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22. Juli 2012

A serious Girl. Or:Let's watch our dreams die.

Letzte Woche habe ich mich der schönsten Nebensache der Welt gewidmet (dass das mit dem Sex Quatsch ist, habe ich an anderer Stelle mehrfach erwähnt): Sich frisieren und frisieren lassen. Erst wurden mir mit bilingualen Instruktionen die Haare gekürzt. Schon zum zweiten Mal wesentlich erfolgreicher und preisgünstiger als bei "Grünton", den ich ahnungslos und mit der traurigen Glanz und Gloria meiner früheren Berliner Zugezogenen-Arroganz bis vor kurzem für in beiden Kategorien unübertreffbar hielt. Aber sowohl der Mini-Oma-Frisör in der Innenstadt, als auch die polnische Discount-Kette "Trendy" wissen, mit kurzem Haar umzugehen. Schade eigentlich, denn eines meiner liebsten Erste-Welt-Abenteuer ist es, nicht zu wissen, wie scheußlich oder wundervoll ich nach einem Frisörbesuch aussehe. Erster verwandelte wenigstens mein Haupthaar mit Hilfe von dafür geeignetem Lack, Spray und Wachs in diesen Neunziger-Jahre Alptraum, vorne gebügelt, hinten hochgerupft, ein Pfau in Aschgrau sozusagen. Bei Trendy bekam ich für 5 Zloty mehr eine ungefragte Glätteisenbehandlung, was für mich, die ich seit Kindheit unter meinen unregelmäßigen Locken leidend, die so manche unliebsame Bekannte und/oder Prenzlbergfrisörin als "bieder" bezeichnete, immer wieder ein ungesundes, guilty pleasure darstellt. Nach der Fremdhaarbefassung rannte ich zu Rossman und kaufte Syoss-Chemie, die ich anschließend absichtlich eine Viertelstunde zu lang einwirken ließ. Das Ergebnis ist: barszcz-farben.
Es gibt nicht vieles, was Barszcz in seiner Intensität, geschmacklich und farblich ähnelt. Umso stolzer bin ich, ein Abbild meiner Lieblingssuppe zu sein. Ich werde mich in jedem Fall mit einem Vorrat dieses Haarzerstörprodukts und der ihm gleichenden Tütensuppe gegen den deutschen Winter (jaha, den draußen und den in der Seele) wappnen. Ich bin lange genug innen unvernünftig und außen vernünftig aschgrau gewesen. So frisiert tummle ich mich in Gdanks und Nowa Hutta. Kombiniert mit schwarzem Second-Hand-Samttutu, schwarzer Bluse über alter grauer Strumpfhose und ebenfalls antrazithnen Adidas haftet etwas verrucht gruftiges an mir- genauso gut wie das geneigte Klassenkameradinnen schon mit 15 konnten.
Ich aber habe jeher außerhalb Berlins den komischen Drang, mich von meiner Umgebung abzuheben. So muss man mich noch besuchen, möchte man mich in Joga-Pants bei Kunstworkshops assisitieren, in bodenlangem Kleid Museumsführungen halten und in roten Schlaghosen durch geschichtsträchtige Floure wandeln sehen. Zurück in Berlin sehe ich schneller wieder aus wie eine lesbische Version Rory Gilmores, eh wir Termine für die Großstadtstelldicheins finden, mit jedem einzelnem von uns. Wobei ich schon versuchen werde, etwas Juliette Binoche im Kostüm Karen Os mitzuschleppen.
Als Kind konnte ich mir immer nicht vorstellen, wie ich aussehe, denke, fühle, lebe als Erwachsene. Dann verging die 20 und die ein oder andere Zahl dahinter, und ich wusste warum: Weil ich weder erwachsen aussehe, noch denke, noch fühle, noch lebe. Und nach drei Monaten Krakau dann plötzlich gestern so: That's it. So wie jetzt bin ich sicher nicht mein ganzes Leben, aber ich kann doch sehen, dass so wie ich denke (sozialwissenschaftlich viel über Atrocities und Identitätsbildung, bildungsmäßig viel über Bildnisse dieser), fühle (zu tief und zu viel und zu schnell, aber in gesündere Bahnen gelenkt), lebe (nicht verplant, aber mit Plänen), das kann man ein bisschen die erwachsene Version von mir nennen. Und das geschah tatsächlich durch die äußere Veränderung. Von anfangs sehr seriös im Pleasantville-Style zu sehr casual hippiesk, zu der Mod-Attitüde, in der ich mich eben sehr serious finde. Und weil ich das nicht ironiefrei erzählen kann alles, und ich mir des "Machen sie doch mal was ganz verrücktes, färben sie sich die Haare!"-Faktors nicht erwehren kann, und es durchaus bedenklich finde, dass ich wie vorgefasst über Yoga und Beauty-Programm zum Seelenfrieden kam, habe ich eine Playliste für alle Aspekte dieses "Erwachsens" erstellt.

Let's watch our dreams die.

Belle and Sebastian: Step into my office, Baby

Maximo Park: Apply some pressure

The Thrills: Fancy Restaurant

Mikrofisch: Delusions of Decay

Belle and Sebastian: Get me away from here I am dying

Nina Simone: Feeling good

Ben Caplan: Seed of Love

Phantom/Ghost: Thrown out of Drama School

Marina and the Diamonds: I'm not a robot

The Thrills: Faded Beauty Queens

Regina Spektor: Ghost of a corporate future

Belle and Sebastian: Expectations

Tocotronic: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Socalled: Work on what you got

The Divine Comedy: Generation Sex

Belle and Sebastian: Dear Catastrophe Waitress

Amanda Palmer: Ampersand

Und nie die Worte Yodas vergessen:
If you end your training now - if you choose the quick and easy path as Vader did - you will become an agent of evil.
a

18. Mai 2012

What makes me happy now. And here.

Having the strong desire to attend yoga school.

Drinking polish coffee. Discovered it, when I had only coffee, but no machine. It's not to be confused with Turkish coffee, because this is made with love and sugar. Polish coffee is made with hate and nothing. It's just hot water and coffee. Real coffee, not Instant-Coffee. Nothing else. I've googled it, to see, if it will kill me and found out: Some people call it "Polish Coffee." The first was the best coffee I had in a lifetime. The second was even better.

Being able to cook for myself again.For example Giant potatoes with cheese, which I would call Quark. And the best fucking scrambled egg I had in a lifetime.

Recognizing that half of the museum I work at is gay and nobody will be at the museum tomorrow, because there will be Gay Pride. Still not quite decided, if I will be on the Market Square or let them have their pleasure and enjoying the museum on my own.

Finding Tape, after three days of searching it, including also shopping at night, being drunk, because most shops are open 24h. Nobody knew, what I meant, and when they did, they started to shout at me. Still don't know why. Finally found it at a ridiculous small gift shop in some mysterious side-street. Felt like a junkie, but just wanted to personalize my room a little bit.

Hearing a polish girl say that my German sounds not German, but Polish-German.

Tasting the difference between Polish and German Nutella. Polish is better.

Thinking of all the motivation letters which I have to write for my Master-applications. Should I be like Joey Comeau? That's how my application for Sociology M.A. will look like:

Sociology sounds more like "job" than "literature" does. But only on first sight. So if you want to reject me because of my horrible B.A., please do so. I don't have to take statistic classes in Master, so more fun for me, but "job" sounds more like "drinking" anyway.

Another day passed without being the cat of Miranda July in "The Future" or, even worse, being Miranda July in "The Future".

6. Mai 2012

Run Baby Run, Pt II

Eigentlich sind sie mir zuwider, diese Auslandssemesterblogs. Oder waren sie. Seit ich selbst weg bin, wird mir klar, woraus sie entspringen: Dem Bedürfnis nach Kommunikation, dass man nicht so schnell stillt, wenn man gerade erst dabei ist, sich mit einer Stadt anzufreunden. Gerade, wenn man wie meine Wenigkeit hier nicht als Erasmusstudentin ist, sondern als Praktikantin, und ebensolche auch nicht gern von einem internationalen Mikrokosmos geschluckt werden möchte. Schnell die Bachelorarbeit beendet, mein gesamtes Umfeld durch Überarbeitung und Nötigung zur Korrektur genervt, stieg ich genau vor einer Woche in den Zug, um 10h später in Kraków zu landen. Ich war erkältet, ich war müde, ich war froh, dass ein Herzstück meines "alten" Lebens, meine liebe Mitbewohnerin, mich begleitete. Wir taten, was wir in Berlin schon am besten konnten: Aßen gut, diskutierten viel, und tranken Bier, welches nicht ohne Folgen blieb: Zu gemütlicher Stunde am Fluß wurde es teuer. Das zweite Bußgeld meines Lebens, nach dem Fahrrad fahren auf dem Gehsteig in Berlin, nun für Alkohol trinken in der Öffentlichkeit in Krakau. Es war eine recht amüsante Lehre, und immer noch billiger als das legal genehmigte Bier in Thessaloniki. Ein Bußgeld scheint hier zum guten Begrüßungston zu gehören: My fellow intern bekam es beim Überqueren einer roten Ampel beschert. Pech für sie. Glück für mich: Die Stadtbewohner haben aus dieser strengen Sanktionierung heraus die Angewohnheit, wie gestört über grüne Ampeln zu rennen. Ich bin also mit meiner in Berlin als schrullig wahrgenommenen Rennsucht hier gerade mal perfekt angepasst! Das mit dem Fahrrad fahren könnte mir hier auch nicht passieren. Erradelt man hier doch grundsätzlich den Gehsteig, wenn überhaupt, denn jeder warnt mich, hier Fahrrad zu fahren, das sei furchtbar gefährlich. Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass es gegen Berlin diesbezüglich eine Chance hat, nutze aber die Gelegenheit und laufe täglich eine Stunde nach Kazimierz. Kazimierz, bis 1871 eine eigenständige Stadt, ist heute ein Bezirk Krakaus, und der Standort des Galicia-Jewish Museums, an dem ich Praktikum mache. Kazimierz ist bisher der einzige mir bekannte Ort in Kraków, an dem ich mit der Kombination aus rotem Lippenstift, kurzem Haar und Turnschuhen kein Freak bin. Kazimierz sieht auf den ersten Blick aus wie eine kleine, nette, fusionierte Version von Prenzlauer Berg und Kreuzberg, mit Hippieläden, Straßencafés und KlischeestudentInnen. Der signifikante Unterschied ist die Mischung mit einer Vielzahl an Restaurants, die mit "Gefilte Fisch" auf der Speisekarte werben, in deren Gärten Klezmer-Bands spielen, progressive und orthodoxe Synagogen und zwei jüdischen Friedhöfen in unmittelbarer Nähe. Kazimierz war bis 1941 zum Großteil jüdisch bewohnt, und das Jewish Community Center, welches sich ebenfalls hier befindet, setzt sich mit anderen Institutionen dafür ein, jüdische Kultur im Bezirksbild wieder sichtbar zu machen. Meine täglichen Touren nach Kazimierz sind also von zwei Interessenlagen geprägt: Zum einen lässt es sich hier einfach sehr gut lesen, Kaffee trinken und auf Postern nach Konzerten und ähnlichem Kulturkram umsehen, zum anderen sehe ich mir die Orte an, die ich im Museum auf Fotos zeigen, und deren Geschichte ich erzählen soll, mit dem mir sehr sympatischen Credo: "please admit that you are not sure instead of making crap up." Und doch sind es sehr gemischte Gefühle, mit denen ich durch die ebenso Touristen überlaufene Altstadt nach Hause laufe. Antisemitische Graffitis auf jeder zweiten Hauswand passen für mich nicht so recht zu der Information, dass das Museum und die Synagogen hier keine Security nötig haben. But instead of making crap up, beobachte ich weiter. Heute war mein erster Kazimierz freier Tag, den ich mit dem zweimaligen, spontanen Verlaufen verbrachte. Das erste bescherte mir mein neues Lieblingscafé "Kawka" irgendwo in einer Seitenstraße am Fluss. Dort kann man mit Laptop, Stift und Block in wechselnden Positionen stundenlang schreiben, bei einem einzigen, dafür aber grandiosen Kaffee, ohne den geringsten Rüffel zu bekommen. Das zweite Verlaufen brachte mir meine erste Erleichterungsträne ein. Ich versuchte mich an einer Kreuzung zu orientieren, wollte müde einfach nur nach Haus, und eine ältere Dame sprach mich auf Polnisch an, und ich verstand, ohne Sprachkenntnisse: Du siehst verwirrt aus. Alles o.k.?" Ich sagte: Sorry, I Don't speak polish." Sie zögerte: "Then... In English." Ich: I just want to go home, but I am somehow lost. I am searching for Krolewska Street." Sie:"I am from Warsaw." Und sie schwirrte zu einer anderen älteren Dame, mit der sie in einem Mix aus Polnisch und Englisch die Situation klärte, bis ein junger Vater mit Kinderwagen hinzustieß, und ebenfalls ungefragt helfen wollte. Als man mir das letzte Detail des Weges erklärt hatte, platzte ein fast zu enthusiastisches "Thank you all" aus mir heraus. So lächerlich klang meine Freude über diese eigentlich fast unnötige Nettigkeit. Ich habe gelernt, mit dem Gasherd umzugehen, und koche mir großartige Pasta, mit der es mir ein bisschen gelingt, mich bei meiner neuen Mitbewohnerin einzuschleimen.

18. Januar 2011

F(h)as(s)t Du (D)eine Hommage

Für die.


Für die, die am Bahnsteig nicht still stehen können.
Für die, die aus der Schauspielschule flogen.
Für die, die auf und ab wandern müssen.
Für die, die, eh, die haben schon Kieferschmerzen von den engen Kopfhörern.
Für die, die, mit den großen Köpfen und dem kleinen, ähm, dem großen Minderwertigkeitskomplex.
Für die, die Hypochondrie.
Für die, die Selbstbewusstsein haben, ohne Dünkel.
Für die, die Celan lesen und Sarah Kane,
und dann Adorno und trotzdem noch Lyrik.
Für die, die.


Für die, die tanzen gehen,
für die, die yeay "is it getting better, or do you feel the same".
Für die, die auf zwei S-Bahnreihen schlafen.
Für die, die furzen.
Für die, die Liebe brauchen, wie Kinski,
und für die, die ihn nicht verstehen.
Für die, die Salinger gelesen haben,
und jetzt Miller und Ginsberg und Kerouac
und für die Graphic Novel Bible und für Art Spiegelman.
Für das dänische Comik, das Mosaik,
und für die, die.

Für die Bilder an unseren Wänden,
für die, die Post-Its Klebstoff unter den Fingernägeln haben.
Für die letzte Seite und für die,
die das Vorwort überspringen
und für die, die das Nachwort rausreißen.
Für Regina und Undine.
Für die, die ihre eigenen Gebete schreiben und für die,
die in Schweigen schlafen und für die, die wach liegen
und nachts myokardinieren.
Für die, die kaputt sind, aber nur ein bisschen.
Für Mascha, für Else, für Ingeborg.

Für die, die das alles so ernst nehmen,
für die, die des Wahnsinns lachen und lächeln,
für die,
die lächeln für die Kamera.
Für Evelyn, für Amanda, für die Literaturwissenschaft und die Soziologie,
für Goffman, für Luhmann, für dich.
Für die, die nicht aufhören wenn es im Treppenhaus schon nach Eintopf stinkt.
Für die, die.

24. Oktober 2010

Hamburg oder Apfelwein oder Glühwein oder so.

Es ist ja nun einmal kalt in Deutschland, zur Winterzeit auch im Wetter gespiegelt. Ab August trug ich den Mantel, ab September die Mütze, ab Oktober die Stiefel ergo ist Winterzeit und Glühwein wurde auch schon getrunken. Der kam aus Nürnberg, das ist in Süddeutschland, gekauft wurde er allerdings in Hamburg, also Norddeutschland, doch geschneit hat es zuerst in Hof, also Süddeutschland.
Besser als Glühwein ist Apfelwein, den kenne man aus Franken, das hat man mir in Berlin gesagt. Ich kenne ihn aus Franken, da heisst er Cidre, und ich weiss nicht mehr, wer mir das gesagt hat, zuerst.
Da trinkt man ihn so in Gläsern wie Wein, und das ist ganz schön eigentlich.
In Berlin, da kennt man ihn plötzlich als Strongbow Cider und in Hamburg als Fichtekranz. Ersteres trinkt man in der Flasche und es sieht aus wie ein Mädchenbier; letzteres sieht aus wie Bionade-Aloha-dingsbums Verschnitt und ist in drei Geschmacksrichtungen erhältlich.
Eigentlich ist alles Cidre, lieblich, trocken, halbtrocken. Aber wie Brecht an Hacks schrieb: "Gute Menschen sind überall gut", als dieser ihn aufforderte, nach Berlin zu kommen, so sage ich: Apfelwein ist überall gut. Ob in der Flasche oder im Glas und darüber hinaus klingt Strongbow schön, und Fichtekranz hat den Slogan: "Apfelwein von glücklichen Äpfeln" und das ist doch nun wirklich sehr nett.
Irgendwie schmecken ja Pfannkuchen auch fast wie Pancakes und Eierkuchen klingt fast wie Pfannkuchen und Berliner sind auch als Krapfen oder Pfannkuchen ekelhaft. Ob mit Erdbeeren- oder Hievenmarmelade. Und wissen Sie nicht, was Hievenmarmelade ist, so setzen Sie sich doch einmal mit jemandem aus Franken in eine Kneipe, in ein Wirtshaus oder so, und wenn Sie nichts mehr zu reden haben, können Sie ja fragen, was es heisst. Wenn dann wieder eine Gesprächspause herrscht, dann fragen Sie doch nach der Zeit. Ich meine die auf der Uhr.
Und so vergeht der Abend und am nächsten Tag können Sie dann nach einer von Langeweile durchzechten Winternacht in Ruhe butzeln. Butzeln, das kommt aus Sachsen, das ist Mitteldeutschland oder so, und das bedeutet: Faul im Bett liegen bleiben, in einem Zwischenzustand aus Schlaf und Wachheit, und ich glaube, es gibt dafür weder eine hochdeutsche noch eine norddeutsche, noch eine süddeutsche Entsprechung, denn:
Gute Menschen butzeln überall gut.

6. Oktober 2010

Ein Ideal von Tee


Es ist immer schön, wenn man etwas an das Ende eines arbeitsamen Tages legt, auf dass man sich freuen kann. Bei mir war das heute sogar die Erfüllung eines recht dringlichen Wunsches: Seit Tanten- und Trödelladenbesuch, bei dem ich mit seit achtzehn Jahren geübter Bettelschnute die perfekte Teetasse erstand, laufe ich einem Ideal von Tee hinterher.
Im Sonnenlicht des vierten Stocks der UDK-Bibliothek an einer Hausarbeit sitzend, beschloß ich, dass es heute Abend so weit sein sollte. Zunächst führte mich also beim Nachhauseradeln mein Weg an REWE vorbei und ich erstand eine "GEPA Ostfriesen Bio Mischung". Eine nette Mixtur aus schwarzen, losen Tees also.
Zuhause ließ ich die Trödeltasse ersteinmal in kochendem Wasser einweichen. Keime und so. Da fielen mir noch die genial-kitschigen geerbten Salz- und Pfefferstreuer in Vögleinform ein, sowie die neuen japanischen Teezeremonieschalen vom Geburtstag. Auch die sollten mal kräftig ausschwitzen! Während ich wartete, bis ich abwaschen konnte, ohne mir die Finger zu verbrennen, sah ich mal wieder eine Motte. Zeit, den Tiefen meines Küchenschrankes mal auf den Grund zu gehen. Ungefähr seit einem Jahr habe ich das wohl nicht mehr gemacht, denn nur so lassen sich die Unmengen an verschimmeltem Brot erklären. Aus meiner Scham zog ich Kraft, säuberte alles gründlich, legte mir eine neue hygienischere Schrankrangfolge an, beugte ähnlichen Szenarien im Kühlschrank vor und triumphierte letztendlich über die verhinderte Mottenplage. Nun hatte ich Hunger. Nach zwei Ziegengoudatoasts fiel mir die Spüle wieder in den Blick. "Der Tee! Du musst deinen perfekten Tee trinken!" rief eine sehnsuchtsvolle Stimme in mir. Ich wusch also alles ganz gründlich ab, inklusive der neuen Tasse, die aus unendlich vielen, rafinierten Kleinteilen besteht. Endlich lohnte es sich, erneut Wasser zum Kochen zu bringen, diesmal allerdings für den Genuss, nicht die Hypochondrie.
Den Tee fülle ich zunächst in eine kleine, nostalgische Teedose und dann mit dem zugehörigen, echten Teelöffel drei ebensolcher in den Siebaufsatz der Tasse. Langsam und geniesend schütte ich das brodelnde Wasser darüber. Lasse ihn drei Minuten ziehen.Gieße etwas davon zurück in die Spüle. Gebe ein paar Tropfen Milch dazu und erneut mit dem bezaubernden Löffelchen einen Klecks Honig hinein. Nachdem ich ihn fotografiert habe, hat der Tee die perfekte Trinktemperatur. Die Vorbereitung hat zwei Stunden gedauert. Ihn zu trinken dauert genau drei Minuten. Aber für 3 Minuten steht meine Welt still. Es ist ein Ideal von Tee.

5. Oktober 2010

Der Ort, an den ich gehe...

wenn es nachts ist und ich gewisse Bedürfnisse verspüre, ist der Späti gegenüber.
Daher kennt mich der Mann hinter der Theke in dunkelsten Momenten. Ich denke, es ist keine Paranoia, wenn ich behaupte, ich kann seiner Stimmlage, seinem Lächeln und der Größe seiner Pupillen entnehmen, dass er immer genau erahnt, warum ich um 2:00 nachts jenen Schokoriegel, dieses Kirschbier, Filterzigaretten oder Tabak benötige. Als meine ehemalige Mitbewohnerin vor einiger Zeit zu Besuch kam, nachdem sie schon ein halbes Jahr woanders gewohnt hatte, fragte er sie, wo sie denn die ganze Zeit gewesen sei und reichte ihr sogleich ihre favorisierte Zigarettenmarke. Wenn ich an verkaterten Wochenendmorgen in Begleitung und trügerischer Zweisamkeit erschien, um Tabak zu kaufen, grinste er wissend und vorausschauend. Ich werde nie den Sonntag vergessen, an dem ich für eine Freundin Cola besorgen musste, und zwar keine Coca. Er rettete mich mit einem Getränkepulver mit Colaaroma, nach welchem ich dann einen Sommer lang süchtig wurde. Ich trank täglich mindestens drei Liter, die ich mir im Messbecher anrührte und Bill Murray in "Coffee and Cigarettes" gleich direkt aus dem kannenähnlichen Gefäß konsumierte.
Eine Tütensuppe sowie eine halbe Dose Weinblätter ist nun verzehrt und mein Appetit auf Zucker steigt ins Unerträgliche. Ich weiß nicht, ob es erbärmlicher wäre, wenn ich nun den Mann, der zu den beständigten meines Lebens gehört, seit ich in Berlin bin, wissen lasse, dass ich süchtig nach Schokolade, Alkohol, Zigaretten und Aufmerksamkeit bin, als dass ich jetzt löffelweise Nuss-Nougatcréme in mich schaufele.

27. September 2010

Sometimes when I am hungry I act like I was drunk

Today you've told me
that the perfect moment
to wake up
is the one, when one dream ends,
and another begins.

Otherwise,
when you are waking up
in the middle
of a dream
or just at the ending,
you'll feel very tired
this morning.

Pro:
I always cry at endings.
So the moment to wake up is not perfect at all.
Because it isn't a good morning,
when your eyes hurt
and you feel like shit
and as if you weren't
dreaming
but living.

Con:
That way
my life always gets this mess.
I never realize
that I woke up
after the new Dream begun.

Thx to Belle an Sebastian and Or.

24. September 2010

Erst mach ich mir noch mal schnell n Brot und dann werd ich erwachsen.

"Femizissmus" ist ein Wort, dass ich erst neulich erlernte und sogleich ziemlich großartig fand. Es bezeichnet den Zustand der vermeintlich emanzipierten Dame, die bereits glaubt, dass der Feminismus in der Gesellschaft schon etabliert genug ist, dass wieder ironiefrei tradierte Rollenklischees gelebt werden können, weil man im Herzen doch schon emanzipiert genug ist. Glaub ich nicht und blicke doch dem Narziss im Waschbecken ab und zu recht verliebt entgegen.
Runtergespült damit erstmal und die Sonnenstrahlen geniesen. Ein femizisstisches Phänomen ist es anscheinend auch, dass kaum ein schöner, gesellschaftskritischer, poetischer Feministinnenblog ohne Fashionabteilung zurecht kommt.
Also, ich seh ja heute so aus, wie es die "Gala" für den Frühherbst empfohlen hat, als Bohostyle: Flohmarktesques Sommerkleidchen, Strumpfhose mit Laufmaschen, abgeranzte, weiße Turnschuhe, Lederjacke, schwarze Hornbrille und Rucksack. Hat die "Gala" anscheinend gut beobachtet, denn so sieht das Stadtmädchen eben aus, wenn es den Sommer noch im Herzen trägt, der Hals doch bereits herbstanbietend kratzt. Oh. Leider hab ich mir letzte Woche die Haare färben lassen, sonst hätte ich sogar noch die dazugehörigen ausgewaschenen Blond-Rot Töne. Offenbar kommt man zu bestimmten Zeiten seines Lebens nicht umhin, wie ein Fashion-Victim zu wirken, so wie man zu gewissen Phasen seines Lebens nicht umhin kommt, depressiv zu sein, weil man jung und sensibel und wachen Herzens und offenen Ohres ist.

20. September 2010

Pfifferlingssuppe

Ich esse Pfifferlingssuppe und denke an Oma.
Meine Oma hatte nicht wie andere Omas ein Haus im Grünen, sondern eine Altbauwohnung im Kaßberg in Chemnitz mit einem riesigen Garten. Das war ziemlich toll, für mich und meinen Bruder, denn wir wohnten im Heckart-Gebiet in der selben Stadt und dort waren alle Häuser aus Beton und 12-geschossig, Stuck an den Decken gab es höchstens aus Styropor und ein kleiner "Vorgarten", also zwei Blumenbeete neben der Straße, waren das Grünste weit und breit.
Omas Wohnung war dagegen in meiner Erinnerung so groß wie der Tanzsaal eines barocken Schlosses und erfüllte mich ebenso mit Furcht wie mit Entzücken. Wenn ich heute Schlösser besichtige (nein, nicht oft, aber aus denkbaren Gründen Sanscoussi und Schloss Charlottenburg zum Beispiel) und in riesige Pantoffeln fahren muss, um über die Perlmuttböden zu laufen, so ist das auch nicht viel anders als damals, als meine winzigen Füße in Ringelsöckchen in die großen Gästepantoffeln fuhren und über den jahrhundertealten Dielenboden liefen. Die Türgriffe waren golden und mit Löwenköpfen verziert. Den Stuck hatte mein roter Opa in einem Anfall von Wut gegen westliche Dekadenz zwar von den Decken gehackt, aber wenn er neben dem Kachelofen von dem einstmaligen noch größeren Prunk erzählte, genügte mir dies, um mich wie die Thronerbin des Kulturkönigs zu fühlen. Mein Opa war nämlich Musiker und Klubhausleiter und von daher stets Unterstützer meiner künstlerischen Zukunftspläne, an denen sich in den letzten 18 Jahren nicht viel geändert hat.
"Wenn alle Leute hinken, dann gehst auch du richtig! (...) Verdien mit Schauspiel dir dein Brot und dann ab nach Hollywood!" dichtete er mir einst ins Poesiealbum und ich glaube, es verwundert damit nicht, warum ich manchmal unter den Abstürzen meines überlebensgroßen Egos leide.
Im Garten zwischen den Rhododentronbüschen wollte ich immer zusammen mit meinem Bruder und meinen Cousins "one of the boys" sein, aber wie sollte das funktionieren, wo ich mich doch so vor Schmetterlingen ekelte, dass es genügte, mir einen aus Papier hinzuhalten, um mich zu verscheuchen?
Im Herbst gingen unsere Großeltern mit uns in den Wald und sammelten Pilze. Da wir eine Familie von Hypochondern sind, landete die Hälfte davon im Ofen. Aus dem Rest wurde eine Pilzsuppe gekocht und eine solche Suppe habe ich nirgendwo wieder gegessen. Und mich auch selten so gefühlt, so umsorgt, sicher, gemütlich, draußen war Herbst, drinnen war verarmter Sozialistenadel.
Inzwischen hat sich einiges verändert, aber so viel dann doch nicht. Die Pilzsuppe kommt mittlerweile aus dem Geburtstagspäckchen, das mir Oma jährlich schickt. Ich packe es betrunken aus, esse eine Schachtel Katzenzungen am Stück, stecke mir die 20 Euro für mehr Alkohol am nächsten Tag in meinen Geldbeutel. Ich flenne ein bisschen, koche mir die Pfifferlingssuppe aus der Tüte und denke an den schönen Satz, den meine Oma zu meinem Opa sagte, und der doch für uns alle gedacht war, der mich an das realistische, beherzte Durchaltevermögen meiner Familie wieder glauben lässt, in dessen starker Tradition ich stehe:
"Du gaukelst dir da was vor!"
Danke, Oma. Ich steh auf, leg meine Feenflügel ab und werde eine Nebel, kein Glasnebelgeschöpf.

11. September 2010

Traube Nuss oder Ich bin drei Karat Kaugummiautomat!

Bekanntlich finde ich ja vieles appetitlich, was andere eher widerlich finden. Zum Beispiel Beutel-Mate-Tee, Tomatensaft, Bloody-Mary, Krautspätzle, Grapefruits, Spinat und dass es im Aufzug meiner Mietskaserne aus den 70ern ab und zu nach Sex riecht. Deshalb wirke ich oft etwas merkwürdig. Kann ich nicht verstehen. Bei einem kulinarischen Produkt meiner Vorliebe finde ich mich allerdings tatsächlich auch eher selbst etwas der geschmackvollen Wahrnehmung entrückt: Trauben-Nuss Schokolade. Why, to the hell?
O.k., ich liebe Schokolade, was sag ich, ich bin Anbeterin der Kakaobohne im Allgemeinen. Aber das bringt mich ja zum Beispiel auch nicht dazu, Marzipan oder Rumvariationen oder sonstige Sorten, die man halb zerlaufen und graubelagig aus einer faltigen Hand zu festlichen Anlässen empfängt, zu mögen.
Und ich mag keine Rosinen, geschweige denn Trauben. Und ich mag keine Schokoladenvermischungen. Und vor allem mag ich keine Nüsse. Ich hasse Nüsse viel mehr, son bisschen. Die erinnern mich immer an das allzu bald schon bevorstehende Weihnachten. Das Fest, das ja sowieso mit viel zu vielen Geschmacksverirrungen in Verbindung steht, zum Beispiel auch Orangen, goldenen Engeln, Lametta, schaukelpferdreitenden Jägern, anstatt mit dem wahren Anlass: Der Geburt des Weihnachtsmanns.
Doch wenn ich Trauben-Nussschokolade esse, so wie gerade im Moment, vermischt sich Kakao mit einem sauren Ziepen und einem harten Knuspergefühl zu einem orgiastischen Geschmack-Sinnes-symposium, dass mich körperlich und seelisch- ja, fast sättigt. Es schmeckt ein bisschen nach Blut. Hmmmm!
Vielleicht ist meine Vorliebe für diese Tafelsorte ja mit einer ebenso merkwürdigen und ebenfalls mit Weihnachten in Verbindung stehenden, anderen, eher kulturellen Vorliebe zu vergleichen. Ich gebe hier, zu, findet mich ruhig widerlich, ich kanns jetzt schon kaum erwarten, wieder allerorten
zu hören.

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