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9. März 2013

Unmögliche Wurzeln.

Weißt Du, dass ich die Haare kurz trage
damit sie nicht in den Boden wachsen,
und mich dann doch noch hinterrücks von oben wurzeln,
wo ich mich doch seit Jahr und Tag strecke,
um über mich selbst hinaus zu wachsen?

Damit ich nicht noch häufiger über meine Füße stolpere,
wenn da auch noch Haare sind, und nicht nur ich,
und damit die unter den Achseln und in der Scham keine Konkurrenz kriegen.
Ich hatte mir doch immer Locken gewünscht.

Und so sehr ich mir Mühe gab,
nie wieder Wurzeln zu schlagen,
gruben mich hölzerne Kräfte haarlos, und haarig,
geschlechtslos und weiblich,
liebevoll und kalt.
in diese große, unfassbar hässliche Stadt,
hinein.

Hörst Du, ich kann jetzt in drei Sprachen träumen,

in einer sprechen

in einer lieben

in fünfen fluchen

eine verbiete ich mir.



Meine Nasenspitze lächelt aus der Erde.
Mein Tamponfaden ist meine Liane.
Dieses Mal, dieses Mal, so flüstre ich Dir,
hab ich Muskeln, mich selbst hinauszugraben.

8. März 2013

Rauchzeichen pt. II

Hast Du eine Ahnung, wann ich ausbrechen könnte? Hast Du Dich gewappnet, alles mitzunehmen und von dannen zu ziehen, wenn ich Rauchzeichen von mir gebe? Bevor der Ascheregen niedergeht? Solche Metaphern sind grausam und ekelhaft. Meine Rauchzeichen sind immer da und langweilig giftig, das weißt Du doch. Ich hab noch nicht aufhören können, weil ich nicht ausbrechen möchte. Weil es mir immer ganz gut gefällt zwischen Ruhe und Ausbruch. Fürchte Dich nicht, ich bin ein phlegmatischer Vulkan, wenn ich uberhaupt einer sein sollte.

25. November 2012

Und deshalb beiß ich Dich jetzt.

Sie war in mich verliebt. Sie hat mir in die Wange gebissen, sie sagte, sie hätte das aus Liebe getan, und dann ist sie weggelaufen und hat lange kein Wort mehr mit mir gesprochen. Sie heißt Anne-Sophie*.

Dieser Akt der Eifersucht geschah vor 20 Jahren, und das hübsche, dunkelhaarige Mädchen, das als einzige im Kindergarten schon Lackschuhe, Nagellack und Lippenstift trug, wusste vielleicht nicht (aber wer weiß das schon?), welchen bleibenden Eindruck und welch düsteren Fluch sie mit ihrer Tat in meinem Leben hinterlassen würde. So wie ich damals nicht gewusst hatte, dass auch die letzten Milchzähne noch weh tun können, und wie man seinen Eltern erklärt, warum man eine angeschwollene Backe hat, ohne auch im Rest des Gesichts rot zu werden, und dass man instinktiv entscheidende Details weglassen muss (Liebe, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich sie erwiderte), und eigentlich viel sorgenerregendere dazuerfinden (Streit, Aggressivität) so hatte ich vor drei Monaten nicht gewusst, dass ich in einem polnischen, großstädtischen Hinterhof zwar zwei paar Schuhe, einen schweren Mantel, einen Haufen geregelten Papierkram und letzte Adoleszenswirren ablegen konnte, aber trotzdem mit drei Taschen Gepäck und 24 Jahren auf dem Buckel wieder zurück in mein Berliner WG-Zimmer ziehen musste.

So hatte ich vor 2einhalb Jahren nicht gewusst, dass es zwar das Ende einer Ära der romantischen Pubertät bedeutete, als ich am Ufer des Charlottenburger Kanals einen Bloody Mary nach dem anderen trank und heulte, dies aber gerade mal den Beginn meiner ganz persönlichen Aufklärung markierte.

Als ich vor 10 Monaten beschloss, den seit vier Jahren in mir gereiften Entschluss, eine Weile in Polen zu leben, mit einem Aufenthalt in Krakau in die Tat umzusetzen, hatte ich nicht geahnt, dass dies zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens werden könnte, aber auch nicht, dass ich drei Nächte davon heulend im Bett verbringen würde, fest entschlossen, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Hätte ich damals doch gewusst, dass ein Gedanke an Anne-Sophie mir den düsteren Rhythmus zu meinem aggressiven Schreibmaschinenesken Tastaturgeklapper immer wieder bieten würde, weil ich seit damals gar nicht anders kann. Als permanent zu kämpfen, und dabei sei zu beachten, dass ich mich durchaus im ökonomischen Kapital familiär in der halb-akademischen Mittelschicht verorten kann. Kulturell aber nicht. Und eben auch nur halb, zu Gunsten der männlichen Seite.

Ich bin eine Frau von 24 Jahren, und sitze des öfteren Männern gegenüber, die genau solche Ansichten in mein Gesicht lachen. Es ist eine Generation der 1978 bis 1983 geborenen männlichen Mitmenschen, um es mal grob zu fassen. Und genau aus diesem Grund lasse ich mich nicht mit dem Hinweis auf Satire vertrösten. Ihr denkt das doch wirklich, Leute. Verarscht euch doch nicht selbst. So wird jeder in der Pubertät erlebte Korb ein politischer Akt, mit dem sich das schlechte Gewissen, was vielleicht doch den ein oder anderen Sesselfurz hin und wieder etwas brennen lässt, schnell wütend zum Fenster der obersten Etage hinaus verflüchtigen können lassen kann. Und am besten dann noch eine Anti-feministische Cis-Gender zur Busen-Freundin, die wahnsinnig hübsch ist und wahnsinnig froh, eine Frau zu sein, weil ihr das schon so viele Vorteile verschafft hat. Vielleicht kannten sie aber auch mal einen Hans-Ullrich, eine Anne-Sophie, und haben einfach andere Schlüsse daraus gezogen, als ich. Vielleicht dient die Unterstreichung der eigenen Macht und die Rechtfertigung der Herrschaftsverhältnisse einem einfachen Verstande, zu ordnen, was zu schwierig zu begreifen ist. Und dann beißt man einfach mal zu, weil es so schwer ist zu ordnen, wenn sich da welche versammeln, und am Thron rütteln.

Man kann noch so boshaft auf den Verfall ab 25 hinweisen. Ich bleibe optimistisch. Vielleicht, weil ich vor vier Jahren schon meinen 20. einfach größer hätte feiern sollen. Keine Leistung als selbstverständlich hinnehmen, nur weil einem jeder einredet, es sei ganz einfach. Ich hatte damals das Abitur geschafft, nachdem mir 10 Jahre zuvor gesagt wurde, ich würde nicht aufs Gymnasium gehören, ich sei zu schlecht in Mathe. Ich habe habe vor einem halben Jahr einen Bachelor in Germanistik und Soziologie erworben, inklusive drei Teilen Statistik und freue mich trotzdem im Gedenken an meine Mathelehrerin immer noch mehr darüber, dass ich super im Kopf rechnen bin. In meiner Bachelorabschlussphase fragte mich auch so ein Dreißig-jähriger, warum ich so einen Kackbachelorschnitt habe, und dass es für mich mit einem Master schwer werden würde. Ich schrieb meine Abschlussarbeit wütend fertig, verbesserte meinen Schnitt, schickte fünf Masterbewerbungen an Unis ab und wurde an vieren genommen. Mein Lebenslauf sagt, dass ich immer überall und nirgends gewesen bin, aber auch, dass ich ziemlich viele Dinge kann. Dass ich eine Frau bin, hat mir bei all dem aber ganz sicher nie geholfen. In einer Schulklasse im musischen Gymnasium, in dem Frauen die Mehrheit bildeten, war ich nichts besonderes, ebenso wenig wie im Germanistikstudium, in dem mensch ohnehin nur eine zu prüfende Matrikelnummer war. Ich gucke besorgt zur 30 hin, aber bisher gings ja bergauf, trotz Leiden an den bestehenden Umständen, weil pink vor Wut sein zum Klettern und Abseilen auf-, zwischen-, und unter den Strukturen animiert.

Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte, nur dass es weg von der provinziellen Enge war, und was ganz anderes. Denn was mir widerfahren ist: Ich bin dabei, der Mensch zu werden, der ich wohl schon immer mal werden sollte. Ich bin gespannt darauf, 30 zu sein. Und hoffe eigentlich, dass mir nie wieder eine/r in die Wange beißen wird, um sein Gefühl auszudrücken. Und bis dahin die Menschen verstummt sind, die uns nur sagen können, dass "wir" toll sind, wenn sie damit Ungleichheiten rechtfertigen können.

*Name von Autorin geändert.

11. Oktober 2012

Weil ich ein Mädchen bin?

Passend zum Internationalen Mädchentag diskutierte ich heute mit meinen Mitbewohnerinnen darüber, wann man aufhört, ein Mädchen zu sein. "Irgendwann wirds albern, so ab 25 oder so," meinte ich, just 24-jährig. Wenig später wurde mir bewusst, dass ich es am albernsten und schmerzlichsten fand, mit 17 als Mädchen bezeichnet zu werden. Vielleicht hing es mit dem nur bedingten Selbstwusstsein der Gestalt zusammen, die ich war und die Almut Klotz in einem Interview zu Frauen in der Hamburger Schule als Avantgardeköniging bezeichnet hat, die nur in der Provinz funktioniert. In so einer Position ist der Gedanke, man sei jetzt son bisschen erwachsen und son bisschen Frau recht tröstlich, wenn man nichts weiter als abhauen und ernst genommen werden will. Inzwischen bin ich in Uni- und Arbeitskontexten ganz selbstverständlich Frau und finde das ziemlich gut. Nichtsdestotrotz fühle ich mich als Mädchen, ohne albern zu sein, weil ich mir den Begriff inzwischen zurückgeholt habe, als eine Selbstbezeichnung für die klare Positionierung im Dazwischen zwischen ironischer Weiblichkeit, Erwachsen werden und Riot-Grrrl-Versuch. Ich bezeichne Jungs zum Beispiel aber nur als Jungs, wenn sie entweder wirklich jung sind, oder mir sehr, sehr nahe stehen. Ohne darüber nachzudenken, denn wer erwachsen handelt, oder von der Gesellschaft so wahr genommen wird, der sollte auch so tituliert werden. Ich weiß, wie schnell man wieder zum Mädchen werden kann, wenn man neben dem falschen Typen steht, man mit der Gitarre in der Hand wie jemand aussieht, der sie nur schnell mal hält, oder emotionale Eigenschaften als aus dem gender hervorgehend wahrgenommen werden. Den jüngeren Mädchen und damit auch mir retrospektiv unter 18 wünsche ich einfach, dass "Internationaler Mädchentag" für sie etwas solidarisches bedeutet, und dass man sich nur als Mädchen fühlen sollte, wenn man damit etwas positives assoziiert. Dass sie ansonsten heute wie an allen Tagen kräftig dem Patriarchat die Zunge hinaus strecken, den rosa Luftballon in der S-Bahn schwenken, und sich ja nicht einreden lassen, pink wäre keine schöne Farbe. Sich unabhängig vom gender mit Mädchen solidarisch fühlen, die nicht als mehr wahrgenommen werden als als Mädchen.

22. Juli 2012

A serious Girl. Or:Let's watch our dreams die.

Letzte Woche habe ich mich der schönsten Nebensache der Welt gewidmet (dass das mit dem Sex Quatsch ist, habe ich an anderer Stelle mehrfach erwähnt): Sich frisieren und frisieren lassen. Erst wurden mir mit bilingualen Instruktionen die Haare gekürzt. Schon zum zweiten Mal wesentlich erfolgreicher und preisgünstiger als bei "Grünton", den ich ahnungslos und mit der traurigen Glanz und Gloria meiner früheren Berliner Zugezogenen-Arroganz bis vor kurzem für in beiden Kategorien unübertreffbar hielt. Aber sowohl der Mini-Oma-Frisör in der Innenstadt, als auch die polnische Discount-Kette "Trendy" wissen, mit kurzem Haar umzugehen. Schade eigentlich, denn eines meiner liebsten Erste-Welt-Abenteuer ist es, nicht zu wissen, wie scheußlich oder wundervoll ich nach einem Frisörbesuch aussehe. Erster verwandelte wenigstens mein Haupthaar mit Hilfe von dafür geeignetem Lack, Spray und Wachs in diesen Neunziger-Jahre Alptraum, vorne gebügelt, hinten hochgerupft, ein Pfau in Aschgrau sozusagen. Bei Trendy bekam ich für 5 Zloty mehr eine ungefragte Glätteisenbehandlung, was für mich, die ich seit Kindheit unter meinen unregelmäßigen Locken leidend, die so manche unliebsame Bekannte und/oder Prenzlbergfrisörin als "bieder" bezeichnete, immer wieder ein ungesundes, guilty pleasure darstellt. Nach der Fremdhaarbefassung rannte ich zu Rossman und kaufte Syoss-Chemie, die ich anschließend absichtlich eine Viertelstunde zu lang einwirken ließ. Das Ergebnis ist: barszcz-farben.
Es gibt nicht vieles, was Barszcz in seiner Intensität, geschmacklich und farblich ähnelt. Umso stolzer bin ich, ein Abbild meiner Lieblingssuppe zu sein. Ich werde mich in jedem Fall mit einem Vorrat dieses Haarzerstörprodukts und der ihm gleichenden Tütensuppe gegen den deutschen Winter (jaha, den draußen und den in der Seele) wappnen. Ich bin lange genug innen unvernünftig und außen vernünftig aschgrau gewesen. So frisiert tummle ich mich in Gdanks und Nowa Hutta. Kombiniert mit schwarzem Second-Hand-Samttutu, schwarzer Bluse über alter grauer Strumpfhose und ebenfalls antrazithnen Adidas haftet etwas verrucht gruftiges an mir- genauso gut wie das geneigte Klassenkameradinnen schon mit 15 konnten.
Ich aber habe jeher außerhalb Berlins den komischen Drang, mich von meiner Umgebung abzuheben. So muss man mich noch besuchen, möchte man mich in Joga-Pants bei Kunstworkshops assisitieren, in bodenlangem Kleid Museumsführungen halten und in roten Schlaghosen durch geschichtsträchtige Floure wandeln sehen. Zurück in Berlin sehe ich schneller wieder aus wie eine lesbische Version Rory Gilmores, eh wir Termine für die Großstadtstelldicheins finden, mit jedem einzelnem von uns. Wobei ich schon versuchen werde, etwas Juliette Binoche im Kostüm Karen Os mitzuschleppen.
Als Kind konnte ich mir immer nicht vorstellen, wie ich aussehe, denke, fühle, lebe als Erwachsene. Dann verging die 20 und die ein oder andere Zahl dahinter, und ich wusste warum: Weil ich weder erwachsen aussehe, noch denke, noch fühle, noch lebe. Und nach drei Monaten Krakau dann plötzlich gestern so: That's it. So wie jetzt bin ich sicher nicht mein ganzes Leben, aber ich kann doch sehen, dass so wie ich denke (sozialwissenschaftlich viel über Atrocities und Identitätsbildung, bildungsmäßig viel über Bildnisse dieser), fühle (zu tief und zu viel und zu schnell, aber in gesündere Bahnen gelenkt), lebe (nicht verplant, aber mit Plänen), das kann man ein bisschen die erwachsene Version von mir nennen. Und das geschah tatsächlich durch die äußere Veränderung. Von anfangs sehr seriös im Pleasantville-Style zu sehr casual hippiesk, zu der Mod-Attitüde, in der ich mich eben sehr serious finde. Und weil ich das nicht ironiefrei erzählen kann alles, und ich mir des "Machen sie doch mal was ganz verrücktes, färben sie sich die Haare!"-Faktors nicht erwehren kann, und es durchaus bedenklich finde, dass ich wie vorgefasst über Yoga und Beauty-Programm zum Seelenfrieden kam, habe ich eine Playliste für alle Aspekte dieses "Erwachsens" erstellt.

Let's watch our dreams die.

Belle and Sebastian: Step into my office, Baby

Maximo Park: Apply some pressure

The Thrills: Fancy Restaurant

Mikrofisch: Delusions of Decay

Belle and Sebastian: Get me away from here I am dying

Nina Simone: Feeling good

Ben Caplan: Seed of Love

Phantom/Ghost: Thrown out of Drama School

Marina and the Diamonds: I'm not a robot

The Thrills: Faded Beauty Queens

Regina Spektor: Ghost of a corporate future

Belle and Sebastian: Expectations

Tocotronic: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Socalled: Work on what you got

The Divine Comedy: Generation Sex

Belle and Sebastian: Dear Catastrophe Waitress

Amanda Palmer: Ampersand

Und nie die Worte Yodas vergessen:
If you end your training now - if you choose the quick and easy path as Vader did - you will become an agent of evil.
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13. Juli 2011

Die fabelhafte Welt der Glücksenteignung.

Warum, was ich schreibe, so oft so traurig ist?
Weil ich einer Theorie anhänge, nach welcher Schreiben als Ausdruck eines Individuums immer subjektiv und somit gesellschaftlich geprägt ist. Die Darstellung von Schmerzen und des Scheiterns ist also auch ein Aufzeigen von gesellschaftlichen Leiden.
Und dann traue ich mich nicht, etwas glückliches zu schreiben, weil ich dann eine Bejahung eines Zustandes darstelle, den ich nicht bejahe?

Ich glaube, ganz so ehrenwert ist das nicht.
Es gibt wohl auch ästhetische Gründe.

"Es sind die kleinen Dinge, die das Leben ausmachen."

Wegen Sätzen wie diesem, die in mir mittlerweile einen Brechreiz erzeugen, kann ich nicht über etwas schreiben, was mich glücklich macht. Und irgendwie auch, seit "Die fabelhafte Welt der Amelie", obwohl ich den Film sehr mag.
Wird das individuelle Glück, wenn es inflationär in die Welt getratscht und durch "Ja, genauso!" vom Rezipienten empfunden wird, mir enteignet und zum Allgemeinwohl erklärt?

Glücklich macht es mich, am See schwimmen zu gehen, durch den Wald zu laufen und nicht die Stadtgeräusche, sondern die der Natur und von glücklichen, ausgelassenen Menschen am See zu hören.
Glücklich macht es mich, meine Sachen, während ich schwimmen gehe, einem hübschen Mädchen, das gerade Hannah Arendt liest, anzuvertrauen und danach meinen Besitz wieder zu erhalten.
Glücklich macht es mich, nach dieser schönen Anstrengung ins Bett zu fallen. Mal wirklich müde zu sein und nicht einfach überlastet.
Glücklich macht es mich, ausgeschlafen in der Bahn zu sitzen und endlich mal wieder Lust zu haben, Foucault zu lesen.
Glücklich macht es mich, in der Bahn Foucault zu lesen.
Glücklich macht es mich, im Sprachwissenschaftsseminar fachfremde Texte zu lesen. Foucault zum Beispiel.

Und dieses Glück ist nicht nur durch seine Nennung und mögliche Identifizierung beim Leser nicht mehr mein Glück, sondern in dem ich durch das Lesen fest stelle, dass möglicherweise schon von vornherein nicht so viel individuelle, sondern viel mehr habitusgeprägte Glückvorstellungen hineinspielen. Oder nicht?

Und wieso ist das beim Leid so anders? Vermutlich gehe ich davon aus, dass so mancher/m geholfen wird, liest er/sie etwas und erkennt sich wieder. Erkennt wieder, dass nicht unbedingt individuell etwas nicht stimmen muss, dass es durchaus auch Struktur ist, die nicht stimmt. Aber was, wenn das Leid absolut außerhalb dieser Struktur liegt, und sich der/diejenige denkt, was sind das bloß für Probleme?

Lieber schreibe ich, was mir nicht gefällt. Erwachsene, kluge Frauen, die um 3 Uhr morgens mit ihrem Freund in der Bahn sitzen und mit hoher Stimme sagen: "Ich hab Hunger."
Und als er dann erwidert: "Ich weiß nicht, ob wir was vegetarisches für Dich kriegen."
Sie so: "Ich will zu Mustafas Gemüsekebab".
Er so: "Der hat doch nicht mehr offen".
Sie duckt sich, reißt die Augen weit auf sagt mit noch erhobenerer Stimme: "In meiner Welt hat Mustafas Gemüsekebab immer offen!" Er streicht ihr über den Kopf, lacht, wie man ein drolliges Kind auslacht, ohne, dass es es merkt, sie küssen sich.
Das gefällt mir nicht.

5. Juli 2011

Metamorphosen

Mit sanften Fingern auf Menschenhaut – Sie wird mir zur Klinge.
Reiß ich die Arme hoch – ein Scherbenhaufen.

17. April 2011

Eine weichere Welt, die sich die Stirn an der eigenen Ironie aufschlägt.

Meine Passion für a softer world ist sicher kein Geheimnis. Meine antivisuelle und Pro-Texteingestellte Wahrnehmung führt mich jedoch auch immer wieder zur Sehnsucht nach Mehrschriftlichkeit des Texters Joey, wie zum Beispiel zu diesem Livejournal, welches so grausam, witzig und herzig ist wie die Texte in den a softer world comics.
Eines meiner Favoriten, auch textmäßig von diesen ist übrigens, oh Wunder, die Abtreibungsparty.
Übertroffen in freundschaftlich-knuffender Bösartigkeit und Seelentrostkombination vielleicht von Rauhfaser Sarahs Weisheit.
Und als Abschluss des Kaspers um psychischen Unmut, ich habe mir gestern ganz viel In Treatment reingezogen und seltsamerweise hat der reine Anblick fiktiver Psychoanalyse bereits den Effekt einer Psychoanalyse.
Endlos rekursiv und dann return.

18. Januar 2011

F(h)as(s)t Du (D)eine Hommage

Für die.


Für die, die am Bahnsteig nicht still stehen können.
Für die, die aus der Schauspielschule flogen.
Für die, die auf und ab wandern müssen.
Für die, die, eh, die haben schon Kieferschmerzen von den engen Kopfhörern.
Für die, die, mit den großen Köpfen und dem kleinen, ähm, dem großen Minderwertigkeitskomplex.
Für die, die Hypochondrie.
Für die, die Selbstbewusstsein haben, ohne Dünkel.
Für die, die Celan lesen und Sarah Kane,
und dann Adorno und trotzdem noch Lyrik.
Für die, die.


Für die, die tanzen gehen,
für die, die yeay "is it getting better, or do you feel the same".
Für die, die auf zwei S-Bahnreihen schlafen.
Für die, die furzen.
Für die, die Liebe brauchen, wie Kinski,
und für die, die ihn nicht verstehen.
Für die, die Salinger gelesen haben,
und jetzt Miller und Ginsberg und Kerouac
und für die Graphic Novel Bible und für Art Spiegelman.
Für das dänische Comik, das Mosaik,
und für die, die.

Für die Bilder an unseren Wänden,
für die, die Post-Its Klebstoff unter den Fingernägeln haben.
Für die letzte Seite und für die,
die das Vorwort überspringen
und für die, die das Nachwort rausreißen.
Für Regina und Undine.
Für die, die ihre eigenen Gebete schreiben und für die,
die in Schweigen schlafen und für die, die wach liegen
und nachts myokardinieren.
Für die, die kaputt sind, aber nur ein bisschen.
Für Mascha, für Else, für Ingeborg.

Für die, die das alles so ernst nehmen,
für die, die des Wahnsinns lachen und lächeln,
für die,
die lächeln für die Kamera.
Für Evelyn, für Amanda, für die Literaturwissenschaft und die Soziologie,
für Goffman, für Luhmann, für dich.
Für die, die nicht aufhören wenn es im Treppenhaus schon nach Eintopf stinkt.
Für die, die.

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