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16. September 2012
Ich trag Pink, und das aus politischen Gründen.
Ein Freund hat mir mal zugetragen, er hätte zu einer gemeinsamen Freundin gesagt: "Manchmal ist Regine eine richtige Tussi, ich meine das aber liebevoll."
"Ich trage Pink ja auch aus politischen Gründen", habe ich dann entgegnet, obwohl es eigentlich um etwas anderes ging. Und so meine ich auch den Titel "Schlampe" liebevoll, aber nur, wenn ich ihn mir selbst zugestehe. Oma und Mutter verwenden ihn gar weniger liebevoll, wenn sie damit auch weniger auf meine Sexualität oder mein äußeres Erscheinungsbild hinweisen, denn auf den Zustand meines Zimmers.
Aus all diesen Gründen, und noch viel mehr fand ich mich heute auf dem Slutwalk 2012 ein, nachdem ich den ersten Berliner Slutwalk im Jahr 2011 verpasst habe, weil ich mich nicht in Deutschland aufhielt.
Der Tag des Slutwalks begann sehr nervig, da ich ja schon wieder erst seit kurzem im Lande bin, noch einiges zu regeln habe, und daher das Transpi mit dreien der besten Bikini-Kill-Zeilen, vielleicht der ganzen Musikgeschichte überhaupt:
"Just 'cause my world, sweet sister, is so fucking
Goddamn full of rape--Does that mean
My body must always be a source of pain?"
in unangebrachter Eile dahinschmierte, wobei mich die zerbrochene Acrylfarbendose mit einem Schnitt daran erinnerte, dass ich sie viel zu lange unbeachtet gelassen hatte.
Eindruck machte es anscheinend trotzdem- zumindest bei Photographen der dpa:
http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00383/slutwalk-berlin8_383480a.jpg
Aus der Eile resultierte jedoch auch ein erstes positives Erlebnis hinsichtlich Solidarität auf dem slutwalk: Ein paar MitdemonstrantInnen boten mir kurzerhand ungefragt ihren Edding an, nachdem sie nur die Rückseite meines Schildes sahen, auf der bereits die Vorzeichnung zur nichterledigten Songfortsetzung:
"NO NO NO! I believe in the radical possibilities of pleasure, Baby!" geschrieben stand. Auf diese kurze Welle der Liebe und Anerkennung, als ich ihnen die hoffnungsgrüne andere Seite zeigte, folgte die Ernüchterung: Der Platz vor dem Brandenburger Tor war viel mehr mit TouristInnen und FotografInnen gefüllt, als mit SlutwalkerInnen. Erstere machten sich aber umso ungenierter über die Protestierenden her, schossen Photos, bedrängten uns mit ihren Kameras, als besagtes Foto (mit unserer Erlaubnis!) entstand, schrie ein Mann: "Los, und jetzt tanzt!"
Irritierend, weil ich mir für diesen Tag ganz egozentrisch sehr viel Kraft sammeln wollte, stellte er doch neben allem universalen Engagement auch eine persönliche Verarbeitung dar, und mich daher nicht als awareness-Person oder Ordnerin gemeldet hatte, blieb mir nun nichts anderes übrig, als selbst aufdringliche FotografInnen darauf hinzuweisen, doch bitte wenigstens vor und während der Demo zu fragen, ob die Demonstrierende bereit war, fotografiert zu werden. Offensichtlicher Zoom auf die Brüste, Verfolgung- nach dem Motto: Alles muss, nichts kann wurde die Dokumentation in einem zynischen Sinne ernst genommen. Einer der Sätze, die mir bitter in Erinnerung bleiben werden, war der einer condemonstrierenden Freundin: "Ich trage heute das erste Mal seit sechs Jahren Ausschnitt, und ich weiß genau, warum." Und auch ihr Ringen mit dem mehr als verständlichen Bedürfnis ihre Jacke anzuziehen, um sich vor Blicken zu schützen, und der Überzeugung, dass es richtig ist, so zu bleiben, wie sie war. Und sie blieb.
Und ich blieb pink, mit dem Räuberhöhle-Supergirl auf der Brust und der Scham auf Grund meines Zögerns, die VeranstalterInnen zu unterstützen und dem Vorhaben, dies nächstes Jahr auch offiziell zu tun. Es fehlte wahrhaft an Personal, und die Stunde, bevor der Lauf startete, wird mir als eine Stunde des Zorns und der Schutzlosigkeit im Gedächtnis bleiben. Während des Laufs selber wiesen die RednerInnen darauf hin, dass auch das Belästigen durch ungewolltes Fotografieren eine Form der Machtausübung darstellte, gegen die sich der Walk richtete. Eine gute Idee war der safe-space hinter dem zweiten Wagen, bei dem mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass hier fotografieren verboten war. Von einem Beobachter worde ich allerdings darauf hingewiesen, dass der Begriff rape-culture verstörend wirken konnte, für denjenigen, der ihn nicht verstand- so wie er. Die Diskussion um eine integrierende und überzeugende Repräsentation der Ziele des Slutwalk- Bekämpfung der Verharmlosung von sexueller Gewalt, von victim-Blaming und einer Gesellschaft, die sexuelle Belästigung und Gewalt institutionell und sozial fördert, und der Einforderung von Selbstbestimmtheit von Körper und Sexualität- bleibt also noch weiterzuführen.
Auch die Redebeiträge ließen noch einiges an Diversität und Inhalt- zum Beispiel Intersektionalität, gender-issues, die Diskussion um den Namen- zu wünschen übrig. Dies ist aber nicht nur Kritik, sondern auch eine Aufforderung an mich selbst und andere, denen es in ihrem Empfinden ähnlich ging, sich nächstes Jahr noch aktiver, als dies ohnehin schon mit der selbstbewussten Teilnahme am Walk getan wird, an der Demonstration zu beteiligen. Ich kann meine-in Bedingtheit beschämte- Erfahrung des diesjährigen Slutwalks nur als Ermutigung beschreiben, ihn als Teil der Biographie, zur Forderung der eigenen und fremder Rechte, zum Schutz und zum ins Bewusstsein rücken mitzuerleben.
Gefreut haben mich neben der eigenen Selbstbewusstseinstärkung und der Verfestigung von Konfliktbewältigungststrategien auch die verschiedenen TeilnehmerInnen des slutwalk. Mehrere Gender und Altersgruppen waren vertreten, sowie die unterschiedlichsten Kleidungsstile, weitaus bunter und individueller als sich es die brüsteheischende Beobachterposition wohl gewünscht hätte. Zum Lieblingstranspi kürte ich: "Mein schöner Arsch ist auch zum Furzen da" und zum Lieblingst-shirt-neben meinem eigenen, danke Phillipi und Lena an dieser Stelle- die KatzundGoldt-Rumpfkluft mit dem Slogan: "Stehen Sie auf und berichten Sie mir laut und deutlich von ihren sexuellen Erlebnissen!"
Lieblingsmusik: Das Trommelteam, dass in ihrer Abschlussrede auch das Engagement gegen jegliche Diskriminierung betonte. Und sonst war es musikalisch auch spitze. Weiteres künstlerisches Engagement-auch von mir!-wäre wünschenswert, Gegenphotographie (das nächste Mal Kamera mitnehmen!) als alternative Form der Berichterstattung zum Beispiel. Performances, um die Zeit vor der Demo nicht mit angegafft werden und sich ärgern zu verbringen, und die freundschaftliche Stimmung der Demonstrierenden nicht schon im Vorhinein zu trüben. Aber auch ganz pragmatisch könnte man- ich- diese fördern, zum Beispiel, in dem man gemeinsame Bahnfahrten plant, denn es ist durchaus nicht angenehm, als -vermeintlich-einzige slut im öffentlichen Verkehrsmittel von Charlottenburg nach Mitte angegafft zu werden. Beziehungsweise gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man dies allein bewältigt, und sich keine Sorgen machen muss, dass die FreundInnen wohlbehütet zu Hause ankommen. Ebenfalls eine Notiz an mich gewesen ist es, sich die Laufroute im voraus sorgfältig einzuprägen, um späteren Dazustoßenden telefonisch problemlos Koordinaten durchgeben zu können. Es wäre auch ratsam, sich mit eigenem Informationsmaterial zum Verteilen zu versorgen, Transpiworkshops zu organisieren- zum offiziellen konnte ich nicht, und das wird anderen wohl auch so gegangen sein, sich mit genügend Softgetränken und Proviant auszustatten, und zu überlegen, wem man Foto und Interview gestattet, oder auch nicht. Wahrscheinlich ließe sich die Liste endlos fortsetzen, aber ich möchte mich einmal auch loben: Nachdem mir heute eine Freundin steckte, dass es Ikeaintern nicht gestattet ist, die Geschirrtransportkartons des Möbelhauses zweckzuentfremden, freue ich mich, dies gewinnbringend getan zu haben, in dem ich aus einem ebensolchem ein Transpi baute, dass sich als sehr stabil und tragbar erwies. Man kann damit auch ganz im Räuberhöhlestil während der Demo ein Puppentheater veranstalten, es beim Tanzen beweglich halten- und ganz im Ikeasinn auch wiederverwenden: Als verdammt cooler Geschirrtransportkarton! Ein reiner Bikini-Killer eben.
Der Slutwalk Berlin 2012 hat vor allem bewiesen, dass er nötig ist- Reaktionen von BeobachterInnen und JournalistInnen haben das schon heute gezeigt. Ich bin gespannt und bereits grundverärgert bei der Vorstellung, was alles bis zum nächsten passieren wird.
8. Juli 2012
4 Uhr morgens erwartet Dich keiner: oder möbliert ist eben schon.
Um 8 Uhr morgens wende ich mich im Bett um. Eine halbe Stunde lang, und noch eine. (Ja, manchmal Stunde, glaube ich kaum zuzugeben.) Schaffe ich es, Kleidung um mich zu hüllen, sieht ihr jeder an, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Die Kleider erwecken den Eindruck, als befänden sie sich noch im Schrank, und ich mich im Bett, weil doch jeder sehen kann, dass wir noch nicht zusammen gehören, vielmehr an unseren Bestimmungsort zurückstreben, sie so also konvex um mich wehen, mich erst recht auf zwei Zentimetern Pfennigabsätzen unglaubhaft machen.
Diese Nacht konnte ich wieder einmal nicht schlafen. Ich weiß, dass mir das in Berlin zweimal im Sommer geschah. Es hatte immer mit Prüfungen zu tun, erinnere ich mich, und weiß nicht recht, was ich davon halten soll, jetzt, wo keine ansteht. Ich plane also, den Kleidern ein Schnippchen zu schlagen, jetzt aufzustehen, Achseln und Beine zu rasieren, und in die Businesskleidung zu schlüpfen, mir ein prächtiges Frühstück einkaufen zu gehen, und so endlich auch den Eindruck zu erwecken, um 10, ich sei schon seit Stunden wach und hätte einiges erledigt.
Aber man muss nicht einmal eine dekadente Langschläferin sein, um frühmorgens von niemandem erwartet zu werden. Im Supermarkt kann ich mich für keinen Käse entscheiden, (In Krakau gibt es einfach keinen salzigen Käse. Wie überhaupt kein wirklich würziges Essen. Ich war im indischen-, im Thai-Restaurant- entweder habe ich mir seit 15 Jahren tatsächlich die Magennerven oder so verätzt, oder ich habe Recht.) und der Putzmann wird wütend, denn nachdem um 3:30 neben mir die letzten Partyeinkäufer heraustorkelten, rechnet er einfach nicht mit einer Person, die unschlüssig das Käseregal auswendig lernt. Er weiß nicht, dass besagte Person tagsüber in einem Museum arbeitet, und Informationen durch das zirkelhafte Beschreiten allein aufnehmen und wiedergeben kann. Ich gehe spazieren, und auch hier erwartet mich keiner. Nicht das Pärchen, dass sich an jedes Schaufenster presst und küsst, auf dessen Route wir uns treffen. Nicht der Hundebesitzer, der eine Stunde wähnt, in dem niemand ihn erschreckt auf Deutsch anschreien kann. Der Betrunkene nicht, der nachdem er mich catcallte gar nicht weiß, was er in meine rotunterlaufenen Augen sagen soll, und der dann vorbeitorkelt, ohne, dass ich etwas tun muss. Gibt es eigentlich eine Grauzone zwischen "Reclaim the night" und Morgenspaziergang? Der Obdachlose wacht auf und sieht mich erstaunt an, als hinter mir die Hoftür ins Schloss fällt. Gemeinhin nächtigt er doch unbemerkt im Hinterhof unter meinem Fenster. Zurück vor diesem, mein Teilchen Stadt vom Aquarium aus betrachtet, stelle ich fest: erwarten tut mich auch nicht die schwanzlose rote Nachbarskatze, der der Kater aus "Breakfast at Tiffanys" ist, und der nicht versteht, wie ich ihm herzlos das Fenster öffnen und doch mein Zimmer verschließen kann. Das Zimmer selbst liegt im ersten Licht des Morgens... Im Spaziergang habe ich gerade gemerkt, wie schön die Stadt ist, in der ich lebe. Wenn die Temperatur gut ist, noch keine Autos fahren... Ein paar verirrte, letzte Taxis, kleine Schnarcher einer ansonsten gleichmäßig atmenden, schlafenden Stadt. Wie bezaubernd die roten Kirchdächer, wenn ihre Glocken nicht klingen, wie einladend Cafés wirken, wenn keine Menschen sie füllen. In der Küche weit das Fenster öffnen. Es im Zimmer der Katze verschließen. Das Kleid ordentlich am Bügel aufhängen, das Bett machen, das im Wandschrank steht. Die Räume sind hoch, in Altbauten üblich, auch in den herzlos sanierten, der Hinterhof mit seinen Balkonen allerdings bleibt geteilt und angenehm unangemessen intim.
Es ist ein neues möbliertes Zimmer, zwei Tische, ein Sofa, ein Sessel, ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Wandschrank, in dem sich das Bett befindet. Das Schönste bisher, und wie ich so wandelte, um diese Zeit, in diesen Graden, hier könnte ich bleiben, das habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Leichten Herzens hatte ich das letzte Zimmer zusammengepackt, die im Sommer nutzlos gewordenen samtenen Hosen und Röcke, geschäftig-knisternden, glänzenden Blusen, schwere, sanftmütige Mäntel. Aber auch die Leinenstoffe, die ich mir hier umhüllte, die einzigen, die ich nicht wünschte, von mir zu weißen. Das löchrige Bettuch, einzig dazu bestimmt, hier gelassen zu werden. Und während ich Schritt für Schritt, versuche eine Hängebrücke zu betreten, bei der ich nicht sicher weiß, aber hoffe, nicht wieder hinter mir alle Seile trennen zu müssen, die die hölzernen Pfosten, die irgendwas das irgendwie meiner Identität zusammen hielten, sondern vielmehr soll sie das Zurückgehen nicht nötig, aber möglich machen, ja, geade kann ich sogar manchmal um mich blicken und den Wald riechen, in dem Hängebrücken gebaut sind, und all die Sträucher zwischen den Pfosten, ebenso, wie trotzdem und immer: Leben heißt zwischen fremden Stühlen, möbliert ist es eben schon.
5. April 2012
Das Internet ist mein Pony, der Kosmos mein richtiges Pferd!
Ich führe eine doppelte Existenz im Internet, sie heißt mal bookishasearlgrey, mal sommer hier, mal nachtmar, schreibt für mich Gedichte, Prosa, Essays und manchmal sogar Tagebuch und entwickelt sich zu einer selbstlaufenden, zweiten Realität, der meine FreundInnen manchmal mehr glauben schenken als der Regine Glaß aus Fleisch und Blut. Ich schreibe gefühlvollere E-Mails, als mein Herz mir zu fühlen erlaubt und halte manche Pointen im Leben zurück, um sie auf Facebookpinnwände der Betreffenden zu verewigen. Ich euphoriere im Klappentext zu meiner Internetseite über die Autonomie digitaler Literatur und bin Mitglied in einem literarischen Teamblog. Meinen Backkatalog an Texten aus den letzten drei Jahren kann man samt und sonders bei keinVerlag durchblättern, auf myspace liegen auch noch ein paar Jugendsünden, und meine zeitgenössische deutsche Lieblingskünstlerin heißt Lena Knaudt, deren Literatur, Bilder und Filme ich zu Hause nur über ihre Website, ihren youtubechannel und keinVerlag rezepiere. Ich spreche eigene und fremde Texte als Hörstücke ein und stelle sie auf meinen oder den Seiten von Freunden online.
Und trotz all dem würde ich mich niemals als einen digitale bohéme bezeichnen.
Die ehrliche Wahrheit ist: Ich veröffentliche doch nur im Internet, weil ich mich noch nicht reif genug für einen Verlag fühle und trotzdem an Geltungssucht leide, und möchte, dass jemand meinen Rotz liest. In E-Mails kann ich mich von der besten Seite zeigen, ohne an meine Körperhaltung zu denken. Manche Witze und Bemerkungen erscheinen mir zu geistreich, als dass ich sie einfach dem Pöbel anvertraue, das heißt den FreundInnen und Bekannten, ich möchte, dass sie noch für mehr Menschen sichtbar sind, damit sie überhaupt wirklich gewertschätzt werden. Würde es einen Markt für Lyrikanthologien geben, der nicht auf Kosten der AutorInnen geht, würde ich all meine Freizeit in das Herumschicken von Manuskripten investieren. Ich bin zu faul, meine Texte ordentlich zu archivieren und überhaupt Sicherungen meiner Festplatte vorzunehmen. Meist schreibe ich die Texte spontan einfach ins Artikelformular des jeweiligen Blogs. Ich kriegs nicht hin, mein myspaceprofil zu löschen (obwohl da auch steht: more to love!, hihi). Lena Knaudt versüßt mir kostenlos jede Mußestunde, aber ich wünsche ihr nichts sehnlicher, als einen Verlag, einen Job in der Filmbranche oder eine Ausstellung. Ich fände es furchtbar, wenn die Welt nicht von ihr erfährt. Seit ich aus der Literaturbühne geschmissen wurde und die Berliner Lesebühnen mich nicht überzeugen, vermisse ich jede Gelegenheit, meine eigene Stimme zu hören.
Empfehlungen, Favorisierungen, Daumen nach oben und liebe Kommentare retten mir manchen Tag, aber wisst ihr, was mich wirklich glücklich gemacht hat? Mein erstes Gedicht gedruckt zu sehen und für meine erste Rezension im Missy Mag bezahlt worden zu sein! Meine erste, eigene Lesung! Mich zum Literatursalon mit meinen FreundInnen zu treffen und uns Sachen vorzulesen und zu kritisieren! Wie altmodisch! Und wie berechnend!
Nein, ich bin kein Digitale bohéme aus Leidenschaft, sorry, das war gelogen! Ich bin jemand, die wirklich gerne Schriftstellerin ist, ob haupt- oder nebenberuflich, und die nicht vom Land in die Stadt gezogen ist, um sich hier nur virtuell zu vernetzen! Nur ist das kulturelle Leben in Berlin nun manchmal angesichts der Ausmaße des gigantischen Potentials unterirdisch und die zugehörigen Menschen nerven und klüngeln. Da zieht man sich ins Netz zurück und macht vielleicht alles nur noch schlimmer. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich dies nicht ändern möchte. Nur: Ich sehe es eben auch als Möglichkeit, ich könnte zu schlecht, zu faul, zu verzettelt, zu feige sein, für Print und Bühne sein, anstatt die digitale Welt als dankbare Spielfläche zu vergöttern. Und es einen Zustand zu finden, dass viele begabte Menschen für lau arbeiten, weil sie nicht genügend Selbstvertrauen zur ständigen Selbstvermarktung haben. Ich würde mich jedem Lektorat anvertrauen, das mir hilft, meinen Roman zu veröffentlichen. Und kennte ich die richtigen Leute und Orte, ich gründete sofort ein Kaberett, eine Lesebühne, und erneut meine eigene Zeitung. Woher kommt diese plötzliche Real-Life-Versessenheit? Vielleicht taugt mal wieder die all-round-Antwort: I'm getting too old for this shit.
Und trotz all dem würde ich mich niemals als einen digitale bohéme bezeichnen.
Die ehrliche Wahrheit ist: Ich veröffentliche doch nur im Internet, weil ich mich noch nicht reif genug für einen Verlag fühle und trotzdem an Geltungssucht leide, und möchte, dass jemand meinen Rotz liest. In E-Mails kann ich mich von der besten Seite zeigen, ohne an meine Körperhaltung zu denken. Manche Witze und Bemerkungen erscheinen mir zu geistreich, als dass ich sie einfach dem Pöbel anvertraue, das heißt den FreundInnen und Bekannten, ich möchte, dass sie noch für mehr Menschen sichtbar sind, damit sie überhaupt wirklich gewertschätzt werden. Würde es einen Markt für Lyrikanthologien geben, der nicht auf Kosten der AutorInnen geht, würde ich all meine Freizeit in das Herumschicken von Manuskripten investieren. Ich bin zu faul, meine Texte ordentlich zu archivieren und überhaupt Sicherungen meiner Festplatte vorzunehmen. Meist schreibe ich die Texte spontan einfach ins Artikelformular des jeweiligen Blogs. Ich kriegs nicht hin, mein myspaceprofil zu löschen (obwohl da auch steht: more to love!, hihi). Lena Knaudt versüßt mir kostenlos jede Mußestunde, aber ich wünsche ihr nichts sehnlicher, als einen Verlag, einen Job in der Filmbranche oder eine Ausstellung. Ich fände es furchtbar, wenn die Welt nicht von ihr erfährt. Seit ich aus der Literaturbühne geschmissen wurde und die Berliner Lesebühnen mich nicht überzeugen, vermisse ich jede Gelegenheit, meine eigene Stimme zu hören.
Empfehlungen, Favorisierungen, Daumen nach oben und liebe Kommentare retten mir manchen Tag, aber wisst ihr, was mich wirklich glücklich gemacht hat? Mein erstes Gedicht gedruckt zu sehen und für meine erste Rezension im Missy Mag bezahlt worden zu sein! Meine erste, eigene Lesung! Mich zum Literatursalon mit meinen FreundInnen zu treffen und uns Sachen vorzulesen und zu kritisieren! Wie altmodisch! Und wie berechnend!
Nein, ich bin kein Digitale bohéme aus Leidenschaft, sorry, das war gelogen! Ich bin jemand, die wirklich gerne Schriftstellerin ist, ob haupt- oder nebenberuflich, und die nicht vom Land in die Stadt gezogen ist, um sich hier nur virtuell zu vernetzen! Nur ist das kulturelle Leben in Berlin nun manchmal angesichts der Ausmaße des gigantischen Potentials unterirdisch und die zugehörigen Menschen nerven und klüngeln. Da zieht man sich ins Netz zurück und macht vielleicht alles nur noch schlimmer. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich dies nicht ändern möchte. Nur: Ich sehe es eben auch als Möglichkeit, ich könnte zu schlecht, zu faul, zu verzettelt, zu feige sein, für Print und Bühne sein, anstatt die digitale Welt als dankbare Spielfläche zu vergöttern. Und es einen Zustand zu finden, dass viele begabte Menschen für lau arbeiten, weil sie nicht genügend Selbstvertrauen zur ständigen Selbstvermarktung haben. Ich würde mich jedem Lektorat anvertrauen, das mir hilft, meinen Roman zu veröffentlichen. Und kennte ich die richtigen Leute und Orte, ich gründete sofort ein Kaberett, eine Lesebühne, und erneut meine eigene Zeitung. Woher kommt diese plötzliche Real-Life-Versessenheit? Vielleicht taugt mal wieder die all-round-Antwort: I'm getting too old for this shit.
9. März 2012
8. März: Emanzipation der Herzen?
Was für ein aufregender Zufall! Ausgerechnet im Frauentag-Monat März ist der Gastblogger des popfeministischen Missy Magazine ein "Feminist mit Eiern" !"
Und dann erdreistet er sich auch noch über die Auszeichnung alleinerziehender Väter am Frauentag zu bloggen!
Ich, die Manifesterin der Emanzipation der Herzen, nicht von Männern und Frauen, blicke auf diesen spannenden Frühlingsbeginn ebenso janusköpfig enthusiastisch wie zweifelnd wie auf den Internationalen Frauentag überhaupt.
"Zunächst einmal", wendet Janus/Jana der LeserIn die neonpinke Wange hin, "warum zur Hölle ein Internationaler Frauentag? Was soll denn die reaktionäre Mann-Frau Scheiße?"
"Hallo?", die lilafarbene kanns nicht fassen und bewegt die Augenbraue zum Hochziehen gleich mit,
"Es braucht immer noch einen modernen Feminismus, Bitch !"
"Und dann, Fräulein alter Schule, geht es weiblichen cisgendern gut, und weiter?"
"Na dann, Fräulein Gender-Expertin, muss der Rest sich ebenfalls emanzipieren, und mit Feminismus hat das Ganze trotzdem zu tun!Noch nie was von struktureller Unterdrückung gehört?"
"Aha, und was ist mit den Vätern? Sollen wir wirklich, wie sich dieser Nelles wünscht, jetzt einfach das Topf-Deckelchen-Spielchen umdrehen und Managerinnen küren und ausnahmsweise Väter auszeichnen?"
"Da siehst Du's! Im Töpchen und Deckelchen liegt des Pudels Kern! Eine Auszeichnung und Anerkennung für Menschen, die sich im Ist-Zustand für einen so gehts auch -Zustand entscheiden ist ne super Sache. Aber braucht man dafür Preise, die Dinge ehren, die für den jeweils anderen Selbstverständlichkeit sind?"
Pff, alles irgendwie unberechtigt naseweis. Das Ganze ist doch wieder mal vor allem eins: Frustrierend. So frustrierend, wie wenn eine Gesellschaft einen Tag für ein Gender braucht, um daran zu erinnern, dass Gleichberechtigung noch Utopie ist.Ist es aber, sorry, welcome to reality, Femizisstinnen!
Und trotzdem: Von der privilege denying dude- Scheiße der restlichen Männerrechtsbewegung ist der Nelles Artikel weit entfernt. Er ist nett gemeint, er versucht den dekonstruktivistischen Gedanken, wie sinnvoll ein "Frauen-"Tag in einer wirklich nicht sexistisch erträumten Gesellschaft als Zeichen ist, originell anzubringen, ohne vorzugaukeln, dass alles gut so wäre wie es ist, vertut sich aber leider in der Umsetzung seines Beitrags gewaltig in Richtung kapitalistischer und pärchenlügnerisch-normativer Logik. Die gesellschaftliche Anerkennung, von berufstätigen Alleinerziehenden, auch von männlichen, ist leider ein genereller Missstand, und auf den darf auch am Frauentag hingewiesen werden. Das nächste Mal ein bisschen durchdachter, bitte. Ist ja schließlich ein Ehrentag.Oder bin ich nur so weich im Urteil, weil es durchaus anerkennenswert (aus Seltenheit!) ist, einen Beitrag von einem Feministen zum Frauentag zu hören?
Das erschien mir anscheinend im frühjahrserkälteten Hustensaftdelirium ebenso postenswert auf facebook einen Tag nach besagtem Fragentag, wie gestern M.I.A.s "Bad Girls"Video mit der Überschrift "8.3.Emanzipation der Herzen", was von 9 Personen, 5 männlichen und 4 weiblichen, mit dem nach oben gestreckten Daumen prämiert wurde. Hm, was nun an beiden Posts und der Beschreibung derer falsch sein könnte, dafür gibt es sicherlich und hoffentlich viele Lesarten.
Ich jedenfalls bin mir bewusst, dass in einer Welt, in der ich erlebe, dass in einem Gender Studies Seminar Genderzisstinnen fordern, ein gleichberechtigter, nicht sexistischer Umgang sei doch umsetzbar und gelungen, solange er in kleinen, gebildeten (natürlich nach unserem Begriff von Bildung!) Gruppen funktioniert und der Rest draußen bleibt, und wie andernorts ein sich selbst ausdrücklich als Mann bezeichnendes Individuum zu einem Opfer sexueller Belästigung sagt, einem Mann gingen schon einmal die Triebe durch, frau müsse nur deutlich ein "Nein!" signalisieren, sind der Anlässe, über Sexismus, Feminismus und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, nicht genug.
Daher bin ich, ebenso janusköpfig, sehr gespannt, auf die Genderessaywochen mit meinem Rauhfaserteam, welches seit diesem Monat auch ganz ohne Quote gleichberechtigt durchgegendert ist, an denen auch ich teilnehme. Zum Zeitvertreib gibt es dort die Gewinner(sic!) des Poesieschachtwettbewerbes zu lesen:
rauhfaser.keinejugend
Und dann erdreistet er sich auch noch über die Auszeichnung alleinerziehender Väter am Frauentag zu bloggen!
Ich, die Manifesterin der Emanzipation der Herzen, nicht von Männern und Frauen, blicke auf diesen spannenden Frühlingsbeginn ebenso janusköpfig enthusiastisch wie zweifelnd wie auf den Internationalen Frauentag überhaupt.
"Zunächst einmal", wendet Janus/Jana der LeserIn die neonpinke Wange hin, "warum zur Hölle ein Internationaler Frauentag? Was soll denn die reaktionäre Mann-Frau Scheiße?"
"Hallo?", die lilafarbene kanns nicht fassen und bewegt die Augenbraue zum Hochziehen gleich mit,
"Es braucht immer noch einen modernen Feminismus, Bitch !"
"Und dann, Fräulein alter Schule, geht es weiblichen cisgendern gut, und weiter?"
"Na dann, Fräulein Gender-Expertin, muss der Rest sich ebenfalls emanzipieren, und mit Feminismus hat das Ganze trotzdem zu tun!Noch nie was von struktureller Unterdrückung gehört?"
"Aha, und was ist mit den Vätern? Sollen wir wirklich, wie sich dieser Nelles wünscht, jetzt einfach das Topf-Deckelchen-Spielchen umdrehen und Managerinnen küren und ausnahmsweise Väter auszeichnen?"
"Da siehst Du's! Im Töpchen und Deckelchen liegt des Pudels Kern! Eine Auszeichnung und Anerkennung für Menschen, die sich im Ist-Zustand für einen so gehts auch -Zustand entscheiden ist ne super Sache. Aber braucht man dafür Preise, die Dinge ehren, die für den jeweils anderen Selbstverständlichkeit sind?"
Pff, alles irgendwie unberechtigt naseweis. Das Ganze ist doch wieder mal vor allem eins: Frustrierend. So frustrierend, wie wenn eine Gesellschaft einen Tag für ein Gender braucht, um daran zu erinnern, dass Gleichberechtigung noch Utopie ist.Ist es aber, sorry, welcome to reality, Femizisstinnen!
Und trotzdem: Von der privilege denying dude- Scheiße der restlichen Männerrechtsbewegung ist der Nelles Artikel weit entfernt. Er ist nett gemeint, er versucht den dekonstruktivistischen Gedanken, wie sinnvoll ein "Frauen-"Tag in einer wirklich nicht sexistisch erträumten Gesellschaft als Zeichen ist, originell anzubringen, ohne vorzugaukeln, dass alles gut so wäre wie es ist, vertut sich aber leider in der Umsetzung seines Beitrags gewaltig in Richtung kapitalistischer und pärchenlügnerisch-normativer Logik. Die gesellschaftliche Anerkennung, von berufstätigen Alleinerziehenden, auch von männlichen, ist leider ein genereller Missstand, und auf den darf auch am Frauentag hingewiesen werden. Das nächste Mal ein bisschen durchdachter, bitte. Ist ja schließlich ein Ehrentag.Oder bin ich nur so weich im Urteil, weil es durchaus anerkennenswert (aus Seltenheit!) ist, einen Beitrag von einem Feministen zum Frauentag zu hören?
Das erschien mir anscheinend im frühjahrserkälteten Hustensaftdelirium ebenso postenswert auf facebook einen Tag nach besagtem Fragentag, wie gestern M.I.A.s "Bad Girls"Video mit der Überschrift "8.3.Emanzipation der Herzen", was von 9 Personen, 5 männlichen und 4 weiblichen, mit dem nach oben gestreckten Daumen prämiert wurde. Hm, was nun an beiden Posts und der Beschreibung derer falsch sein könnte, dafür gibt es sicherlich und hoffentlich viele Lesarten.
Ich jedenfalls bin mir bewusst, dass in einer Welt, in der ich erlebe, dass in einem Gender Studies Seminar Genderzisstinnen fordern, ein gleichberechtigter, nicht sexistischer Umgang sei doch umsetzbar und gelungen, solange er in kleinen, gebildeten (natürlich nach unserem Begriff von Bildung!) Gruppen funktioniert und der Rest draußen bleibt, und wie andernorts ein sich selbst ausdrücklich als Mann bezeichnendes Individuum zu einem Opfer sexueller Belästigung sagt, einem Mann gingen schon einmal die Triebe durch, frau müsse nur deutlich ein "Nein!" signalisieren, sind der Anlässe, über Sexismus, Feminismus und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, nicht genug.
Daher bin ich, ebenso janusköpfig, sehr gespannt, auf die Genderessaywochen mit meinem Rauhfaserteam, welches seit diesem Monat auch ganz ohne Quote gleichberechtigt durchgegendert ist, an denen auch ich teilnehme. Zum Zeitvertreib gibt es dort die Gewinner(sic!) des Poesieschachtwettbewerbes zu lesen:
rauhfaser.keinejugend
17. Januar 2012
Neues vom Gedankenkater
Inmitten von Zwischenwelt
-Studium, Mutter und Vater,
wo sich's rigoros zu besaufen gilt,
räkelt sich Gedankenkater.
Hab ich's bequem, lass ich nicht zu viel liegen,
schaff ich's bis 10 noch die Kurve zu kriegen.
Lebendig zwischen Prokrastination, lernen und bangen,
nehms ich's Duell auf,
mir Ehr zu erlangen.
Feministinnenehrenwörter, Liebe und Wein,
die große Weltverbesserung,
aber billig, nicht schädlich!
soll's daneben noch sein.
Und wenn nachts um 2
dann die letzte Sirene schreit,
klopft mein Herz,
im Stakkato,
zum Stillstehen bereit.
Wenn dann noch der Kater meine schwere Brust bespringt,
flüster ich leise: "Gute Nacht, Gute Nacht"
der nächste Morgen beginnt.
-Studium, Mutter und Vater,
wo sich's rigoros zu besaufen gilt,
räkelt sich Gedankenkater.
Hab ich's bequem, lass ich nicht zu viel liegen,
schaff ich's bis 10 noch die Kurve zu kriegen.
Lebendig zwischen Prokrastination, lernen und bangen,
nehms ich's Duell auf,
mir Ehr zu erlangen.
Feministinnenehrenwörter, Liebe und Wein,
die große Weltverbesserung,
aber billig, nicht schädlich!
soll's daneben noch sein.
Und wenn nachts um 2
dann die letzte Sirene schreit,
klopft mein Herz,
im Stakkato,
zum Stillstehen bereit.
Wenn dann noch der Kater meine schwere Brust bespringt,
flüster ich leise: "Gute Nacht, Gute Nacht"
der nächste Morgen beginnt.
8. Juli 2011
Die Akkumulation des Wahnsinns
Heute fand an der Universität Potsdam eine Diskussion zum Thema Studiengebühren statt. Also nein, eigentlich war es eine Diskussion zum Thema Studienkonten. Nein. Eine Diskussion zum Thema "Bildung als Menschenrecht."
Anlass: 52 Millionen Einsparungen in der Bildung und Wissenschaft in Brandenburg. Antwort des Uni-Präsidenten: Man müsse sich vom Dogma der kostenfreien Bildung befreien.
Und man sind die Studierenden und die dogmabefreite Bildung erfolge auf Zeit, zum Beispiel mit einem Kontingent auf einem Studienkonto. Wer es verbraucht, muss zahlen.
Aber alles nur ein Missverständnis! Eigentlich hatte der Präsident Grünewald doch nur provozieren wollen, räumte er gleich im ersten Statement zu dieser Aussage ein. Um den Dogmatimus, dass Bildung etwas geschütztes sei, vor allem die Bildung an der Universität, in Frage zu stellen.
Er hatte die Studierenden zur Verantwortung rufen wollen, endlich einmal Bewusstsein dafür zu bekommen, was ihnen kostenlos jeden Tag Gutes widerfährt. Dozentin für Ökonomie und Bildung, Dr. Franziska Birke, bekräftigt ihn, indem sie bemerkt, sie habe während ihres Studiums nicht das Bewusstsein gehabt, sie verbrauche Geld.
"Es kann halt nicht jeder studieren", hätte Grünewald einer Studentin erläutert, als sie sich über die Doppelbelastung Arbeit und Studium beschwert.
Bestimmt in einem größeren Kontext, er könne sich nicht erinnern.
Wir, das Publikum, Studierende und Dozentinnen, dürfen keine Ko-Referate halten. Wir dürfen nur fragen. Sprachwissenschaftlerin Ute Sändig fragt gleich ganz viel, zum Beispiel, was denn mit dem Dogma sei, der ideale Akademiker sei ein weißer Mann ohne Bindung.
Promotionsstudierende Sabine Volk verteidigt die Dringlichkeit der Bildung als Menschenrecht, eine Dringlichkeit, die zu Chancengleichheit führt, nur mal so als Beispiel. Wem noch unklar, wofür das Bildung und alles.
Aber wir sollen ja nicht aus Prinzip blechen, sondern, um schön jung zu sein, beim fertig werden. Jung und schnell und schön. Wer kann daran Böses finden?
Ich möchte auch gern. Jung und schön und erfolgreich sein. Wenn ich weine, hole ich mir Anti-Ageing Creme. Habe ich Liebeskummer, verliebe ich mich nicht mehr. Stirbt jemand, stürze ich mich in die Arbeit, um zu vergessen.
Ein Student spricht von einer Akkumulation des Wahnsinns in einem Studium voller Leistungsdruck.
Sei nie anders gewesen. So die früher Geborenen.
Provokation, um eine Debatte zum Thema Bildungsfinanzierung anzuheizen. Hat super geklappt. Provokation am besten immer mitten ins Herz.
Sie wollen mich provozieren? Sie wollen uns provozieren? Wir Dogmatiker sollen einmal umdenken? Überlegen, was wir dem Staat da eigentlich antun? Ihm und den Kindern?
(Denn die kriegen keine freien Kitaplätze, weil wir ihnen das Geld dafür aus der Latzhose klauten)
Endlich Verantwortung übernehmen!
Danke. Jetzt weiß ich, warum ich so scheiße bin. Ich weiß mein Leben nicht zu schätzen. Es ist kostenlos. Ich muss ein bisschen Geld zahlen, um meine Seele aus dem Fegefeuer der Akkumulation des Wahnsinns zu ziehen.
Anlass: 52 Millionen Einsparungen in der Bildung und Wissenschaft in Brandenburg. Antwort des Uni-Präsidenten: Man müsse sich vom Dogma der kostenfreien Bildung befreien.
Und man sind die Studierenden und die dogmabefreite Bildung erfolge auf Zeit, zum Beispiel mit einem Kontingent auf einem Studienkonto. Wer es verbraucht, muss zahlen.
Aber alles nur ein Missverständnis! Eigentlich hatte der Präsident Grünewald doch nur provozieren wollen, räumte er gleich im ersten Statement zu dieser Aussage ein. Um den Dogmatimus, dass Bildung etwas geschütztes sei, vor allem die Bildung an der Universität, in Frage zu stellen.
Er hatte die Studierenden zur Verantwortung rufen wollen, endlich einmal Bewusstsein dafür zu bekommen, was ihnen kostenlos jeden Tag Gutes widerfährt. Dozentin für Ökonomie und Bildung, Dr. Franziska Birke, bekräftigt ihn, indem sie bemerkt, sie habe während ihres Studiums nicht das Bewusstsein gehabt, sie verbrauche Geld.
"Es kann halt nicht jeder studieren", hätte Grünewald einer Studentin erläutert, als sie sich über die Doppelbelastung Arbeit und Studium beschwert.
Bestimmt in einem größeren Kontext, er könne sich nicht erinnern.
Wir, das Publikum, Studierende und Dozentinnen, dürfen keine Ko-Referate halten. Wir dürfen nur fragen. Sprachwissenschaftlerin Ute Sändig fragt gleich ganz viel, zum Beispiel, was denn mit dem Dogma sei, der ideale Akademiker sei ein weißer Mann ohne Bindung.
Promotionsstudierende Sabine Volk verteidigt die Dringlichkeit der Bildung als Menschenrecht, eine Dringlichkeit, die zu Chancengleichheit führt, nur mal so als Beispiel. Wem noch unklar, wofür das Bildung und alles.
Aber wir sollen ja nicht aus Prinzip blechen, sondern, um schön jung zu sein, beim fertig werden. Jung und schnell und schön. Wer kann daran Böses finden?
Ich möchte auch gern. Jung und schön und erfolgreich sein. Wenn ich weine, hole ich mir Anti-Ageing Creme. Habe ich Liebeskummer, verliebe ich mich nicht mehr. Stirbt jemand, stürze ich mich in die Arbeit, um zu vergessen.
Ein Student spricht von einer Akkumulation des Wahnsinns in einem Studium voller Leistungsdruck.
Sei nie anders gewesen. So die früher Geborenen.
Provokation, um eine Debatte zum Thema Bildungsfinanzierung anzuheizen. Hat super geklappt. Provokation am besten immer mitten ins Herz.
Sie wollen mich provozieren? Sie wollen uns provozieren? Wir Dogmatiker sollen einmal umdenken? Überlegen, was wir dem Staat da eigentlich antun? Ihm und den Kindern?
(Denn die kriegen keine freien Kitaplätze, weil wir ihnen das Geld dafür aus der Latzhose klauten)
Endlich Verantwortung übernehmen!
Danke. Jetzt weiß ich, warum ich so scheiße bin. Ich weiß mein Leben nicht zu schätzen. Es ist kostenlos. Ich muss ein bisschen Geld zahlen, um meine Seele aus dem Fegefeuer der Akkumulation des Wahnsinns zu ziehen.
15. April 2011
Doch!Ort
Unten am Hügel, neben dem Zelt am Meer, im Zentrum des Gebirges, beim See, in Deiner alten Kleinstadt, in Deinem Ex-Lieblingslokal, in den Texten einer längst nicht mehr gehörten Band, auf Deinem Che Guevaragürtel und in Deinen ersten Chucks, unterm Moos verborgen, auf Deiner Lichtung, liegt Doch.
Du hattest einst Utopia gesucht, gelesen darüber, dass es "Nicht-Ort" bedeutet und dann hast Du Deinen Glauben an Utopien und Ideale gleich wieder verloren, an diesem Nicht-Ort und später festgestellt, dass Du sie leicht wiederfinden kannst, am Doch-Ort.
Manchmal ist das ganz schön erschreckend, Doch, wenn Du siehst, dass Du dort vielgestaltig in mehreren Lebensjahren herumläufst, dass Du Dich schämst vor Deinem Schnodder an der Nase, Deinen dreckigen Gummistiefeln, Deiner betrunkenen Taumeligkeit. Aber ab und zu wirst Du dich mögen, wie Du debattierst und lachst, das erste Mal küsst, das erste Mal Ananas frisch und nicht aus der Dose isst, nackt schwimmen gehst und jemand Deiner betrunkenen Narrenweisheit Recht gibt.
Aber Du bist jetzt im Hier und Du bist klug geworden, klug und pluralistisch und abgebrüht, und postmodern und sexy, und Du tust gut daran, Doch mal schnell wieder zu verlassen und Dein Cola-Weizen auszutrinken, damit Du Nostalgie schnell wieder gegen Melancholie eintauschen kannst.
Dann guckt Du hoch an all den bunten Plattenbauten und grinst schief in die Wolken hinein, und ein Passant wird Dich streifen und wegen Deinem verträumtem Lächeln an sein Doch verschwinden und sei gewiss, ganz nett von Dir, dass Du ihm diesen Moment Reise aus dem Hier gegönnt hast.
Es ist übrigens Dein Leben im Hier, doch. Das bist wirklich noch Du. Kein Wunder, dass Du Dich nicht erkennst, bei all den Häutungen, die Du durchgeführt hast, bei all den Orten, die Du wechseln musstest, beim Verlust intellektueller Hinterbühnen.
Und Du weißt manchmal nicht, ist das lächerlich, ist das liebenswert, ist dass Dir peinlich, ist das kitschig, ist das egozentrisch, aber doch, es erregt Dich ungemein, wenn ein Teil Deines Selbst Dir manchmal ins Ohr haucht:
Doch.
Du hattest einst Utopia gesucht, gelesen darüber, dass es "Nicht-Ort" bedeutet und dann hast Du Deinen Glauben an Utopien und Ideale gleich wieder verloren, an diesem Nicht-Ort und später festgestellt, dass Du sie leicht wiederfinden kannst, am Doch-Ort.
Manchmal ist das ganz schön erschreckend, Doch, wenn Du siehst, dass Du dort vielgestaltig in mehreren Lebensjahren herumläufst, dass Du Dich schämst vor Deinem Schnodder an der Nase, Deinen dreckigen Gummistiefeln, Deiner betrunkenen Taumeligkeit. Aber ab und zu wirst Du dich mögen, wie Du debattierst und lachst, das erste Mal küsst, das erste Mal Ananas frisch und nicht aus der Dose isst, nackt schwimmen gehst und jemand Deiner betrunkenen Narrenweisheit Recht gibt.
Aber Du bist jetzt im Hier und Du bist klug geworden, klug und pluralistisch und abgebrüht, und postmodern und sexy, und Du tust gut daran, Doch mal schnell wieder zu verlassen und Dein Cola-Weizen auszutrinken, damit Du Nostalgie schnell wieder gegen Melancholie eintauschen kannst.
Dann guckt Du hoch an all den bunten Plattenbauten und grinst schief in die Wolken hinein, und ein Passant wird Dich streifen und wegen Deinem verträumtem Lächeln an sein Doch verschwinden und sei gewiss, ganz nett von Dir, dass Du ihm diesen Moment Reise aus dem Hier gegönnt hast.
Es ist übrigens Dein Leben im Hier, doch. Das bist wirklich noch Du. Kein Wunder, dass Du Dich nicht erkennst, bei all den Häutungen, die Du durchgeführt hast, bei all den Orten, die Du wechseln musstest, beim Verlust intellektueller Hinterbühnen.
Und Du weißt manchmal nicht, ist das lächerlich, ist das liebenswert, ist dass Dir peinlich, ist das kitschig, ist das egozentrisch, aber doch, es erregt Dich ungemein, wenn ein Teil Deines Selbst Dir manchmal ins Ohr haucht:
Doch.
10. Februar 2011
Die Sache mit der Struktur.
Mit viel Glück habe ich heute mein Soziologiestudium abgeschlossen. Aber nur mit viel Glück. Diese Tatsache berechtigt mich aber bereits dazu, den Moment dieses Semesters zu feiern:
Ein Statement der Sozialstrukturanalyse, bei dem ich mit todernster Soziologinnenstimme Christiane Rösingers Worte verlas und dafür eine sehr gute Note erhielt.
Hier also das drum rum, viel Spaß!
Statement „Webers soziale Klassen“
Britta: Wer wird Millionär?
Wer geht putzen und wer wird Millionär?
50 Euro-Frage, denn die Antwort ist nicht schwer
Wer lebt prima und wer eher prekär?
Wer geht putzen und wer wird Millionär?
Wer schon hat, dem wird gegeben
Und für uns bleibt nur das schöne Leben
Ja so läuft's, und so wird's weiter laufen
Denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen
[...]
Ich zähle täglich meine Sorgen
Dabei denk ich noch nicht einmal an morgen
Ich hab ja keine Angst, nur manchmal frag' ich mich:
Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?
Und alle unsere Geistesgaben kommen gar nicht mehr zum Tragen
Weil wir schon seit jungen Tagen so gar keinen Ehrgeiz haben
Unsere Haut zu Markt zu tragen, da kommen die Geistesgaben
Leider gar nicht mehr zum Tragen
1 Individuum und Gruppenzugehörigkeit heute am Beispiel eines Songtextes
Zum Einstieg trug ich diesen Auszug aus einem Songtext vor, da meine Lesart dieses Textes meine im folgenden erläuterte, positive Haltung gegenüber Webers sozialen Klassen, um die es in diesem Statement zur Sitzung vom 18.11.10 gehen soll, unterstützt.
Der Konflikt, der in dieser postmodernen Lyrik aufgezeigt wird, ist, betrachtet man ihn sachlich, die Frage nach der Zugehörigkeit und der Zufriedenheit eines individuellen „Ichs“ zu einer bestimmten „Schicht“ oder in einem Lebensgefühl. Um mich dem Text anzunähern, habe ich literaturwissenschaftlich hermeneutische Methoden angewandt, und versuchte herauszufinden, für welche Personen das „Ich“ und das „Wir“ stehen und welche sozialen Vörgänge in dem Song beschrieben werden.
Ein Lyrisches „Ich“ stellt Fragen, wer putzen gehe und wer Millionär wird. Die Antwort darauf sei leicht zu geben, denn wer bereits etwas „hätte“ ( was derjenige hätte, wird nicht genau erläutert), dem werde gegeben. Dies sei schon immer so gewesen und würde auch weiter so werden. Für das lyrische Ich, das sich zu einem „uns“ vereinigt, bliebe „nur das schöne Leben“. Besorgt, aber angstfrei fragt es sich, ob dieser Zustand noch „Bohéme“ sei, „oder schon die Unterschicht.“
Ich finde hier also ein Lyrisches Ich, welches eine fatalistische Weltanschauung vertritt, in der soziale Vorgänge nach einem fest geschriebenen, repetitiven Prinzip verlaufen und Besitzverteilungen starr sind. Das Individuum ergibt sich diesen Prinzipien stellt aber sein Unbehagen im Spannungsfeld der Beschreibung seines Lebensgefühls als „Bohéme“ und seiner auf Grund von Besitzlosigkeit möglichen Zugehörigkeit zur Schicht der „Unterschicht“ dar.
In diesem Text fand ich vieles von marxschen und weberschen Modellen wieder, jedoch auch Kritik und Fragen. Hat eine derartige fatalistische Darstellung mit Marx Theorie vom Klassenkampf zu tun?
Nicht ganz. Auch Marx Theorie ist vor allem ein Modell und im Kontext einer Prognose über die wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklung seiner Epoche zu sehen. Der Text aber verwendet Thesen der Verteilung in Besitz- und Nicht-Besitzklasse und verwendet somit Marx Modell, das also zumindest gefühlt noch existiert. Viel ergiebiger für die Analyse erscheint mir aber Webers Modell der sozialen Klassen. Dieses werde ich im Folgenden noch erläutern.
2 Bedeutung von Webers Modell und Gültigkeit
Woher kommt die Diskrepanz, die das Lyrische Ich in „Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?“ fragen lässt und somit dem Gefühl des unbürgerlichen Bohéme, des freigeistigen Künstlers somit in der Prestigehierarchie einen höheren Stellenwert einräumt als der „Unterschicht“, die doch nur die Bezeichnung einer Erwerbsklasse darstellt?
Weber hat die Komplexität der Diskrepanz vom Bewusstsein einer Klasse oder eines Standes sehr schön in ein Modell gebracht, in dem er Marx Klassen der Besitzenden und Nicht-Besitzenden in Erwerbsklassen, Besitzklassen und soziale Klassen unterteilte und somit das Entstehen von sozialer Ungleichheit nicht nur in Hierarchien des Kapitals, sondern auch in Zusammenhang mit dem öffentlichem Ansehen, dem Bildungstand, also ebenso kulturellen und traditionellen Faktoren. brachte. Weber hat in seinem Modell dargestellt, dass ein Wechsel innerhalb der sozialen Klassen durchaus möglich ist, sowie ebenso Ansehen und Macht getrennt vom Besitz betrachtet, in dem er den Begriff der Stände definierte und verwendete.
Am konkreten Beispiel des Textes lässt sich somit also die Einschätzung des lyrischen Ichs der Höherstellung zum Stand der Bohéme mit gleichzeitiger Einordnung in die Unterschicht, also wahrscheinlich äquivalent der Zugehörigkeit zu einer niedrigen Erwerbsklasse, erklären. Geigers Schichtmodell hingegen vereinfacht meiner Meinung nach diese komplexen Verknüpfungen, in dem es den Schichten Mentalitäten zuschreibt. In der Seminardiskussion am 18.11. versuchten die Teilnehmer allerdings Schichten erneut Mentalitäten zuzuschreiben, in dem zum Beispiel die Rede vom unterschiedlichen Studierverhalten von „Akademiker-“ und „Arbeiterkindern“ war. Selbstverständnis und Individualität spielten hier keine besonders große Rolle.
Weber lässt an dieser Stelle im Gegensatz zu Geiger mehr Spielraum in der Ausprägung der Klassen und Stände; freilich wird aber, da es sich um ein Modell handelt auch hier strukturell vereinfacht. Zur möglichen Ausweitung werde ich aber später noch kommen.
Betrachte ich den anschuldigenden Gestus des Textes, der durchaus marxistisch geprägt ist, so komme ich zu der Erkenntnis, dass Weber Marx Modell entschieden erweitert hat. In dem er den Begriff der Klasse um den Begriff des Standes erweiterte, Klassen komplexer unterteilte und Stand, Klasse, Parteien und Macht entkoppelt voneinander betrachtete, erlaubte er einen nüchterneren Blick auf soziale Ungleichheit. Dieser ist meiner Meinung nach ein anzustrebendes Ideal, um real existierende, gesellschaftliche Problem mit Hilfe soziologischer Methoden zu untersuchen, da mit einer allzu starken Politisierung der Weg in einen irrationalen Fatalismus schnell geschieht.
In dem er ein Klassenhandeln anzweifelt, stattdessen zwischen ungerichteten Massenhandlungen auf Grund ähnlicher Klassenlagen und gesellschaftlichem Handeln mit gerichteten Interessen unterscheidet, nimmt er der Klassentheorie ihre fatalistische Aussage. Weber ordnete somit auch weder der Ökonomie noch der Politik automatisch Macht zu. Er übte Kritik an einer zu einseitigen Zuschreibung von der Macht der Ökonomie.
An dieser Stelle muss ich betonen, dass dieses Modell wie jedes Modell immer im realen gesellschaftspolitischen Kontext gesehen werden muss und somit Macht in Systemen durchaus einseitig bestimmt werden kann.
3 Zur Kritik an Webers fehlendem Erklärungsbeitrag
Wieso bleibt beim Individuum aber oft ein Gefühl der ökonomisch erklärbaren Ungerechtigkeit? Woher entsteht „Klassenbewusstsein?“ Kann man zu einer bestimmten sozialen Klasse gehören, wenn Erwerb und Besitz eigentlich nicht dazu legitimieren? Wo sind die Mobilitätsbarrieren, die das Lyrische Ich und das Individuum allgemein am Wechseln der sozialen Klasse hindern?
Auf diese Fragen gibt Webers Ungleichheitsmodell der sozialen Klassen keine Erklärung.
Weber leistete einen komplexen Einblick in die Verknüpfung von ökonomischen, kulturellen und sozialen Faktoren auf das Bewusstsein und die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem Stand oder einer Partei. Er liefert hiermit einen interessanten Rahmen und ein Strukturmodell. Während Geiger versuchte, Schichten Mentalitäten zuzuschreiben, blieb Weber abstrakt und lässt das Modell zeitlos und vielfältig anwendbar bleiben.
Dieser Punkt kann ihm zurecht auch vorgeworfen werden; ist er doch wenig eindeutig und lässt sich nicht recht für realpolitische Lösungen und andere konkrete Schlüsse nutzen. So kann damit, um beim eingangs erwähnten Songtext zu bleiben, untersucht werden, dass es individuell eine Verknüpfung von einer niedrigen Erwerbsklasse mit einer künstlerisch-prestigeträchtigen sozialen Klasse oder gar einem Stand geben kann, die in Geigers Schichtmodell wahrscheinlich eine eigene Schicht als unterbezahltes Künstlerprekariat mit bestimmten Verhaltensweisen und einer Lebensführung bilden würde. Inwieweit dies aber ein politisch-strukturelle Problem sein könnte, wo die Ursachen liegen und wie die Barrieren des ökonomischen Aufstiegs bekämpft werden könnten,darauf lässt sich keine Antwort finden.
Vielleicht ist dies aber auch gut so. Ein Modell zur Strukturanalyse wird immer ein offenes Modell sein, denn in dem ich ein Modell zur Analyse benutze, vereinfache und verallgemeinere ich schon.
4Individuelle Ursachenforschung
Um tiefer in die Ursachenforschung zu gehen, können klassische Modelle um qualitative Forschung erweitert werden. Einbeziehung von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, zum Beispiel Migration, auf die Forschung wären wünschenswert, ebenso wie ein Begreifen von Webers und Geigers Modellen sowohl als Schritte in der Entwicklung der Sozialstrukturanalyse als auch bleibende Rahmenfaktoren, die es zu erweitern und den aktuellen, gesellschaftlichen Situationen anzupassen gilt.
Ein zeitgemäßes Strukturmodell könnte vom „Wir“ und „Ihr“ zu einem „Ich“ und „Du“ zurückkommen, dass schichtübergreifend Mentalitäten überprüft. Hierbei kann Differenzierung von Besitzklasse, Erwerbsklasse und sozialer Klasse ein Hilfskonstrukt sein, genau wie Geigers Idee vom dominierenden Schichtungsprinzip
Ein Statement der Sozialstrukturanalyse, bei dem ich mit todernster Soziologinnenstimme Christiane Rösingers Worte verlas und dafür eine sehr gute Note erhielt.
Hier also das drum rum, viel Spaß!
Statement „Webers soziale Klassen“
Britta: Wer wird Millionär?
Wer geht putzen und wer wird Millionär?
50 Euro-Frage, denn die Antwort ist nicht schwer
Wer lebt prima und wer eher prekär?
Wer geht putzen und wer wird Millionär?
Wer schon hat, dem wird gegeben
Und für uns bleibt nur das schöne Leben
Ja so läuft's, und so wird's weiter laufen
Denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen
[...]
Ich zähle täglich meine Sorgen
Dabei denk ich noch nicht einmal an morgen
Ich hab ja keine Angst, nur manchmal frag' ich mich:
Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?
Und alle unsere Geistesgaben kommen gar nicht mehr zum Tragen
Weil wir schon seit jungen Tagen so gar keinen Ehrgeiz haben
Unsere Haut zu Markt zu tragen, da kommen die Geistesgaben
Leider gar nicht mehr zum Tragen
1 Individuum und Gruppenzugehörigkeit heute am Beispiel eines Songtextes
Zum Einstieg trug ich diesen Auszug aus einem Songtext vor, da meine Lesart dieses Textes meine im folgenden erläuterte, positive Haltung gegenüber Webers sozialen Klassen, um die es in diesem Statement zur Sitzung vom 18.11.10 gehen soll, unterstützt.
Der Konflikt, der in dieser postmodernen Lyrik aufgezeigt wird, ist, betrachtet man ihn sachlich, die Frage nach der Zugehörigkeit und der Zufriedenheit eines individuellen „Ichs“ zu einer bestimmten „Schicht“ oder in einem Lebensgefühl. Um mich dem Text anzunähern, habe ich literaturwissenschaftlich hermeneutische Methoden angewandt, und versuchte herauszufinden, für welche Personen das „Ich“ und das „Wir“ stehen und welche sozialen Vörgänge in dem Song beschrieben werden.
Ein Lyrisches „Ich“ stellt Fragen, wer putzen gehe und wer Millionär wird. Die Antwort darauf sei leicht zu geben, denn wer bereits etwas „hätte“ ( was derjenige hätte, wird nicht genau erläutert), dem werde gegeben. Dies sei schon immer so gewesen und würde auch weiter so werden. Für das lyrische Ich, das sich zu einem „uns“ vereinigt, bliebe „nur das schöne Leben“. Besorgt, aber angstfrei fragt es sich, ob dieser Zustand noch „Bohéme“ sei, „oder schon die Unterschicht.“
Ich finde hier also ein Lyrisches Ich, welches eine fatalistische Weltanschauung vertritt, in der soziale Vorgänge nach einem fest geschriebenen, repetitiven Prinzip verlaufen und Besitzverteilungen starr sind. Das Individuum ergibt sich diesen Prinzipien stellt aber sein Unbehagen im Spannungsfeld der Beschreibung seines Lebensgefühls als „Bohéme“ und seiner auf Grund von Besitzlosigkeit möglichen Zugehörigkeit zur Schicht der „Unterschicht“ dar.
In diesem Text fand ich vieles von marxschen und weberschen Modellen wieder, jedoch auch Kritik und Fragen. Hat eine derartige fatalistische Darstellung mit Marx Theorie vom Klassenkampf zu tun?
Nicht ganz. Auch Marx Theorie ist vor allem ein Modell und im Kontext einer Prognose über die wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklung seiner Epoche zu sehen. Der Text aber verwendet Thesen der Verteilung in Besitz- und Nicht-Besitzklasse und verwendet somit Marx Modell, das also zumindest gefühlt noch existiert. Viel ergiebiger für die Analyse erscheint mir aber Webers Modell der sozialen Klassen. Dieses werde ich im Folgenden noch erläutern.
2 Bedeutung von Webers Modell und Gültigkeit
Woher kommt die Diskrepanz, die das Lyrische Ich in „Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?“ fragen lässt und somit dem Gefühl des unbürgerlichen Bohéme, des freigeistigen Künstlers somit in der Prestigehierarchie einen höheren Stellenwert einräumt als der „Unterschicht“, die doch nur die Bezeichnung einer Erwerbsklasse darstellt?
Weber hat die Komplexität der Diskrepanz vom Bewusstsein einer Klasse oder eines Standes sehr schön in ein Modell gebracht, in dem er Marx Klassen der Besitzenden und Nicht-Besitzenden in Erwerbsklassen, Besitzklassen und soziale Klassen unterteilte und somit das Entstehen von sozialer Ungleichheit nicht nur in Hierarchien des Kapitals, sondern auch in Zusammenhang mit dem öffentlichem Ansehen, dem Bildungstand, also ebenso kulturellen und traditionellen Faktoren. brachte. Weber hat in seinem Modell dargestellt, dass ein Wechsel innerhalb der sozialen Klassen durchaus möglich ist, sowie ebenso Ansehen und Macht getrennt vom Besitz betrachtet, in dem er den Begriff der Stände definierte und verwendete.
Am konkreten Beispiel des Textes lässt sich somit also die Einschätzung des lyrischen Ichs der Höherstellung zum Stand der Bohéme mit gleichzeitiger Einordnung in die Unterschicht, also wahrscheinlich äquivalent der Zugehörigkeit zu einer niedrigen Erwerbsklasse, erklären. Geigers Schichtmodell hingegen vereinfacht meiner Meinung nach diese komplexen Verknüpfungen, in dem es den Schichten Mentalitäten zuschreibt. In der Seminardiskussion am 18.11. versuchten die Teilnehmer allerdings Schichten erneut Mentalitäten zuzuschreiben, in dem zum Beispiel die Rede vom unterschiedlichen Studierverhalten von „Akademiker-“ und „Arbeiterkindern“ war. Selbstverständnis und Individualität spielten hier keine besonders große Rolle.
Weber lässt an dieser Stelle im Gegensatz zu Geiger mehr Spielraum in der Ausprägung der Klassen und Stände; freilich wird aber, da es sich um ein Modell handelt auch hier strukturell vereinfacht. Zur möglichen Ausweitung werde ich aber später noch kommen.
Betrachte ich den anschuldigenden Gestus des Textes, der durchaus marxistisch geprägt ist, so komme ich zu der Erkenntnis, dass Weber Marx Modell entschieden erweitert hat. In dem er den Begriff der Klasse um den Begriff des Standes erweiterte, Klassen komplexer unterteilte und Stand, Klasse, Parteien und Macht entkoppelt voneinander betrachtete, erlaubte er einen nüchterneren Blick auf soziale Ungleichheit. Dieser ist meiner Meinung nach ein anzustrebendes Ideal, um real existierende, gesellschaftliche Problem mit Hilfe soziologischer Methoden zu untersuchen, da mit einer allzu starken Politisierung der Weg in einen irrationalen Fatalismus schnell geschieht.
In dem er ein Klassenhandeln anzweifelt, stattdessen zwischen ungerichteten Massenhandlungen auf Grund ähnlicher Klassenlagen und gesellschaftlichem Handeln mit gerichteten Interessen unterscheidet, nimmt er der Klassentheorie ihre fatalistische Aussage. Weber ordnete somit auch weder der Ökonomie noch der Politik automatisch Macht zu. Er übte Kritik an einer zu einseitigen Zuschreibung von der Macht der Ökonomie.
An dieser Stelle muss ich betonen, dass dieses Modell wie jedes Modell immer im realen gesellschaftspolitischen Kontext gesehen werden muss und somit Macht in Systemen durchaus einseitig bestimmt werden kann.
3 Zur Kritik an Webers fehlendem Erklärungsbeitrag
Wieso bleibt beim Individuum aber oft ein Gefühl der ökonomisch erklärbaren Ungerechtigkeit? Woher entsteht „Klassenbewusstsein?“ Kann man zu einer bestimmten sozialen Klasse gehören, wenn Erwerb und Besitz eigentlich nicht dazu legitimieren? Wo sind die Mobilitätsbarrieren, die das Lyrische Ich und das Individuum allgemein am Wechseln der sozialen Klasse hindern?
Auf diese Fragen gibt Webers Ungleichheitsmodell der sozialen Klassen keine Erklärung.
Weber leistete einen komplexen Einblick in die Verknüpfung von ökonomischen, kulturellen und sozialen Faktoren auf das Bewusstsein und die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem Stand oder einer Partei. Er liefert hiermit einen interessanten Rahmen und ein Strukturmodell. Während Geiger versuchte, Schichten Mentalitäten zuzuschreiben, blieb Weber abstrakt und lässt das Modell zeitlos und vielfältig anwendbar bleiben.
Dieser Punkt kann ihm zurecht auch vorgeworfen werden; ist er doch wenig eindeutig und lässt sich nicht recht für realpolitische Lösungen und andere konkrete Schlüsse nutzen. So kann damit, um beim eingangs erwähnten Songtext zu bleiben, untersucht werden, dass es individuell eine Verknüpfung von einer niedrigen Erwerbsklasse mit einer künstlerisch-prestigeträchtigen sozialen Klasse oder gar einem Stand geben kann, die in Geigers Schichtmodell wahrscheinlich eine eigene Schicht als unterbezahltes Künstlerprekariat mit bestimmten Verhaltensweisen und einer Lebensführung bilden würde. Inwieweit dies aber ein politisch-strukturelle Problem sein könnte, wo die Ursachen liegen und wie die Barrieren des ökonomischen Aufstiegs bekämpft werden könnten,darauf lässt sich keine Antwort finden.
Vielleicht ist dies aber auch gut so. Ein Modell zur Strukturanalyse wird immer ein offenes Modell sein, denn in dem ich ein Modell zur Analyse benutze, vereinfache und verallgemeinere ich schon.
4Individuelle Ursachenforschung
Um tiefer in die Ursachenforschung zu gehen, können klassische Modelle um qualitative Forschung erweitert werden. Einbeziehung von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, zum Beispiel Migration, auf die Forschung wären wünschenswert, ebenso wie ein Begreifen von Webers und Geigers Modellen sowohl als Schritte in der Entwicklung der Sozialstrukturanalyse als auch bleibende Rahmenfaktoren, die es zu erweitern und den aktuellen, gesellschaftlichen Situationen anzupassen gilt.
Ein zeitgemäßes Strukturmodell könnte vom „Wir“ und „Ihr“ zu einem „Ich“ und „Du“ zurückkommen, dass schichtübergreifend Mentalitäten überprüft. Hierbei kann Differenzierung von Besitzklasse, Erwerbsklasse und sozialer Klasse ein Hilfskonstrukt sein, genau wie Geigers Idee vom dominierenden Schichtungsprinzip
18. Januar 2011
F(h)as(s)t Du (D)eine Hommage
Für die.
Für die, die am Bahnsteig nicht still stehen können.
Für die, die aus der Schauspielschule flogen.
Für die, die auf und ab wandern müssen.
Für die, die, eh, die haben schon Kieferschmerzen von den engen Kopfhörern.
Für die, die, mit den großen Köpfen und dem kleinen, ähm, dem großen Minderwertigkeitskomplex.
Für die, die Hypochondrie.
Für die, die Selbstbewusstsein haben, ohne Dünkel.
Für die, die Celan lesen und Sarah Kane,
und dann Adorno und trotzdem noch Lyrik.
Für die, die.
Für die, die tanzen gehen,
für die, die yeay "is it getting better, or do you feel the same".
Für die, die auf zwei S-Bahnreihen schlafen.
Für die, die furzen.
Für die, die Liebe brauchen, wie Kinski,
und für die, die ihn nicht verstehen.
Für die, die Salinger gelesen haben,
und jetzt Miller und Ginsberg und Kerouac
und für die Graphic Novel Bible und für Art Spiegelman.
Für das dänische Comik, das Mosaik,
und für die, die.
Für die Bilder an unseren Wänden,
für die, die Post-Its Klebstoff unter den Fingernägeln haben.
Für die letzte Seite und für die,
die das Vorwort überspringen
und für die, die das Nachwort rausreißen.
Für Regina und Undine.
Für die, die ihre eigenen Gebete schreiben und für die,
die in Schweigen schlafen und für die, die wach liegen
und nachts myokardinieren.
Für die, die kaputt sind, aber nur ein bisschen.
Für Mascha, für Else, für Ingeborg.
Für die, die das alles so ernst nehmen,
für die, die des Wahnsinns lachen und lächeln,
für die,
die lächeln für die Kamera.
Für Evelyn, für Amanda, für die Literaturwissenschaft und die Soziologie,
für Goffman, für Luhmann, für dich.
Für die, die nicht aufhören wenn es im Treppenhaus schon nach Eintopf stinkt.
Für die, die.
Für die, die am Bahnsteig nicht still stehen können.
Für die, die aus der Schauspielschule flogen.
Für die, die auf und ab wandern müssen.
Für die, die, eh, die haben schon Kieferschmerzen von den engen Kopfhörern.
Für die, die, mit den großen Köpfen und dem kleinen, ähm, dem großen Minderwertigkeitskomplex.
Für die, die Hypochondrie.
Für die, die Selbstbewusstsein haben, ohne Dünkel.
Für die, die Celan lesen und Sarah Kane,
und dann Adorno und trotzdem noch Lyrik.
Für die, die.
Für die, die tanzen gehen,
für die, die yeay "is it getting better, or do you feel the same".
Für die, die auf zwei S-Bahnreihen schlafen.
Für die, die furzen.
Für die, die Liebe brauchen, wie Kinski,
und für die, die ihn nicht verstehen.
Für die, die Salinger gelesen haben,
und jetzt Miller und Ginsberg und Kerouac
und für die Graphic Novel Bible und für Art Spiegelman.
Für das dänische Comik, das Mosaik,
und für die, die.
Für die Bilder an unseren Wänden,
für die, die Post-Its Klebstoff unter den Fingernägeln haben.
Für die letzte Seite und für die,
die das Vorwort überspringen
und für die, die das Nachwort rausreißen.
Für Regina und Undine.
Für die, die ihre eigenen Gebete schreiben und für die,
die in Schweigen schlafen und für die, die wach liegen
und nachts myokardinieren.
Für die, die kaputt sind, aber nur ein bisschen.
Für Mascha, für Else, für Ingeborg.
Für die, die das alles so ernst nehmen,
für die, die des Wahnsinns lachen und lächeln,
für die,
die lächeln für die Kamera.
Für Evelyn, für Amanda, für die Literaturwissenschaft und die Soziologie,
für Goffman, für Luhmann, für dich.
Für die, die nicht aufhören wenn es im Treppenhaus schon nach Eintopf stinkt.
Für die, die.
6. Januar 2011
You can leave your shoes on.
Es ist hart, um 6:00 morgens aufzustehen. Dies ist wohl einer der wenigen Sätze in diesem Blog, der völlig frei von Neologismen Zustimmung heischt. Noch härter ist dies im Dunkeln. Oder wenn es kalt ist.
Seit dem Oktober 2010 ist es aber durchaus spannender als auf dem Klo Stephen King zu lesen und so nehme ich ganz ohne Anwesenheitsliste bisweilen diese Hürde auf mich, um im Proseminar "Einführung in die Sozialstrukturanalyse" Platz zu nehmen. Ich bin Zuschauerin eines nicht enden wollenden unisono Dialogs von gegelten Spiegellesern und gepiercten Winterschuhauszieher- und auf dem StuhlräklerInnen. Was auf den ersten Blick wie eine unfundierte, repetitive Debatte um Migration, Chancengleichheit und Kapitalverteilung anmutet, ist in Wahrheit eine gut inszenierte Wachwerdcomedy. Kaum bin ich bei unqualifizierten Bemerkungen zum Thema Wirtschaftswachstum und der 10.Jubiläum feiernden Feststellung, dass wir SoziologInnen uns zukunftswärts in ein paar Jahren Taxi fahrend oder Tätigkeiten, zu denen des Schreibens mächtige 4. Klässler qualifizierter seien als wir, ausübend, wiederfänden, beinahe eingeschlafen (träumend, wie ich eine Auszeichnung als beste Suizidsassistentin, Abteilung Autounfall, erhalte), reißt mich ein spannender Umbruch in der Debatte mitten ins Geschehen: Facebook alles Illusion? Nur gelangweilte Soziopathen am Werk? Die Medien sollen kontrolliert werden? Statistikpflicht im Politikteil der Bildzeitung?
Irgendwie habe ich die Extremisierung von Mädchen in Hippieröcken und Wollsocken verpasst. Ich lächle, vermeintlich veträumt, eine von Ihnen an. Über ihr komödiantisches Potential sinnend, denke ich: Bei so viel kulturellem Kapital, musst Du Dir über dein ökonomisches doch keine Gedanken machen, Baby.
Seit dem Oktober 2010 ist es aber durchaus spannender als auf dem Klo Stephen King zu lesen und so nehme ich ganz ohne Anwesenheitsliste bisweilen diese Hürde auf mich, um im Proseminar "Einführung in die Sozialstrukturanalyse" Platz zu nehmen. Ich bin Zuschauerin eines nicht enden wollenden unisono Dialogs von gegelten Spiegellesern und gepiercten Winterschuhauszieher- und auf dem StuhlräklerInnen. Was auf den ersten Blick wie eine unfundierte, repetitive Debatte um Migration, Chancengleichheit und Kapitalverteilung anmutet, ist in Wahrheit eine gut inszenierte Wachwerdcomedy. Kaum bin ich bei unqualifizierten Bemerkungen zum Thema Wirtschaftswachstum und der 10.Jubiläum feiernden Feststellung, dass wir SoziologInnen uns zukunftswärts in ein paar Jahren Taxi fahrend oder Tätigkeiten, zu denen des Schreibens mächtige 4. Klässler qualifizierter seien als wir, ausübend, wiederfänden, beinahe eingeschlafen (träumend, wie ich eine Auszeichnung als beste Suizidsassistentin, Abteilung Autounfall, erhalte), reißt mich ein spannender Umbruch in der Debatte mitten ins Geschehen: Facebook alles Illusion? Nur gelangweilte Soziopathen am Werk? Die Medien sollen kontrolliert werden? Statistikpflicht im Politikteil der Bildzeitung?
Irgendwie habe ich die Extremisierung von Mädchen in Hippieröcken und Wollsocken verpasst. Ich lächle, vermeintlich veträumt, eine von Ihnen an. Über ihr komödiantisches Potential sinnend, denke ich: Bei so viel kulturellem Kapital, musst Du Dir über dein ökonomisches doch keine Gedanken machen, Baby.
5. September 2010
Let's be human beings!
Ich mag Pink (die Farbe!). Zu meinen Lieblingsserien gehört "Gilmore Girls." Mein englischsprachiger Lieblingsschriftssteller ist J.D. Salinger. Meine deutschsprachigen Lieblingslyrikerinnen sind Ingeborg Bachmann und Mascha Kaléko. Ich weine, wenns mir emotional schlecht geht. Ich mochte als Kind die "Power Rangers" ebenso wie "Mila Superstar." Ich spielte gern mit Puppen und Matchbox-Autos. Letztere trug ich in einem Korb spazieren. Ich mag Bier und rauche nicht zu knapp. Ich mag roten Lippen- und schwarzen Kajalstift. Meine liebste Band ist Tocotronic, meine liebste Solokünstlerin Patti Smith. Ich studiere Germanistik und Soziologie, in ersterem ist meine Lieblingsdisziplin die Literaturwissenschaft, in letzterem die Geschlechtersoziologie. In Sprachwissenschaft und Statistik schneide ich dagegen nicht so gut ab. Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Deutsch, Ethik, Englisch, Sozialkunde, Geschichte und Kunst. Nicht mochte ich Mathe, Sport, Werken, Physik und Chemie. Mein Lieblingscocktail ist Bloody Mary. Ich bin ganz schön unordentlich. Meine Haare trage ich kurz und mit Vorliebe leicht violett. Ich esse kein Fleisch. Ich mag Horrofilme nicht. Ich mochte in meiner Pubertät Science Fictionfilme und -serien und Horrorliteratur. Kurze Röcke bieten Bewegungsfreiheit und sehen schön an mir aus.
Ich könnte hier noch ganz lang eine beliebige Liste meiner einstigen und aktuellen Vorlieben fortsetzen, und nein, ich möchte mich nicht mal wieder egozentrisch selbst beschreiben. Ich frage mich im Gegenteil, liebe Leserschaft, was Sie sich bei diesen Sätzen dachten. Kann es sein, dass diejenigen, die mich nicht persönlich kennen, sich bei mindestens sieben Sätzen dachten: "Oh, typisch Frau!"? Diejenigen, die mich nur flüchtig und nicht in allen Lebenslagen kennen, bei mindestens drei Sätzen dachten "Oh, das hätte ich ja jetzt nicht von so nem zarten Mädel gedacht?" Menschen, die ich momentan in meinem nächsten Umkreis habe, wissen: Das alles sind Elemente, die genau mich ausmachen, ebenso wie mein leichter Dialekt und die Pigmentstörung neben meinem Mundwinkel. Keine Elemente, die mich zu einer typischen Frau machen und auch zu keiner untypischen. Wenn ich sage, ich bin eine "Queerfeministin", dann glauben sie es mir, weil sie wissen, dass ich, zur Verdeutlichung meiner geschlechterpolitischen Ansichten, diesen Begriff als Arbeitshypothese verwende.
Doch bei allen anderen, die mich nicht lesen, die sich auf einer Party flüchtig mit mir unterhalten, die mich auf der Straße streifen, nachts auf dem Weg zum Ausgehen, tags auf dem Weg zur Uni, zeigen sich bei der visuellen oder verbalen Wahrnehmung oben genannter Vorlieben oben genannte Reaktionen. Und nun kommt das Spannende daran: Lesen Sie sich noch einmal diese Sätze durch. Hat davon irgendeiner etwas mit Sex zu tun? Mit Penis oder Vagina? Mit Kinder kriegen und Samenergüssen? Ähhhh, nein! Und warum wird bei den meisten dieser Sätze dann sofort an Geschlecht gedacht? Dies zeigt doch nur wie tief tradierte und vorurteilsbehaftete Geschlechtervorstellungen in uns allen verankert sind. Warum nur, wenn mir die aufgeklärtesten Menschen doch sagen, Feminismus sei anachronistisch, denn Frauen und Männer sind frei, alles zu tun, was sie wollen, vor allem auf privater Ebene? Und ich solle ja Geschlecht dekonstruieren, wie ich wolle, der Unterschied, der bleibt, sei nun mal "Penis vs Vagina" und "Kinder kriegen vs Samenerguss.", das sei ganz natürlich und was wolle ich mit meiner "Gleichmacherei" denn erreichen? Männer und Frauen seien gleichberechtigt, wir sind ja alle keine Sexisten, nein, nein, und wenn, dann doch nur so zum Spaß.
Aber bleibt es wirklich nur bei dieser "natürlichen" Unterscheidung? Wenn mir schon keiner zuhört, wenn ich davon spreche, dass auch die Zuweisung des Geschlechts nach diesen Merkmalen durchaus kulturell variabel sein kann, so wäre es wenigstens o.k., wenn dies auch die einzige Assoziation zu "Du Frau-ich Mann" bleiben würde.
Es geht mir hier nicht um mich. Es geht mir um diese Assoziationen. Mir tut es nicht mehr weh, nicht mehr allzu sehr. Denn ich hab mir ein Schutzschild gebaut, gegen das Nicht-Ernst-genommen werden, als Mensch und vor allem beruflich. Gegen das wahr genommen werden als weich, weiblich, schwach, niedlich-verkorkst, verführerisch, verpeilt und das alles in Situationen, in denen dies keinesfalls positiv ist. Mein Schutzschild heißt Geschlechterdekonstruktion. Ich bin keine Frau, ich bin nicht gefangen in meiner Rolle als Frau, nicht nur mit meinen "weiblichen Fähigkeiten und Kompetenzen" allein gelassen. Ich bin ein Mensch, geboren mit einer Vulva, und damit hat sichs dann auch. Ich bin teilweise, ob bewusst oder unbewusst, weiblich sozialisiert wurden und ob mir das jetzt schmeckt oder nicht, ob ich in gewohnten Bahnen bleibe oder ausbreche, das liegt jetzt in meiner Hand. Nein, es geht mir nicht um mich, denn ich darf ziemlich viel, bis ich auf Irritation stoße, denn die Performance meiner Wahl, die ich täglich neu aus gefühlslagigen und ästhetischen Gründen wähle, ist zumeist das, was als weiblich gilt. Wie sehr dieser Anspruch an mich geltend gemacht wird, erfahre ich, wenn ich gefragt werde, warum ich mir die Haare ab und zu etwas radikal kurz abschneide, dass sei doch "unweiblich" oder warum ich keinen Push-Up BH trüge (geschweige denn ab und an überhaupt keinen). Aber nichtsdestotrotz, ich darf ziemlich viel. Außer behaupten, eine Queerfeministin zu sein. "Bist du lesbisch? Bisexuell? So siehst du doch gar nicht aus!" Das alles sind Lappalien? Nur eine weitere Identitätsversicherung?
Halt- um ehrlich zu sein, hier geht es mir doch um mich, auch, aber vor allem um die, die denn "so" aussehen. Wer nämlich "so" aussieht, oder viel mehr, nicht "so", so eindeutig, der hat nämlich nicht "so" einen weiten Spielraum, bis er auf Irritation stößt. (Und ich benutze hier gerade die "männliche" Form, als eine, umfassende Form! Der Einfachheit und Sprachästhetik halber. Die Erfahrung zeigt, Sprachgenderfanatiker haben zumeist rein gar nichts kapiert, fühlen sich aber unglaublich engagiert). Denn all dieser Alltagssexismus, all diese Mythen und "Selbstverständlichkeiten", wie eine Frau auszusehen hat, wie ein Mann, wie ein "Schwuler", wie eine "Lesbe", was "typisch Frau" sei, was "typisch Mann", welche Eigenschaften "stark-männlich" und welche "schwach-weiblich", all das ist ein widerlicher, gärender Nährboden für Vorurteile, die vielleicht nicht in der konkreten Situation, aber im daraus entstehendem, gesellschaftlichem Klima zu weit Schlimmerem führen, als Gelächter und persönliche, geistige Verletzung. Wer sich im Jugendjargon umhört, der wird feststellen, dass "schwul" als Schimpfwort gilt, ebenso wie "Du Mädchen!" und "Schlampe." Drei Beispielwörter, die schubladisierende Eigenschaften, aus dem Bereich Geschlecht und sexuelle Identität, negativ konnotieren und sich meist auf ein paar der Eigenschaften beziehen, mit denen meine einleitenden Sätze assoziiert werden. Menschen, die sich als "transgender" bezeichnen, die nicht eindeutig innerhalb der binären Geschlechtlichkeit wahrgenommen werden möchten, werden sowohl routinemäßig in Fragebögen (Oh ja, wir Soziologen, die es doch eigentlich besser wissen müssten, bilden da leider keine Ausnahme!) oder auch im Alltag qüalend damit konfrontiert, sie müssten ihr Kreuzchen links oder rechts setzen, Männlein oder Weiblein, eine erzwungene Entscheidung, die meist genauso unnötig traurig und lost macht, wie die Frage meines Englischlehrers zu Schulzeiten eine meiner besten Freundinnen:"What are you? Are you Asian? Or Polish? Or even German? How do you feel?" Dieser Vergleich scheint nun vielleicht nicht sofort verständlich, ich führe ihn aber sehr bewusst an: Passt das wirklich zusammen, auf der einen Seite "no nations - no borders" proklamieren und uns alle in erster Linie als Mensch zu sehen, auf der anderen Seite Grenzen auf der Ebene von Identität bereitwillig zu akzeptieren? Warum stößt Geschlechterdekonstruktion bei den aufgeklärtesten Menschen auf Gelächter und Unverständnis? Ist es denn nicht die logische Konsequenz einer Bedingung zur Menschlichkeit?
Und wem dies alles immer noch viel zu theoretisch erscheint, als die Ausgeburt des Hirns einer jungen Frau mit zu viel Zeit und zu wenig Herz und Weitblick für dringendere Probleme (tatsächlich sind viele Menschen trotz einer mindestens hundertjährigen Feminismusgeschichte noch nicht viel weiter als Herr Schopenhauer -http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm-angelangt, ob nun in Worten und Taten, mal mehr oder weniger verschleiert, und derlei Behandlung hat mich teilweise schon so weit getrübt, dass ich mir an schlechten Tagen diese Beschreibung tatsächlich selbst zukommen lasse), dem muss ich die Dringlichkeit wohl einmal mehr bewusst machen. Gewaltsame Übergriffe auf Homosexuelle sind eine Folge von Vorurteilen gegenüber sexueller Identität. Mit dem Umgang einer nicht auf das Geschlecht und damit einhergehender heterosexueller Normativität sowie einer zwingenden Kategorisierung in die "wahren" sexuellen Vorlieben fokussierter Sichtweise hätten diese keine Grundlage mehr. Vergewaltigungen von Frauen passieren häufig als Ausdruck eines Machtverhältnisses, sie sind die Demonstration und Versicherung des Klischees der körperlichen Unterlegenheit und Passivität der Frau. Obwohl ich Gewalt ablehne, finde ich es aus diesen Gründen in der gegenwärtigen Situation super, dass ein als weiblich performierender Mensch aus meinem näheren Umkreis einen aufdringlichen Belästiger, der sich mit Worten nicht abschütteln ließ, schlug, tritt und aus dem Club werfen ließ. Ich wünsche mir nicht, dass so ein Verhalten nötig wäre- aber in einer Welt, in der über Mario Barth gelacht wird, in der Sexismus zwar allgegenwärtig, doch nichts Schlimmes, einfach nur zum Schmunzeln und Wiederfinden gedacht ist, in der gefragt wird, was eine Frau im Minirock, die vergewaltigt wurde, denn auch nachts allein auf der Straße mache, in der allein die Wahrnehmung weiblicher Performanz ohne männliche Begleitung Anlass für verbale und körperliche Belästigung gibt, in der Frauen bereitwillig lächeln, wenn man sagt, sie seien "süß" und "niedlich" und damit eigentlich gemeint ist, sie seien dumm, schwach oder tollpatschig, einfach nur aus dem Grund, weil sie die Infantilisierung, die eine Degradierung darstellt, schon so verinnerlicht haben, dass sie bereits glauben, es sei Teil ihrer "weiblichen Rolle", einer Welt, in der man argumentiert, dass Frauen weniger verdienen, sei darauf zurückzuführen, dass sie häufiger im Kultursektor arbeiten und dieser sei auf Grund geringerer Wichtigkeit für das gesellschaftliche Wohl niedriger zu bezahlen, in der Statistiken so ausgelegt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in einem gewissen Alter noch einen Mann finden, geringer sei, als von einem Hai gebissen zu werden (Ist ja auch völlig logisch, dass man das statistisch auslegen kann! Wer einen Mann zum Lieben findet, heiratet natürlich, oder befindet sich zumindest in einer soliden Lebensgemeinschaft!) - in einer solchen Welt, tut mir leid, da ist es noch nötig, zurückzuschlagen. Oder im Falle der Autorin, zu wettern und zu zetern, sich aufzuregen und auszutoben. Oh, wie hysterisch ich doch bin! Man sollte mich schnell verheiraten. Das Leben ohne heteronormative Stabilität bringt mich in ganz verbohrte und unnatürliche Bahnen! Manchmal wachsen mir sogar schon Achselhaare!
Das alles sind ganz reale gesellschaftliche Schmerzen und Gefahren. Eine Emanzipation der Herzen, unabhängig von Kategorien ist also tatsächlich dringendst nötig. Mit Ignoranz wird über Do-it-yourself-Bewegungen und Popfeminismus gelächelt- und in der Tat, man muss keine Gebärmuttern stricken, um zu beweisen, dass weiblich konnotierte Tätigkeiten sich nicht mit engagiertem und klugem Handeln beißen müssen. Im Gegenteil, meiner Meinung nach führt diese Art des Feminismus eher dazu, dass die Bewegung, selbst wenn sie im größeren, queeren Kontext steht, schnell in die Ecke des in den Waldboden menstruierens oder gar fernab einer Emanzipation in den Eva-Hermann Mutterkultsektor geschmissen und zurecht belächelt und verachtet wird. Der Kern ist es jedoch, tun und lassen zu können, was man möchte, unabhängig vom Geschlecht, solange es anderen Menschen keinen Schaden anzurichtet. Und das kann Kuchen backen ebenso sein wie Stricken, Nähen, Malen, Informatik studieren, Bass spielen, Tische bauen. Eben queer sein, ohne zwangsläufig "so" auszusehen. Vor einigen Semestern definierte meine Kommilitonin in Geschlechtersoziologie den Begriff "queer" sehr schön, in dem sie ihn eindeutschte: "Etwas queren. Eine Grenze überqueren. Einen Menschen trennenden Fluss der Konvention." Leider schmiss eben diese Kommilitonin den Kurs, weil sie dachte, ihr fehlten Grundlagen. Dabei hat sie so schön verstanden, um was es geht.
Ebenso wie die Organisatoren des zweiten "Queer Punk Things", das gestern in der Köpi stattfand. Es gab Performances und Konzerte, eine engagierte, aber freundliche Stimmung in der Überquerung der Grenzen. Deutlicher als meine Worte macht meine Position vielleicht nochmal ein Auszug aus deren Manifest:
"The punk movement has become homophobic and conservative as "rules for being punk" have developed. Too often we see male punx ask their girlfriend to hold their jackets so that they can pogo.
Additionally, grappling with these standards, men feel obliged to act "punk" or "skin": being destructive and obnoxious, violent and sexist. They are obeying rules learned from typical hetero-patriarchal structures. We don't want to propagate this.
The gay community, too, has formed oppressive rules. Gay-Pride is an illusion that keeps us locked into roles and restrictive labels. We don't need dress codes, or to adhere to heterosexist, hierarchical norms. Break these rules!
Being queer or punk isn't about a fashion or about homosexuality. It's a way of living without conforming to society´s accepted norms. Queer is based on a sex-positive philosophy.
That means that everybody, regardless of gender or sexual orientation, is invited to get involved with us and celebrate their sexuality in the way they feel comfortable with. Fight against sexism and sexual oppression not sexuality!" (http://www.queerpunk.org/manifesto/)
Seximus zu bekämpfen ist ebenso ein wichtiges Anliegen, wie das Bekämpfen der Diskriminierung auf Grund von Vorurteilen gegenüber Ethnie, Hautfarbe und Herkunft. Und diese Diskriminierung findet statt, Tag für Tag. Und wenn es schon ein derart harter Kampf ist, eine Gleichberechtigung in der Arbeitswelt zu finden, so möget ihr doch bitte alles dafür tun, dies im Privaten durchzusetzen, in dem es keine allzu große Schwierigkeit darstellen sollte, wenn die Kurzblick- "das war schon immer so- also ist es auch natürlich" Brille nur ein weiteres Mal abgesetzt wird und wir uns als Menschen begegnen. Und Menschen, die dessen partout nicht willens sind, muss man bis dahin den Daumen beim Schubladen schließen eben gehörig einklemmen. Wehrt euch gegen Sexismus! Seid kein Teil davon! Und bitte ignoriert ihn auch nicht. Wir mögen alle ja so postmodern und sexy sein, doch leider reichen einige Vorstellungen über Geschlecht noch bis ins Mittelalter zurück. Und sie werden alltäglich manifestiert, in Werbung (mit Kinderstimme und Lippenstift liegt dir die Welt zu Füßen! Zumindest die des unbeschwerten und unverdienten Konsums und der Reduzierung auf dein künstlich-glänzendes Lächeln) und klischeebeladenen Filmen, vor allem der deutsche Massenfilm scheint da ja durchaus auf bereitwilliges Publikum zu treffen, siehe "Keinohrhasen", in dem auf eine ja so unheimlich einfühlsame, witzige und identifikationsfähige Weise das alte Märchen einmal mehr nacherzählt wird, Frauen können das ja nicht so gut, mit dem Trennen von Sexualität und Liebe. Was auch immer letzteres sein mag.
"Ich strahle Vertrauen aus und steh auf Sex"- so die biestige Protagonistin, gespielt von Sarah Michelle Gellar, in "Eiskalte Engel." Schon merkwürdig, dass das ein Gegensatz sein soll. Sollte es doch nicht, oder? Oder ist Sex etwa etwas Schmutziges, bei dem Männer den aktiven Part ausüben und die Olle allenfalls mitmachen, aber nicht selbst die Initiative ergreifen kann, es sei denn sie ist ein dämonisches, wildes Wesen. Böse, böse.
Positiver Sexismus ist, wenn Männer einer völlig rüstigen "Frau" die Tasche tragen wollen. Ein Freund von mir löste sein Verhältnis zu mir zwischen Gentleman und süffisantem Kritiker neulich in einer sehr charmanten Weise. Post-Einkaufsszene. Abschätziger Seitenblick. Ich frage irritiert: "Was sollte denn der Blick?" Er: "Ach, grad hab ich mich gefragt, ob ich dir was abnehmen soll. Aber jetzt seh ich, in der einen Hand Klopapier, in der anderen die Alditüte. Etwas Stilbewusstsein hab ich ja auch noch. Das trag mal lieber selbst." Das ist kleiner Alltagsgendertrouble, das gefällt mir.
Meine trunkene Weisheit auf einem Bierdeckel neulich: "Wie überzeugst du einen Chauvinisten von deiner geschlechterpolitischen Sicht? Schlaf mit ihm und melde dich danach nie wieder." Das ist böse. Sogar noch böser und weniger meinen diplomatischen Ansprüchen gerecht werdend als einen Mann zu verprügeln. Das alles wäre ja auch so schön unnötig, wenn ich in einer Welt des Respekts, des Zuhörens und der Offenheit leben würde. Ich würde so viel lieber gemeinsam queren, als mich hinter meinem Schutzschild der Queerfeministin und Geschlechterdekonstruktivistin zu verstecken. Doch momentan würden damit nicht nur ich, sondern auch meine Überzeugungen, unerkannt bleiben.
Let's be human beings- kann man über diese ernst gemeinte Einladung denn tatsächlich noch spotten?
Ich könnte hier noch ganz lang eine beliebige Liste meiner einstigen und aktuellen Vorlieben fortsetzen, und nein, ich möchte mich nicht mal wieder egozentrisch selbst beschreiben. Ich frage mich im Gegenteil, liebe Leserschaft, was Sie sich bei diesen Sätzen dachten. Kann es sein, dass diejenigen, die mich nicht persönlich kennen, sich bei mindestens sieben Sätzen dachten: "Oh, typisch Frau!"? Diejenigen, die mich nur flüchtig und nicht in allen Lebenslagen kennen, bei mindestens drei Sätzen dachten "Oh, das hätte ich ja jetzt nicht von so nem zarten Mädel gedacht?" Menschen, die ich momentan in meinem nächsten Umkreis habe, wissen: Das alles sind Elemente, die genau mich ausmachen, ebenso wie mein leichter Dialekt und die Pigmentstörung neben meinem Mundwinkel. Keine Elemente, die mich zu einer typischen Frau machen und auch zu keiner untypischen. Wenn ich sage, ich bin eine "Queerfeministin", dann glauben sie es mir, weil sie wissen, dass ich, zur Verdeutlichung meiner geschlechterpolitischen Ansichten, diesen Begriff als Arbeitshypothese verwende.
Doch bei allen anderen, die mich nicht lesen, die sich auf einer Party flüchtig mit mir unterhalten, die mich auf der Straße streifen, nachts auf dem Weg zum Ausgehen, tags auf dem Weg zur Uni, zeigen sich bei der visuellen oder verbalen Wahrnehmung oben genannter Vorlieben oben genannte Reaktionen. Und nun kommt das Spannende daran: Lesen Sie sich noch einmal diese Sätze durch. Hat davon irgendeiner etwas mit Sex zu tun? Mit Penis oder Vagina? Mit Kinder kriegen und Samenergüssen? Ähhhh, nein! Und warum wird bei den meisten dieser Sätze dann sofort an Geschlecht gedacht? Dies zeigt doch nur wie tief tradierte und vorurteilsbehaftete Geschlechtervorstellungen in uns allen verankert sind. Warum nur, wenn mir die aufgeklärtesten Menschen doch sagen, Feminismus sei anachronistisch, denn Frauen und Männer sind frei, alles zu tun, was sie wollen, vor allem auf privater Ebene? Und ich solle ja Geschlecht dekonstruieren, wie ich wolle, der Unterschied, der bleibt, sei nun mal "Penis vs Vagina" und "Kinder kriegen vs Samenerguss.", das sei ganz natürlich und was wolle ich mit meiner "Gleichmacherei" denn erreichen? Männer und Frauen seien gleichberechtigt, wir sind ja alle keine Sexisten, nein, nein, und wenn, dann doch nur so zum Spaß.
Aber bleibt es wirklich nur bei dieser "natürlichen" Unterscheidung? Wenn mir schon keiner zuhört, wenn ich davon spreche, dass auch die Zuweisung des Geschlechts nach diesen Merkmalen durchaus kulturell variabel sein kann, so wäre es wenigstens o.k., wenn dies auch die einzige Assoziation zu "Du Frau-ich Mann" bleiben würde.
Es geht mir hier nicht um mich. Es geht mir um diese Assoziationen. Mir tut es nicht mehr weh, nicht mehr allzu sehr. Denn ich hab mir ein Schutzschild gebaut, gegen das Nicht-Ernst-genommen werden, als Mensch und vor allem beruflich. Gegen das wahr genommen werden als weich, weiblich, schwach, niedlich-verkorkst, verführerisch, verpeilt und das alles in Situationen, in denen dies keinesfalls positiv ist. Mein Schutzschild heißt Geschlechterdekonstruktion. Ich bin keine Frau, ich bin nicht gefangen in meiner Rolle als Frau, nicht nur mit meinen "weiblichen Fähigkeiten und Kompetenzen" allein gelassen. Ich bin ein Mensch, geboren mit einer Vulva, und damit hat sichs dann auch. Ich bin teilweise, ob bewusst oder unbewusst, weiblich sozialisiert wurden und ob mir das jetzt schmeckt oder nicht, ob ich in gewohnten Bahnen bleibe oder ausbreche, das liegt jetzt in meiner Hand. Nein, es geht mir nicht um mich, denn ich darf ziemlich viel, bis ich auf Irritation stoße, denn die Performance meiner Wahl, die ich täglich neu aus gefühlslagigen und ästhetischen Gründen wähle, ist zumeist das, was als weiblich gilt. Wie sehr dieser Anspruch an mich geltend gemacht wird, erfahre ich, wenn ich gefragt werde, warum ich mir die Haare ab und zu etwas radikal kurz abschneide, dass sei doch "unweiblich" oder warum ich keinen Push-Up BH trüge (geschweige denn ab und an überhaupt keinen). Aber nichtsdestotrotz, ich darf ziemlich viel. Außer behaupten, eine Queerfeministin zu sein. "Bist du lesbisch? Bisexuell? So siehst du doch gar nicht aus!" Das alles sind Lappalien? Nur eine weitere Identitätsversicherung?
Halt- um ehrlich zu sein, hier geht es mir doch um mich, auch, aber vor allem um die, die denn "so" aussehen. Wer nämlich "so" aussieht, oder viel mehr, nicht "so", so eindeutig, der hat nämlich nicht "so" einen weiten Spielraum, bis er auf Irritation stößt. (Und ich benutze hier gerade die "männliche" Form, als eine, umfassende Form! Der Einfachheit und Sprachästhetik halber. Die Erfahrung zeigt, Sprachgenderfanatiker haben zumeist rein gar nichts kapiert, fühlen sich aber unglaublich engagiert). Denn all dieser Alltagssexismus, all diese Mythen und "Selbstverständlichkeiten", wie eine Frau auszusehen hat, wie ein Mann, wie ein "Schwuler", wie eine "Lesbe", was "typisch Frau" sei, was "typisch Mann", welche Eigenschaften "stark-männlich" und welche "schwach-weiblich", all das ist ein widerlicher, gärender Nährboden für Vorurteile, die vielleicht nicht in der konkreten Situation, aber im daraus entstehendem, gesellschaftlichem Klima zu weit Schlimmerem führen, als Gelächter und persönliche, geistige Verletzung. Wer sich im Jugendjargon umhört, der wird feststellen, dass "schwul" als Schimpfwort gilt, ebenso wie "Du Mädchen!" und "Schlampe." Drei Beispielwörter, die schubladisierende Eigenschaften, aus dem Bereich Geschlecht und sexuelle Identität, negativ konnotieren und sich meist auf ein paar der Eigenschaften beziehen, mit denen meine einleitenden Sätze assoziiert werden. Menschen, die sich als "transgender" bezeichnen, die nicht eindeutig innerhalb der binären Geschlechtlichkeit wahrgenommen werden möchten, werden sowohl routinemäßig in Fragebögen (Oh ja, wir Soziologen, die es doch eigentlich besser wissen müssten, bilden da leider keine Ausnahme!) oder auch im Alltag qüalend damit konfrontiert, sie müssten ihr Kreuzchen links oder rechts setzen, Männlein oder Weiblein, eine erzwungene Entscheidung, die meist genauso unnötig traurig und lost macht, wie die Frage meines Englischlehrers zu Schulzeiten eine meiner besten Freundinnen:"What are you? Are you Asian? Or Polish? Or even German? How do you feel?" Dieser Vergleich scheint nun vielleicht nicht sofort verständlich, ich führe ihn aber sehr bewusst an: Passt das wirklich zusammen, auf der einen Seite "no nations - no borders" proklamieren und uns alle in erster Linie als Mensch zu sehen, auf der anderen Seite Grenzen auf der Ebene von Identität bereitwillig zu akzeptieren? Warum stößt Geschlechterdekonstruktion bei den aufgeklärtesten Menschen auf Gelächter und Unverständnis? Ist es denn nicht die logische Konsequenz einer Bedingung zur Menschlichkeit?
Und wem dies alles immer noch viel zu theoretisch erscheint, als die Ausgeburt des Hirns einer jungen Frau mit zu viel Zeit und zu wenig Herz und Weitblick für dringendere Probleme (tatsächlich sind viele Menschen trotz einer mindestens hundertjährigen Feminismusgeschichte noch nicht viel weiter als Herr Schopenhauer -http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm-angelangt, ob nun in Worten und Taten, mal mehr oder weniger verschleiert, und derlei Behandlung hat mich teilweise schon so weit getrübt, dass ich mir an schlechten Tagen diese Beschreibung tatsächlich selbst zukommen lasse), dem muss ich die Dringlichkeit wohl einmal mehr bewusst machen. Gewaltsame Übergriffe auf Homosexuelle sind eine Folge von Vorurteilen gegenüber sexueller Identität. Mit dem Umgang einer nicht auf das Geschlecht und damit einhergehender heterosexueller Normativität sowie einer zwingenden Kategorisierung in die "wahren" sexuellen Vorlieben fokussierter Sichtweise hätten diese keine Grundlage mehr. Vergewaltigungen von Frauen passieren häufig als Ausdruck eines Machtverhältnisses, sie sind die Demonstration und Versicherung des Klischees der körperlichen Unterlegenheit und Passivität der Frau. Obwohl ich Gewalt ablehne, finde ich es aus diesen Gründen in der gegenwärtigen Situation super, dass ein als weiblich performierender Mensch aus meinem näheren Umkreis einen aufdringlichen Belästiger, der sich mit Worten nicht abschütteln ließ, schlug, tritt und aus dem Club werfen ließ. Ich wünsche mir nicht, dass so ein Verhalten nötig wäre- aber in einer Welt, in der über Mario Barth gelacht wird, in der Sexismus zwar allgegenwärtig, doch nichts Schlimmes, einfach nur zum Schmunzeln und Wiederfinden gedacht ist, in der gefragt wird, was eine Frau im Minirock, die vergewaltigt wurde, denn auch nachts allein auf der Straße mache, in der allein die Wahrnehmung weiblicher Performanz ohne männliche Begleitung Anlass für verbale und körperliche Belästigung gibt, in der Frauen bereitwillig lächeln, wenn man sagt, sie seien "süß" und "niedlich" und damit eigentlich gemeint ist, sie seien dumm, schwach oder tollpatschig, einfach nur aus dem Grund, weil sie die Infantilisierung, die eine Degradierung darstellt, schon so verinnerlicht haben, dass sie bereits glauben, es sei Teil ihrer "weiblichen Rolle", einer Welt, in der man argumentiert, dass Frauen weniger verdienen, sei darauf zurückzuführen, dass sie häufiger im Kultursektor arbeiten und dieser sei auf Grund geringerer Wichtigkeit für das gesellschaftliche Wohl niedriger zu bezahlen, in der Statistiken so ausgelegt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in einem gewissen Alter noch einen Mann finden, geringer sei, als von einem Hai gebissen zu werden (Ist ja auch völlig logisch, dass man das statistisch auslegen kann! Wer einen Mann zum Lieben findet, heiratet natürlich, oder befindet sich zumindest in einer soliden Lebensgemeinschaft!) - in einer solchen Welt, tut mir leid, da ist es noch nötig, zurückzuschlagen. Oder im Falle der Autorin, zu wettern und zu zetern, sich aufzuregen und auszutoben. Oh, wie hysterisch ich doch bin! Man sollte mich schnell verheiraten. Das Leben ohne heteronormative Stabilität bringt mich in ganz verbohrte und unnatürliche Bahnen! Manchmal wachsen mir sogar schon Achselhaare!
Das alles sind ganz reale gesellschaftliche Schmerzen und Gefahren. Eine Emanzipation der Herzen, unabhängig von Kategorien ist also tatsächlich dringendst nötig. Mit Ignoranz wird über Do-it-yourself-Bewegungen und Popfeminismus gelächelt- und in der Tat, man muss keine Gebärmuttern stricken, um zu beweisen, dass weiblich konnotierte Tätigkeiten sich nicht mit engagiertem und klugem Handeln beißen müssen. Im Gegenteil, meiner Meinung nach führt diese Art des Feminismus eher dazu, dass die Bewegung, selbst wenn sie im größeren, queeren Kontext steht, schnell in die Ecke des in den Waldboden menstruierens oder gar fernab einer Emanzipation in den Eva-Hermann Mutterkultsektor geschmissen und zurecht belächelt und verachtet wird. Der Kern ist es jedoch, tun und lassen zu können, was man möchte, unabhängig vom Geschlecht, solange es anderen Menschen keinen Schaden anzurichtet. Und das kann Kuchen backen ebenso sein wie Stricken, Nähen, Malen, Informatik studieren, Bass spielen, Tische bauen. Eben queer sein, ohne zwangsläufig "so" auszusehen. Vor einigen Semestern definierte meine Kommilitonin in Geschlechtersoziologie den Begriff "queer" sehr schön, in dem sie ihn eindeutschte: "Etwas queren. Eine Grenze überqueren. Einen Menschen trennenden Fluss der Konvention." Leider schmiss eben diese Kommilitonin den Kurs, weil sie dachte, ihr fehlten Grundlagen. Dabei hat sie so schön verstanden, um was es geht.
Ebenso wie die Organisatoren des zweiten "Queer Punk Things", das gestern in der Köpi stattfand. Es gab Performances und Konzerte, eine engagierte, aber freundliche Stimmung in der Überquerung der Grenzen. Deutlicher als meine Worte macht meine Position vielleicht nochmal ein Auszug aus deren Manifest:
"The punk movement has become homophobic and conservative as "rules for being punk" have developed. Too often we see male punx ask their girlfriend to hold their jackets so that they can pogo.
Additionally, grappling with these standards, men feel obliged to act "punk" or "skin": being destructive and obnoxious, violent and sexist. They are obeying rules learned from typical hetero-patriarchal structures. We don't want to propagate this.
The gay community, too, has formed oppressive rules. Gay-Pride is an illusion that keeps us locked into roles and restrictive labels. We don't need dress codes, or to adhere to heterosexist, hierarchical norms. Break these rules!
Being queer or punk isn't about a fashion or about homosexuality. It's a way of living without conforming to society´s accepted norms. Queer is based on a sex-positive philosophy.
That means that everybody, regardless of gender or sexual orientation, is invited to get involved with us and celebrate their sexuality in the way they feel comfortable with. Fight against sexism and sexual oppression not sexuality!" (http://www.queerpunk.org/manifesto/)
Seximus zu bekämpfen ist ebenso ein wichtiges Anliegen, wie das Bekämpfen der Diskriminierung auf Grund von Vorurteilen gegenüber Ethnie, Hautfarbe und Herkunft. Und diese Diskriminierung findet statt, Tag für Tag. Und wenn es schon ein derart harter Kampf ist, eine Gleichberechtigung in der Arbeitswelt zu finden, so möget ihr doch bitte alles dafür tun, dies im Privaten durchzusetzen, in dem es keine allzu große Schwierigkeit darstellen sollte, wenn die Kurzblick- "das war schon immer so- also ist es auch natürlich" Brille nur ein weiteres Mal abgesetzt wird und wir uns als Menschen begegnen. Und Menschen, die dessen partout nicht willens sind, muss man bis dahin den Daumen beim Schubladen schließen eben gehörig einklemmen. Wehrt euch gegen Sexismus! Seid kein Teil davon! Und bitte ignoriert ihn auch nicht. Wir mögen alle ja so postmodern und sexy sein, doch leider reichen einige Vorstellungen über Geschlecht noch bis ins Mittelalter zurück. Und sie werden alltäglich manifestiert, in Werbung (mit Kinderstimme und Lippenstift liegt dir die Welt zu Füßen! Zumindest die des unbeschwerten und unverdienten Konsums und der Reduzierung auf dein künstlich-glänzendes Lächeln) und klischeebeladenen Filmen, vor allem der deutsche Massenfilm scheint da ja durchaus auf bereitwilliges Publikum zu treffen, siehe "Keinohrhasen", in dem auf eine ja so unheimlich einfühlsame, witzige und identifikationsfähige Weise das alte Märchen einmal mehr nacherzählt wird, Frauen können das ja nicht so gut, mit dem Trennen von Sexualität und Liebe. Was auch immer letzteres sein mag.
"Ich strahle Vertrauen aus und steh auf Sex"- so die biestige Protagonistin, gespielt von Sarah Michelle Gellar, in "Eiskalte Engel." Schon merkwürdig, dass das ein Gegensatz sein soll. Sollte es doch nicht, oder? Oder ist Sex etwa etwas Schmutziges, bei dem Männer den aktiven Part ausüben und die Olle allenfalls mitmachen, aber nicht selbst die Initiative ergreifen kann, es sei denn sie ist ein dämonisches, wildes Wesen. Böse, böse.
Positiver Sexismus ist, wenn Männer einer völlig rüstigen "Frau" die Tasche tragen wollen. Ein Freund von mir löste sein Verhältnis zu mir zwischen Gentleman und süffisantem Kritiker neulich in einer sehr charmanten Weise. Post-Einkaufsszene. Abschätziger Seitenblick. Ich frage irritiert: "Was sollte denn der Blick?" Er: "Ach, grad hab ich mich gefragt, ob ich dir was abnehmen soll. Aber jetzt seh ich, in der einen Hand Klopapier, in der anderen die Alditüte. Etwas Stilbewusstsein hab ich ja auch noch. Das trag mal lieber selbst." Das ist kleiner Alltagsgendertrouble, das gefällt mir.
Meine trunkene Weisheit auf einem Bierdeckel neulich: "Wie überzeugst du einen Chauvinisten von deiner geschlechterpolitischen Sicht? Schlaf mit ihm und melde dich danach nie wieder." Das ist böse. Sogar noch böser und weniger meinen diplomatischen Ansprüchen gerecht werdend als einen Mann zu verprügeln. Das alles wäre ja auch so schön unnötig, wenn ich in einer Welt des Respekts, des Zuhörens und der Offenheit leben würde. Ich würde so viel lieber gemeinsam queren, als mich hinter meinem Schutzschild der Queerfeministin und Geschlechterdekonstruktivistin zu verstecken. Doch momentan würden damit nicht nur ich, sondern auch meine Überzeugungen, unerkannt bleiben.
Let's be human beings- kann man über diese ernst gemeinte Einladung denn tatsächlich noch spotten?
25. Juli 2010
Oh, wie gern hätte ich ein Boot.
Denn ein Boot zu haben, ist wohl schmerzhafterweise schon am allernächsten daran, im Wasser zu leben. Sofern es nicht die Möglichkeit gibt, eine Seejungfrau zu werden, muss ich mich wohl mit diesem Lebensziel begnügen. Wenn die andere Möglichkeit existiert, sagt mir Bescheid. Solange ich unter Wasser auch irgendwie schreiben kann, zieh ich sofort um.
Eine Freundin hat mir neulich die wunderschöne Geschichte ihrer Eltern erzählt. Die beiden sind schon sehr lange verheiratet und verbringen drei Tage die Woche in der Wohnung ihrer Mutter und zwei Tage lebt der Vater auf seinem Hausboot. Das ganze spielt sich in Amsterdam ab.
Träumte ich immer von einem Leben wild und frei allein, in einer winzigen, verkramten, aber schönen Wohnung in einer großen Stadt, einer solchen Wohnung, in der ich mich zwar wohl fühlte, doch nicht zu sehr zu Hause, denn mein Zuhause wollte fürs Gesamte die Welt sein, und für den Alltag meine Stadt, so träume ich tatsächlich temporär von einem solchen Leben auf dem Hausboot. Wo ich mit mir, meinen Gedanken und dem Wasser allein sein, um meiner Rastlosigkeit nachzukommen hin und wieder durch die Gegend schippern und dennoch ab und zu anzulegen würde, und mich auf jemanden freuen, der an Land ist und mit beiden Beinen auf der Erde verwurzelt. Nicht im Sinne von bodenständig, sondern von real, lebendig, konturenvoll. Ich selbst neige nämlich ein bisschen dazu, verwässert und wild durch die Gegend schwimmend zu sein, die Wellen ein bisschen zu sehr um mich selbst schlagend. Das finde ich nicht besonders schön, immer, nur manchmal.
Doch nur dieses Leben erreichen zu wollen, das scheint mir ebenso vermessen. Daher begnüge ich mich erst einmal damit, die Emanzipation der Herzen und deren Erreichung durch mein Tun- und damit meine ich durchaus Schreiben, Theater spielen, Textilien bemalen, Gedichte lesen, emotionalen Dringlichkeiten nachkommen- im Kopf zu behalten und am Wasser entlang zu laufen.
Ich empfehle in Berlin sehr, dies am Charlottenburger Kanal nahe des Schlossparks Charlottenburg zu tun. Es lässt sich hier auch hervorragend an einen Baum setzen, auf das Wasser starren oder lesen. Zum Beispiel die Biographie der Else-Lasker Schüler von Kerstin Decker "Mein Herz- Niemandem". Wie das Leben und die Briefe dieser kaputten Frau mein Herz zerspringen lassen! Mit ihrer Lyrik konnte ich noch nie so viel anfangen wie jetzt. Wie konnte Kafka sie nur als "Kuh vom Kurfürstendamm" bezeichnen?
"Kuh" ist ein frauenabwertendes Schimpfwort. Ich glaube, die Lasker spürte genau wie ich, dass es nicht gut war, sich durch sein "Frau-sein" zu definieren und erfand daher den Prinz von Theben, für den ihr Vater, der sie in Hosen steckte, den Weg geebnet hatte. Ebenso unangenehm war ihr ihr Frau-Sein, in den Augen der Gesellschaft und zu bestimmten Momenten, wohl bewusst und dass es vorteilsbringend, aber stechend sein kann, wenn das Frau-Sein ab und zu das Einzige zu sein scheint, das man hat. Dann hätte man gerne einen (Fisch-)schwanz und würde sich ins Wasser begeben.
Oh, wie gern hätte ich ein Boot.
Eine Freundin hat mir neulich die wunderschöne Geschichte ihrer Eltern erzählt. Die beiden sind schon sehr lange verheiratet und verbringen drei Tage die Woche in der Wohnung ihrer Mutter und zwei Tage lebt der Vater auf seinem Hausboot. Das ganze spielt sich in Amsterdam ab.
Träumte ich immer von einem Leben wild und frei allein, in einer winzigen, verkramten, aber schönen Wohnung in einer großen Stadt, einer solchen Wohnung, in der ich mich zwar wohl fühlte, doch nicht zu sehr zu Hause, denn mein Zuhause wollte fürs Gesamte die Welt sein, und für den Alltag meine Stadt, so träume ich tatsächlich temporär von einem solchen Leben auf dem Hausboot. Wo ich mit mir, meinen Gedanken und dem Wasser allein sein, um meiner Rastlosigkeit nachzukommen hin und wieder durch die Gegend schippern und dennoch ab und zu anzulegen würde, und mich auf jemanden freuen, der an Land ist und mit beiden Beinen auf der Erde verwurzelt. Nicht im Sinne von bodenständig, sondern von real, lebendig, konturenvoll. Ich selbst neige nämlich ein bisschen dazu, verwässert und wild durch die Gegend schwimmend zu sein, die Wellen ein bisschen zu sehr um mich selbst schlagend. Das finde ich nicht besonders schön, immer, nur manchmal.
Doch nur dieses Leben erreichen zu wollen, das scheint mir ebenso vermessen. Daher begnüge ich mich erst einmal damit, die Emanzipation der Herzen und deren Erreichung durch mein Tun- und damit meine ich durchaus Schreiben, Theater spielen, Textilien bemalen, Gedichte lesen, emotionalen Dringlichkeiten nachkommen- im Kopf zu behalten und am Wasser entlang zu laufen.
Ich empfehle in Berlin sehr, dies am Charlottenburger Kanal nahe des Schlossparks Charlottenburg zu tun. Es lässt sich hier auch hervorragend an einen Baum setzen, auf das Wasser starren oder lesen. Zum Beispiel die Biographie der Else-Lasker Schüler von Kerstin Decker "Mein Herz- Niemandem". Wie das Leben und die Briefe dieser kaputten Frau mein Herz zerspringen lassen! Mit ihrer Lyrik konnte ich noch nie so viel anfangen wie jetzt. Wie konnte Kafka sie nur als "Kuh vom Kurfürstendamm" bezeichnen?
"Kuh" ist ein frauenabwertendes Schimpfwort. Ich glaube, die Lasker spürte genau wie ich, dass es nicht gut war, sich durch sein "Frau-sein" zu definieren und erfand daher den Prinz von Theben, für den ihr Vater, der sie in Hosen steckte, den Weg geebnet hatte. Ebenso unangenehm war ihr ihr Frau-Sein, in den Augen der Gesellschaft und zu bestimmten Momenten, wohl bewusst und dass es vorteilsbringend, aber stechend sein kann, wenn das Frau-Sein ab und zu das Einzige zu sein scheint, das man hat. Dann hätte man gerne einen (Fisch-)schwanz und würde sich ins Wasser begeben.
Oh, wie gern hätte ich ein Boot.
19. Juli 2010
Run Baby Run
"Die hat aber och eenen am Loofen. Rennt da über die ganze Wiese zum Mülleimer, obwohl auf dem Weg nach oben noch drei gewesen wären."
Jetzt weiß der, der das sagte: Ich musste rennen.
Ich muss immer rennen. Schon immer. Es wurde immer schlimmer. Es wird immer schlimmer. Als Kind reichte es mir lediglich Berge hinunter zu rennen. Mittlerweile renne ich mitten im Gespräch los. Es ist nicht unhöflich gemeint, wirklich. Wenn ich umbiege und zurück renne, werde ich, gut gedanklich durchgepustet, wieder an genau dem Punkt ansetzen, an dem du unterbrochen wurdest.
Wohl wünsche ich denen Kraft, mit zu halten, die mit mir betrunken von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen. Mit dem Gehen ist dann nämlich nicht mehr so viel- es wird gerannt. Mittlerweile kann ich mit jeder Art von Schuh rennen, um jede Tages- und Nachtzeit, bei jeder Temperatur. Ich kann nicht. Ich muss.
Vielleicht wird es immer schlimmer, weil mein Leben sich immer mehr wie ein großes Rennen anfühlt. Früher hatte man so viel Zeit, dass man noch am Bach spielen konnte und sich stundenlang darüber wundern, dass eine Katze gefaucht hatte. Mich hatte jedenfalls bis zum Alter von acht Jahren noch nie eine Katze angefaucht.
Heute fauchen mich auch keine Katzen mehr an, das liegt aber an dem eher traurigen Umstand, dass ich einfach, in der Großstadt lebend, so gut wie keine Katzen mehr zu Gesicht bekomme, nur noch Hunde. Treu trotten sie neben ihren Frauchen und Herrchen her und bellen vor allem bei anderen Hunden. Die Anmut eines katzigen Schmeichelns oder eben Fauchens muss ich missen, ein Verlust, der mich tatsächlich so schmerzt, wie ich es mir nicht hatte vorstellen können.
Mir gelegentlich begegnenden Wohnungskatzen fehlt der gewisse Flow, den eine Dorfbachkatze in ihrem Fauchen mit sich trägt.
Also, was haben denn Katzen nun damit zu tun, dass sich mein Leben wie ein großes Rennen anfühlt?
Es fehlt das beruhigende Element, dass sich hinsetzen und geniesen auch o.k. ist. Ständig denke ich, dass ich jede Sekunde zur Selbstverwirklichung nutzen muss. Statt ein Buch zu lesen, schreibe ich einen Blog, statt ins Kino zu gehen, plane ich meinen Kurzfilm, statt meinen Urlaub vernünftig zu planen, denke ich über Praktika und Jobs nach, nur um mich dann doch nicht zu bewerben, und mich dann im plötzlichen Nichtstun wiederzufinden. Das natürlich auch keines ist, sondern mit Zukunftssorgen und weiteren Selbstverwirklichungsplänen ausgefüllt wird.
Und ich glaube, mit jedem Rennen, das zum großen Rennen gehört, geht ein Stück weit von mir verloren. Nein, das ist so nicht richtig. Ich renne sehr viel, und ich gewinne dabei immer was dazu, ich hab aber keine Ahnung, in welche Richtung ich eigentlich renne. Das ist es.
Nein, das ist es nicht.
Ich hab einfach nur einen zu loofen .
Jetzt weiß der, der das sagte: Ich musste rennen.
Ich muss immer rennen. Schon immer. Es wurde immer schlimmer. Es wird immer schlimmer. Als Kind reichte es mir lediglich Berge hinunter zu rennen. Mittlerweile renne ich mitten im Gespräch los. Es ist nicht unhöflich gemeint, wirklich. Wenn ich umbiege und zurück renne, werde ich, gut gedanklich durchgepustet, wieder an genau dem Punkt ansetzen, an dem du unterbrochen wurdest.
Wohl wünsche ich denen Kraft, mit zu halten, die mit mir betrunken von irgendwoher kommen und irgendwohin gehen. Mit dem Gehen ist dann nämlich nicht mehr so viel- es wird gerannt. Mittlerweile kann ich mit jeder Art von Schuh rennen, um jede Tages- und Nachtzeit, bei jeder Temperatur. Ich kann nicht. Ich muss.
Vielleicht wird es immer schlimmer, weil mein Leben sich immer mehr wie ein großes Rennen anfühlt. Früher hatte man so viel Zeit, dass man noch am Bach spielen konnte und sich stundenlang darüber wundern, dass eine Katze gefaucht hatte. Mich hatte jedenfalls bis zum Alter von acht Jahren noch nie eine Katze angefaucht.
Heute fauchen mich auch keine Katzen mehr an, das liegt aber an dem eher traurigen Umstand, dass ich einfach, in der Großstadt lebend, so gut wie keine Katzen mehr zu Gesicht bekomme, nur noch Hunde. Treu trotten sie neben ihren Frauchen und Herrchen her und bellen vor allem bei anderen Hunden. Die Anmut eines katzigen Schmeichelns oder eben Fauchens muss ich missen, ein Verlust, der mich tatsächlich so schmerzt, wie ich es mir nicht hatte vorstellen können.
Mir gelegentlich begegnenden Wohnungskatzen fehlt der gewisse Flow, den eine Dorfbachkatze in ihrem Fauchen mit sich trägt.
Also, was haben denn Katzen nun damit zu tun, dass sich mein Leben wie ein großes Rennen anfühlt?
Es fehlt das beruhigende Element, dass sich hinsetzen und geniesen auch o.k. ist. Ständig denke ich, dass ich jede Sekunde zur Selbstverwirklichung nutzen muss. Statt ein Buch zu lesen, schreibe ich einen Blog, statt ins Kino zu gehen, plane ich meinen Kurzfilm, statt meinen Urlaub vernünftig zu planen, denke ich über Praktika und Jobs nach, nur um mich dann doch nicht zu bewerben, und mich dann im plötzlichen Nichtstun wiederzufinden. Das natürlich auch keines ist, sondern mit Zukunftssorgen und weiteren Selbstverwirklichungsplänen ausgefüllt wird.
Und ich glaube, mit jedem Rennen, das zum großen Rennen gehört, geht ein Stück weit von mir verloren. Nein, das ist so nicht richtig. Ich renne sehr viel, und ich gewinne dabei immer was dazu, ich hab aber keine Ahnung, in welche Richtung ich eigentlich renne. Das ist es.
Nein, das ist es nicht.
Ich hab einfach nur einen zu loofen .
16. Juli 2010
Erkenntnisgewinn
... ist tatsächlich besser als Prokrastination.
Ich denke gerade über Statistik nach. Wirklich. Das Ganze macht eigentlich ganz schön Spaß, kommt mir in den Sinn, bei halbwegs freundlichen 25 Grad in der TU-Bibliothek. Wütend macht mich das schon ein bisschen, dass ich das erst 17 Stunden vor der Klausur fest stelle.
Aber Dienstags 17:45 in einem Computerraum, der für 20 Leute ausgerichtet ist, in dem aber ein Seminar von 50 Leuten begierig darauf wartet, dass ersehnte (und das meine ich tatsächlich ironiefrei!) Handwerkszeug für die Disziplin der Gesellschaftwissenschaft zu erlangen, war das schier unmöglich. Ebenfalls nicht förderlich war es, anstatt Zeit zu haben, die großen Zusammenhänge zu erkennen, für jede Woche sieben Seiten Aufgaben bearbeiten zu müssen, für die man, anstatt zu denken, die Powerpointpräsentation geöffnet hatte, und wahllos versuchte, in die Formeln einzusetzen, was in der Aufgabe gegeben war.
Nicht so motivierend war auch die Vorlesung, die dazu führte, dass ich dieses Semester einen freien Freitag hatte, durch einen Dozenten, der unfähig schien, zu vermitteln, dass wir hier keine höhere Mathematik gelehrt bekommen, nur um im "Kuschelstudium" Soziologie auch etwas Härteres um die Ohren gehauen zu kriegen.
Es macht mich traurig, dass ein tolles, erwähltes und geliebtes Studium sein kann wie ein erzwungener, schlechter Matheunterricht.
Es ist nämlich so, dass wir uns in unserer Berufung, die Gesellschaft bis in die Ameisendimension zu analysieren, damit wir uns vor dem aus der Vogelperspektive wie ein irrer Haufen anmutenden nicht allzu erschrecken, umzu erstarren, sondern fähig sind, mit Herz und Verstand, die Verwicklungen, die zu sozialen Schmerzen führen, zu entlarven, an einer Methode versuchen, das sensibel beobachtete nachvollziehbar und begründet aufs Papier zu bringen.
Dafür braucht man, wie eine von mir wiederum sehr geschätzte Dozentin sagte:"Ein cooles Besteck." Das ist alles. Ein Messer oder eine Gabel herzustellen ist nicht so einfach. Schöner ist es vielleicht, mit Stäbchen zu speisen. Aber wäre es meine einzige Möglichkeit, um das zu verzehren, was ich gerade begehre, zum Beispiel Kartoffeln, Spinat und Rührei, ich würde sie mir basteln.
Heute nicht von Bookish as Earl Grey, sondern einer Sozialforscherin in spe und aus Leidenschaft.
Ich denke gerade über Statistik nach. Wirklich. Das Ganze macht eigentlich ganz schön Spaß, kommt mir in den Sinn, bei halbwegs freundlichen 25 Grad in der TU-Bibliothek. Wütend macht mich das schon ein bisschen, dass ich das erst 17 Stunden vor der Klausur fest stelle.
Aber Dienstags 17:45 in einem Computerraum, der für 20 Leute ausgerichtet ist, in dem aber ein Seminar von 50 Leuten begierig darauf wartet, dass ersehnte (und das meine ich tatsächlich ironiefrei!) Handwerkszeug für die Disziplin der Gesellschaftwissenschaft zu erlangen, war das schier unmöglich. Ebenfalls nicht förderlich war es, anstatt Zeit zu haben, die großen Zusammenhänge zu erkennen, für jede Woche sieben Seiten Aufgaben bearbeiten zu müssen, für die man, anstatt zu denken, die Powerpointpräsentation geöffnet hatte, und wahllos versuchte, in die Formeln einzusetzen, was in der Aufgabe gegeben war.
Nicht so motivierend war auch die Vorlesung, die dazu führte, dass ich dieses Semester einen freien Freitag hatte, durch einen Dozenten, der unfähig schien, zu vermitteln, dass wir hier keine höhere Mathematik gelehrt bekommen, nur um im "Kuschelstudium" Soziologie auch etwas Härteres um die Ohren gehauen zu kriegen.
Es macht mich traurig, dass ein tolles, erwähltes und geliebtes Studium sein kann wie ein erzwungener, schlechter Matheunterricht.
Es ist nämlich so, dass wir uns in unserer Berufung, die Gesellschaft bis in die Ameisendimension zu analysieren, damit wir uns vor dem aus der Vogelperspektive wie ein irrer Haufen anmutenden nicht allzu erschrecken, umzu erstarren, sondern fähig sind, mit Herz und Verstand, die Verwicklungen, die zu sozialen Schmerzen führen, zu entlarven, an einer Methode versuchen, das sensibel beobachtete nachvollziehbar und begründet aufs Papier zu bringen.
Dafür braucht man, wie eine von mir wiederum sehr geschätzte Dozentin sagte:"Ein cooles Besteck." Das ist alles. Ein Messer oder eine Gabel herzustellen ist nicht so einfach. Schöner ist es vielleicht, mit Stäbchen zu speisen. Aber wäre es meine einzige Möglichkeit, um das zu verzehren, was ich gerade begehre, zum Beispiel Kartoffeln, Spinat und Rührei, ich würde sie mir basteln.
Heute nicht von Bookish as Earl Grey, sondern einer Sozialforscherin in spe und aus Leidenschaft.
12. Juli 2010
Verstecken.
Manchmal möchte man sich verstecken. Wenn etwas richtig Blödes passiert ist. Vielleicht nicht man, sondern ich, handhabe jedenfalls immer noch die Methode, des Hände über die Augen haltens- ich bin ja weg, in meiner eigenen Welt, es ist also nie passiert.
Wenn man dann noch drei mal "Entschuldigung" sagt, dann ist es wirklich nie passiert. So dachte die vierjährige.
Die 21-jährige weiß, dass es eine Art von Moment gibt, in dem man die Hände lieber nicht zu lange über den Augen behalten sollte, um das Unglück oder die, denen man ein Leid, ob absichtlich oder unabsichtlich, angetan hat, anzusehen. Und zu verstehen, dass "Entschuldigung" sagen, für einen Moment dazu führt, dass die oder der so um Vergebung gebetene die Situation entspannt, durch ein Wort, eine Geste oder einen Blick, der Zuneigung versichert. Die temporäre Situation ist gemeistert, aber was passiert ist, ist passiert und wird seine Konsequenzen haben. Aber besser sehenden Auges und mit Blick auf das Gegenüber, als mit Händen verdeckt und in sich gekehrt.
Manchmal möchte man etwas verstecken. Ein Geschenk, dass der/die zu Beschenkende nicht vor dem Überraschungstag erblicken soll. Ein Gefühl in einem Satz, der stilvoll und originell klingen soll. Ein vorantreibendes Handeln in einer scheinbar zufälligen Geste.
Manchmal denkt man, das etwas versteckt ist, obwohl da gar nichts ist. Man nimmt in Gesprächen unter Freunden war, dass es um eine Überraschung ginge, denn man hat ja bald Geburtstag. In Wirklichkeit ging es aber um etwas, dass man einfach nicht wissen sollte. Man sucht in einer Äußerung nach versteckten Deutungen auf eine verheißungsvolle Sache. Und realisiert später, dass es weder Verheißungen, noch Beteuerungen, sondern schlicht ausweichende, aus der Affäre ziehende Antworten waren. Manchmal sieht man in einer mit dem Fuß umgestoßenen Apfelsaftflasche, dass sich jemand aus der Affäre ziehen will. Dabei ist man manchmal einfach ungeschickt. Dann passiert etwas Blödes und man möchte sich verstecken und dreimal "Entschuldigung" sagen und wünschte, es wäre nie passiert.
Wenn man dann noch drei mal "Entschuldigung" sagt, dann ist es wirklich nie passiert. So dachte die vierjährige.
Die 21-jährige weiß, dass es eine Art von Moment gibt, in dem man die Hände lieber nicht zu lange über den Augen behalten sollte, um das Unglück oder die, denen man ein Leid, ob absichtlich oder unabsichtlich, angetan hat, anzusehen. Und zu verstehen, dass "Entschuldigung" sagen, für einen Moment dazu führt, dass die oder der so um Vergebung gebetene die Situation entspannt, durch ein Wort, eine Geste oder einen Blick, der Zuneigung versichert. Die temporäre Situation ist gemeistert, aber was passiert ist, ist passiert und wird seine Konsequenzen haben. Aber besser sehenden Auges und mit Blick auf das Gegenüber, als mit Händen verdeckt und in sich gekehrt.
Manchmal möchte man etwas verstecken. Ein Geschenk, dass der/die zu Beschenkende nicht vor dem Überraschungstag erblicken soll. Ein Gefühl in einem Satz, der stilvoll und originell klingen soll. Ein vorantreibendes Handeln in einer scheinbar zufälligen Geste.
Manchmal denkt man, das etwas versteckt ist, obwohl da gar nichts ist. Man nimmt in Gesprächen unter Freunden war, dass es um eine Überraschung ginge, denn man hat ja bald Geburtstag. In Wirklichkeit ging es aber um etwas, dass man einfach nicht wissen sollte. Man sucht in einer Äußerung nach versteckten Deutungen auf eine verheißungsvolle Sache. Und realisiert später, dass es weder Verheißungen, noch Beteuerungen, sondern schlicht ausweichende, aus der Affäre ziehende Antworten waren. Manchmal sieht man in einer mit dem Fuß umgestoßenen Apfelsaftflasche, dass sich jemand aus der Affäre ziehen will. Dabei ist man manchmal einfach ungeschickt. Dann passiert etwas Blödes und man möchte sich verstecken und dreimal "Entschuldigung" sagen und wünschte, es wäre nie passiert.
9. Juli 2010
Wann ist man endlich zu alt dafür?
Meine Oma sagte vor ein paar Jahren zu meinem armen Opa, der in Erinnerung an selige Musikerzeiten, eine Jazzplatte hörte und dabei fröhlich mit seinem neu erstandenen Keyboard rumklimperte: "Du gaukelst dir da was vor."
So spielverderberisch ich das in diesem Moment von ihr fand, ich wünschte mir manchmal, dass meine Oma neben mir steht und mir diesen Satz vorwurfsvoll ins Gesicht plärrt, wenn ich mal wieder dabei bin, viel zu viele gegorene Flüssigkeiten in mich hineinzuschütten, die mich nicht zu sehr mehr durchwuseln, aber die mein Magen einfach nicht verträgt und die Konsequenzen tragen muss, der Arme. Da tut er mir so gute Dienste als Seelenindikator und dann qüale ich ihn damit, mir nicht nur sagen zu müssen, wann was für mein Herz gut ist oder nicht, sondern auch damit, mir sagen zu müssen, was für meine Leber gut ist oder nicht.
Eine Bekannte von mir hat nicht so eine Oma, wohl aber so eine Mutter, die ihr nach dem Bericht einer Vietnamreise verschwörerisch riet: "Kind, du bist zu alt, um auf dem Boden zu schlafen!" (Das Kind ist 27 Jahre alt.)
Ich bewundere ja Leute, die wirklich nicht erwachsen werden wollen, Leute, die studiVZ-Gruppen gründen wie "Erwachsen werden? Ich mach ja viel Scheiß mit, aber den nicht!" Die die Verzweiflung nicht kennen, tatsächlich vor den Spießern auf der Flucht zu sein, aber trotzdem wachsen zu wollen und nicht die selben Fehler immer wieder zu tun. Die Dummheit muss doch aufhören!
Und darum stelle ich Fragen, die nach einer konkreten Antwort schreien!
Wann ist man endlich zu alt dafür, zu viel zu trinken? Wann ist man endlich zu alt dafür, zu rauchen? Wann ist man endlich zu alt dafür, Gefühlszuständen nachzuhängen, anstatt sich auf seine Karriere zu konzentrieren? Wann ist man zu alt für nicht enden-wollende Lachanfälle? Wann schafft man es endlich, mit Würde hohe Schuhe zu tragen? Wann schafft man es endlich, mit Anstand, sein Beileid zu bezeugen?
Wann ist man endlich zu alt dafür, jung zu sein?
So spielverderberisch ich das in diesem Moment von ihr fand, ich wünschte mir manchmal, dass meine Oma neben mir steht und mir diesen Satz vorwurfsvoll ins Gesicht plärrt, wenn ich mal wieder dabei bin, viel zu viele gegorene Flüssigkeiten in mich hineinzuschütten, die mich nicht zu sehr mehr durchwuseln, aber die mein Magen einfach nicht verträgt und die Konsequenzen tragen muss, der Arme. Da tut er mir so gute Dienste als Seelenindikator und dann qüale ich ihn damit, mir nicht nur sagen zu müssen, wann was für mein Herz gut ist oder nicht, sondern auch damit, mir sagen zu müssen, was für meine Leber gut ist oder nicht.
Eine Bekannte von mir hat nicht so eine Oma, wohl aber so eine Mutter, die ihr nach dem Bericht einer Vietnamreise verschwörerisch riet: "Kind, du bist zu alt, um auf dem Boden zu schlafen!" (Das Kind ist 27 Jahre alt.)
Ich bewundere ja Leute, die wirklich nicht erwachsen werden wollen, Leute, die studiVZ-Gruppen gründen wie "Erwachsen werden? Ich mach ja viel Scheiß mit, aber den nicht!" Die die Verzweiflung nicht kennen, tatsächlich vor den Spießern auf der Flucht zu sein, aber trotzdem wachsen zu wollen und nicht die selben Fehler immer wieder zu tun. Die Dummheit muss doch aufhören!
Und darum stelle ich Fragen, die nach einer konkreten Antwort schreien!
Wann ist man endlich zu alt dafür, zu viel zu trinken? Wann ist man endlich zu alt dafür, zu rauchen? Wann ist man endlich zu alt dafür, Gefühlszuständen nachzuhängen, anstatt sich auf seine Karriere zu konzentrieren? Wann ist man zu alt für nicht enden-wollende Lachanfälle? Wann schafft man es endlich, mit Würde hohe Schuhe zu tragen? Wann schafft man es endlich, mit Anstand, sein Beileid zu bezeugen?
Wann ist man endlich zu alt dafür, jung zu sein?
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