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25. November 2012

Und deshalb beiß ich Dich jetzt.

Sie war in mich verliebt. Sie hat mir in die Wange gebissen, sie sagte, sie hätte das aus Liebe getan, und dann ist sie weggelaufen und hat lange kein Wort mehr mit mir gesprochen. Sie heißt Anne-Sophie*.

Dieser Akt der Eifersucht geschah vor 20 Jahren, und das hübsche, dunkelhaarige Mädchen, das als einzige im Kindergarten schon Lackschuhe, Nagellack und Lippenstift trug, wusste vielleicht nicht (aber wer weiß das schon?), welchen bleibenden Eindruck und welch düsteren Fluch sie mit ihrer Tat in meinem Leben hinterlassen würde. So wie ich damals nicht gewusst hatte, dass auch die letzten Milchzähne noch weh tun können, und wie man seinen Eltern erklärt, warum man eine angeschwollene Backe hat, ohne auch im Rest des Gesichts rot zu werden, und dass man instinktiv entscheidende Details weglassen muss (Liebe, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich sie erwiderte), und eigentlich viel sorgenerregendere dazuerfinden (Streit, Aggressivität) so hatte ich vor drei Monaten nicht gewusst, dass ich in einem polnischen, großstädtischen Hinterhof zwar zwei paar Schuhe, einen schweren Mantel, einen Haufen geregelten Papierkram und letzte Adoleszenswirren ablegen konnte, aber trotzdem mit drei Taschen Gepäck und 24 Jahren auf dem Buckel wieder zurück in mein Berliner WG-Zimmer ziehen musste.

So hatte ich vor 2einhalb Jahren nicht gewusst, dass es zwar das Ende einer Ära der romantischen Pubertät bedeutete, als ich am Ufer des Charlottenburger Kanals einen Bloody Mary nach dem anderen trank und heulte, dies aber gerade mal den Beginn meiner ganz persönlichen Aufklärung markierte.

Als ich vor 10 Monaten beschloss, den seit vier Jahren in mir gereiften Entschluss, eine Weile in Polen zu leben, mit einem Aufenthalt in Krakau in die Tat umzusetzen, hatte ich nicht geahnt, dass dies zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens werden könnte, aber auch nicht, dass ich drei Nächte davon heulend im Bett verbringen würde, fest entschlossen, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Hätte ich damals doch gewusst, dass ein Gedanke an Anne-Sophie mir den düsteren Rhythmus zu meinem aggressiven Schreibmaschinenesken Tastaturgeklapper immer wieder bieten würde, weil ich seit damals gar nicht anders kann. Als permanent zu kämpfen, und dabei sei zu beachten, dass ich mich durchaus im ökonomischen Kapital familiär in der halb-akademischen Mittelschicht verorten kann. Kulturell aber nicht. Und eben auch nur halb, zu Gunsten der männlichen Seite.

Ich bin eine Frau von 24 Jahren, und sitze des öfteren Männern gegenüber, die genau solche Ansichten in mein Gesicht lachen. Es ist eine Generation der 1978 bis 1983 geborenen männlichen Mitmenschen, um es mal grob zu fassen. Und genau aus diesem Grund lasse ich mich nicht mit dem Hinweis auf Satire vertrösten. Ihr denkt das doch wirklich, Leute. Verarscht euch doch nicht selbst. So wird jeder in der Pubertät erlebte Korb ein politischer Akt, mit dem sich das schlechte Gewissen, was vielleicht doch den ein oder anderen Sesselfurz hin und wieder etwas brennen lässt, schnell wütend zum Fenster der obersten Etage hinaus verflüchtigen können lassen kann. Und am besten dann noch eine Anti-feministische Cis-Gender zur Busen-Freundin, die wahnsinnig hübsch ist und wahnsinnig froh, eine Frau zu sein, weil ihr das schon so viele Vorteile verschafft hat. Vielleicht kannten sie aber auch mal einen Hans-Ullrich, eine Anne-Sophie, und haben einfach andere Schlüsse daraus gezogen, als ich. Vielleicht dient die Unterstreichung der eigenen Macht und die Rechtfertigung der Herrschaftsverhältnisse einem einfachen Verstande, zu ordnen, was zu schwierig zu begreifen ist. Und dann beißt man einfach mal zu, weil es so schwer ist zu ordnen, wenn sich da welche versammeln, und am Thron rütteln.

Man kann noch so boshaft auf den Verfall ab 25 hinweisen. Ich bleibe optimistisch. Vielleicht, weil ich vor vier Jahren schon meinen 20. einfach größer hätte feiern sollen. Keine Leistung als selbstverständlich hinnehmen, nur weil einem jeder einredet, es sei ganz einfach. Ich hatte damals das Abitur geschafft, nachdem mir 10 Jahre zuvor gesagt wurde, ich würde nicht aufs Gymnasium gehören, ich sei zu schlecht in Mathe. Ich habe habe vor einem halben Jahr einen Bachelor in Germanistik und Soziologie erworben, inklusive drei Teilen Statistik und freue mich trotzdem im Gedenken an meine Mathelehrerin immer noch mehr darüber, dass ich super im Kopf rechnen bin. In meiner Bachelorabschlussphase fragte mich auch so ein Dreißig-jähriger, warum ich so einen Kackbachelorschnitt habe, und dass es für mich mit einem Master schwer werden würde. Ich schrieb meine Abschlussarbeit wütend fertig, verbesserte meinen Schnitt, schickte fünf Masterbewerbungen an Unis ab und wurde an vieren genommen. Mein Lebenslauf sagt, dass ich immer überall und nirgends gewesen bin, aber auch, dass ich ziemlich viele Dinge kann. Dass ich eine Frau bin, hat mir bei all dem aber ganz sicher nie geholfen. In einer Schulklasse im musischen Gymnasium, in dem Frauen die Mehrheit bildeten, war ich nichts besonderes, ebenso wenig wie im Germanistikstudium, in dem mensch ohnehin nur eine zu prüfende Matrikelnummer war. Ich gucke besorgt zur 30 hin, aber bisher gings ja bergauf, trotz Leiden an den bestehenden Umständen, weil pink vor Wut sein zum Klettern und Abseilen auf-, zwischen-, und unter den Strukturen animiert.

Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte, nur dass es weg von der provinziellen Enge war, und was ganz anderes. Denn was mir widerfahren ist: Ich bin dabei, der Mensch zu werden, der ich wohl schon immer mal werden sollte. Ich bin gespannt darauf, 30 zu sein. Und hoffe eigentlich, dass mir nie wieder eine/r in die Wange beißen wird, um sein Gefühl auszudrücken. Und bis dahin die Menschen verstummt sind, die uns nur sagen können, dass "wir" toll sind, wenn sie damit Ungleichheiten rechtfertigen können.

*Name von Autorin geändert.

11. Oktober 2012

Weil ich ein Mädchen bin?

Passend zum Internationalen Mädchentag diskutierte ich heute mit meinen Mitbewohnerinnen darüber, wann man aufhört, ein Mädchen zu sein. "Irgendwann wirds albern, so ab 25 oder so," meinte ich, just 24-jährig. Wenig später wurde mir bewusst, dass ich es am albernsten und schmerzlichsten fand, mit 17 als Mädchen bezeichnet zu werden. Vielleicht hing es mit dem nur bedingten Selbstwusstsein der Gestalt zusammen, die ich war und die Almut Klotz in einem Interview zu Frauen in der Hamburger Schule als Avantgardeköniging bezeichnet hat, die nur in der Provinz funktioniert. In so einer Position ist der Gedanke, man sei jetzt son bisschen erwachsen und son bisschen Frau recht tröstlich, wenn man nichts weiter als abhauen und ernst genommen werden will. Inzwischen bin ich in Uni- und Arbeitskontexten ganz selbstverständlich Frau und finde das ziemlich gut. Nichtsdestotrotz fühle ich mich als Mädchen, ohne albern zu sein, weil ich mir den Begriff inzwischen zurückgeholt habe, als eine Selbstbezeichnung für die klare Positionierung im Dazwischen zwischen ironischer Weiblichkeit, Erwachsen werden und Riot-Grrrl-Versuch. Ich bezeichne Jungs zum Beispiel aber nur als Jungs, wenn sie entweder wirklich jung sind, oder mir sehr, sehr nahe stehen. Ohne darüber nachzudenken, denn wer erwachsen handelt, oder von der Gesellschaft so wahr genommen wird, der sollte auch so tituliert werden. Ich weiß, wie schnell man wieder zum Mädchen werden kann, wenn man neben dem falschen Typen steht, man mit der Gitarre in der Hand wie jemand aussieht, der sie nur schnell mal hält, oder emotionale Eigenschaften als aus dem gender hervorgehend wahrgenommen werden. Den jüngeren Mädchen und damit auch mir retrospektiv unter 18 wünsche ich einfach, dass "Internationaler Mädchentag" für sie etwas solidarisches bedeutet, und dass man sich nur als Mädchen fühlen sollte, wenn man damit etwas positives assoziiert. Dass sie ansonsten heute wie an allen Tagen kräftig dem Patriarchat die Zunge hinaus strecken, den rosa Luftballon in der S-Bahn schwenken, und sich ja nicht einreden lassen, pink wäre keine schöne Farbe. Sich unabhängig vom gender mit Mädchen solidarisch fühlen, die nicht als mehr wahrgenommen werden als als Mädchen.

16. September 2012

Ich trag Pink, und das aus politischen Gründen.

Ein Freund hat mir mal zugetragen, er hätte zu einer gemeinsamen Freundin gesagt: "Manchmal ist Regine eine richtige Tussi, ich meine das aber liebevoll." "Ich trage Pink ja auch aus politischen Gründen", habe ich dann entgegnet, obwohl es eigentlich um etwas anderes ging. Und so meine ich auch den Titel "Schlampe" liebevoll, aber nur, wenn ich ihn mir selbst zugestehe. Oma und Mutter verwenden ihn gar weniger liebevoll, wenn sie damit auch weniger auf meine Sexualität oder mein äußeres Erscheinungsbild hinweisen, denn auf den Zustand meines Zimmers. Aus all diesen Gründen, und noch viel mehr fand ich mich heute auf dem Slutwalk 2012 ein, nachdem ich den ersten Berliner Slutwalk im Jahr 2011 verpasst habe, weil ich mich nicht in Deutschland aufhielt. Der Tag des Slutwalks begann sehr nervig, da ich ja schon wieder erst seit kurzem im Lande bin, noch einiges zu regeln habe, und daher das Transpi mit dreien der besten Bikini-Kill-Zeilen, vielleicht der ganzen Musikgeschichte überhaupt: "Just 'cause my world, sweet sister, is so fucking Goddamn full of rape--Does that mean My body must always be a source of pain?" in unangebrachter Eile dahinschmierte, wobei mich die zerbrochene Acrylfarbendose mit einem Schnitt daran erinnerte, dass ich sie viel zu lange unbeachtet gelassen hatte. Eindruck machte es anscheinend trotzdem- zumindest bei Photographen der dpa: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00383/slutwalk-berlin8_383480a.jpg Aus der Eile resultierte jedoch auch ein erstes positives Erlebnis hinsichtlich Solidarität auf dem slutwalk: Ein paar MitdemonstrantInnen boten mir kurzerhand ungefragt ihren Edding an, nachdem sie nur die Rückseite meines Schildes sahen, auf der bereits die Vorzeichnung zur nichterledigten Songfortsetzung: "NO NO NO! I believe in the radical possibilities of pleasure, Baby!" geschrieben stand. Auf diese kurze Welle der Liebe und Anerkennung, als ich ihnen die hoffnungsgrüne andere Seite zeigte, folgte die Ernüchterung: Der Platz vor dem Brandenburger Tor war viel mehr mit TouristInnen und FotografInnen gefüllt, als mit SlutwalkerInnen. Erstere machten sich aber umso ungenierter über die Protestierenden her, schossen Photos, bedrängten uns mit ihren Kameras, als besagtes Foto (mit unserer Erlaubnis!) entstand, schrie ein Mann: "Los, und jetzt tanzt!" Irritierend, weil ich mir für diesen Tag ganz egozentrisch sehr viel Kraft sammeln wollte, stellte er doch neben allem universalen Engagement auch eine persönliche Verarbeitung dar, und mich daher nicht als awareness-Person oder Ordnerin gemeldet hatte, blieb mir nun nichts anderes übrig, als selbst aufdringliche FotografInnen darauf hinzuweisen, doch bitte wenigstens vor und während der Demo zu fragen, ob die Demonstrierende bereit war, fotografiert zu werden. Offensichtlicher Zoom auf die Brüste, Verfolgung- nach dem Motto: Alles muss, nichts kann wurde die Dokumentation in einem zynischen Sinne ernst genommen. Einer der Sätze, die mir bitter in Erinnerung bleiben werden, war der einer condemonstrierenden Freundin: "Ich trage heute das erste Mal seit sechs Jahren Ausschnitt, und ich weiß genau, warum." Und auch ihr Ringen mit dem mehr als verständlichen Bedürfnis ihre Jacke anzuziehen, um sich vor Blicken zu schützen, und der Überzeugung, dass es richtig ist, so zu bleiben, wie sie war. Und sie blieb. Und ich blieb pink, mit dem Räuberhöhle-Supergirl auf der Brust und der Scham auf Grund meines Zögerns, die VeranstalterInnen zu unterstützen und dem Vorhaben, dies nächstes Jahr auch offiziell zu tun. Es fehlte wahrhaft an Personal, und die Stunde, bevor der Lauf startete, wird mir als eine Stunde des Zorns und der Schutzlosigkeit im Gedächtnis bleiben. Während des Laufs selber wiesen die RednerInnen darauf hin, dass auch das Belästigen durch ungewolltes Fotografieren eine Form der Machtausübung darstellte, gegen die sich der Walk richtete. Eine gute Idee war der safe-space hinter dem zweiten Wagen, bei dem mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass hier fotografieren verboten war. Von einem Beobachter worde ich allerdings darauf hingewiesen, dass der Begriff rape-culture verstörend wirken konnte, für denjenigen, der ihn nicht verstand- so wie er. Die Diskussion um eine integrierende und überzeugende Repräsentation der Ziele des Slutwalk- Bekämpfung der Verharmlosung von sexueller Gewalt, von victim-Blaming und einer Gesellschaft, die sexuelle Belästigung und Gewalt institutionell und sozial fördert, und der Einforderung von Selbstbestimmtheit von Körper und Sexualität- bleibt also noch weiterzuführen. Auch die Redebeiträge ließen noch einiges an Diversität und Inhalt- zum Beispiel Intersektionalität, gender-issues, die Diskussion um den Namen- zu wünschen übrig. Dies ist aber nicht nur Kritik, sondern auch eine Aufforderung an mich selbst und andere, denen es in ihrem Empfinden ähnlich ging, sich nächstes Jahr noch aktiver, als dies ohnehin schon mit der selbstbewussten Teilnahme am Walk getan wird, an der Demonstration zu beteiligen. Ich kann meine-in Bedingtheit beschämte- Erfahrung des diesjährigen Slutwalks nur als Ermutigung beschreiben, ihn als Teil der Biographie, zur Forderung der eigenen und fremder Rechte, zum Schutz und zum ins Bewusstsein rücken mitzuerleben. Gefreut haben mich neben der eigenen Selbstbewusstseinstärkung und der Verfestigung von Konfliktbewältigungststrategien auch die verschiedenen TeilnehmerInnen des slutwalk. Mehrere Gender und Altersgruppen waren vertreten, sowie die unterschiedlichsten Kleidungsstile, weitaus bunter und individueller als sich es die brüsteheischende Beobachterposition wohl gewünscht hätte. Zum Lieblingstranspi kürte ich: "Mein schöner Arsch ist auch zum Furzen da" und zum Lieblingst-shirt-neben meinem eigenen, danke Phillipi und Lena an dieser Stelle- die KatzundGoldt-Rumpfkluft mit dem Slogan: "Stehen Sie auf und berichten Sie mir laut und deutlich von ihren sexuellen Erlebnissen!" Lieblingsmusik: Das Trommelteam, dass in ihrer Abschlussrede auch das Engagement gegen jegliche Diskriminierung betonte. Und sonst war es musikalisch auch spitze. Weiteres künstlerisches Engagement-auch von mir!-wäre wünschenswert, Gegenphotographie (das nächste Mal Kamera mitnehmen!) als alternative Form der Berichterstattung zum Beispiel. Performances, um die Zeit vor der Demo nicht mit angegafft werden und sich ärgern zu verbringen, und die freundschaftliche Stimmung der Demonstrierenden nicht schon im Vorhinein zu trüben. Aber auch ganz pragmatisch könnte man- ich- diese fördern, zum Beispiel, in dem man gemeinsame Bahnfahrten plant, denn es ist durchaus nicht angenehm, als -vermeintlich-einzige slut im öffentlichen Verkehrsmittel von Charlottenburg nach Mitte angegafft zu werden. Beziehungsweise gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man dies allein bewältigt, und sich keine Sorgen machen muss, dass die FreundInnen wohlbehütet zu Hause ankommen. Ebenfalls eine Notiz an mich gewesen ist es, sich die Laufroute im voraus sorgfältig einzuprägen, um späteren Dazustoßenden telefonisch problemlos Koordinaten durchgeben zu können. Es wäre auch ratsam, sich mit eigenem Informationsmaterial zum Verteilen zu versorgen, Transpiworkshops zu organisieren- zum offiziellen konnte ich nicht, und das wird anderen wohl auch so gegangen sein, sich mit genügend Softgetränken und Proviant auszustatten, und zu überlegen, wem man Foto und Interview gestattet, oder auch nicht. Wahrscheinlich ließe sich die Liste endlos fortsetzen, aber ich möchte mich einmal auch loben: Nachdem mir heute eine Freundin steckte, dass es Ikeaintern nicht gestattet ist, die Geschirrtransportkartons des Möbelhauses zweckzuentfremden, freue ich mich, dies gewinnbringend getan zu haben, in dem ich aus einem ebensolchem ein Transpi baute, dass sich als sehr stabil und tragbar erwies. Man kann damit auch ganz im Räuberhöhlestil während der Demo ein Puppentheater veranstalten, es beim Tanzen beweglich halten- und ganz im Ikeasinn auch wiederverwenden: Als verdammt cooler Geschirrtransportkarton! Ein reiner Bikini-Killer eben. Der Slutwalk Berlin 2012 hat vor allem bewiesen, dass er nötig ist- Reaktionen von BeobachterInnen und JournalistInnen haben das schon heute gezeigt. Ich bin gespannt und bereits grundverärgert bei der Vorstellung, was alles bis zum nächsten passieren wird.

23. Juli 2012

I don't get over Andrea Dworkin.

I am an enemy of nationalism and male domination. This means that I repudiate all nationalism except my own and reject the dominance of all men except whose I love. In this I am like every other women...
And so "Scapegoat" begins and so begun my reading and studying in Kraków. I also can't stress enough that wonderful, smart blog. Discipline and Anarchy was the best Missy-Blogger so far! Kate Zambreno wonders about the meaning of her blog and inspired me to blog more, not trying to post literature here everyday, but also taking notes just to practice writing. That's why my last post looked more like a bad fashion-thingy.

22. Juli 2012

A serious Girl. Or:Let's watch our dreams die.

Letzte Woche habe ich mich der schönsten Nebensache der Welt gewidmet (dass das mit dem Sex Quatsch ist, habe ich an anderer Stelle mehrfach erwähnt): Sich frisieren und frisieren lassen. Erst wurden mir mit bilingualen Instruktionen die Haare gekürzt. Schon zum zweiten Mal wesentlich erfolgreicher und preisgünstiger als bei "Grünton", den ich ahnungslos und mit der traurigen Glanz und Gloria meiner früheren Berliner Zugezogenen-Arroganz bis vor kurzem für in beiden Kategorien unübertreffbar hielt. Aber sowohl der Mini-Oma-Frisör in der Innenstadt, als auch die polnische Discount-Kette "Trendy" wissen, mit kurzem Haar umzugehen. Schade eigentlich, denn eines meiner liebsten Erste-Welt-Abenteuer ist es, nicht zu wissen, wie scheußlich oder wundervoll ich nach einem Frisörbesuch aussehe. Erster verwandelte wenigstens mein Haupthaar mit Hilfe von dafür geeignetem Lack, Spray und Wachs in diesen Neunziger-Jahre Alptraum, vorne gebügelt, hinten hochgerupft, ein Pfau in Aschgrau sozusagen. Bei Trendy bekam ich für 5 Zloty mehr eine ungefragte Glätteisenbehandlung, was für mich, die ich seit Kindheit unter meinen unregelmäßigen Locken leidend, die so manche unliebsame Bekannte und/oder Prenzlbergfrisörin als "bieder" bezeichnete, immer wieder ein ungesundes, guilty pleasure darstellt. Nach der Fremdhaarbefassung rannte ich zu Rossman und kaufte Syoss-Chemie, die ich anschließend absichtlich eine Viertelstunde zu lang einwirken ließ. Das Ergebnis ist: barszcz-farben.
Es gibt nicht vieles, was Barszcz in seiner Intensität, geschmacklich und farblich ähnelt. Umso stolzer bin ich, ein Abbild meiner Lieblingssuppe zu sein. Ich werde mich in jedem Fall mit einem Vorrat dieses Haarzerstörprodukts und der ihm gleichenden Tütensuppe gegen den deutschen Winter (jaha, den draußen und den in der Seele) wappnen. Ich bin lange genug innen unvernünftig und außen vernünftig aschgrau gewesen. So frisiert tummle ich mich in Gdanks und Nowa Hutta. Kombiniert mit schwarzem Second-Hand-Samttutu, schwarzer Bluse über alter grauer Strumpfhose und ebenfalls antrazithnen Adidas haftet etwas verrucht gruftiges an mir- genauso gut wie das geneigte Klassenkameradinnen schon mit 15 konnten.
Ich aber habe jeher außerhalb Berlins den komischen Drang, mich von meiner Umgebung abzuheben. So muss man mich noch besuchen, möchte man mich in Joga-Pants bei Kunstworkshops assisitieren, in bodenlangem Kleid Museumsführungen halten und in roten Schlaghosen durch geschichtsträchtige Floure wandeln sehen. Zurück in Berlin sehe ich schneller wieder aus wie eine lesbische Version Rory Gilmores, eh wir Termine für die Großstadtstelldicheins finden, mit jedem einzelnem von uns. Wobei ich schon versuchen werde, etwas Juliette Binoche im Kostüm Karen Os mitzuschleppen.
Als Kind konnte ich mir immer nicht vorstellen, wie ich aussehe, denke, fühle, lebe als Erwachsene. Dann verging die 20 und die ein oder andere Zahl dahinter, und ich wusste warum: Weil ich weder erwachsen aussehe, noch denke, noch fühle, noch lebe. Und nach drei Monaten Krakau dann plötzlich gestern so: That's it. So wie jetzt bin ich sicher nicht mein ganzes Leben, aber ich kann doch sehen, dass so wie ich denke (sozialwissenschaftlich viel über Atrocities und Identitätsbildung, bildungsmäßig viel über Bildnisse dieser), fühle (zu tief und zu viel und zu schnell, aber in gesündere Bahnen gelenkt), lebe (nicht verplant, aber mit Plänen), das kann man ein bisschen die erwachsene Version von mir nennen. Und das geschah tatsächlich durch die äußere Veränderung. Von anfangs sehr seriös im Pleasantville-Style zu sehr casual hippiesk, zu der Mod-Attitüde, in der ich mich eben sehr serious finde. Und weil ich das nicht ironiefrei erzählen kann alles, und ich mir des "Machen sie doch mal was ganz verrücktes, färben sie sich die Haare!"-Faktors nicht erwehren kann, und es durchaus bedenklich finde, dass ich wie vorgefasst über Yoga und Beauty-Programm zum Seelenfrieden kam, habe ich eine Playliste für alle Aspekte dieses "Erwachsens" erstellt.

Let's watch our dreams die.

Belle and Sebastian: Step into my office, Baby

Maximo Park: Apply some pressure

The Thrills: Fancy Restaurant

Mikrofisch: Delusions of Decay

Belle and Sebastian: Get me away from here I am dying

Nina Simone: Feeling good

Ben Caplan: Seed of Love

Phantom/Ghost: Thrown out of Drama School

Marina and the Diamonds: I'm not a robot

The Thrills: Faded Beauty Queens

Regina Spektor: Ghost of a corporate future

Belle and Sebastian: Expectations

Tocotronic: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Socalled: Work on what you got

The Divine Comedy: Generation Sex

Belle and Sebastian: Dear Catastrophe Waitress

Amanda Palmer: Ampersand

Und nie die Worte Yodas vergessen:
If you end your training now - if you choose the quick and easy path as Vader did - you will become an agent of evil.
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9. März 2012

8. März: Emanzipation der Herzen?

Was für ein aufregender Zufall! Ausgerechnet im Frauentag-Monat März ist der Gastblogger des popfeministischen Missy Magazine ein "Feminist mit Eiern" !"
Und dann erdreistet er sich auch noch über die Auszeichnung alleinerziehender Väter am Frauentag zu bloggen!
Ich, die Manifesterin der Emanzipation der Herzen, nicht von Männern und Frauen, blicke auf diesen spannenden Frühlingsbeginn ebenso janusköpfig enthusiastisch wie zweifelnd wie auf den Internationalen Frauentag überhaupt.

"Zunächst einmal", wendet Janus/Jana der LeserIn die neonpinke Wange hin, "warum zur Hölle ein Internationaler Frauentag? Was soll denn die reaktionäre Mann-Frau Scheiße?"

"Hallo?", die lilafarbene kanns nicht fassen und bewegt die Augenbraue zum Hochziehen gleich mit,
"Es braucht immer noch einen modernen Feminismus, Bitch !"

"Und dann, Fräulein alter Schule, geht es weiblichen cisgendern gut, und weiter?"

"Na dann, Fräulein Gender-Expertin, muss der Rest sich ebenfalls emanzipieren, und mit Feminismus hat das Ganze trotzdem zu tun!Noch nie was von struktureller Unterdrückung gehört?"

"Aha, und was ist mit den Vätern? Sollen wir wirklich, wie sich dieser Nelles wünscht, jetzt einfach das Topf-Deckelchen-Spielchen umdrehen und Managerinnen küren und ausnahmsweise Väter auszeichnen?"

"Da siehst Du's! Im Töpchen und Deckelchen liegt des Pudels Kern! Eine Auszeichnung und Anerkennung für Menschen, die sich im Ist-Zustand für einen so gehts auch -Zustand entscheiden ist ne super Sache. Aber braucht man dafür Preise, die Dinge ehren, die für den jeweils anderen Selbstverständlichkeit sind?"

Pff, alles irgendwie unberechtigt naseweis. Das Ganze ist doch wieder mal vor allem eins: Frustrierend. So frustrierend, wie wenn eine Gesellschaft einen Tag für ein Gender braucht, um daran zu erinnern, dass Gleichberechtigung noch Utopie ist.Ist es aber, sorry, welcome to reality, Femizisstinnen!

Und trotzdem: Von der privilege denying dude- Scheiße der restlichen Männerrechtsbewegung ist der Nelles Artikel weit entfernt. Er ist nett gemeint, er versucht den dekonstruktivistischen Gedanken, wie sinnvoll ein "Frauen-"Tag in einer wirklich nicht sexistisch erträumten Gesellschaft als Zeichen ist, originell anzubringen, ohne vorzugaukeln, dass alles gut so wäre wie es ist, vertut sich aber leider in der Umsetzung seines Beitrags gewaltig in Richtung kapitalistischer und pärchenlügnerisch-normativer Logik. Die gesellschaftliche Anerkennung, von berufstätigen Alleinerziehenden, auch von männlichen, ist leider ein genereller Missstand, und auf den darf auch am Frauentag hingewiesen werden. Das nächste Mal ein bisschen durchdachter, bitte. Ist ja schließlich ein Ehrentag.Oder bin ich nur so weich im Urteil, weil es durchaus anerkennenswert (aus Seltenheit!) ist, einen Beitrag von einem Feministen zum Frauentag zu hören?

Das erschien mir anscheinend im frühjahrserkälteten Hustensaftdelirium ebenso postenswert auf facebook einen Tag nach besagtem Fragentag, wie gestern M.I.A.s "Bad Girls"Video mit der Überschrift "8.3.Emanzipation der Herzen", was von 9 Personen, 5 männlichen und 4 weiblichen, mit dem nach oben gestreckten Daumen prämiert wurde. Hm, was nun an beiden Posts und der Beschreibung derer falsch sein könnte, dafür gibt es sicherlich und hoffentlich viele Lesarten.
Ich jedenfalls bin mir bewusst, dass in einer Welt, in der ich erlebe, dass in einem Gender Studies Seminar Genderzisstinnen fordern, ein gleichberechtigter, nicht sexistischer Umgang sei doch umsetzbar und gelungen, solange er in kleinen, gebildeten (natürlich nach unserem Begriff von Bildung!) Gruppen funktioniert und der Rest draußen bleibt, und wie andernorts ein sich selbst ausdrücklich als Mann bezeichnendes Individuum zu einem Opfer sexueller Belästigung sagt, einem Mann gingen schon einmal die Triebe durch, frau müsse nur deutlich ein "Nein!" signalisieren, sind der Anlässe, über Sexismus, Feminismus und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, nicht genug.

Daher bin ich, ebenso janusköpfig, sehr gespannt, auf die Genderessaywochen mit meinem Rauhfaserteam, welches seit diesem Monat auch ganz ohne Quote gleichberechtigt durchgegendert ist, an denen auch ich teilnehme. Zum Zeitvertreib gibt es dort die Gewinner(sic!) des Poesieschachtwettbewerbes zu lesen:
rauhfaser.keinejugend

24. Januar 2011

Zwischen Turmleben und Zungenzirkulation

Rapunzel hatte entschieden, ihr Haar dem Prinzen nicht herunterzulassen. Ihr nützte es wesentlich mehr im Turmzimmer, wenn sie es abschnitt und in traurigen Wellen zu Boden tränen ließ und Brücken schlagen zwischen Stuhllehne und Kopf, die sich in regelmäßigen Abständen zu Brüchen wandelten. Denn ein h ist ein k mit Rundungen und nichts weiches liegt in den Brüchen. In Brücken schon, über Bäche und zwischen Menschen, aber wer weiß das schon nicht, dass das Weiche in den Brücken liegt und das Harte in den Brüchen, wenn die Brüche uns zwischenmenschlich erregen und in unserer eigenen Persönlichkeit doch auch. Manchmal nennen wir diese Erregung an uns selbst Gefühl der persönlichen Identität, und deshalb sind es doch immer die selben Leute, die uns an- und ausziehen, das Du und das Ich zum Beispiel.
Manchmal hat das Du eine kugelsichere Ich-Weste an, und es lächelt Dir zu und du freust Dich, das scheint Dir doch normaler, als vorm Spiegelbild oder auf dem Klo zu denken: Och, geil.

Ferner ist das Ich manchmal ein Du, wenn es sich auflöst und wir uns gleich mit. (Wo kommt denn dieses "wir" jetzt her?)
Gedankenlos zitiere ich beim Abwasch Améry und meine Mitbewohnerin sagt, ich kennte sie nicht das ganze Leben und das war später, nachdem sie mir heftig widersprach und meine Zunge im Ausguss zirkulierte. Ein Tropfen Blut über den Rand des frischgespülten Weinglases und den Artikel über Körperflüssigkeiten am Frühstückstisch.

Als es gerinnt, ist es rot und bräunlich, wie Rapunzels Haar, das sie in bedrohlicher Enerviertheit geschnitten hat. Im Bestreben nach einer Tätigkeit mit den Händen, ohne Herz und Kopf, wie sie rar in ihrem beengten und in die Höhe geschossenem Leben war, hatte sie es zu einem Strick geflochten und während sie ihn am Ende um den Hals legte und fest verknotete, stellte sie sich auf einen Stuhl. Ja, der Stuhl, über dessen Lehne zuvor noch durch das Haar die Brücke zwischen Mensch und Mobiliar geschlagen wurden war und der still in der Einsamkeit des Turmzimmers, welches seine Schönheit in nur im Licht sichtbaren Staubornamenten schüchtern feil bot, vor sich hin stand. Mit Blick auf die Turmstuckdecke, ergriff sie erneut die Schere und durchschnitt den rötlichen Knoten nahe ihres Kehlkopfes.
"Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.", so hatte es Kleists Marquise von O. gemacht und so schmiss Rapunzel ihren Strick Haar aus dem Fenster und seilte sich daran auf den Boden hinab. Darüber nachdenkend, welcher Name für einen Herrschaftsbereich passend war, der weder Matriarchat noch Patriarchat sein sollte, ging sie fort in die Stadt und bewohnte fortan Plattenbauten in der ersten Etage.

20. November 2010

The Trick is to wear a skirt

Wissen Sie, ich hatte da so ein Gurkenglas. Mit dem Gurkenglas fing alles an. Ich verbog meine Gabeln, ich tat mir weh, ich flog aus meiner Wohnung, mein Fön stand in Flammen. Ich klemmte das Gurkenglas zwischen meine Beine und drehte und drückte und während alles vor die Hunde ging, behielt allein das Gurkenglas all seine Teile, man könnte fast sagen, es bewahrte Kopf und Haltung, während sich bei mir alles öffnete und verlor.
Das Gurkenglas machte sich in meinem Kühlschrank breit. Während ich schrieb und weinte und trank und ratterte und studierte und meine Haare Luft trocknen ließ und gebückt unterm Wasserhahn stand, während all dieser Zeit hatte das Gurkenglas seinen Inhalt aus grünem süß-sauren Fastgemüse, und grinste breitbäuchig und schadenfroh.
Und dann habe ich das Glas Freunden mitgebracht, die haben das dann geöffnet, und ich ziehe bald in ein WG-Zimmmer, meine Dusche funktioniert, den Handtuchturban kann ich immer besser wickeln, ich habe bei Mc Donalds so laut "Analsex" gesagt, dass der Mann am Nebentisch erschrocken einen anderen Platz aufsuchte. Zuhause lasse ich mich im Faltenrock auf meinem Bett nieder und öffne mein neu gekauftes Gurkenglas. Bald habe ich zwar kein Bett mehr, aber die Süß-Säure des Lebens steht mir wieder offen. Wissen Sie, ich möchte hier überhaupts nichts für irgendetwas verantwortlich machen, Anti-Schicksal und so, aber: Gurkengläser und Faltenröcke sind schon ganz schön cool.

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