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16. September 2012

Ich trag Pink, und das aus politischen Gründen.

Ein Freund hat mir mal zugetragen, er hätte zu einer gemeinsamen Freundin gesagt: "Manchmal ist Regine eine richtige Tussi, ich meine das aber liebevoll." "Ich trage Pink ja auch aus politischen Gründen", habe ich dann entgegnet, obwohl es eigentlich um etwas anderes ging. Und so meine ich auch den Titel "Schlampe" liebevoll, aber nur, wenn ich ihn mir selbst zugestehe. Oma und Mutter verwenden ihn gar weniger liebevoll, wenn sie damit auch weniger auf meine Sexualität oder mein äußeres Erscheinungsbild hinweisen, denn auf den Zustand meines Zimmers. Aus all diesen Gründen, und noch viel mehr fand ich mich heute auf dem Slutwalk 2012 ein, nachdem ich den ersten Berliner Slutwalk im Jahr 2011 verpasst habe, weil ich mich nicht in Deutschland aufhielt. Der Tag des Slutwalks begann sehr nervig, da ich ja schon wieder erst seit kurzem im Lande bin, noch einiges zu regeln habe, und daher das Transpi mit dreien der besten Bikini-Kill-Zeilen, vielleicht der ganzen Musikgeschichte überhaupt: "Just 'cause my world, sweet sister, is so fucking Goddamn full of rape--Does that mean My body must always be a source of pain?" in unangebrachter Eile dahinschmierte, wobei mich die zerbrochene Acrylfarbendose mit einem Schnitt daran erinnerte, dass ich sie viel zu lange unbeachtet gelassen hatte. Eindruck machte es anscheinend trotzdem- zumindest bei Photographen der dpa: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00383/slutwalk-berlin8_383480a.jpg Aus der Eile resultierte jedoch auch ein erstes positives Erlebnis hinsichtlich Solidarität auf dem slutwalk: Ein paar MitdemonstrantInnen boten mir kurzerhand ungefragt ihren Edding an, nachdem sie nur die Rückseite meines Schildes sahen, auf der bereits die Vorzeichnung zur nichterledigten Songfortsetzung: "NO NO NO! I believe in the radical possibilities of pleasure, Baby!" geschrieben stand. Auf diese kurze Welle der Liebe und Anerkennung, als ich ihnen die hoffnungsgrüne andere Seite zeigte, folgte die Ernüchterung: Der Platz vor dem Brandenburger Tor war viel mehr mit TouristInnen und FotografInnen gefüllt, als mit SlutwalkerInnen. Erstere machten sich aber umso ungenierter über die Protestierenden her, schossen Photos, bedrängten uns mit ihren Kameras, als besagtes Foto (mit unserer Erlaubnis!) entstand, schrie ein Mann: "Los, und jetzt tanzt!" Irritierend, weil ich mir für diesen Tag ganz egozentrisch sehr viel Kraft sammeln wollte, stellte er doch neben allem universalen Engagement auch eine persönliche Verarbeitung dar, und mich daher nicht als awareness-Person oder Ordnerin gemeldet hatte, blieb mir nun nichts anderes übrig, als selbst aufdringliche FotografInnen darauf hinzuweisen, doch bitte wenigstens vor und während der Demo zu fragen, ob die Demonstrierende bereit war, fotografiert zu werden. Offensichtlicher Zoom auf die Brüste, Verfolgung- nach dem Motto: Alles muss, nichts kann wurde die Dokumentation in einem zynischen Sinne ernst genommen. Einer der Sätze, die mir bitter in Erinnerung bleiben werden, war der einer condemonstrierenden Freundin: "Ich trage heute das erste Mal seit sechs Jahren Ausschnitt, und ich weiß genau, warum." Und auch ihr Ringen mit dem mehr als verständlichen Bedürfnis ihre Jacke anzuziehen, um sich vor Blicken zu schützen, und der Überzeugung, dass es richtig ist, so zu bleiben, wie sie war. Und sie blieb. Und ich blieb pink, mit dem Räuberhöhle-Supergirl auf der Brust und der Scham auf Grund meines Zögerns, die VeranstalterInnen zu unterstützen und dem Vorhaben, dies nächstes Jahr auch offiziell zu tun. Es fehlte wahrhaft an Personal, und die Stunde, bevor der Lauf startete, wird mir als eine Stunde des Zorns und der Schutzlosigkeit im Gedächtnis bleiben. Während des Laufs selber wiesen die RednerInnen darauf hin, dass auch das Belästigen durch ungewolltes Fotografieren eine Form der Machtausübung darstellte, gegen die sich der Walk richtete. Eine gute Idee war der safe-space hinter dem zweiten Wagen, bei dem mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass hier fotografieren verboten war. Von einem Beobachter worde ich allerdings darauf hingewiesen, dass der Begriff rape-culture verstörend wirken konnte, für denjenigen, der ihn nicht verstand- so wie er. Die Diskussion um eine integrierende und überzeugende Repräsentation der Ziele des Slutwalk- Bekämpfung der Verharmlosung von sexueller Gewalt, von victim-Blaming und einer Gesellschaft, die sexuelle Belästigung und Gewalt institutionell und sozial fördert, und der Einforderung von Selbstbestimmtheit von Körper und Sexualität- bleibt also noch weiterzuführen. Auch die Redebeiträge ließen noch einiges an Diversität und Inhalt- zum Beispiel Intersektionalität, gender-issues, die Diskussion um den Namen- zu wünschen übrig. Dies ist aber nicht nur Kritik, sondern auch eine Aufforderung an mich selbst und andere, denen es in ihrem Empfinden ähnlich ging, sich nächstes Jahr noch aktiver, als dies ohnehin schon mit der selbstbewussten Teilnahme am Walk getan wird, an der Demonstration zu beteiligen. Ich kann meine-in Bedingtheit beschämte- Erfahrung des diesjährigen Slutwalks nur als Ermutigung beschreiben, ihn als Teil der Biographie, zur Forderung der eigenen und fremder Rechte, zum Schutz und zum ins Bewusstsein rücken mitzuerleben. Gefreut haben mich neben der eigenen Selbstbewusstseinstärkung und der Verfestigung von Konfliktbewältigungststrategien auch die verschiedenen TeilnehmerInnen des slutwalk. Mehrere Gender und Altersgruppen waren vertreten, sowie die unterschiedlichsten Kleidungsstile, weitaus bunter und individueller als sich es die brüsteheischende Beobachterposition wohl gewünscht hätte. Zum Lieblingstranspi kürte ich: "Mein schöner Arsch ist auch zum Furzen da" und zum Lieblingst-shirt-neben meinem eigenen, danke Phillipi und Lena an dieser Stelle- die KatzundGoldt-Rumpfkluft mit dem Slogan: "Stehen Sie auf und berichten Sie mir laut und deutlich von ihren sexuellen Erlebnissen!" Lieblingsmusik: Das Trommelteam, dass in ihrer Abschlussrede auch das Engagement gegen jegliche Diskriminierung betonte. Und sonst war es musikalisch auch spitze. Weiteres künstlerisches Engagement-auch von mir!-wäre wünschenswert, Gegenphotographie (das nächste Mal Kamera mitnehmen!) als alternative Form der Berichterstattung zum Beispiel. Performances, um die Zeit vor der Demo nicht mit angegafft werden und sich ärgern zu verbringen, und die freundschaftliche Stimmung der Demonstrierenden nicht schon im Vorhinein zu trüben. Aber auch ganz pragmatisch könnte man- ich- diese fördern, zum Beispiel, in dem man gemeinsame Bahnfahrten plant, denn es ist durchaus nicht angenehm, als -vermeintlich-einzige slut im öffentlichen Verkehrsmittel von Charlottenburg nach Mitte angegafft zu werden. Beziehungsweise gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man dies allein bewältigt, und sich keine Sorgen machen muss, dass die FreundInnen wohlbehütet zu Hause ankommen. Ebenfalls eine Notiz an mich gewesen ist es, sich die Laufroute im voraus sorgfältig einzuprägen, um späteren Dazustoßenden telefonisch problemlos Koordinaten durchgeben zu können. Es wäre auch ratsam, sich mit eigenem Informationsmaterial zum Verteilen zu versorgen, Transpiworkshops zu organisieren- zum offiziellen konnte ich nicht, und das wird anderen wohl auch so gegangen sein, sich mit genügend Softgetränken und Proviant auszustatten, und zu überlegen, wem man Foto und Interview gestattet, oder auch nicht. Wahrscheinlich ließe sich die Liste endlos fortsetzen, aber ich möchte mich einmal auch loben: Nachdem mir heute eine Freundin steckte, dass es Ikeaintern nicht gestattet ist, die Geschirrtransportkartons des Möbelhauses zweckzuentfremden, freue ich mich, dies gewinnbringend getan zu haben, in dem ich aus einem ebensolchem ein Transpi baute, dass sich als sehr stabil und tragbar erwies. Man kann damit auch ganz im Räuberhöhlestil während der Demo ein Puppentheater veranstalten, es beim Tanzen beweglich halten- und ganz im Ikeasinn auch wiederverwenden: Als verdammt cooler Geschirrtransportkarton! Ein reiner Bikini-Killer eben. Der Slutwalk Berlin 2012 hat vor allem bewiesen, dass er nötig ist- Reaktionen von BeobachterInnen und JournalistInnen haben das schon heute gezeigt. Ich bin gespannt und bereits grundverärgert bei der Vorstellung, was alles bis zum nächsten passieren wird.

23. Juli 2012

I don't get over Andrea Dworkin.

I am an enemy of nationalism and male domination. This means that I repudiate all nationalism except my own and reject the dominance of all men except whose I love. In this I am like every other women...
And so "Scapegoat" begins and so begun my reading and studying in Kraków. I also can't stress enough that wonderful, smart blog. Discipline and Anarchy was the best Missy-Blogger so far! Kate Zambreno wonders about the meaning of her blog and inspired me to blog more, not trying to post literature here everyday, but also taking notes just to practice writing. That's why my last post looked more like a bad fashion-thingy.

9. März 2012

8. März: Emanzipation der Herzen?

Was für ein aufregender Zufall! Ausgerechnet im Frauentag-Monat März ist der Gastblogger des popfeministischen Missy Magazine ein "Feminist mit Eiern" !"
Und dann erdreistet er sich auch noch über die Auszeichnung alleinerziehender Väter am Frauentag zu bloggen!
Ich, die Manifesterin der Emanzipation der Herzen, nicht von Männern und Frauen, blicke auf diesen spannenden Frühlingsbeginn ebenso janusköpfig enthusiastisch wie zweifelnd wie auf den Internationalen Frauentag überhaupt.

"Zunächst einmal", wendet Janus/Jana der LeserIn die neonpinke Wange hin, "warum zur Hölle ein Internationaler Frauentag? Was soll denn die reaktionäre Mann-Frau Scheiße?"

"Hallo?", die lilafarbene kanns nicht fassen und bewegt die Augenbraue zum Hochziehen gleich mit,
"Es braucht immer noch einen modernen Feminismus, Bitch !"

"Und dann, Fräulein alter Schule, geht es weiblichen cisgendern gut, und weiter?"

"Na dann, Fräulein Gender-Expertin, muss der Rest sich ebenfalls emanzipieren, und mit Feminismus hat das Ganze trotzdem zu tun!Noch nie was von struktureller Unterdrückung gehört?"

"Aha, und was ist mit den Vätern? Sollen wir wirklich, wie sich dieser Nelles wünscht, jetzt einfach das Topf-Deckelchen-Spielchen umdrehen und Managerinnen küren und ausnahmsweise Väter auszeichnen?"

"Da siehst Du's! Im Töpchen und Deckelchen liegt des Pudels Kern! Eine Auszeichnung und Anerkennung für Menschen, die sich im Ist-Zustand für einen so gehts auch -Zustand entscheiden ist ne super Sache. Aber braucht man dafür Preise, die Dinge ehren, die für den jeweils anderen Selbstverständlichkeit sind?"

Pff, alles irgendwie unberechtigt naseweis. Das Ganze ist doch wieder mal vor allem eins: Frustrierend. So frustrierend, wie wenn eine Gesellschaft einen Tag für ein Gender braucht, um daran zu erinnern, dass Gleichberechtigung noch Utopie ist.Ist es aber, sorry, welcome to reality, Femizisstinnen!

Und trotzdem: Von der privilege denying dude- Scheiße der restlichen Männerrechtsbewegung ist der Nelles Artikel weit entfernt. Er ist nett gemeint, er versucht den dekonstruktivistischen Gedanken, wie sinnvoll ein "Frauen-"Tag in einer wirklich nicht sexistisch erträumten Gesellschaft als Zeichen ist, originell anzubringen, ohne vorzugaukeln, dass alles gut so wäre wie es ist, vertut sich aber leider in der Umsetzung seines Beitrags gewaltig in Richtung kapitalistischer und pärchenlügnerisch-normativer Logik. Die gesellschaftliche Anerkennung, von berufstätigen Alleinerziehenden, auch von männlichen, ist leider ein genereller Missstand, und auf den darf auch am Frauentag hingewiesen werden. Das nächste Mal ein bisschen durchdachter, bitte. Ist ja schließlich ein Ehrentag.Oder bin ich nur so weich im Urteil, weil es durchaus anerkennenswert (aus Seltenheit!) ist, einen Beitrag von einem Feministen zum Frauentag zu hören?

Das erschien mir anscheinend im frühjahrserkälteten Hustensaftdelirium ebenso postenswert auf facebook einen Tag nach besagtem Fragentag, wie gestern M.I.A.s "Bad Girls"Video mit der Überschrift "8.3.Emanzipation der Herzen", was von 9 Personen, 5 männlichen und 4 weiblichen, mit dem nach oben gestreckten Daumen prämiert wurde. Hm, was nun an beiden Posts und der Beschreibung derer falsch sein könnte, dafür gibt es sicherlich und hoffentlich viele Lesarten.
Ich jedenfalls bin mir bewusst, dass in einer Welt, in der ich erlebe, dass in einem Gender Studies Seminar Genderzisstinnen fordern, ein gleichberechtigter, nicht sexistischer Umgang sei doch umsetzbar und gelungen, solange er in kleinen, gebildeten (natürlich nach unserem Begriff von Bildung!) Gruppen funktioniert und der Rest draußen bleibt, und wie andernorts ein sich selbst ausdrücklich als Mann bezeichnendes Individuum zu einem Opfer sexueller Belästigung sagt, einem Mann gingen schon einmal die Triebe durch, frau müsse nur deutlich ein "Nein!" signalisieren, sind der Anlässe, über Sexismus, Feminismus und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, nicht genug.

Daher bin ich, ebenso janusköpfig, sehr gespannt, auf die Genderessaywochen mit meinem Rauhfaserteam, welches seit diesem Monat auch ganz ohne Quote gleichberechtigt durchgegendert ist, an denen auch ich teilnehme. Zum Zeitvertreib gibt es dort die Gewinner(sic!) des Poesieschachtwettbewerbes zu lesen:
rauhfaser.keinejugend

24. Januar 2011

Zwischen Turmleben und Zungenzirkulation

Rapunzel hatte entschieden, ihr Haar dem Prinzen nicht herunterzulassen. Ihr nützte es wesentlich mehr im Turmzimmer, wenn sie es abschnitt und in traurigen Wellen zu Boden tränen ließ und Brücken schlagen zwischen Stuhllehne und Kopf, die sich in regelmäßigen Abständen zu Brüchen wandelten. Denn ein h ist ein k mit Rundungen und nichts weiches liegt in den Brüchen. In Brücken schon, über Bäche und zwischen Menschen, aber wer weiß das schon nicht, dass das Weiche in den Brücken liegt und das Harte in den Brüchen, wenn die Brüche uns zwischenmenschlich erregen und in unserer eigenen Persönlichkeit doch auch. Manchmal nennen wir diese Erregung an uns selbst Gefühl der persönlichen Identität, und deshalb sind es doch immer die selben Leute, die uns an- und ausziehen, das Du und das Ich zum Beispiel.
Manchmal hat das Du eine kugelsichere Ich-Weste an, und es lächelt Dir zu und du freust Dich, das scheint Dir doch normaler, als vorm Spiegelbild oder auf dem Klo zu denken: Och, geil.

Ferner ist das Ich manchmal ein Du, wenn es sich auflöst und wir uns gleich mit. (Wo kommt denn dieses "wir" jetzt her?)
Gedankenlos zitiere ich beim Abwasch Améry und meine Mitbewohnerin sagt, ich kennte sie nicht das ganze Leben und das war später, nachdem sie mir heftig widersprach und meine Zunge im Ausguss zirkulierte. Ein Tropfen Blut über den Rand des frischgespülten Weinglases und den Artikel über Körperflüssigkeiten am Frühstückstisch.

Als es gerinnt, ist es rot und bräunlich, wie Rapunzels Haar, das sie in bedrohlicher Enerviertheit geschnitten hat. Im Bestreben nach einer Tätigkeit mit den Händen, ohne Herz und Kopf, wie sie rar in ihrem beengten und in die Höhe geschossenem Leben war, hatte sie es zu einem Strick geflochten und während sie ihn am Ende um den Hals legte und fest verknotete, stellte sie sich auf einen Stuhl. Ja, der Stuhl, über dessen Lehne zuvor noch durch das Haar die Brücke zwischen Mensch und Mobiliar geschlagen wurden war und der still in der Einsamkeit des Turmzimmers, welches seine Schönheit in nur im Licht sichtbaren Staubornamenten schüchtern feil bot, vor sich hin stand. Mit Blick auf die Turmstuckdecke, ergriff sie erneut die Schere und durchschnitt den rötlichen Knoten nahe ihres Kehlkopfes.
"Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.", so hatte es Kleists Marquise von O. gemacht und so schmiss Rapunzel ihren Strick Haar aus dem Fenster und seilte sich daran auf den Boden hinab. Darüber nachdenkend, welcher Name für einen Herrschaftsbereich passend war, der weder Matriarchat noch Patriarchat sein sollte, ging sie fort in die Stadt und bewohnte fortan Plattenbauten in der ersten Etage.

20. November 2010

The Trick is to wear a skirt

Wissen Sie, ich hatte da so ein Gurkenglas. Mit dem Gurkenglas fing alles an. Ich verbog meine Gabeln, ich tat mir weh, ich flog aus meiner Wohnung, mein Fön stand in Flammen. Ich klemmte das Gurkenglas zwischen meine Beine und drehte und drückte und während alles vor die Hunde ging, behielt allein das Gurkenglas all seine Teile, man könnte fast sagen, es bewahrte Kopf und Haltung, während sich bei mir alles öffnete und verlor.
Das Gurkenglas machte sich in meinem Kühlschrank breit. Während ich schrieb und weinte und trank und ratterte und studierte und meine Haare Luft trocknen ließ und gebückt unterm Wasserhahn stand, während all dieser Zeit hatte das Gurkenglas seinen Inhalt aus grünem süß-sauren Fastgemüse, und grinste breitbäuchig und schadenfroh.
Und dann habe ich das Glas Freunden mitgebracht, die haben das dann geöffnet, und ich ziehe bald in ein WG-Zimmmer, meine Dusche funktioniert, den Handtuchturban kann ich immer besser wickeln, ich habe bei Mc Donalds so laut "Analsex" gesagt, dass der Mann am Nebentisch erschrocken einen anderen Platz aufsuchte. Zuhause lasse ich mich im Faltenrock auf meinem Bett nieder und öffne mein neu gekauftes Gurkenglas. Bald habe ich zwar kein Bett mehr, aber die Süß-Säure des Lebens steht mir wieder offen. Wissen Sie, ich möchte hier überhaupts nichts für irgendetwas verantwortlich machen, Anti-Schicksal und so, aber: Gurkengläser und Faltenröcke sind schon ganz schön cool.

31. Oktober 2010

Bloody Marian

Es ist die Nacht vor Halloween und es ist Samstagabend und natürlich sah ich in der U-Bahn gerade dutzende von Menschen, mehr oder minder betrunken, mehr oder minder schrecklich verkleidet, on the way to the best parties in town. Natürlich habe ich selbst Kopfschmerzen und bin bereits auf dem Weg nach Hause. Aber ich habe gerade Julie Miess, Bassistin (Lassie Singers, Britta, Jens Friebe), Sängerin (I.M. Monster) und Doktor der Literaturwissenschaft aus ihrer Dissertation zum Thema "Neue Monster. Postmoderne Horrortexte und ihre Autorinnen" lesen hören, und es gab anschließend eine Diskussion, in der die allgegenwärtige Twilightsaga, Metalfrauen sowie so einiges anderes Schreckliches thematisiert wurde und auch Jens Friebe mitmischte und da ich nebenbei Bloody Mary trank, war also auch ich gut unterhalten, gehorrort und alkoholisiert.
Ich dachte ja nun schon seit längerem, dass jene Frauen, die sich um Christiane Rösinger und Jens Friebe formieren, das klügere und gleichzeitig furchtbar riotgrrrrlige feministische Gesicht der letzten beiden Jahrzehnte "hier" abbilden, aber dass es die von Jens Friebe in seinem Ausgehtagebuch "52 Wochenenden" als Dr. Miess bezeichnete nun tatsächlich zum Doktortitel gebracht hat, das erfüllt mich mit tiefer Freude. Ist das nicht DER neue Traumberuf? Hauptberuflich Bassistin und nebenbei Monsterforscherin? Das nenn ich mal ikonenhaft!
In Zeiten als ich noch speckig vor mich hinpubertierte und mir die Enge der Provinz tiefgehende Gefühle verbat, erschien mir das Leben der Heldinnen in Marian Keyes Romanen als das Erstrebenswerteste für meine Zukunft. Meistens flohen sie ebenfalls aus einer kleinbürgerlichen, beschränkten Welt (die oftmals Dublin war übrigens, nicht etwa Hof/Saale)in die große, aufregende, offene Stadt (so gut wie immer: London). Dort verstritten sie sich dann mit ihren Freundinnen und ihrer Familie, verliebten sich unglücklich und andersherum, gingen Sonntags Curry essen, verfielen der Drogensucht,trugen hübsche Schuhe und clubbten. Ich weiß nicht, irgendwie fühlte es sich für mich beim Lesen so nach Leben an und ich dachte, das Glück käme mit dem Leben.
Dann zog ich selbst von Hof nach Berlin, verstritt mich mit Freundinnen und Familie, verliebte mich unglücklich und andersherum, verfiel Zigaretten und Alkohol, ging Sonntags Gözleme essen, trug weiterhin hübsche Schuhe und clubbte. Und es fühlte sich tatsächlich an wie Leben und war daher schon mehr Glück als die Vorstellung davon vorher. Doch je weiter der Horizont wurde, auch durch all das (man mag urteilen, wie man möchte, für mich ist die Macht des lebendigen Lebens nicht zu unterschätzen), desto mehr fragte etwas in mir nach Antworten, auf die Frage: Was mach ich denn jetzt nun, jetzt wo ich tatsächlich merke, dass der Körper, der an mir dranhängt, lebt? Wo führt das Menschsein denn nun hin, wo ich merke, dass ich Mensch bin? Irgendwie hatte Marian da schon eine Antwort gefunden, mit der sie die starke-Frauen-Single-Literatur begründete: Du darfst zwar ne Weile irrig suchen, aber glücklich wirst du clean und mit Mr. Right. Das ist das wahre Leben. Ein ähnliches Rezept verfolgte ja auch Sex and the City: Geh in die große Stadt. Verlieb dich. Sei finanziell unabhängig und spiel ein Weilchen rum, aber glücklich wirst du mit dem Einen und um so besser, hat er die Kohle für ein Appartement, das größer ist als deins. Am Leben ist man, um eine Weile umtriebig zu sein und dann durch den neu gewonnenen Frieden in Form von Gesundheit, Zweisamkeit und finanzieller Sicherheit all die gewonnene Lebendigkeit wieder wegzuwerfen? Nein, nicht mit mir!
Ich fühl das Blut in mir rauschen und das Herz pochen, ich lauf durch die Straßen und bin neidisch, mitleidig, verliebt, verbittert, frierend, erwärmt, verbandelt, vereinsamt, isoliert und integriert. Ich hab keine Ahnung, wo ich hin möchte, aber wer sagt denn, dass ich das muss? Wer hat sich das eigentlich ausgedacht, dass man irgendwann all das innere Flirren, den Unrast, die Zweifel, die Brüchigkeit, das Lernen und das Verwerfen zu Gunsten eines Seelenfriedens aufgeben soll? Das war bestimmt der selbe, der auch das verdeckelte, verkaufsfertige Glas Wein im Supermarkt erfand. Soll mir mal jemand nen Seelenfrieden zeigen, in dem man noch wird und intensiv fühlt und vielleicht lass ich mich zu dem Mist dann auch noch überreden. Ansonsten trink ich weiter aus der Flasche.
Mit dem aufregenden Glanz von Glamour und neuer Weiblichkeit ködern sie uns und locken uns ins altbackene Hausfrauendasein, nur mit eigenem Geld diesmal. Unter der sympathisch-witzig-verkorkst-weiblich-selbständigen Fassade luken bei näherem Hinsehen repressive, schubladisierende Verkörperungen von "Frauen" jenseits einer wirklich sympathischen grenzenlosen Menschlichkeit. Obacht, denn patriarchale Strukturen können ebenso auf High-Heels daherkommen, wie selbstbestimmte Frauen und Männer.
Will sagen: Doktor in Monsterforschung und Bassistin wird es sich leichter in der großen Stadt; Heiraten, Kinder kriegen, Kleider kaufen, kannst Du auch auf dem Dorfe.

5. September 2010

Let's be human beings!

Ich mag Pink (die Farbe!). Zu meinen Lieblingsserien gehört "Gilmore Girls." Mein englischsprachiger Lieblingsschriftssteller ist J.D. Salinger. Meine deutschsprachigen Lieblingslyrikerinnen sind Ingeborg Bachmann und Mascha Kaléko. Ich weine, wenns mir emotional schlecht geht. Ich mochte als Kind die "Power Rangers" ebenso wie "Mila Superstar." Ich spielte gern mit Puppen und Matchbox-Autos. Letztere trug ich in einem Korb spazieren. Ich mag Bier und rauche nicht zu knapp. Ich mag roten Lippen- und schwarzen Kajalstift. Meine liebste Band ist Tocotronic, meine liebste Solokünstlerin Patti Smith. Ich studiere Germanistik und Soziologie, in ersterem ist meine Lieblingsdisziplin die Literaturwissenschaft, in letzterem die Geschlechtersoziologie. In Sprachwissenschaft und Statistik schneide ich dagegen nicht so gut ab. Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Deutsch, Ethik, Englisch, Sozialkunde, Geschichte und Kunst. Nicht mochte ich Mathe, Sport, Werken, Physik und Chemie. Mein Lieblingscocktail ist Bloody Mary. Ich bin ganz schön unordentlich. Meine Haare trage ich kurz und mit Vorliebe leicht violett. Ich esse kein Fleisch. Ich mag Horrofilme nicht. Ich mochte in meiner Pubertät Science Fictionfilme und -serien und Horrorliteratur. Kurze Röcke bieten Bewegungsfreiheit und sehen schön an mir aus.
Ich könnte hier noch ganz lang eine beliebige Liste meiner einstigen und aktuellen Vorlieben fortsetzen, und nein, ich möchte mich nicht mal wieder egozentrisch selbst beschreiben. Ich frage mich im Gegenteil, liebe Leserschaft, was Sie sich bei diesen Sätzen dachten. Kann es sein, dass diejenigen, die mich nicht persönlich kennen, sich bei mindestens sieben Sätzen dachten: "Oh, typisch Frau!"? Diejenigen, die mich nur flüchtig und nicht in allen Lebenslagen kennen, bei mindestens drei Sätzen dachten "Oh, das hätte ich ja jetzt nicht von so nem zarten Mädel gedacht?" Menschen, die ich momentan in meinem nächsten Umkreis habe, wissen: Das alles sind Elemente, die genau mich ausmachen, ebenso wie mein leichter Dialekt und die Pigmentstörung neben meinem Mundwinkel. Keine Elemente, die mich zu einer typischen Frau machen und auch zu keiner untypischen. Wenn ich sage, ich bin eine "Queerfeministin", dann glauben sie es mir, weil sie wissen, dass ich, zur Verdeutlichung meiner geschlechterpolitischen Ansichten, diesen Begriff als Arbeitshypothese verwende.
Doch bei allen anderen, die mich nicht lesen, die sich auf einer Party flüchtig mit mir unterhalten, die mich auf der Straße streifen, nachts auf dem Weg zum Ausgehen, tags auf dem Weg zur Uni, zeigen sich bei der visuellen oder verbalen Wahrnehmung oben genannter Vorlieben oben genannte Reaktionen. Und nun kommt das Spannende daran: Lesen Sie sich noch einmal diese Sätze durch. Hat davon irgendeiner etwas mit Sex zu tun? Mit Penis oder Vagina? Mit Kinder kriegen und Samenergüssen? Ähhhh, nein! Und warum wird bei den meisten dieser Sätze dann sofort an Geschlecht gedacht? Dies zeigt doch nur wie tief tradierte und vorurteilsbehaftete Geschlechtervorstellungen in uns allen verankert sind. Warum nur, wenn mir die aufgeklärtesten Menschen doch sagen, Feminismus sei anachronistisch, denn Frauen und Männer sind frei, alles zu tun, was sie wollen, vor allem auf privater Ebene? Und ich solle ja Geschlecht dekonstruieren, wie ich wolle, der Unterschied, der bleibt, sei nun mal "Penis vs Vagina" und "Kinder kriegen vs Samenerguss.", das sei ganz natürlich und was wolle ich mit meiner "Gleichmacherei" denn erreichen? Männer und Frauen seien gleichberechtigt, wir sind ja alle keine Sexisten, nein, nein, und wenn, dann doch nur so zum Spaß.
Aber bleibt es wirklich nur bei dieser "natürlichen" Unterscheidung? Wenn mir schon keiner zuhört, wenn ich davon spreche, dass auch die Zuweisung des Geschlechts nach diesen Merkmalen durchaus kulturell variabel sein kann, so wäre es wenigstens o.k., wenn dies auch die einzige Assoziation zu "Du Frau-ich Mann" bleiben würde.
Es geht mir hier nicht um mich. Es geht mir um diese Assoziationen. Mir tut es nicht mehr weh, nicht mehr allzu sehr. Denn ich hab mir ein Schutzschild gebaut, gegen das Nicht-Ernst-genommen werden, als Mensch und vor allem beruflich. Gegen das wahr genommen werden als weich, weiblich, schwach, niedlich-verkorkst, verführerisch, verpeilt und das alles in Situationen, in denen dies keinesfalls positiv ist. Mein Schutzschild heißt Geschlechterdekonstruktion. Ich bin keine Frau, ich bin nicht gefangen in meiner Rolle als Frau, nicht nur mit meinen "weiblichen Fähigkeiten und Kompetenzen" allein gelassen. Ich bin ein Mensch, geboren mit einer Vulva, und damit hat sichs dann auch. Ich bin teilweise, ob bewusst oder unbewusst, weiblich sozialisiert wurden und ob mir das jetzt schmeckt oder nicht, ob ich in gewohnten Bahnen bleibe oder ausbreche, das liegt jetzt in meiner Hand. Nein, es geht mir nicht um mich, denn ich darf ziemlich viel, bis ich auf Irritation stoße, denn die Performance meiner Wahl, die ich täglich neu aus gefühlslagigen und ästhetischen Gründen wähle, ist zumeist das, was als weiblich gilt. Wie sehr dieser Anspruch an mich geltend gemacht wird, erfahre ich, wenn ich gefragt werde, warum ich mir die Haare ab und zu etwas radikal kurz abschneide, dass sei doch "unweiblich" oder warum ich keinen Push-Up BH trüge (geschweige denn ab und an überhaupt keinen). Aber nichtsdestotrotz, ich darf ziemlich viel. Außer behaupten, eine Queerfeministin zu sein. "Bist du lesbisch? Bisexuell? So siehst du doch gar nicht aus!" Das alles sind Lappalien? Nur eine weitere Identitätsversicherung?
Halt- um ehrlich zu sein, hier geht es mir doch um mich, auch, aber vor allem um die, die denn "so" aussehen. Wer nämlich "so" aussieht, oder viel mehr, nicht "so", so eindeutig, der hat nämlich nicht "so" einen weiten Spielraum, bis er auf Irritation stößt. (Und ich benutze hier gerade die "männliche" Form, als eine, umfassende Form! Der Einfachheit und Sprachästhetik halber. Die Erfahrung zeigt, Sprachgenderfanatiker haben zumeist rein gar nichts kapiert, fühlen sich aber unglaublich engagiert). Denn all dieser Alltagssexismus, all diese Mythen und "Selbstverständlichkeiten", wie eine Frau auszusehen hat, wie ein Mann, wie ein "Schwuler", wie eine "Lesbe", was "typisch Frau" sei, was "typisch Mann", welche Eigenschaften "stark-männlich" und welche "schwach-weiblich", all das ist ein widerlicher, gärender Nährboden für Vorurteile, die vielleicht nicht in der konkreten Situation, aber im daraus entstehendem, gesellschaftlichem Klima zu weit Schlimmerem führen, als Gelächter und persönliche, geistige Verletzung. Wer sich im Jugendjargon umhört, der wird feststellen, dass "schwul" als Schimpfwort gilt, ebenso wie "Du Mädchen!" und "Schlampe." Drei Beispielwörter, die schubladisierende Eigenschaften, aus dem Bereich Geschlecht und sexuelle Identität, negativ konnotieren und sich meist auf ein paar der Eigenschaften beziehen, mit denen meine einleitenden Sätze assoziiert werden. Menschen, die sich als "transgender" bezeichnen, die nicht eindeutig innerhalb der binären Geschlechtlichkeit wahrgenommen werden möchten, werden sowohl routinemäßig in Fragebögen (Oh ja, wir Soziologen, die es doch eigentlich besser wissen müssten, bilden da leider keine Ausnahme!) oder auch im Alltag qüalend damit konfrontiert, sie müssten ihr Kreuzchen links oder rechts setzen, Männlein oder Weiblein, eine erzwungene Entscheidung, die meist genauso unnötig traurig und lost macht, wie die Frage meines Englischlehrers zu Schulzeiten eine meiner besten Freundinnen:"What are you? Are you Asian? Or Polish? Or even German? How do you feel?" Dieser Vergleich scheint nun vielleicht nicht sofort verständlich, ich führe ihn aber sehr bewusst an: Passt das wirklich zusammen, auf der einen Seite "no nations - no borders" proklamieren und uns alle in erster Linie als Mensch zu sehen, auf der anderen Seite Grenzen auf der Ebene von Identität bereitwillig zu akzeptieren? Warum stößt Geschlechterdekonstruktion bei den aufgeklärtesten Menschen auf Gelächter und Unverständnis? Ist es denn nicht die logische Konsequenz einer Bedingung zur Menschlichkeit?
Und wem dies alles immer noch viel zu theoretisch erscheint, als die Ausgeburt des Hirns einer jungen Frau mit zu viel Zeit und zu wenig Herz und Weitblick für dringendere Probleme (tatsächlich sind viele Menschen trotz einer mindestens hundertjährigen Feminismusgeschichte noch nicht viel weiter als Herr Schopenhauer -http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm-angelangt, ob nun in Worten und Taten, mal mehr oder weniger verschleiert, und derlei Behandlung hat mich teilweise schon so weit getrübt, dass ich mir an schlechten Tagen diese Beschreibung tatsächlich selbst zukommen lasse), dem muss ich die Dringlichkeit wohl einmal mehr bewusst machen. Gewaltsame Übergriffe auf Homosexuelle sind eine Folge von Vorurteilen gegenüber sexueller Identität. Mit dem Umgang einer nicht auf das Geschlecht und damit einhergehender heterosexueller Normativität sowie einer zwingenden Kategorisierung in die "wahren" sexuellen Vorlieben fokussierter Sichtweise hätten diese keine Grundlage mehr. Vergewaltigungen von Frauen passieren häufig als Ausdruck eines Machtverhältnisses, sie sind die Demonstration und Versicherung des Klischees der körperlichen Unterlegenheit und Passivität der Frau. Obwohl ich Gewalt ablehne, finde ich es aus diesen Gründen in der gegenwärtigen Situation super, dass ein als weiblich performierender Mensch aus meinem näheren Umkreis einen aufdringlichen Belästiger, der sich mit Worten nicht abschütteln ließ, schlug, tritt und aus dem Club werfen ließ. Ich wünsche mir nicht, dass so ein Verhalten nötig wäre- aber in einer Welt, in der über Mario Barth gelacht wird, in der Sexismus zwar allgegenwärtig, doch nichts Schlimmes, einfach nur zum Schmunzeln und Wiederfinden gedacht ist, in der gefragt wird, was eine Frau im Minirock, die vergewaltigt wurde, denn auch nachts allein auf der Straße mache, in der allein die Wahrnehmung weiblicher Performanz ohne männliche Begleitung Anlass für verbale und körperliche Belästigung gibt, in der Frauen bereitwillig lächeln, wenn man sagt, sie seien "süß" und "niedlich" und damit eigentlich gemeint ist, sie seien dumm, schwach oder tollpatschig, einfach nur aus dem Grund, weil sie die Infantilisierung, die eine Degradierung darstellt, schon so verinnerlicht haben, dass sie bereits glauben, es sei Teil ihrer "weiblichen Rolle", einer Welt, in der man argumentiert, dass Frauen weniger verdienen, sei darauf zurückzuführen, dass sie häufiger im Kultursektor arbeiten und dieser sei auf Grund geringerer Wichtigkeit für das gesellschaftliche Wohl niedriger zu bezahlen, in der Statistiken so ausgelegt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in einem gewissen Alter noch einen Mann finden, geringer sei, als von einem Hai gebissen zu werden (Ist ja auch völlig logisch, dass man das statistisch auslegen kann! Wer einen Mann zum Lieben findet, heiratet natürlich, oder befindet sich zumindest in einer soliden Lebensgemeinschaft!) - in einer solchen Welt, tut mir leid, da ist es noch nötig, zurückzuschlagen. Oder im Falle der Autorin, zu wettern und zu zetern, sich aufzuregen und auszutoben. Oh, wie hysterisch ich doch bin! Man sollte mich schnell verheiraten. Das Leben ohne heteronormative Stabilität bringt mich in ganz verbohrte und unnatürliche Bahnen! Manchmal wachsen mir sogar schon Achselhaare!
Das alles sind ganz reale gesellschaftliche Schmerzen und Gefahren. Eine Emanzipation der Herzen, unabhängig von Kategorien ist also tatsächlich dringendst nötig. Mit Ignoranz wird über Do-it-yourself-Bewegungen und Popfeminismus gelächelt- und in der Tat, man muss keine Gebärmuttern stricken, um zu beweisen, dass weiblich konnotierte Tätigkeiten sich nicht mit engagiertem und klugem Handeln beißen müssen. Im Gegenteil, meiner Meinung nach führt diese Art des Feminismus eher dazu, dass die Bewegung, selbst wenn sie im größeren, queeren Kontext steht, schnell in die Ecke des in den Waldboden menstruierens oder gar fernab einer Emanzipation in den Eva-Hermann Mutterkultsektor geschmissen und zurecht belächelt und verachtet wird. Der Kern ist es jedoch, tun und lassen zu können, was man möchte, unabhängig vom Geschlecht, solange es anderen Menschen keinen Schaden anzurichtet. Und das kann Kuchen backen ebenso sein wie Stricken, Nähen, Malen, Informatik studieren, Bass spielen, Tische bauen. Eben queer sein, ohne zwangsläufig "so" auszusehen. Vor einigen Semestern definierte meine Kommilitonin in Geschlechtersoziologie den Begriff "queer" sehr schön, in dem sie ihn eindeutschte: "Etwas queren. Eine Grenze überqueren. Einen Menschen trennenden Fluss der Konvention." Leider schmiss eben diese Kommilitonin den Kurs, weil sie dachte, ihr fehlten Grundlagen. Dabei hat sie so schön verstanden, um was es geht.
Ebenso wie die Organisatoren des zweiten "Queer Punk Things", das gestern in der Köpi stattfand. Es gab Performances und Konzerte, eine engagierte, aber freundliche Stimmung in der Überquerung der Grenzen. Deutlicher als meine Worte macht meine Position vielleicht nochmal ein Auszug aus deren Manifest:
"The punk movement has become homophobic and conservative as "rules for being punk" have developed. Too often we see male punx ask their girlfriend to hold their jackets so that they can pogo.
Additionally, grappling with these standards, men feel obliged to act "punk" or "skin": being destructive and obnoxious, violent and sexist. They are obeying rules learned from typical hetero-patriarchal structures. We don't want to propagate this.
The gay community, too, has formed oppressive rules. Gay-Pride is an illusion that keeps us locked into roles and restrictive labels. We don't need dress codes, or to adhere to heterosexist, hierarchical norms. Break these rules!

Being queer or punk isn't about a fashion or about homosexuality. It's a way of living without conforming to society´s accepted norms. Queer is based on a sex-positive philosophy.
That means that everybody, regardless of gender or sexual orientation, is invited to get involved with us and celebrate their sexuality in the way they feel comfortable with. Fight against sexism and sexual oppression not sexuality!" (http://www.queerpunk.org/manifesto/)

Seximus zu bekämpfen ist ebenso ein wichtiges Anliegen, wie das Bekämpfen der Diskriminierung auf Grund von Vorurteilen gegenüber Ethnie, Hautfarbe und Herkunft. Und diese Diskriminierung findet statt, Tag für Tag. Und wenn es schon ein derart harter Kampf ist, eine Gleichberechtigung in der Arbeitswelt zu finden, so möget ihr doch bitte alles dafür tun, dies im Privaten durchzusetzen, in dem es keine allzu große Schwierigkeit darstellen sollte, wenn die Kurzblick- "das war schon immer so- also ist es auch natürlich" Brille nur ein weiteres Mal abgesetzt wird und wir uns als Menschen begegnen. Und Menschen, die dessen partout nicht willens sind, muss man bis dahin den Daumen beim Schubladen schließen eben gehörig einklemmen. Wehrt euch gegen Sexismus! Seid kein Teil davon! Und bitte ignoriert ihn auch nicht. Wir mögen alle ja so postmodern und sexy sein, doch leider reichen einige Vorstellungen über Geschlecht noch bis ins Mittelalter zurück. Und sie werden alltäglich manifestiert, in Werbung (mit Kinderstimme und Lippenstift liegt dir die Welt zu Füßen! Zumindest die des unbeschwerten und unverdienten Konsums und der Reduzierung auf dein künstlich-glänzendes Lächeln) und klischeebeladenen Filmen, vor allem der deutsche Massenfilm scheint da ja durchaus auf bereitwilliges Publikum zu treffen, siehe "Keinohrhasen", in dem auf eine ja so unheimlich einfühlsame, witzige und identifikationsfähige Weise das alte Märchen einmal mehr nacherzählt wird, Frauen können das ja nicht so gut, mit dem Trennen von Sexualität und Liebe. Was auch immer letzteres sein mag.
"Ich strahle Vertrauen aus und steh auf Sex"- so die biestige Protagonistin, gespielt von Sarah Michelle Gellar, in "Eiskalte Engel." Schon merkwürdig, dass das ein Gegensatz sein soll. Sollte es doch nicht, oder? Oder ist Sex etwa etwas Schmutziges, bei dem Männer den aktiven Part ausüben und die Olle allenfalls mitmachen, aber nicht selbst die Initiative ergreifen kann, es sei denn sie ist ein dämonisches, wildes Wesen. Böse, böse.
Positiver Sexismus ist, wenn Männer einer völlig rüstigen "Frau" die Tasche tragen wollen. Ein Freund von mir löste sein Verhältnis zu mir zwischen Gentleman und süffisantem Kritiker neulich in einer sehr charmanten Weise. Post-Einkaufsszene. Abschätziger Seitenblick. Ich frage irritiert: "Was sollte denn der Blick?" Er: "Ach, grad hab ich mich gefragt, ob ich dir was abnehmen soll. Aber jetzt seh ich, in der einen Hand Klopapier, in der anderen die Alditüte. Etwas Stilbewusstsein hab ich ja auch noch. Das trag mal lieber selbst." Das ist kleiner Alltagsgendertrouble, das gefällt mir.
Meine trunkene Weisheit auf einem Bierdeckel neulich: "Wie überzeugst du einen Chauvinisten von deiner geschlechterpolitischen Sicht? Schlaf mit ihm und melde dich danach nie wieder." Das ist böse. Sogar noch böser und weniger meinen diplomatischen Ansprüchen gerecht werdend als einen Mann zu verprügeln. Das alles wäre ja auch so schön unnötig, wenn ich in einer Welt des Respekts, des Zuhörens und der Offenheit leben würde. Ich würde so viel lieber gemeinsam queren, als mich hinter meinem Schutzschild der Queerfeministin und Geschlechterdekonstruktivistin zu verstecken. Doch momentan würden damit nicht nur ich, sondern auch meine Überzeugungen, unerkannt bleiben.
Let's be human beings- kann man über diese ernst gemeinte Einladung denn tatsächlich noch spotten?

31. August 2010

Öffnungen

Agnostikerinnen ohne Hymen
dürften ab und zu Hintereingänge benutzen,
ebenso wie Seiteneingänge,
wenn sie nur endlich mal ihre Hausaufgaben machen würden!

28. Juli 2010

Riiiiiiiiiiioooooooootgrrrrrrrrrrllllllllll!



Viele Facebooktests sind ziemlicher Schrott, aber ab und zu trifft man sogar mal auf einen mit Herz und Humor. Ein solcher Test war: "Was für ein Punk bist du?" Und das sage ich jetzt ganz schamlos nur deshalb, um mein kuhles Ergebnis in diesem Test zum Besten zu geben:
"Result: Riot Grrrl/Boi//Die ganze scheiß Mackerscheiße geht dir ganz gehörig auf die Ketten. Der einzig gute Song von den Ärzten (Chauvischweine!) ist der mit "Schwanz ab!" drin und auf deinem Rücken ist fett "Judith Butler fucking rules" tätowiert. Yeah!"
Endlich brauche ich mir also nie wieder Gedanken über ein mögliches Motiv zu machen, wenn mir irgendwann der Sinn nach ritualisierten Schmerzen, die eine ewig währende Körperzeichnung zur Folge haben werden, steht.
Auf dieses Ereignis meines gestrigen Tages folgend, habe ich dann erstmal ganz viel Bikini Kill gehört. Und dann natürlich wie immer die Lassie Singers. Und den Blogeintrag von Amanda Palmer gelesen.
Und, im Rahmen meiner schon längst erlangten, aber sich stetig erweiternden Genderkompetenz muss ich, mich selbst einschließend, bei allen Künstlerinnen, mit denen ich mich beschäftige, fragen: Gehe ich hier nur nach dem Prinzip der Visibilität vor? In welcher Art und Weise polarisieren sie? Oder assimilieren sie sich gar?
Gut, fangen wir an. Visibilität bei Bikini Kill. Visibilität bedeutet unter Betrachtung des Merkmals Geschlecht (man könnte das Ganze auch mit der Kategorie Alter, Rasse oder Klasse durchführen), dass man nicht die eigentliche Leistung einer Person neutral betrachtet, sondern nur, was für eine Leistung sie unter Einfluss ihres Geschlechts erbringt. Zeigen Bikini Kill also für mich nur, dass Frauen besser punkrocken können als Männer, oder zeigen sie mir nur, dass sie es nicht so eindringlich rotzig können? Oder bin ich schon so weit in der Liga des Geschlechterdekonstruktivismus aufgestiegen, dass ich sagen kann: Bikini Kill, eine ziemlich gute Punkband, aber nicht die Beste? Also, ich betrachte Bikini Kill schon unter dem Einfluss ihres Geschlechts. Ich würde sie wohl nicht hören, wenn nicht "I like fucking" einen dermaßen feministisch- wegweisenden Text über weibliche Sexualität hätte. Würde eine Männerkombo so etwas darbieten, bei gleicher Qualität des Musikalischen, ich würde es auch mögen. Aber soweit mir bekannt, gibt es keine mit diskursfeministischen Texten. Oder? (Das ist ein ernstgemeintes, fragendes "Oder?", kein bestätigungsheischendes.)
Same about the Lyrics bei den Lassie Singers. Aber deren Musik finde ich auch ähnlich dilettantisch großartig wie die von Tocotronic. Christiane Rösinger fänd ich auch super, wäre sie ein Mann. Lassie Singers sind einfach Menschen mit guter Musik und guten Texten, die sich kritisch-ironisch mit ihrer sozialen Rolle auseinandersetzen. 1:0 für die Lassie Singers gegen Bikini Kill in der Kategorie Visibilität.
Polarisierung in der Rolle der Frau bei Bikini Kill. Nehmen sie ihre Außenseiterposition an oder passen sie sich der Mehrheit an? Ich würde sagen, bis auf stimmliche Unterschiede ist das einfach urster, einfachster Punk. Der nicht angepasst sein muss, sondern aus dem menschlich Innersten aufsteigt. Bei den Lassie Singers? Eindeutig Akzeptanz der Außenseiterposition. "Weibliche Hysterie" wird wundervoll verknüpft mit "weiblichen" Problemen. "Doing Gender" mit einem Augenzwinkern. 2:0 für die Lassie Singers.
Assimilation? Da hab ich jetzt irgendwie keinen Bock drauf, weil das so ein bisschen ist wie die Frage, was war zuerst da: Das Huhn, oder das Ei?
Die Lassie Singers haben also wieder einmal gewonnen. Achso, ich wollte mich ja noch selbst als Schriftstellerin reflektieren, aber, huch, das hat doch der Facebooktest schon getan. Siehe oben! Ach, und Amanda Palmer? Die ist eben ein bisschen wie ich. Anachronistisch, peinlich, romantisch, künstlich, echt, versoffen, immer ein Konzept von sich erschaffend.

Bildnachweise: taz.de//amoeba.com

9. Juli 2010

Das postmoderne Experiment, diesmal nicht kühlsoziologisch.

Das ist ein Experiment,
nicht im Labor. Nicht im Feld.
Nicht einmal Lineal und Zeichenbrett
brauch ich dazu.
Was ist mein Gegenstand?
Nichtich bin das. Das bist nicht.
Du-
und wenn jemand fragt, warum ich Soziologie.
Studiere, dann hab ich.
Stets in flagranti. Die Antwort parat.
Dass ich die Gesellschaft schon immer spannend fand.

Dekonstruktion, Konstruktion, Desinteresse, Kommunikation.
Ich baue mir Brücken über den Fluss aus weißen Kitteln,
oder weißen oder schwarzen Anzügen,
die von ganz weit oben,
ganz tief runter,
auf den Ameisenhaufen gucken,
den sie die Gesellschaft nennen.

Das ist mein Experiment,
das ist immer. Noch im Kopf.
Ich wollte mich befreien, sieh-
du die Bilder.
Ich die Worte hier?
Nichtich bin das. Du bist nicht.
Das-
und wenn jemand fragt, warum ich immer.
Noch, an die Liebe.
glauben kann dann. verweise ich auf.


Morrissey und singe:
"And though I walk home alone//
I might walk home alone//
But my faith in love is still devout."

Und Veronika beschließt zu sterben.

Bevor Sie den nachfolgenden Text lesen, meine Damen und Herren möchte ich, dass Sie dabei immer im Kopf behalten, dass Montag ist, und zwar ein Montag im Januar. Dass ich heute noch keine Zigarette hatte. Unter einem durch Blockseminar fehlendem Wochenende und Schlafmangel leide. Und dass ich nach wie vor finde, dass "Veronika beschließt zu sterben" ein sehr schönes Buch ist.
Komisch, so ein Montag, an dem man auf Paulo Coelho und die "Declaration of Human Rights" trifft. Und das in einer Filliale einer Ladenkette für hippe Großstadtfrauen zwischen 18 und 38, denen H&M irgendwie zu piefig und fairliebt zu teuer ist. Es war der Ärger über Unzulänglichkeiten, ein schlechtes Gewissen und Inkompetenz- übrigens alles von fremder und meiner Seite her- der mich durch die Straßen in der Nähe des Bahnhofs Zoo streifen ließ. Auf der Suche nach erlösendem und entspannendem Kaffee. Und tatsächlich lockten mich dabei ein paar alberne, reduzierte Kleider in verschiedenen Farben in den mango-shop. Die Kleider finde ich erst gar nicht, denn in durch Unzufriedenheit des Körpers und der Seele motiviertem Wahn habe ich schnell 5 T-Shirts überm Arm hängen. Auf dem Weg zu den im oberen Stockwerk gelegenen Umkleidekabinen entdecke ich Paulo Coelhos Fratze. Ja, der Paulo Coelho, der pseudospirituelle Bestsellerautor, den ich mit 15 glühend verehrte, inzwischen aber für einen allzu kitschigen Aphorismendichter halte, der auch vor allem das genau kann: 15- jährigen Mädchen durch eine Mystik irgendwo zwischen in oberfränkischen Kleinstädten aktiver christlicher Jugendfreikirche und Brigitte-Wellness Glauben machen, denken und fühlen gelernt zu haben. Das dies eine reine Illusion ist, werden sie wohl erst mit Anfang 20 schmerzhaft fest stellen. Das Konterfei, das genau auf diesem Foto in sämtlichen Schutzumschlägen seiner Bücher zu finden war, lächelt hier im Laden zwischen englischen Aphorismen über Verantwortung und Menschenrechte vor dem Hintergrund einer wolkigen Scientology-Ästhetik. Auf einem der reduzierten T-Shirts steht die "Declaration of Human Rights" auf anarchisch geklecksten Fakefarbspritzern gedruckt. Ich schleiche mich verstört in die Kabine. Hier stelle ich fest, dass das Licht derart beschaffen ist, dass mein Gegenüber im Spiegel auf seinem Haar äußerst uncharmant alle Färbe- und damit auch Seelenversuche des letzten Jahres abbildet. Das vertraut-versöhnliche Mokkabraun des vergangenen Frühlings lässt einen alptraumhaften Mahagonischimmer übrig, während daneben Reste des hoffnungsvoll-melancholisch-hoffnungslosen Lilas des Septembers das nachwachsende Naturhaar aschgrau erscheinen lassen. Es machte mich ebenso überschwänglich mit Hautunreinheiten bekannt, von deren Existenz ich bis jetzt nicht die leiseste Ahnung hatte. Nicht mehr wütend, aber traurig, humple ich im Bewusstsein, gestreift und gepunktet zu sein, aus der Kabine. "Kommt was zurück bei dir?" fragt mich das Kabinenmädchen so freudenstrahlend, als wäre ich ein Rassehündchen, dem sie gerade einen Preis auf einer Zuchtausstellung überreichen darf. Als ich stammle: "Ja, alles.", meine ich es auch so. Denn ich würde gern komplett alles zurückgeben in dieser absurden Welt aus rosa Mangofashion, Paulo Coelho und der "Declaration of Human Rights", inklusive Herz, der manipulativen Pottsau und Magen, dem unheilvollen Seelenindikator. Leider nimmt mir die gute nur die behangenen Kleiderbügel ab, als ich ihr noch mein Herz in der angewidert am langen Arm ausgestreckten Hand dazu reichen möchte, hat sie sich schon abgewandt und es ist mir unangenehm, zu fragen, ob sie es nun denn nicht auch nehmen und auf einen Kleiderbügel spießen möchte, auf dass es hier, zwischen fashionabler Weltverbesserei und Poesie, seinen Platz findet. Deshalb packe ich das Herz in die hintere Hosentasche, so wie alte Säcke ihre Geldbeutel da reinstopfen.
Immer noch karoblusenärmelig stelle ich 10 Minuten später fest, dass das Geld in Kaffees und Donuts tatsächlich weitaus besser investiert war. Das Herz drückt mir unangenehm warm und sinnlos in den Hintern.
Nougat-Vanille-Creme-Donut- Hautunreinheiten, ihr lieben, herzlich willkommen, freundet euch lieber mit mir an, wir werden ein langes Leben voller ästhetischer und politischer Unschönheiten zusammen gestalten. Komisch, so ein Montag, in dem man auf Paulo Coelho und die "Declaration auf Human Rights" trifft.

Guten Tag, Achselhaare! Lange nich gesehen, wa?

Tag 1: Nackt und weinend suche ich. „Nackt und weinend“, das ist ein Ausdruck, den ein
männlicher Bekannter neulich brachte, als ich ihm von meinem ersten Bewerbungsgespräch
erzählte. Ich hatte mich an dieser steifen, unnatürlichen Verhaltensweise gestört, die ich auf einem
Barhocker sitzend, in einer kleinen Küche von zwei Medientanten eingezwängt, ertragen musste.
Und er sagte: „Nackt und weinend hättest du kommen müssen.“ Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht
gedacht, dass ich mich alsbald tatsächlich in diesem Zustand befinden würde.
Nackt und weinend suche ich. Nach dem Mini-Usb-Kabel meines MP3 - Players, weil Bahn fahren
ohne Musik nun mal gar nicht geht und nach, ja, ich gebs zu, meinen Rasierklingen. Von Aldi-Süd.
Aus der Provinz importiert. Und an den Rossmann-Billigrasierer gesteckt. Die Achselhaare sind
fällig. Seit ich 13 bin, müssen die weg. Warum, weeß ick nich. Ich finde beides nich.
Ich zieh mich an. Unmotiviert.
Tag 2: Versucht, mich über den oben genannten männlichen Bekannten hinweg zu trinken. Hat nicht
so gut geklappt. Musste vorher nach Hause. Später nackt ins Bett, aber nicht weinend. Guck, guck,
Achselhaare. Nachts SMS schreiben. Verdammt.
Tag 3: Immer noch keine Spur von den Klingen. Soll ich Einwegdinger kaufen? Nö, oder.
Irgendwann find ich die schon noch. Nach den Prüfungen, nach den Hausarbeiten. Bis dahin,
wunderbarer Zettelteppich auf dem Boden und Geschirr im Regal.
And so on and so on...
Vier Wochen später. In Hamburg gewesen. Stets gut ausgesehen. Der Sommer schlägt sich endlich
mal im Minimum meiner Kleider nieder. Und mal wieder richtig angucken, Mädel. Arme hoch und:
„Guten Tag, Achselhaare! Lange nich gesehen, wa?“ Klingen nicht gefunden. Über Mann nich so
richtig hineweggekommen. Aber glücklich gewesen. Und ganz großartig sehe ich aus, mit
Achselhaaren. Versteh ich nich, warum die mit 13 immer weggeschickt habe. Wenigstens ein
Kurzbesuch wär doch mal schön gewesen. Bleibt doch noch ein bisschen.

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