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21. April 2013

"WiR"- Das erste Montagsgedicht seit ewig.

 
„Wir“

Ich war nicht mal ein Punkt, ein Komma oder Semikolon,
in diesen ganzen abgefahrenen Geschichten,
deshalb freut mich das so ungemein, dass ich ein „wir“ sein kann,
in den von Dir geschriebenen Gedichten.

Ja, klar, Du hast sie nicht für mich geschrieben,
„wir“ kennen uns nicht lange und „Du“ bist mir nur eine ferne Ahnung,
mensch wird ja irgendwann bescheiden, wachsam, aufgerieben,
ich geh inzwischen arbeiten, studieren, „ich“ mach vor allem Planung.

Und wünsch mir doch nichts mehr als in einem Narrativ am Rand zu existieren-
geschweige denn in Poesie als Personalpronomen aufgeschrieben.

8. März 2013

Rauchzeichen pt. II

Hast Du eine Ahnung, wann ich ausbrechen könnte? Hast Du Dich gewappnet, alles mitzunehmen und von dannen zu ziehen, wenn ich Rauchzeichen von mir gebe? Bevor der Ascheregen niedergeht? Solche Metaphern sind grausam und ekelhaft. Meine Rauchzeichen sind immer da und langweilig giftig, das weißt Du doch. Ich hab noch nicht aufhören können, weil ich nicht ausbrechen möchte. Weil es mir immer ganz gut gefällt zwischen Ruhe und Ausbruch. Fürchte Dich nicht, ich bin ein phlegmatischer Vulkan, wenn ich uberhaupt einer sein sollte.

25. November 2012

Und deshalb beiß ich Dich jetzt.

Sie war in mich verliebt. Sie hat mir in die Wange gebissen, sie sagte, sie hätte das aus Liebe getan, und dann ist sie weggelaufen und hat lange kein Wort mehr mit mir gesprochen. Sie heißt Anne-Sophie*.

Dieser Akt der Eifersucht geschah vor 20 Jahren, und das hübsche, dunkelhaarige Mädchen, das als einzige im Kindergarten schon Lackschuhe, Nagellack und Lippenstift trug, wusste vielleicht nicht (aber wer weiß das schon?), welchen bleibenden Eindruck und welch düsteren Fluch sie mit ihrer Tat in meinem Leben hinterlassen würde. So wie ich damals nicht gewusst hatte, dass auch die letzten Milchzähne noch weh tun können, und wie man seinen Eltern erklärt, warum man eine angeschwollene Backe hat, ohne auch im Rest des Gesichts rot zu werden, und dass man instinktiv entscheidende Details weglassen muss (Liebe, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich sie erwiderte), und eigentlich viel sorgenerregendere dazuerfinden (Streit, Aggressivität) so hatte ich vor drei Monaten nicht gewusst, dass ich in einem polnischen, großstädtischen Hinterhof zwar zwei paar Schuhe, einen schweren Mantel, einen Haufen geregelten Papierkram und letzte Adoleszenswirren ablegen konnte, aber trotzdem mit drei Taschen Gepäck und 24 Jahren auf dem Buckel wieder zurück in mein Berliner WG-Zimmer ziehen musste.

So hatte ich vor 2einhalb Jahren nicht gewusst, dass es zwar das Ende einer Ära der romantischen Pubertät bedeutete, als ich am Ufer des Charlottenburger Kanals einen Bloody Mary nach dem anderen trank und heulte, dies aber gerade mal den Beginn meiner ganz persönlichen Aufklärung markierte.

Als ich vor 10 Monaten beschloss, den seit vier Jahren in mir gereiften Entschluss, eine Weile in Polen zu leben, mit einem Aufenthalt in Krakau in die Tat umzusetzen, hatte ich nicht geahnt, dass dies zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens werden könnte, aber auch nicht, dass ich drei Nächte davon heulend im Bett verbringen würde, fest entschlossen, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Hätte ich damals doch gewusst, dass ein Gedanke an Anne-Sophie mir den düsteren Rhythmus zu meinem aggressiven Schreibmaschinenesken Tastaturgeklapper immer wieder bieten würde, weil ich seit damals gar nicht anders kann. Als permanent zu kämpfen, und dabei sei zu beachten, dass ich mich durchaus im ökonomischen Kapital familiär in der halb-akademischen Mittelschicht verorten kann. Kulturell aber nicht. Und eben auch nur halb, zu Gunsten der männlichen Seite.

Ich bin eine Frau von 24 Jahren, und sitze des öfteren Männern gegenüber, die genau solche Ansichten in mein Gesicht lachen. Es ist eine Generation der 1978 bis 1983 geborenen männlichen Mitmenschen, um es mal grob zu fassen. Und genau aus diesem Grund lasse ich mich nicht mit dem Hinweis auf Satire vertrösten. Ihr denkt das doch wirklich, Leute. Verarscht euch doch nicht selbst. So wird jeder in der Pubertät erlebte Korb ein politischer Akt, mit dem sich das schlechte Gewissen, was vielleicht doch den ein oder anderen Sesselfurz hin und wieder etwas brennen lässt, schnell wütend zum Fenster der obersten Etage hinaus verflüchtigen können lassen kann. Und am besten dann noch eine Anti-feministische Cis-Gender zur Busen-Freundin, die wahnsinnig hübsch ist und wahnsinnig froh, eine Frau zu sein, weil ihr das schon so viele Vorteile verschafft hat. Vielleicht kannten sie aber auch mal einen Hans-Ullrich, eine Anne-Sophie, und haben einfach andere Schlüsse daraus gezogen, als ich. Vielleicht dient die Unterstreichung der eigenen Macht und die Rechtfertigung der Herrschaftsverhältnisse einem einfachen Verstande, zu ordnen, was zu schwierig zu begreifen ist. Und dann beißt man einfach mal zu, weil es so schwer ist zu ordnen, wenn sich da welche versammeln, und am Thron rütteln.

Man kann noch so boshaft auf den Verfall ab 25 hinweisen. Ich bleibe optimistisch. Vielleicht, weil ich vor vier Jahren schon meinen 20. einfach größer hätte feiern sollen. Keine Leistung als selbstverständlich hinnehmen, nur weil einem jeder einredet, es sei ganz einfach. Ich hatte damals das Abitur geschafft, nachdem mir 10 Jahre zuvor gesagt wurde, ich würde nicht aufs Gymnasium gehören, ich sei zu schlecht in Mathe. Ich habe habe vor einem halben Jahr einen Bachelor in Germanistik und Soziologie erworben, inklusive drei Teilen Statistik und freue mich trotzdem im Gedenken an meine Mathelehrerin immer noch mehr darüber, dass ich super im Kopf rechnen bin. In meiner Bachelorabschlussphase fragte mich auch so ein Dreißig-jähriger, warum ich so einen Kackbachelorschnitt habe, und dass es für mich mit einem Master schwer werden würde. Ich schrieb meine Abschlussarbeit wütend fertig, verbesserte meinen Schnitt, schickte fünf Masterbewerbungen an Unis ab und wurde an vieren genommen. Mein Lebenslauf sagt, dass ich immer überall und nirgends gewesen bin, aber auch, dass ich ziemlich viele Dinge kann. Dass ich eine Frau bin, hat mir bei all dem aber ganz sicher nie geholfen. In einer Schulklasse im musischen Gymnasium, in dem Frauen die Mehrheit bildeten, war ich nichts besonderes, ebenso wenig wie im Germanistikstudium, in dem mensch ohnehin nur eine zu prüfende Matrikelnummer war. Ich gucke besorgt zur 30 hin, aber bisher gings ja bergauf, trotz Leiden an den bestehenden Umständen, weil pink vor Wut sein zum Klettern und Abseilen auf-, zwischen-, und unter den Strukturen animiert.

Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte, nur dass es weg von der provinziellen Enge war, und was ganz anderes. Denn was mir widerfahren ist: Ich bin dabei, der Mensch zu werden, der ich wohl schon immer mal werden sollte. Ich bin gespannt darauf, 30 zu sein. Und hoffe eigentlich, dass mir nie wieder eine/r in die Wange beißen wird, um sein Gefühl auszudrücken. Und bis dahin die Menschen verstummt sind, die uns nur sagen können, dass "wir" toll sind, wenn sie damit Ungleichheiten rechtfertigen können.

*Name von Autorin geändert.

22. September 2012

Und übrigens: "Die Aubergine"

Helene existierte nicht, denn ihre Beine waren gebrochen. Sie hatte Paul abgeschossen, denn seine Zähne waren hässlich. Er hatte gelacht, wenn er über Poltik sprach, wenn er über seine kleinen Gedanken und Utopien fantasierte, wenn er sich zum Gehen aufrichtete, er sagte „Voll Geil, ey“ und kniff die Augen zusammen und lachte in dieser fiesen Tonart. Wie ein Erdhörnchen, wie ein bekiffter Junge und all das wäre noch zu ertragen, wenn er nicht die Zähne entblößte! Klein und spitz, klein und spitz wie die Brüste der gemeinsamen 13-jährigen Tochter Mirjam. Helene war an die Grenzen des Humanismus gegangen, hatte Erde durch Wasser getauscht, und wo war sie gelandet? Bis in den Rachen des Menschengeschlechts und es war nich der faulige Atem, der sie betäubte, sondern der Anblick ihrer Haifischzähne. Sie hatte sein Geschlecht lieben gelernt, den auberginenförmigen Penis, sie hatte leidenschaftlich mit ihm geschlafen, sie hatte es ertragen, dass er nicht tief in sie kam, sie hatte es ertragen mit der Tiefe seines Geistes und oh, wie hatte sie gegen seine Zähne gestoßen. Paul, Paul, du hast mich nie geschlagen, nie dominiert, immer hast Du gelacht, immer wolltest Du Themen aussparen, nie konntest du Dich an meiner Andersartigkeit erregen. Paul! Ich hab dir einen geblasen, als Du aufgeregt warst, vor deiner Examensprüfung. Ich habe es ertragen, wenn du an meinen Brüsten herumbissest, bis es blutete. Ich habe deinen fehlenden Humor ertragen, und nun wagst du es noch, zu lachen? Helene war mittelgroß, hatte schulterlanges Haar, das sich noch nicht völlig zwischen Blond und Grau entschieden hatte und so vielleicht etwa ockersilber genannt werden konnte und hatte unaltersgemäß die vorderen Strähnen längs des Scheitels mit billigen Plastikspangen aus der Stirn geclippt.

13. April 2012

Aprilwetter

Und es war ein Montag oder so gewesen, da war sie zum Abendessen eingeladen, bei einer Bekannten. Es wurde, wie diese sagte, „abstraktes“ aufgetischt: Eier, Tomaten, Brot und Alkohol in Pulverform, der eine enorm starke Wirkung hatte. Da hatte die Bekannte gesagt, sie würde gern alles gleichzeitig tun: Trinken und rauchen und essen, obwohl es sich eigentlich widersprach und sie folgte diesem Ratschlag, obwohl sie gar keine Lust hatte. Sie fühlte:alles und sie aß: alles und sie schmeckte:alles. Und sie dachte dabei:nichts. Zwei Jahre später, es war genau ein Dienstag gewesen, war ihr auf dem Balkon Wein und Tabak, Schokolade und Pasta aufgetischt; man erwartete, sie würde essen, sie würde trinken, sie würde rauchen, sie würde sich Süßes auf der Zunge zergehen lassen; und es war dieser Dienstag, da hatte sie großen Appetit auf alles, und fühlte:nichts, und da begann sie von allein, alles durcheinander zu konsumieren: sie rauchte, sie aß, sie trank, sie ließ sich Süßes auf der Zunge zergehen. Sie katalogisierte ihre Gefühle, sie registrierte:“abstrakt.“ Und weil sie also so nicht konnte: „konkret“, bei einer Kippe ihre Probleme besprechen, alles einzeln, schön der Reihe nach, wollte sie alles zusammen:Trauern und Lieben, Überwinden und Fühlen. Leben und vernünftig sein, alles, was sich widersprach. Und als ihr das dann passierte, da war es so gewesen, sie fühlte: alles. Und dachte:nichts. Und er hatte keine Lust und machte:mit.

7. April 2012

Die Tretboote in unseren Köpfen.

Kreative Menschen brauchen länger, um Dinge zu verstehen. Daher benötigen sie oft mehr Zeit für ihr Studium. Ständig räkelt sich die nächste Assoziation im Kopf, und keine Arbeit wird fertig.

Ich hab das gelesen, neulich, und eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob ich mich da einordnen darf, oder ob ich einfach zerstreut, abgelenkt oder verantwortungslos-verwöhnt bin, aber grad tröst ich mich mal damit, wenn ich mitten in einem Satz meiner B.A. steckend, diesen Post beginne.

Die Rösinger hat ein zweites Buch geschrieben, "Es heißt Liebe wird oft überbewertet", es nennt sich im Untertitel "Ein Sachbuch" und es ist ein bisschen Populärsoziologie gemischt mit charmanten Tagebucheinträgen, es ist teilweise völliger Blödsinn, unwissenschaftlich, und trotzdem nicht witzig genug für Satire, aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem eins ist:liebevoll.

Und so scheint es mir, dass die Rösinger selbst a bissel zu kreativ ist, neben dem Lesen textete,feiern ging, aber ganz sicher auch liebte, denn sonst kann man nicht so über die Liebe schreiben.

Einem Mitglied der Zielgruppe halb-freiwilliger Singles wie mir, wird tatsächlich auch sehr warm ums Herz, nach dem Lesen, da werden ein paar schöne Gedanken bestätigt, zum Beispiel, dass der Freundschaft ein höherer Wert beigemessen werden sollte, alternativen Haushalts- und Lebensentwürfen wie der WG-Familie, gesellschaftlich, damit man es auch innen drucklos fühlen darf. Da amüsiert man sich und weint und ärgert sich bisschen, wenn sie es tatsächlich wagt, den Trauerschwan Petra und ihre Liebe zum Plastiktretboot mit dem "Faible für Idioten" zu vergleichen, bei denen frau eine Regung des Windes als Signal der Zuwendung annehmen kann.

Aber ich finds schade, dass ich frau schreiben muss, denn das Buch ist ganz schön hetero-normativ. Und hier überwiegt dann das Tage- über das Sachbuch, und ich frage mich, ob es nicht schöner gewesen wäre, wenn nicht mehr Leute das Gefühl nach dem Buch gehabt hätten, welches ich habe.

Ähnlich wie nach meinem ersten Abend in der von der Autorin monatlich veranstalteten Gala-Reihe "Flittchenbar", ein Gefühl einer Zugehörigkeit, die ich in Berlin so ehrlich und unschämenswert nirgends fand, sagt das Buch mit jeder Seite: Du bist eigentlich voll o.k. Es sagt Dinge, die Dir Deine Freunde seit Jahren versuchen zu sagen, mit dem Unterschied, dass Autorin und Buch nicht in einer RZB stecken, so dass sich Ich nicht ständig denkt: Ja, ja!

Und trotzdem, immerzu fragt Bachmann in mir: "Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann: Soll ich die kurze schauerliche Zeit nur mit Gedanken Umgang haben, und allein nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun? Muß einer denken? Wird er nicht vermisst?"

Und so gerne ich mir selbst antworten würde, natürlich nicht, "Du hast genug Sinnlichkeit im Leben und FreundInnen!", so sehr weiß etwas in mir, dass hier etwas anderes gemeint und gefühlt wird.

"Liebe wird oft überbewertet" wäre ein feiner Selbsthilferatgeber, würde er im letzten Kapitel nicht etwas zu knapp auf das trotz aller Vernunft und Nicht-Normativität bleibende Bedürfnis nach einem "special someone" mit einem winzigen Exkurs über Polyamory mit der nicht ganz zu glaubenden Phrase enden, das gäbe sich alles, wenn man sich genügend Gefühle im restlichen Umkreis erlaube. Im Grunde hätte ich dagegen nichts einzuwenden, wenn da nicht dieser nervige Umstand wäre, dass Freundschaft nur in sozialer INTERaktion möglich ist. Und wen kann man schon zwingen, mehr Liebe in der Freundschaft zu sehen? Und wie sehr sie auch Recht hat, dass RZBs in der Regel langweilig sind, krank machen, unglücklich und im Gegensatz zu Freundschaften schneller enden, bedeutet das nicht, dass die Liebesbeziehung nur mit sich selbst nicht auch oft unbefriedigend, langweilig, und krank machend sein kann. Wie alles. Und wenn wenigstens die Sehnsucht bleibt, die vielleicht noch weder Gegenstand noch Namen trägt, hat diese eigentlich schrecklich-banale Beziehungskiste noch einen edleren Glanz. Find ich jetzt gerade. Morgen wahrscheinlich wieder nich mehr. Vielleicht ist das tatsächlich alles eine Sache der Normen und meinen vollen Respekt und Zustimmung, das Christiane Rösinger durch die Erziehung des Herzens diesen zu trotzen wagt. Und doch, ich halte mich fast lieber an die Worte meiner ersten Gender-Dozentin:
Ja, die Liebe ist ein soziales Konstrukt. Aber ich find sie trotzdem toll.

Zwei Gläser

Glas Wein und Glas Wasser,
dazwischen tippe ich diese Zeilen.
Ein schlechter Empfang am Telefon, ein Herzrutschgeräusch,
ein Zucken, ein Auto, ein Störungsgewimmer.
Ich vernehme es hölzern,
erstarre nicht.

Nur noch einmal, einmal noch möcht ich rückwärts
sehen.
Die Steine in die Schale legen,
wo sie auch ohne mein Zutun schwer liegen,
und sie in Folge nach unten durchbiegen.

Einmal noch möcht ich klare Worte finden,
und dem Schmerz die Zigarettenlänge gönnen.

Einmal noch dem Wein seine Stunde schenken,
und das Wasser, halb voll im Glas,
zu seiner Zeit trinken.

7. November 2011

Novemberdicht.

Ich esse meinen Abdeckstift, während ich leere Lippenstifthülsen auf Fensterbrettern untersuche, um zu sehen, ob noch ein Rest fremder Farbe auf meine bleichen Lippen passt. Der Asphalt sonnt mich von unten, denn nach oben wagt mein Blick nicht zu gehen. Wenn wir träumen von den Liedern, die wir kannten, ist es die Leichtigkeit, die sich in dem Netz verfängt, das wir uns stilvoller gewoben haben, als es uns ein Hippieladen verkaufen könnte.
"Sommer ist nicht hier, Sommer ist nicht hier", hatte mir einmal jemand hektisch zugerufen, die der deutschen Sprache weniger mächtig war als der Kenntnis dieses Blogs. Es war Spätherbst gewesen und ein erstaunlich kalter für Berlin, und ich war nicht überrascht, glücklich zu sein, in dieser Zeit, über Teewasser, Muffins und einer aufgeschobenen Zukunft. Eine herrliche Hommage.
Hommagen beginnen nämlich in wehenden Mantelkrägen, und wenn einer im Wind etwas ruft, und Du kannst es hören, dann dreh Dich um und lass den Regen in den Kragen laufen. Nimm Deine Mütze ab und lächle entgeistert, und spüre wie das Wasser kalt ist, kalt ist, Herbst ist, Herbst ist, bis der letzte Strudel in der Pfütze verblättert und Du Dich in Deinen Schlammspiegel verliebst.

6. Juli 2011

Girls with glasses have feelings, too. And lesbarians.

Dialog neulich:

(A steht für Alien)


A:Was wolltest Du denn werden, bevor Du Schriftstellerin werden wolltest?

Me: Nichts. Ich wollte nie was werden, bis ich in der zweiten Klasse aus Eifersucht und Textkompetenz Schriftstellerin werden musste.

A: Dann musst Du es wohl werden.

Durch zwei kleine Vorfälle, weiß ich, dass dieses so absolut anmutende Gespräch keine Relevanz mehr für mein Leben hat.
Erster Vorfall: Ich trage nach vielen Jahre einmal wieder ein Kante-T-Shirt, dass ich mir einst auf einem Provinzfestival kaufte und jemand betitelt diese Musik als "Rock für 35-jährige Bibliothekarinnen."

Zweiter Vorfall: Statt meinen neuen Personalausweis zu beantragen, melde ich mich endlich in der Stadtbibliothek an. Und denke an meinen ersten Freiraum zurück: Die Dorfbibliothek.
Nein, Nein, Nein, das wird jetzt nicht schon wieder so eine Romantisierung der Kindheit, ne,ne, da gibts nichts zu beschönigen an einem sozial gestörten Kind, das mit 10 schon das Bedürfnis hatte, mal ganz neu anzufangen, viel mehr möchte ich hier die Entdeckung eines längst verdrängten Berufswunsches bekanntgeben: Bibliothekarin!

Na, toll, jetzt bin ich Medienschlampe und lass mir meinen Pony statt mit Hilfe des guten alten Stirnklebebands von nem piefigen Prenzlbergfrisör schneiden und muss Bücher so lesen, dass mir die Suppe nicht anbrennt.

So hätte der Dialog eigentlich aussehen müssen.

3. November 2010

Und einmal, beim Zähneputzen, da habe ich über Liebe und Romantik nachgedacht.

Da habe ich in den Spiegel geguckt. Und dann fing mein kopfiges Köpchen an zu rattern, während das Herz es mit fleißigen, fördernden Stichen antrieb.
Aber ich habe ja Zähne geputzt nebenbei, und so blieb alles etwas klar, denn was gibt es Unklareres als den Vorgang des Zähneputzens, bunte Borsten auf weißem Knochenmaterial?
Ich habe so gedacht: Gängig ist so die Vorstellung, man liebt auf Zeit. Schon auch mal ein bisschen länger, so 10 Jahre oder so. Und dann weint man ein paar Monate. Dann steht man auf, und liebt wieder irgendwen. Bis das auch wieder vergeht, das spinnerte.
Auf der Buchmesse in Leipzig hat ein Autor, dessen Namen ich vergessen habe, gesagt: Die Liebe ist ein Zustand zwischen Besitz und Nichtbesitz, der nie länger als 12-18 Monate dauern kann. Ich hab ihm das geglaubt damals. Vielleicht dachte ich, ich weiß was Liebe ist.
Ich habe dann erst einmal ausgespuckt und den blauen Flecken im Waschbecken beobachtet. Wie er so auseinanderfließt, leider nicht auf den Ausguss zu, sondern halt einfach so da kleben bleibt und das Waschbecken verunziert.
Dann habe ich die Bürste wieder auf die Zähne getan, in regelmäßigem Rhytmus geputzt und gedacht:
Wenn das so wäre, mit der Liebe, was unterscheidet sie denn dann von körperlichem Begehren? Mir ist wohl bewusst, dass schön geformte Schenkel vielleicht nur 12-18 Monate reizen, dann sind sie ein bisschen, wie das ehemals so wundervolle, einzigartige T-Shirt, dass man dann aber etwas zu oft getragen hat, und nach 12-18 Monaten ist es einfach nur etwas, das den Kleidersschrank noch voller macht, denn inzwischen hat man ganz viele andere tolle T-Shirts gefunden. Aber es jetzt wegzuschmeißen, wäre auch irgendwie unökonomisch, es ist ja noch ganz gut. Also trägt man es nicht mehr jeden Tag, ab und zu darf es mal noch mitkommen, ansonsten am Besten dafür sorgen, einen abwechslungsreichen Ausgleich zu finden, um Einheitsgarderobe zu verhindern. Wenn es dann ein Loch hat, irgendwann, dann muss man mal sehen, ob man das noch flicken kann. Aber das wäre ziemlich müßig und so ist die Altkleidersammlung auch eine Option.
Ich trete zu nah ans Waschbecken und ein Fleck landet auf meiner Hose.
Woody Allen sagte mal, die meisten Menschen wären niemals in ihrem Leben verliebt gewesen, wenn sie nicht so oft etwas im Fernsehen darüber gesehen hätten. Naja, mhm, bei all den Partnerschaften, die ich so sehe, denke ich mir wirklich, wie soll dieses wundervolle Ereignis auch so oft eintreten? Es ist doch wahnsinnig viel Glück und Zufall dabei, dass zwei Menschen sich treffen und dieses Erlebnis haben, diese leise Ahnung, dass da gerade etwas in den Kopf und ins Herz dringt, einen beeinflusst, die Welt mit ganz anderen Augen sehen lässt, man irgendwie glaubt, man sei abhängig vom anderen und dieser von einem, also nicht finanziell oder so, sondern einfach, das Herz hängt an und der Rest hängt zwangsläufig dran, weil der andere das Leben so bereichert und Reichtum ja schon erstrebenswert ist und man sich ganz von alleine jeden Tag sehen möchte, weil man das gar nicht aushält vor Sehnsucht... Und wäre das nicht irgendwie ein trauriges Leben, wenn etwas, das bereichert hat, wegfällt, auch wenn es nur 1-18 Monate da war...Würden Paare sich wirklich lieben, bräuchten sie dann verabredete Tage in der Woche, die sie zu zweit verbrächten? Ausgleich? Würden sie nicht einfach nach getaner Arbeit, unbeachtet der Uhrzeit, zum anderen fahren, weil sie einfach bei ihm sein würden wollen? Und könnte die Liebe dann ganz vernünftig aufhören, mit einem letzten Treffen, einem Anruf oder gar einer SMS? Ist so viel Kraft wirklich vorhanden, bei all meinen Mitmenschen, sich 3 bis x mal zu verlieben und zu entlieben? Nicht schlafen und essen zu können? Sind alle anderen eigentlich stärker als ich? Oder ist es doch eher so ein Vertrag, den sie Liebe nennen, eine Schnittmenge aus gemeinsamen Interessen und körperlicher Angezogenheit?
Mein Mund war ganz voll von Zahnpasta und Schaum. Ich guckte in den Spiegel und sah, ich hab Schaum vorm Maul und dann hab ich gelacht, denn die Liebe und Zahnpasta, das sind schon auch witzige Angelegenheiten! Wie sowas kleines, schleimiges, sich so wichtig machen kann! So eine Unwichtigkeit so wichtig wird, wenn sie ausgegangen ist! Sich bereichern durch einen Menschen und dann behaupten, man sei eigenständig und unabhängig.
Ich spuckte diesmal direkt in den Ausguss.
Ritsch-Ratsch-weiter Zähne putzen...
Aber wenn man sich nicht bereichert durch einen Menschen, wenn es viel mehr wichtig ist, nicht allein zu sein, und nicht gar so ungemeinschaftlich, sondern aufeinander kulturell und sozial eingestellt nicht allein zu sein und man dann nach ein paar Jahren wieder jemand anderen gefunden hat, mit dem man nicht allein ist, der einen auch irgendwie bereichert, aber von dem man nicht abhängig ist, was unterscheidet dann die Liebe von der Affäre? Dass man seine Freunde vernachlässigt, dick wird und statt auszugehen, einen DVD-Abend nach dem anderen schiebt? Oder dass längere, distanzlose und stabilere Beziehungen geeigneter sind, wenn man sich reproduzieren möchte? Weil man sich dann die Aufpassarbeit einteilen kann? Weil einer dann entscheiden kann, zu Haus zu bleiben? Naja, schon klar. Einer muss ja rackern gehen und seinen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Ist dann schon sozial verantwortungsvoller, wenn man sich da seine Entlastung sucht, relativ regelmäßiger Sex inklusive.
Ich spucke noch mal treffsicher und lege die Zahnbürste dann zurück zu den vielen anderen.
Es ist schon ein seltsam Ding: Einen einzigen Freund oder eine einzige Freundin zu haben ist ziemlich langweilig und schränkt ein. Aber in der institutionalisierten Liebe ist es das menschlich fördernste, wenn man zu zweit bleibt? Partnerschaft? Irgendwie hört sich der Begriff so gar nicht nach Liebe an, eher nach einer Firmenfusion oder so.
Ich bleibe noch eine Weile im Badezimmer.
Naja, wenn man verliebt ist, hat man ja kaum einen Blick für einen anderen Menschen. Oder doch? Aber eben nicht gleichzeitig, sondern über Jahre hinweg? Ist es eigentlich verwerflicher, jemanden mit tiefschürfenden Gedanken zu betrügen, oder tiefschürfenden... Naja, lassen wir das. Verwerflich, ich bitte mich. Überhaupt, die schwierigste Beziehung habe ich eigentlich mit mir selbst. Nie bin ich zufrieden, immer könnte ich mal etwas mehr an mir arbeiten, mir etwas mehr Beachtung schenken, mir einen Ausgleich suchen, mehr Perspektiven und Kompromisse zulassen. Nicht einfach mal etwas in Ruhe lassen, immer habe ich was zu meckern. Ich bin so ein Kräfte zehrendes, lang andauerndes Projekt!
Die Liebe dagegen, so wie ich sie fühle und beschrieben hab, die ist doch einfach da oder nicht. Da gibt es nichts zu überlegen, ob die gut oder schlecht ist, kurz oder lange. Wann sie anfängt und wann sie aufhört, das kriege ich schon mit, empfindlich, wie ich bin. Was hat denn ein Partner damit zu tun? Geht den doch nichts an.
Wunsch nach besinnlicher Zweisamkeit ist ein Konstrukt. Gefühle sind zu präsent, um eins zu sein. Und zu kompliziert, um im 5 Jahrestakt anzufangen und aufzuhören. Das sind so die Selbstläuferprojekte. Partnerschaften, naja, wer sonst nichts zu tun hat, im Leben.
Ich sollte mir mal wieder eigene Zahnpasta kaufen, anstatt sie von meiner Mitbewohnerin zu klauen.

29. August 2010

Zu viel Herz braucht aber nun auch kein Mensch.

Denn zu viel Herz macht auch dumm. Für was kann man denn schon alles ein Herz haben? Für sehr, sehr vieles. Und dann wird man letztendlich auch nicht mehr, sondern kreist nur um sich und sein Herz und wer ihm helfen kann und wem man helfen kann, damit das Herz noch wärmer ist. Doch ein andauernd von außen und in wohltätigen Streicheleinheiten mikrowellenartig aufgewärmtes, selbstgefälliges Herz nützt niemandem etwas und am wenigsten dir selbst. In meiner wahrlich zynischsten Stunde dachte ich mir einst diesen groben Aphorismus aus: Altruismus ist auch nur Egoismus für Hippies. Und am schlimmsten sind die Egoisten, die sich als altruistische Hippies verkleiden.
Das ist keine Klageschrift, übrigens, mehr eine Selbsterkenntnis.
Ich möchte etwas mehr denken und etwas weniger fühlen. Denn ich bin selbstgefällig geworden in meiner Sklaverei des Herzens. Mit Emanzipation hat das nicht mehr viel zu tun, jedenfalls nicht mit
der des Herzens. Sexuelle Emanzipation mag gut vorangehen, doch laufe ich auf einen Weg zu, auf dem ich mich selbst ernähren kann? Nö. Ist das ein Strukturproblem? Maybe a lot. But a personal problem, too. Everything I do is just the Ergebnis of my personal problems.
Das Herz ist angebunden an so manche Biologie. Ein Freund von mir gestand mir mal, er wolle Herz ohne Biologie und er wusste nicht, ob dies überhaupt möglich sei. Die Frage kam mir ziemlich unsinnig vor; selbst wenn, ja warum denn? Ist doch ziemlich schön so, dass das so ist, dass sich Herz und Biologie meistens ja doch ein bisschen vermischen, und oft hat der Kopf sogar auch noch ein paar Takte dazu zu sagen. Wir sind keine "human animals", wie Kinsey uns (als Menschen) betitelte. Jedenfalls nicht, wenn das bedeutet, dass unser Sexualverhalten ausschließlich der (körperlichen) Bedürfnisbefriedigung geschuldet ist. Spontaner, 10-15 minütiger Sex unter Fremden ist auf der einen Seite eine Befriedigung von Trieben, und natürlich körperlicher, ich bin mir aber fast sicher, dass zum Großteil auch die persönliche Identität und psychische Bedürfnisse eine Rolle spielen.
Wie sähe denn so ein Herz ohne Biologie aus? Es würde wohl möglich keine Rührung angesichts eines Kindergesichtchens erkennen, in der warmen Umarmung eines Freundes oder einer Freundin keine Geborgenheit finden, es würde kaum etwas schön finden. Ich finde nicht, dass das noch ein schönes, kluges, und vor allem wohltuendes Herz wäre. Es mag überraschen, verfechte ich doch immer die Meinung, viele vermeintlich klaren biologischen Unterschiede seien in Wahrheit soziale Prägung. Doch gibt es wohl einfach keine so klare Trennung meinerseits. Uns für unsere Triebe zu entschuldigen, bestimmte, unverständliche Verhaltensweisen auf rein biologische Umstände zu schieben, das halte ich für großen Müll. Aber ebenso großer Müll ist es, unser Verhalten völlig von jedem anderen in der Natur zu trennen. Sagen wir mal so. Ich will kein Herz ohne Biologie. Ich will aber auch kein Herz ohne Ratio. Und weder Sklave meiner Biologie noch meines Herzens noch meiner Ratio sein. Wie viel Versklavung doch aus uns selbst kommen kann!
Ich bin traurig, obwohl ich ein Arcade Fire Ticket habe. Oder eher, ich bin traurig, weil ich ein Arcade Fire Ticket habe. Ich bekam es nämlich nur, weil jemand plötzlich gestorben ist.

25. August 2010

Bittersüß.

Bittersüß! Allein der Titel schon! Wie abgedroschen bin ich denn! Und doch.
Wie soll man es anders beschreiben, wenn man sich den Kaffee zu stark kocht, und dann Milch und Vanillepulver hineingibt. Es schmeckt bittersüß.
Bittersüß ist es, alte Geschichten zu reflektieren, die nicht immer schön sind, es aber mit einem Menschen zu tun, den man schon sehr lange kennt. Und das ist schön. Aber: Macht das Spaß? Ist das Leben? Macht Leben Spaß? Struggelt es mich einfach nur durch? Wie ist das? Anzukommen in einer Stadt, einem Dorf, bei Menschen, die einem viel bedeuten. Es hat eine Art von Lebendigkeit aus den 80iger Jahren, dabei habe ich in den 90igern hier gewohnt. Bittersüß ist das Leben. Mir fehlen grade ein wenig die Worte.
Vielleicht schieben wir mal eine Information, einen hard fact dazwischen:
Ein Gedicht von mir wird in dem Anthologieband der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte erscheinen, er heißt "Ausgewählte Werke XIII". Das ist so ein richtiges Buch, eines, das man kaufen kann und es wird ein Gedicht von mir drin stehen.
Bittersüß.
Körperlichkeiten gegen Schmerzen im Herzen statt den einen Schmerz für den anderen auszutauschen.
Dann ist das mit den Träumen auch gleich erledigt.
Oder mit dem Träumen?
Bittersüß.
Jegliche Befindlichkeit in Buchstaben wandeln, als gäbe es diese Gefühle zum Zeitpunkt der Entstehung in mir zum allererersten Mal.
Ja, versprich mir, zu fliegen, so oft wie du willst.
Du kannst doch fliegen und du möchtest und du musst.
Bloß, hinfliegen darfst du nicht, versprich mir, bitte fall nicht, und wach nicht auf, um 4.48 und schreib nicht alles auf, was dir durch den Kopf geht und lass es posthum aufführen auf einer Theaterbühne. Fall nicht hin, bitte, fall nicht. Bitte.
Bittersüß.
Und wem das jetzt noch fehlte, bitte, ich bediene gern.

7. August 2010

Teilst du mit mir Tisch und Steckdose?

Es war ein Wetter ganz nach meinem Geschmack heute. Warmes, nieseliges Rollschuhfahrwetter. Ich habe leider keine Rollschuhe mehr (und ich meine übrigens wirklich Rollschuhe, nicht Inline-Skates, ich bin doch nicht lebensmüde!), aber ich habe einen Laptop und das Bedürfnis, in einen Plattenladen zu gehen. Ich bin plattenkauftechnisch nicht erfolgreich, um das einmal vorweg zu nehmen. Die ersehnte Team-Dresch-Platte ist noch nicht mein eigen, auch die neue Arcade Fire ließ ich mir erst einmal stecken.
Ich blieb also mit meinem dauernden Bedürfnis zu schreiben an diesem rollschuhwettrigen, edelgrauen, turnschuhigen Tag im Prenzelberg und begab mich in ein Lokal, um zu schreiben. Das lief auch wie geschmiert, bei Zitronenwasser und Milchkaffee, ich war so schön allein da drinnen, alle anderen draußen, türlich, ist ja Sommer oder so. Die Bedienungen waren nicht aufdringlich und ich konzentriert as hell. Bis schließlich ein Mädchen mit einem riesigen Rucksack den Raum betritt. Da ich gestern auch noch einen riesigen Rucksack mit mir herumtrug, bekam sie sofort meine volle Sympathie. Man wird schließlich immer so doof angeschaut. Als wäre man eine enorme Schnecke, die ihr zuhaus auf dem Rücken tragen muss, weil woanders kein Platz dafür ist. Und wenn es so wäre, hm?
Sie fragte nach W-Lan und einer Steckdose, setzte sich aber nicht neben mich, an den Tisch mit der Steckdose. Sondern auf einen Barhocker, an einen ungastlichen Nebentisch und ihr Kabel legte sie grenzenbildend über meinen großen schönen Tisch, an dem ich auf einem delikaten Holzklappstuhl saß. Wenn mein Akku leer wird, grabe ich den aus, schimpfe ich innerlich!
Natürlich wird mein Akku leer und natürlich hat die schöne Fremde die Steckdose immer noch in Gebrauch. Sie ein bisschen anstarrend, nehme ich dann doch kleinlaut meinen Fremdtischrechner und ziehe damit auf einen ebenso ungastlichen Barhocker um, neben dem eine andere Steckdose zu finden ist. Nun mit dem Rücken zu ihr, frage ich mich, warum es uns Großstadtindividualisten so schwer fällt zu fragen: "Teilst du mit mir Tisch und Steckdose?"

25. Juli 2010

Oh, wie gern hätte ich ein Boot.

Denn ein Boot zu haben, ist wohl schmerzhafterweise schon am allernächsten daran, im Wasser zu leben. Sofern es nicht die Möglichkeit gibt, eine Seejungfrau zu werden, muss ich mich wohl mit diesem Lebensziel begnügen. Wenn die andere Möglichkeit existiert, sagt mir Bescheid. Solange ich unter Wasser auch irgendwie schreiben kann, zieh ich sofort um.
Eine Freundin hat mir neulich die wunderschöne Geschichte ihrer Eltern erzählt. Die beiden sind schon sehr lange verheiratet und verbringen drei Tage die Woche in der Wohnung ihrer Mutter und zwei Tage lebt der Vater auf seinem Hausboot. Das ganze spielt sich in Amsterdam ab.
Träumte ich immer von einem Leben wild und frei allein, in einer winzigen, verkramten, aber schönen Wohnung in einer großen Stadt, einer solchen Wohnung, in der ich mich zwar wohl fühlte, doch nicht zu sehr zu Hause, denn mein Zuhause wollte fürs Gesamte die Welt sein, und für den Alltag meine Stadt, so träume ich tatsächlich temporär von einem solchen Leben auf dem Hausboot. Wo ich mit mir, meinen Gedanken und dem Wasser allein sein, um meiner Rastlosigkeit nachzukommen hin und wieder durch die Gegend schippern und dennoch ab und zu anzulegen würde, und mich auf jemanden freuen, der an Land ist und mit beiden Beinen auf der Erde verwurzelt. Nicht im Sinne von bodenständig, sondern von real, lebendig, konturenvoll. Ich selbst neige nämlich ein bisschen dazu, verwässert und wild durch die Gegend schwimmend zu sein, die Wellen ein bisschen zu sehr um mich selbst schlagend. Das finde ich nicht besonders schön, immer, nur manchmal.
Doch nur dieses Leben erreichen zu wollen, das scheint mir ebenso vermessen. Daher begnüge ich mich erst einmal damit, die Emanzipation der Herzen und deren Erreichung durch mein Tun- und damit meine ich durchaus Schreiben, Theater spielen, Textilien bemalen, Gedichte lesen, emotionalen Dringlichkeiten nachkommen- im Kopf zu behalten und am Wasser entlang zu laufen.
Ich empfehle in Berlin sehr, dies am Charlottenburger Kanal nahe des Schlossparks Charlottenburg zu tun. Es lässt sich hier auch hervorragend an einen Baum setzen, auf das Wasser starren oder lesen. Zum Beispiel die Biographie der Else-Lasker Schüler von Kerstin Decker "Mein Herz- Niemandem". Wie das Leben und die Briefe dieser kaputten Frau mein Herz zerspringen lassen! Mit ihrer Lyrik konnte ich noch nie so viel anfangen wie jetzt. Wie konnte Kafka sie nur als "Kuh vom Kurfürstendamm" bezeichnen?
"Kuh" ist ein frauenabwertendes Schimpfwort. Ich glaube, die Lasker spürte genau wie ich, dass es nicht gut war, sich durch sein "Frau-sein" zu definieren und erfand daher den Prinz von Theben, für den ihr Vater, der sie in Hosen steckte, den Weg geebnet hatte. Ebenso unangenehm war ihr ihr Frau-Sein, in den Augen der Gesellschaft und zu bestimmten Momenten, wohl bewusst und dass es vorteilsbringend, aber stechend sein kann, wenn das Frau-Sein ab und zu das Einzige zu sein scheint, das man hat. Dann hätte man gerne einen (Fisch-)schwanz und würde sich ins Wasser begeben.
Oh, wie gern hätte ich ein Boot.

20. Juli 2010

Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb.

Kennt ihr diesen alten, was ist das nur, ein Witz? Eine endlose Geschichte? Es ging so:

"Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb. In dem Korb lag ein Buch und da stand: Es war einmal ein Mann, der hatte einen Korb, in dem Korb lag ein Buch und da stand...u.s.w."

Dieser Witz, oder diese kleine Endlosgeschichte, das hat mich als 8-jährige mindgefucked.
Ich wollte ein Ende für diese Geschichte erfinden, am liebsten ein schönes, natürlich, aber auch ein unglückliches hätte mir gereicht.
Wahrscheinlich war mir die Traurigkeit dieser Geschichte schon damals bewusst, weil sie so sinnlos, unschön und gefühllos immer weiter geht. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn ich sie hörte. Und auch, wenn ich sie selbst erzählte, was ich in seltsam abgestoßener Faszination immer wieder tat.
Heute kenne ich die Geschichte anders. Sie macht mir aber immer noch Kopfschmerzen. Wenn ich sie erzähle. Sie geht so:

Es war einmal ein Mädchen. Das kaufte sich ein Buch. Und da stand:

"Dieses grüne Ding, dem jeder die Nestwärme anroch, hat sich in etwas mehr als einem Jahr in eine blaße, großäugige junge Frau verwandelt, die lernt mühsam, aber für die Dauer, dem Leben ins Gesicht zu sehen, älter und doch nicht härter zu werden."(Christa Wolf-Der geteilte Himmel)
Das Mädchen las das Buch nie zu Ende, daher weiß sie nicht, ob dem Mädchen in dem Buch sein gutes, hehres Ziel gelang. Sie weiß aber, dass, sie sich in dieser Textstelle wiederfand, ebenso wie der arme Mann sich buchstäblich in dem Buch in seinem Korb wiederfand.

Warum wohl der arme Mann ein Buch in seinem Korb mit sich herumtrug? Irgendwie macht mich diese Überlegung noch trauriger, aber auf der anderen Seite tröstet sie mich auch ein bisschen, denn dass der Mann einen Grund hatte, das Buch in seinem Korb mit sich herumzutragen, das gibt der Geschichte eine spannende, kopfschmerzenvermeidende Komponente. Überhaupt, egal, was der Grund ist, würde ich diesen Mann treffen, ich würde ihm den Korb einfach aus der Hand reißen und ihn zwingen, lieber mit mir oder irgendjemand anderem, spazieren zu gehen und zu reden, anstatt diesen Korb zu tragen, mit einem quälend langweiligen Buch darin. Egal, ob er zetert und schreit darüber, dieses verdammte Buch, das ihm so wichtig ist, dass er es in einem Korb mit sich herumtragen muss, zu verlieren.

Zurück zur neuen Geschichte:
Sie hatte das selbe hehre Ziel, wie das Mädchen in dem Buch. Doch je mehr sie sich von dem Buch entfernte und ihr eigenes Leben lebte, spürte sie, dass sie nicht mehr dieses Ideal eines reifenden Menschen vor sich haben durfte. Das vielmehr die Menschen um sie herum, sie als eine fixe Frau wahrnahmen, die so war, wie sie eben war, die Mädchenfrau mit dem Buch und dem Ideal. Und irgendwann hörte sie auf, dieses Buch zu lesen, vernahm die vielen Stimmen um sie herum, die teils schmeichelnden, teils ablehnenden, in denen sie sich nicht mehr zurecht fand. Nicht mehr wusste- und nicht wissen wollte- was Frau oder Mann sagte, was Freund oder Feind. Also hielt sie sich die Hände auf die Ohren und rannte. Teils nahm man sie an der Hand und wies ihr eine Richtung, teils rannte sie weg und nahm selbst eine andere. Wenn sie hin und wieder zur Rast kam, zwang sie sich, ihr Ideal zu vergessen und ihr Werden pragmatischer zu fassen: "Werde ich Popliteratin, oder die Frau, die in die U-Bahn pullert?"
Und ironischerweise brachte sie diese Frage zurück zu ihrem Ideal. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie es nicht erreichen konnte, wenn der erste Teil der Frage ihre Antwort sein sollte. Wollte sie es allerdings nicht verraten, so würde der zweite Teil der Antwort ihr Schicksal sein.
Das Herz zerfraß ihr den Kopf. Popmusik machte sie empfänglich für die dringlichen Fragen, die aus ihr heraus sprachen. Und sie musste nun erneut rennen. Versuchte sie, jemanden nun an der Hand zu nehmen, nahm er sie ein Stück weit mit. Sie schien in eine Richtung zu gehen, die die ihre war, denn sie war sich sicher, solange man an einer Hand ging, die nicht wirklich an der Hand hing, jedoch am Herzen, konnte jeder in seine Richtung gehen, unter Stolpern, mit nackten Füßen, sich verletzend, aber doch in die richtige Richtung. Doch Gesetze der Hadronenphysik machten ihr schmerzhaft bewusst, dass es nicht funktionierte. Physik war eben noch nie ihre Stärke gewesen.
Also rannte sie weiter. Und fiel auf die Knie und las das Buch nicht zu Ende.
Ob das Mädchen immer noch rennt, das Buch in dem Kopf, in dem stand, dass sie nicht rennen sollte, und es dennoch tuend, das kann ich nicht sagen. Ich habe die Geschichte noch nicht zu Ende gehört. Ich bin mir noch nicht sicher, ob es ein Buch ist, bei dem man auf Seite 21 aus Langeweile stecken bleibt, und es zuschlägt. Oder ob es einfach nur eine endlose Geschichte ist. Nennen wir sie einen Witz, wie der mit dem Mann mit dem Korb, der natürlich gar keinen Grund für das Tragen von diesem hat. Er ist einfach nicht ganz richtig im Kopf.
Oder ob ich mir für diese Geschichte tatsächlich mal ein Ende überlege, anstatt Kopfschmerzen davon zu bekommen? Endlos rekursiv und dann return.

12. Juli 2010

Verstecken.

Manchmal möchte man sich verstecken. Wenn etwas richtig Blödes passiert ist. Vielleicht nicht man, sondern ich, handhabe jedenfalls immer noch die Methode, des Hände über die Augen haltens- ich bin ja weg, in meiner eigenen Welt, es ist also nie passiert.
Wenn man dann noch drei mal "Entschuldigung" sagt, dann ist es wirklich nie passiert. So dachte die vierjährige.
Die 21-jährige weiß, dass es eine Art von Moment gibt, in dem man die Hände lieber nicht zu lange über den Augen behalten sollte, um das Unglück oder die, denen man ein Leid, ob absichtlich oder unabsichtlich, angetan hat, anzusehen. Und zu verstehen, dass "Entschuldigung" sagen, für einen Moment dazu führt, dass die oder der so um Vergebung gebetene die Situation entspannt, durch ein Wort, eine Geste oder einen Blick, der Zuneigung versichert. Die temporäre Situation ist gemeistert, aber was passiert ist, ist passiert und wird seine Konsequenzen haben. Aber besser sehenden Auges und mit Blick auf das Gegenüber, als mit Händen verdeckt und in sich gekehrt.
Manchmal möchte man etwas verstecken. Ein Geschenk, dass der/die zu Beschenkende nicht vor dem Überraschungstag erblicken soll. Ein Gefühl in einem Satz, der stilvoll und originell klingen soll. Ein vorantreibendes Handeln in einer scheinbar zufälligen Geste.
Manchmal denkt man, das etwas versteckt ist, obwohl da gar nichts ist. Man nimmt in Gesprächen unter Freunden war, dass es um eine Überraschung ginge, denn man hat ja bald Geburtstag. In Wirklichkeit ging es aber um etwas, dass man einfach nicht wissen sollte. Man sucht in einer Äußerung nach versteckten Deutungen auf eine verheißungsvolle Sache. Und realisiert später, dass es weder Verheißungen, noch Beteuerungen, sondern schlicht ausweichende, aus der Affäre ziehende Antworten waren. Manchmal sieht man in einer mit dem Fuß umgestoßenen Apfelsaftflasche, dass sich jemand aus der Affäre ziehen will. Dabei ist man manchmal einfach ungeschickt. Dann passiert etwas Blödes und man möchte sich verstecken und dreimal "Entschuldigung" sagen und wünschte, es wäre nie passiert.

9. Juli 2010

Alberne Zahlen!

Aus eins mach zwei
Aus zwei mach eins
1+1 = 2
2 -1= 1
2 -2 = 0
Mindestens 1 muss verloren gehen.
So möge doch eher die
Zweisamkeit verderben,
als dass zwei Individuen in einem Bette
sterben.

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