, ja, geade kann ich sogar manchmal um mich blicken und den Wald riechen, in dem Hängebrücken gebaut sind, und all die Sträucher zwischen den Pfosten, ebenso, wie trotzdem und immer: Leben heißt zwischen fremden Stühlen, möbliert ist es eben schon.

17. Juni 2012

They sentenced me to twenty years of boredom.

„Du kommst doch auch aus der Künstlerecke? Siehst jedenfalls so aus.“ Ich habe gelernt, wie eine Dame milde zu lächeln, und mir meinen Samtrock glattzustreichen.

Er trägt eine Baskenmütze, sandfarben, wie seine gelockten Haare, die sich beinahe um seine selbstgedrehte wickeln, die er sich mit einem neckischen Augenaufschlag anzündet. Ich tue ihm nicht den Gefallen, zu sagen: „Nö, Du wohl aber.“ Sondern versuche ein anderes Thema anzuschlagen. Wir haben ausführlich abgeglichen, dass wir die selben Länder bereisten, er jedes zweite gesellschaftliche Phänomen als „ethnologisch interessant“ empfindet, und für mich ein „soziologisch auch“ hinzufügt. Musikinstrumente. Museen. Kommunismus. Neben uns steht eine zierliche mit kurzem Pony und langem Stoffrock, „die lebt einfach nur“ und findet's „einfach nur schön hier“ und sie hat mich, die „Renate aus dem Museum,“ kennen gelernt, als sie meine Tasche abfotografiert hat. Ein Jutebeutel mit einem Mädchen, das Herzen kotzt. Sie möchte gern meinen Platz einnehmen, jetzt, sie gibt mir das zu verstehen, mit jedem Klappern ihrer Espandrillas. Das kann ich aus dem Augenwinkel sehen, während sie gleichzeitig ihrer Freundin, dem „Mäuschen“ laut genug flüstert, es langweile sie hier, niemand, den sie jetzt ansprechen möchte und zuhören macht sie müde.

Ich will doch längst selbst gehen, ich trotze ihr eigentlich nur, ihrer sich selbst reizend findenden Attitüde, ich weiß gar nicht warum. Vielleicht finde ich mich sogar selbst reizend dabei. Gieße mir schließlich seufzend Wodka in die Cherry Coke, komme eine halbe Stunde später zurück und höre, wie Leinenrock und Baskenmütze sich wechselseitig bestätigen, es füge sich schon, man müsse nur offen bleiben, nicht zu Hause herum sitzen, dann ergebe sich schon alles.

Wiederum ein Klogang später, ein paar Floskeln über Helsinki ausgetauscht, im einzigen englischsprachigen Gespräch auf der Party, mit einem Finnen und einem Isländer, erklärt mir eine aus der Kunstecke ihre Theorie des kulturellen Austauschs: Gleichgesinnte Europäer tauschen sich in Polen anders aus als in Deutschland. Auch sie hat ein Jahr in Berlin gewohnt.

Es soll endlich getanzt werden, denn die Gespräche machen die Menschen müde, das Nicken strengt an, das vom Gegenüber begeistert die Augen aufreißen, das Fragen nach Zigaretten und Feuerzeugen, die dritte Bestätigung von der vierten verschiedenen Person, dass man nicht wisse, wo es hingehe, aber man sei sicher, irgendwann sei man zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Luft ist sommerlich kalt, und so ein Balkon ist rar in Krakau, man kann über den Hinterhof über die Dächer blicken, den Rynek, und irgendwo dahinter muss Kazimierz liegen. Dorthin war mein Amerikaner, meine Begleitung, die keine blieb, weil ich mich verspätete, zurück geeilt, es ist ein gutes Stückchen Weg bis dahin, vom Außenring des grünen Gürtels, der die Innenstadt in spezifischer Weise umspannt, und tagsüber den täglichen Gängen etwas märchenhaftes verleiht, nachts gemieden werden muss. Stadtstreicher, verrückte Poeten, die Gefahr, auf Taubenfutter zu treten. So genau weiß ich das nicht. Ich war erst einmal hier, nachts. Die Karmelicka kann ich noch nicht sehen, ich wähne sie hinterm modernen Theater. Die Karmelicka ist nicht lyrisch, aber sicher, die Karmelicka ist die halb-ruhige Vene in den Adern des gerade von mir bewohnten Körpers, die mich heimführt, später.

Renate, einen Uwe soll es hier auch geben, der eine Frau geheiratet hat, deren Opa in Auschwitz war, weshalb er sich jeden Freitag zum Beit Krakau einfindet. „Have you met Uwe yet?“, fragen sie mich, sie sprechen Englisch, in der Hoffnung, sie wirken dann wie echte ErasmusstudentInnen, und jemand verirrtes klinkt sich dann vielleicht ins Gespräch. Es verirren sich viele, sie wollen eigentlich upstairs, und dahin bewegen sich alle, gemächlich, in dieser Wohnung kotzt es sich nicht gut. Wieder ein paar selbst gedrehte, ein Österreicher mit Idealismus, sein Studiengang wird abgeschafft, er wähnt sich interessante Dinge sagen, und zum Teil hat er auch Recht, er kann nicht viel dafür, dass ich müde bin und am Stück in Floskeln spreche. Die Gastgeberin hat inzwischen einen neuen Haarschnitt, ich habe mir meine Jacke über die Schultern gezogen. Die langberockte, die einfach nur lebt, die alles hier schön findet, die nicht weiß, was sie in einem Jahr macht, aber alles so schön, sitzt allein auf dem schmalen Bett in diesem großen Zimmer. Zu dritt wohnen sie hier, es befinden sich Bilder von nackten Frauen an den Wänden, Pin-up Style fünfziger, in einem Hostel haben sich die Fremden kennen gelernt, denen es nicht schwer fiel, Freunde zu werden. Sie sprechen sogar die selbe Sprache.

In Lingua-Franca Englisch träume ich schon lange nicht mehr, die Nachtmare sind einer Sprachlosigkeit gewichen. Ich trotte an den letzten Heimgängern mit rot-weißen Schals vorbei, Polen hat verloren heute, wir haben verloren heute, wie auch immer man es mir sagte, man sagte es mir. Es ist ein erstaunlich ruhiger Abend für ein Wochenende, noch niemals ist mir aufgefallen, dass es so wenig Straßenlaternen hier gibt. Morgen werden die Bäckereien wieder geöffnet sein, 7 Zloty werden mir teuer vorkommen, für zwei Gebäckstücke, doch es ist Sonntag und ich werde sie singen hören.

18. Mai 2012

What makes me happy now. And here.

Having the strong desire to attend yoga school.

Drinking polish coffee. Discovered it, when I had only coffee, but no machine. It's not to be confused with Turkish coffee, because this is made with love and sugar. Polish coffee is made with hate and nothing. It's just hot water and coffee. Real coffee, not Instant-Coffee. Nothing else. I've googled it, to see, if it will kill me and found out: Some people call it "Polish Coffee." The first was the best coffee I had in a lifetime. The second was even better.

Being able to cook for myself again.For example Giant potatoes with cheese, which I would call Quark. And the best fucking scrambled egg I had in a lifetime.

Recognizing that half of the museum I work at is gay and nobody will be at the museum tomorrow, because there will be Gay Pride. Still not quite decided, if I will be on the Market Square or let them have their pleasure and enjoying the museum on my own.

Finding Tape, after three days of searching it, including also shopping at night, being drunk, because most shops are open 24h. Nobody knew, what I meant, and when they did, they started to shout at me. Still don't know why. Finally found it at a ridiculous small gift shop in some mysterious side-street. Felt like a junkie, but just wanted to personalize my room a little bit.

Hearing a polish girl say that my German sounds not German, but Polish-German.

Tasting the difference between Polish and German Nutella. Polish is better.

Thinking of all the motivation letters which I have to write for my Master-applications. Should I be like Joey Comeau? That's how my application for Sociology M.A. will look like:

Sociology sounds more like "job" than "literature" does. But only on first sight. So if you want to reject me because of my horrible B.A., please do so. I don't have to take statistic classes in Master, so more fun for me, but "job" sounds more like "drinking" anyway.

Another day passed without being the cat of Miranda July in "The Future" or, even worse, being Miranda July in "The Future".

7. November 2010

Warum Adorno gar nicht kryptisch schreibt.

Ich hab mal eine Wahrsagerin gesehen. Es war ein Sommerabend 2009, und es war auf diesem komischen Rummel in Hamburg, DOM, im Halbdunkel. Wir, mein Bruder und ich, liefen nur über den Rummelplatz, damit ich eine der letzten Zuckerwatten kaufen konnte und weil es eine Abkürzung war. Es gab eine recht gruselige Atmosphäre, denn die Schausteller waren schon am Abbauen, niemand hatte mehr Interesse an einem Fahrgeschäft und man hörte nur noch die Geräusche von klirrendem Geld und leise verhallenden Schritten. Ich konnte in einen Wagen sehen, in dem man sich tagsüber die Zukunft voraussagen lassen konnte; darin saß eine alte, faltige Frau mit stechend blauen Augen. Urplötzlich glaubte ich ihr, dass sie die Zukunft voraussagen konnte und ärgerte mich, dass ich so spät gekommen war.
In Wirklichkeit glaubte ich das natürlich nicht, sondern es war eine kleine Anwandlung an einem Sommerabend, in dieser seltsamen Magie, in der einem ganz anders wird und dann ist es Herbst und man lacht, wie dumm man gewesen ist.
Gestern dachte ich erneut, ich hätte eine Wahrsagerin gesehen. Sie war diesmal kaum älter als ich, hatte ein breites Grinsen, silberne, riesige Ohrringe und braunes, von einem gesunden Lebensstil zeugendes Haar.
"Studierst du Soziologie?" fragte sie, ohne jemals ein Wort mit mir gewechselt zu haben. Aber natürlich klärte sich auch das auf: Sie hatte gehört, dass ich die Worte "Heteronormativität" und "polyamorös" verwendet hatte. Freilich haben diese Worte soviel mit Soziologie zu tun wie Astrologie mit Wissenschaft, allerdings verstand ich ihre Assoziation sofort, wenn ich an meine fremdwortverliebten Kommilitonen dachte und war peinlich berührt.
Ich war etwas betrunken während der Unterhaltung; aber ich weiß, dass sie mir riet, immer fleißig weiterzuschreiben, und ich fragte, als sie schon im Türrahmen stand, mit was sie denn gern weiter machen möchte: "Malen und Saxophon spielen" rief sie, lächelte ein bisschen verschroben und irgendwie hielt ich sie zum Schluss dann doch noch für eine Wahr-Sagerin.
Als ich fleißig weiter schrieb, fragte mich ein Kommilitone, welchen Zweck ich damit verfolgte, ein Reimwort zu verwenden, dass er erst nachschlagen müsse. Ich las das Gedicht, welches die Verwirrung in ihm ausgelöst hatte, fünf mal, es besteht nämlich nur aus 12 Worten, von denen 11 absolut nicht zum Nichtverständnis in Frage kommen, bis ich auf die Idee kam, dass er wohl "Grind" meinen musste. Dieses verwende ich allerdings so selbstverständlich, dass ich selbstverständlich gar keinen Zweck verfolgte, sondern mal wieder nur ein Inneres ausgekotzt hatte. Ein "Grind" ist eine verkrustete Wunde, und kann sich jemand ein Gedicht vorstellen, in dem "verkrustete Wunde" vorkommt? Ja, gut natürlich kann sich das jemand. Aber ich möchte "Grind" schreiben und "butzeln" und "Mutzel" und "Trumm" und auch mal "Heteronormativität" und "Identitätsfeminismus", weil das die Sprache ist, mit der sich meine Denkmuster ausdrücken. Vielleicht sollten wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Kommunikation einfach und selbstverständlich ist und Nachfragen peinlich. Sogar vor SoziologInnen.

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