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22. Juli 2012

A serious Girl. Or:Let's watch our dreams die.

Letzte Woche habe ich mich der schönsten Nebensache der Welt gewidmet (dass das mit dem Sex Quatsch ist, habe ich an anderer Stelle mehrfach erwähnt): Sich frisieren und frisieren lassen. Erst wurden mir mit bilingualen Instruktionen die Haare gekürzt. Schon zum zweiten Mal wesentlich erfolgreicher und preisgünstiger als bei "Grünton", den ich ahnungslos und mit der traurigen Glanz und Gloria meiner früheren Berliner Zugezogenen-Arroganz bis vor kurzem für in beiden Kategorien unübertreffbar hielt. Aber sowohl der Mini-Oma-Frisör in der Innenstadt, als auch die polnische Discount-Kette "Trendy" wissen, mit kurzem Haar umzugehen. Schade eigentlich, denn eines meiner liebsten Erste-Welt-Abenteuer ist es, nicht zu wissen, wie scheußlich oder wundervoll ich nach einem Frisörbesuch aussehe. Erster verwandelte wenigstens mein Haupthaar mit Hilfe von dafür geeignetem Lack, Spray und Wachs in diesen Neunziger-Jahre Alptraum, vorne gebügelt, hinten hochgerupft, ein Pfau in Aschgrau sozusagen. Bei Trendy bekam ich für 5 Zloty mehr eine ungefragte Glätteisenbehandlung, was für mich, die ich seit Kindheit unter meinen unregelmäßigen Locken leidend, die so manche unliebsame Bekannte und/oder Prenzlbergfrisörin als "bieder" bezeichnete, immer wieder ein ungesundes, guilty pleasure darstellt. Nach der Fremdhaarbefassung rannte ich zu Rossman und kaufte Syoss-Chemie, die ich anschließend absichtlich eine Viertelstunde zu lang einwirken ließ. Das Ergebnis ist: barszcz-farben.
Es gibt nicht vieles, was Barszcz in seiner Intensität, geschmacklich und farblich ähnelt. Umso stolzer bin ich, ein Abbild meiner Lieblingssuppe zu sein. Ich werde mich in jedem Fall mit einem Vorrat dieses Haarzerstörprodukts und der ihm gleichenden Tütensuppe gegen den deutschen Winter (jaha, den draußen und den in der Seele) wappnen. Ich bin lange genug innen unvernünftig und außen vernünftig aschgrau gewesen. So frisiert tummle ich mich in Gdanks und Nowa Hutta. Kombiniert mit schwarzem Second-Hand-Samttutu, schwarzer Bluse über alter grauer Strumpfhose und ebenfalls antrazithnen Adidas haftet etwas verrucht gruftiges an mir- genauso gut wie das geneigte Klassenkameradinnen schon mit 15 konnten.
Ich aber habe jeher außerhalb Berlins den komischen Drang, mich von meiner Umgebung abzuheben. So muss man mich noch besuchen, möchte man mich in Joga-Pants bei Kunstworkshops assisitieren, in bodenlangem Kleid Museumsführungen halten und in roten Schlaghosen durch geschichtsträchtige Floure wandeln sehen. Zurück in Berlin sehe ich schneller wieder aus wie eine lesbische Version Rory Gilmores, eh wir Termine für die Großstadtstelldicheins finden, mit jedem einzelnem von uns. Wobei ich schon versuchen werde, etwas Juliette Binoche im Kostüm Karen Os mitzuschleppen.
Als Kind konnte ich mir immer nicht vorstellen, wie ich aussehe, denke, fühle, lebe als Erwachsene. Dann verging die 20 und die ein oder andere Zahl dahinter, und ich wusste warum: Weil ich weder erwachsen aussehe, noch denke, noch fühle, noch lebe. Und nach drei Monaten Krakau dann plötzlich gestern so: That's it. So wie jetzt bin ich sicher nicht mein ganzes Leben, aber ich kann doch sehen, dass so wie ich denke (sozialwissenschaftlich viel über Atrocities und Identitätsbildung, bildungsmäßig viel über Bildnisse dieser), fühle (zu tief und zu viel und zu schnell, aber in gesündere Bahnen gelenkt), lebe (nicht verplant, aber mit Plänen), das kann man ein bisschen die erwachsene Version von mir nennen. Und das geschah tatsächlich durch die äußere Veränderung. Von anfangs sehr seriös im Pleasantville-Style zu sehr casual hippiesk, zu der Mod-Attitüde, in der ich mich eben sehr serious finde. Und weil ich das nicht ironiefrei erzählen kann alles, und ich mir des "Machen sie doch mal was ganz verrücktes, färben sie sich die Haare!"-Faktors nicht erwehren kann, und es durchaus bedenklich finde, dass ich wie vorgefasst über Yoga und Beauty-Programm zum Seelenfrieden kam, habe ich eine Playliste für alle Aspekte dieses "Erwachsens" erstellt.

Let's watch our dreams die.

Belle and Sebastian: Step into my office, Baby

Maximo Park: Apply some pressure

The Thrills: Fancy Restaurant

Mikrofisch: Delusions of Decay

Belle and Sebastian: Get me away from here I am dying

Nina Simone: Feeling good

Ben Caplan: Seed of Love

Phantom/Ghost: Thrown out of Drama School

Marina and the Diamonds: I'm not a robot

The Thrills: Faded Beauty Queens

Regina Spektor: Ghost of a corporate future

Belle and Sebastian: Expectations

Tocotronic: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Socalled: Work on what you got

The Divine Comedy: Generation Sex

Belle and Sebastian: Dear Catastrophe Waitress

Amanda Palmer: Ampersand

Und nie die Worte Yodas vergessen:
If you end your training now - if you choose the quick and easy path as Vader did - you will become an agent of evil.
a

25. September 2010

Kleingemustert

Es flirrt mir vor den Augen. Ich muss dennoch hinsehen. Wie das Ameisenrennen am kaputten Fernseher einst. Wenn man schon eine Weile keine mainstreamige Indiediskothek mehr aufgesucht hat, kann es echt ein ganz schöner Augenfick werden, all diese Kleinmusterei mal wieder zu erblicken. Hinterm Dj-Pult ist es dreifach kariert. Die Ischen in der Ecke sind immer noch kleingeblümt (0h, ich ja auch, stelle ich an mir herunter sehend fest), Polka-Dots sind ja direkt verschwunden, dafür glitzert es mir noch aus so manch ödem Gesicht lethargisch aufgehübscht entgegen. Wieso hat sich diese Mode eigentlich noch nicht überlebt? Und überhaupt, wo ist der dekadenbeendende Bruch? Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie das mit den Schlaghosen zum Beispiel ganz plötzlich kam, Ende der 90-iger. Verblüfft war man zunächst, hörte der Mutter belächelnd zu, die wie bei jedem Revival ausrief: "Ja, endlich! So sind wir früher auch rumgerannt!", doch passte sich dann erstaunlich rasch an. Es brauchte keine weitere Dekade, sondern schon ca fünf Jahre später wendete sich dann ebenso schnell das Blatt wieder, als sich die Röhre frech ins Blickfeld rückte, die man zuerst als Omakarottenhose belächelte, so sehr war man schon schlagkonventioniert, doch bereits ein halbes Jahr später wisperte mir eine Freundin im Londonurlaub fremdbeschämt zu, ich solle mal den Saum meiner Hose enger nähen. Ich fühlte mich direkt obszön.
Ich wünschte mal, mir passiere dies jetzt ebenso mit Blümchen und Karos und Leggins und Tiermustern und all dem anderen Anfangsnullerkram. Ich will ein schickes Neunziger-Revival mit bauchfrei und Riesenmustern und Grungehaaren und geschminkten Fixernarben statt Glitzer im Gesicht! Oder ganz krassen Fancy-New-Shit, 2010 ist schließlich bald vorbei!
Irgendwie finde ich diese Zukunft ganz schön langweilig. Im Prinzip hätte man mich 2006 einfrieren können, und ich hätte wahrscheinlich keinen Unterschied gemerkt. Zum Glück ist der Sommer vorbei und ich muss wenigstens erst mal keine Ray-Ban Sonnenbrillen mehr sehen. Leider bedeutet dies gleichzeitig, dass die Uni bald beginnt und ich wieder erblicken werde, wie sämtliche Hipsters und Pseudonerds ihre langweiligen Gesichter mit Hornbrillen verinteressanten wollen. Ach, ich muss wohl szeneknirschend den Zeitgeist erkennen, um klar zu sehen: Man verödet mir die Augen, damit sie sich nach innen kehren können, um mich darauf vorzubereiten, dass 2020 anstatt eines Herzens ein Facebookaccount in unserer Brust schlägt. Unsere Statusupdates und Likes werden dann noch mit dem Hirn gesteuert, aber sie werden drinnen behalten, wo sie immer hingehörten. Geschickt wird durch den social networkigen Ersatz, ohne dass wir es spüren, simuliert, dass sie nach außen getragen werden. Also, das ist dann so wie Spieglein, Spieglein an der Wand bei Schneewittchen, die Königin kommt nie aus ihrer neidenden, narzisstischen Höhle raus, muss aber auf Grund der simulierten, öffentlichen Selbstdarstellung auch keine Schergen mehr ausschicken, um zu vernichten. Denn im inneren Facebookaccount ist alles nur zum Gefallen gedacht, da es ja um sich selbst kreisend bleibt. In vielfältigen Selbstfakeaccounts sind es nur noch Profile des eigenen Ichs, die bewerten und kommentieren, und die nach bewerten und kommentieren rufen. Es muss nur das alte Herz dem Auge überfälligerweise klar machen, dass eh alle gleich aussehen, dann kann es sich endlich auf die eigene, innere, vielfältige Schönheit konzentrieren und den Körper routiniert automatisiert nach Sexualpartnern suchen lassen. An der Schönheit des Selbst kann man sich ein Leben lang erfüllend ergötzen, wenn erst mal der störende Druck weg fällt. Es wird ein bequemes Leben werden. Was wird es dann zu Liken geben? Na, Hirngespinste und Selbstbestätigung. Notizen, die man nur selbst lesen kann. Endlich die Rückkehr ins Private wird das werden. In unserem Inneren werden immer andere Lieder tönen und bunte Filme geschoben. Die pure Selbstverwirklichung, die den schönen Nebeneffekt haben wird, dass man auch nicht mehr sehen kann, wie vorm Zauberfenster die Welt vor die Hunde geht. Ich kanns kaum erwarten.

17. September 2010

Ich mag M.

Ich mag meine Friseurin. Sie heißt M.
M. arbeitet in einem kleinen Discounterfriseur in Charlottenburg, so einem, der ohne Beratung gedacht ist, absichtlich ohne jeglichen Dekor gehalten, so dass man von Anfang an den Eindruck gewinnt, man spare hier erheblich. Hier gibt es "Gala" statt "Brigitte" zu lesen und angeboten wird einem ein Glas Wasser, aus der Leitung, keins mit Kohlensäure und schon gar kein Kaffee. Ein Styling mit jeglichem Klimbim ist ebensowenig drin wie ein aufgedrängter Small-Talk über Berufsleben und Ferienplanung. Hier werden meine Haare geschnitten und gefärbt, für nichts anderes bin ich gekommen. M käme niemals auf die Idee, mich zu fragen, "ob alles o.k. sei", wie ich die Frisur denn nun fände, ebensowenig, ob ich denn nicht lieber diesen oder jenen Trend mitmachen möchte. M. hört mir zu, und setzt das von mir schwerfällig artikulierte Bild in meinem Kopf dann in eine 1 A- Frisur um. Scherze macht M. nicht mit mir, sondern mit ihren Kollegen. Gern auch auf meine Kosten, denn als ihr Kollege F. mir einmal enthusiastisch Farbe auf den Kopf pinselte, in der Einwirkzeit einen lockenköpfigen Pubertätssympathen in einen kurzgetollten James Dean verwandelt, so begeistert ist, dass er mich darüber eine ganze Weile vergisst, macht es M. großen Spaß zu spekulieren, inwieweit sich diese Unachtsamkeit auf das haarige Ergebnis auswirken könnte, ob denn nicht die Gefahr bestehe, dass ich inzwischen blauschwarz schimmere.
In den Gesprächen, die ich zwischen ihnen mitbekomme, erfahre ich dann auch etwas über M. Dass sie ihren Führereschein machen möchte. Dass sie keine Zeit hat für den Erstehilfekurs, den zweitägigen. Dass sie die Musik nicht mag, die auf "Paradiso" läuft. Zugegeben, das ist nicht viel und doch glaube ich, M. soweit zu kennen, dass ich sie mag.
Während M. mir die Kopfhaut massiert, fühle ich mich angenehm der Welt unter meinen Haarwurzeln nah und tauche ein in die unerkundeten, endlosen Tiefen meines Nichts.
M. zeigt keinerlei Anerkennung für mich als Person, für sie bestehe ich nur aus einer Kombination von Augen-, Haut- und Naturhaarfarbe und doch zwinkert sie mir zu und erkennt mich jedes Mal, sobald ich im Türrahmen erscheine.
F. erzählt mir irgendeinen Quatsch über meine schönen Augen, die perfekt zur neuen Haarfarbe passen, M. steckt danklos mein Trinkgeld ein und fordert mich auf, mit dem Nachschneiden nicht zu lang zu warten.
Der Unterschied zwischen M. und F. ist ein bisschen wie der der deutschen Übersetzung der Zutatenliste eines libanesischen Weichgetränks von der englischen, von der mir eine Bekannte heute erzählte.
Deutsch: Destilliertes Wasser, im Geschmack angestiegen und datiert.
Englisch:Distilled Water, Rose-Flavour, Dates.

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