17. Juni 2012

They sentenced me to twenty years of boredom.

„Du kommst doch auch aus der Künstlerecke? Siehst jedenfalls so aus.“ Ich habe gelernt, wie eine Dame milde zu lächeln, und mir meinen Samtrock glattzustreichen.

Er trägt eine Baskenmütze, sandfarben, wie seine gelockten Haare, die sich beinahe um seine selbstgedrehte wickeln, die er sich mit einem neckischen Augenaufschlag anzündet. Ich tue ihm nicht den Gefallen, zu sagen: „Nö, Du wohl aber.“ Sondern versuche ein anderes Thema anzuschlagen. Wir haben ausführlich abgeglichen, dass wir die selben Länder bereisten, er jedes zweite gesellschaftliche Phänomen als „ethnologisch interessant“ empfindet, und für mich ein „soziologisch auch“ hinzufügt. Musikinstrumente. Museen. Kommunismus. Neben uns steht eine zierliche mit kurzem Pony und langem Stoffrock, „die lebt einfach nur“ und findet's „einfach nur schön hier“ und sie hat mich, die „Renate aus dem Museum,“ kennen gelernt, als sie meine Tasche abfotografiert hat. Ein Jutebeutel mit einem Mädchen, das Herzen kotzt. Sie möchte gern meinen Platz einnehmen, jetzt, sie gibt mir das zu verstehen, mit jedem Klappern ihrer Espandrillas. Das kann ich aus dem Augenwinkel sehen, während sie gleichzeitig ihrer Freundin, dem „Mäuschen“ laut genug flüstert, es langweile sie hier, niemand, den sie jetzt ansprechen möchte und zuhören macht sie müde.

Ich will doch längst selbst gehen, ich trotze ihr eigentlich nur, ihrer sich selbst reizend findenden Attitüde, ich weiß gar nicht warum. Vielleicht finde ich mich sogar selbst reizend dabei. Gieße mir schließlich seufzend Wodka in die Cherry Coke, komme eine halbe Stunde später zurück und höre, wie Leinenrock und Baskenmütze sich wechselseitig bestätigen, es füge sich schon, man müsse nur offen bleiben, nicht zu Hause herum sitzen, dann ergebe sich schon alles.

Wiederum ein Klogang später, ein paar Floskeln über Helsinki ausgetauscht, im einzigen englischsprachigen Gespräch auf der Party, mit einem Finnen und einem Isländer, erklärt mir eine aus der Kunstecke ihre Theorie des kulturellen Austauschs: Gleichgesinnte Europäer tauschen sich in Polen anders aus als in Deutschland. Auch sie hat ein Jahr in Berlin gewohnt.

Es soll endlich getanzt werden, denn die Gespräche machen die Menschen müde, das Nicken strengt an, das vom Gegenüber begeistert die Augen aufreißen, das Fragen nach Zigaretten und Feuerzeugen, die dritte Bestätigung von der vierten verschiedenen Person, dass man nicht wisse, wo es hingehe, aber man sei sicher, irgendwann sei man zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Luft ist sommerlich kalt, und so ein Balkon ist rar in Krakau, man kann über den Hinterhof über die Dächer blicken, den Rynek, und irgendwo dahinter muss Kazimierz liegen. Dorthin war mein Amerikaner, meine Begleitung, die keine blieb, weil ich mich verspätete, zurück geeilt, es ist ein gutes Stückchen Weg bis dahin, vom Außenring des grünen Gürtels, der die Innenstadt in spezifischer Weise umspannt, und tagsüber den täglichen Gängen etwas märchenhaftes verleiht, nachts gemieden werden muss. Stadtstreicher, verrückte Poeten, die Gefahr, auf Taubenfutter zu treten. So genau weiß ich das nicht. Ich war erst einmal hier, nachts. Die Karmelicka kann ich noch nicht sehen, ich wähne sie hinterm modernen Theater. Die Karmelicka ist nicht lyrisch, aber sicher, die Karmelicka ist die halb-ruhige Vene in den Adern des gerade von mir bewohnten Körpers, die mich heimführt, später.

Renate, einen Uwe soll es hier auch geben, der eine Frau geheiratet hat, deren Opa in Auschwitz war, weshalb er sich jeden Freitag zum Beit Krakau einfindet. „Have you met Uwe yet?“, fragen sie mich, sie sprechen Englisch, in der Hoffnung, sie wirken dann wie echte ErasmusstudentInnen, und jemand verirrtes klinkt sich dann vielleicht ins Gespräch. Es verirren sich viele, sie wollen eigentlich upstairs, und dahin bewegen sich alle, gemächlich, in dieser Wohnung kotzt es sich nicht gut. Wieder ein paar selbst gedrehte, ein Österreicher mit Idealismus, sein Studiengang wird abgeschafft, er wähnt sich interessante Dinge sagen, und zum Teil hat er auch Recht, er kann nicht viel dafür, dass ich müde bin und am Stück in Floskeln spreche. Die Gastgeberin hat inzwischen einen neuen Haarschnitt, ich habe mir meine Jacke über die Schultern gezogen. Die langberockte, die einfach nur lebt, die alles hier schön findet, die nicht weiß, was sie in einem Jahr macht, aber alles so schön, sitzt allein auf dem schmalen Bett in diesem großen Zimmer. Zu dritt wohnen sie hier, es befinden sich Bilder von nackten Frauen an den Wänden, Pin-up Style fünfziger, in einem Hostel haben sich die Fremden kennen gelernt, denen es nicht schwer fiel, Freunde zu werden. Sie sprechen sogar die selbe Sprache.

In Lingua-Franca Englisch träume ich schon lange nicht mehr, die Nachtmare sind einer Sprachlosigkeit gewichen. Ich trotte an den letzten Heimgängern mit rot-weißen Schals vorbei, Polen hat verloren heute, wir haben verloren heute, wie auch immer man es mir sagte, man sagte es mir. Es ist ein erstaunlich ruhiger Abend für ein Wochenende, noch niemals ist mir aufgefallen, dass es so wenig Straßenlaternen hier gibt. Morgen werden die Bäckereien wieder geöffnet sein, 7 Zloty werden mir teuer vorkommen, für zwei Gebäckstücke, doch es ist Sonntag und ich werde sie singen hören.

18. Mai 2012

What makes me happy now. And here.

Having the strong desire to attend yoga school.

Drinking polish coffee. Discovered it, when I had only coffee, but no machine. It's not to be confused with Turkish coffee, because this is made with love and sugar. Polish coffee is made with hate and nothing. It's just hot water and coffee. Real coffee, not Instant-Coffee. Nothing else. I've googled it, to see, if it will kill me and found out: Some people call it "Polish Coffee." The first was the best coffee I had in a lifetime. The second was even better.

Being able to cook for myself again.For example Giant potatoes with cheese, which I would call Quark. And the best fucking scrambled egg I had in a lifetime.

Recognizing that half of the museum I work at is gay and nobody will be at the museum tomorrow, because there will be Gay Pride. Still not quite decided, if I will be on the Market Square or let them have their pleasure and enjoying the museum on my own.

Finding Tape, after three days of searching it, including also shopping at night, being drunk, because most shops are open 24h. Nobody knew, what I meant, and when they did, they started to shout at me. Still don't know why. Finally found it at a ridiculous small gift shop in some mysterious side-street. Felt like a junkie, but just wanted to personalize my room a little bit.

Hearing a polish girl say that my German sounds not German, but Polish-German.

Tasting the difference between Polish and German Nutella. Polish is better.

Thinking of all the motivation letters which I have to write for my Master-applications. Should I be like Joey Comeau? That's how my application for Sociology M.A. will look like:

Sociology sounds more like "job" than "literature" does. But only on first sight. So if you want to reject me because of my horrible B.A., please do so. I don't have to take statistic classes in Master, so more fun for me, but "job" sounds more like "drinking" anyway.

Another day passed without being the cat of Miranda July in "The Future" or, even worse, being Miranda July in "The Future".

6. Mai 2012

Run Baby Run, Pt II

Eigentlich sind sie mir zuwider, diese Auslandssemesterblogs. Oder waren sie. Seit ich selbst weg bin, wird mir klar, woraus sie entspringen: Dem Bedürfnis nach Kommunikation, dass man nicht so schnell stillt, wenn man gerade erst dabei ist, sich mit einer Stadt anzufreunden. Gerade, wenn man wie meine Wenigkeit hier nicht als Erasmusstudentin ist, sondern als Praktikantin, und ebensolche auch nicht gern von einem internationalen Mikrokosmos geschluckt werden möchte. Schnell die Bachelorarbeit beendet, mein gesamtes Umfeld durch Überarbeitung und Nötigung zur Korrektur genervt, stieg ich genau vor einer Woche in den Zug, um 10h später in Kraków zu landen. Ich war erkältet, ich war müde, ich war froh, dass ein Herzstück meines "alten" Lebens, meine liebe Mitbewohnerin, mich begleitete. Wir taten, was wir in Berlin schon am besten konnten: Aßen gut, diskutierten viel, und tranken Bier, welches nicht ohne Folgen blieb: Zu gemütlicher Stunde am Fluß wurde es teuer. Das zweite Bußgeld meines Lebens, nach dem Fahrrad fahren auf dem Gehsteig in Berlin, nun für Alkohol trinken in der Öffentlichkeit in Krakau. Es war eine recht amüsante Lehre, und immer noch billiger als das legal genehmigte Bier in Thessaloniki. Ein Bußgeld scheint hier zum guten Begrüßungston zu gehören: My fellow intern bekam es beim Überqueren einer roten Ampel beschert. Pech für sie. Glück für mich: Die Stadtbewohner haben aus dieser strengen Sanktionierung heraus die Angewohnheit, wie gestört über grüne Ampeln zu rennen. Ich bin also mit meiner in Berlin als schrullig wahrgenommenen Rennsucht hier gerade mal perfekt angepasst! Das mit dem Fahrrad fahren könnte mir hier auch nicht passieren. Erradelt man hier doch grundsätzlich den Gehsteig, wenn überhaupt, denn jeder warnt mich, hier Fahrrad zu fahren, das sei furchtbar gefährlich. Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass es gegen Berlin diesbezüglich eine Chance hat, nutze aber die Gelegenheit und laufe täglich eine Stunde nach Kazimierz. Kazimierz, bis 1871 eine eigenständige Stadt, ist heute ein Bezirk Krakaus, und der Standort des Galicia-Jewish Museums, an dem ich Praktikum mache. Kazimierz ist bisher der einzige mir bekannte Ort in Kraków, an dem ich mit der Kombination aus rotem Lippenstift, kurzem Haar und Turnschuhen kein Freak bin. Kazimierz sieht auf den ersten Blick aus wie eine kleine, nette, fusionierte Version von Prenzlauer Berg und Kreuzberg, mit Hippieläden, Straßencafés und KlischeestudentInnen. Der signifikante Unterschied ist die Mischung mit einer Vielzahl an Restaurants, die mit "Gefilte Fisch" auf der Speisekarte werben, in deren Gärten Klezmer-Bands spielen, progressive und orthodoxe Synagogen und zwei jüdischen Friedhöfen in unmittelbarer Nähe. Kazimierz war bis 1941 zum Großteil jüdisch bewohnt, und das Jewish Community Center, welches sich ebenfalls hier befindet, setzt sich mit anderen Institutionen dafür ein, jüdische Kultur im Bezirksbild wieder sichtbar zu machen. Meine täglichen Touren nach Kazimierz sind also von zwei Interessenlagen geprägt: Zum einen lässt es sich hier einfach sehr gut lesen, Kaffee trinken und auf Postern nach Konzerten und ähnlichem Kulturkram umsehen, zum anderen sehe ich mir die Orte an, die ich im Museum auf Fotos zeigen, und deren Geschichte ich erzählen soll, mit dem mir sehr sympatischen Credo: "please admit that you are not sure instead of making crap up." Und doch sind es sehr gemischte Gefühle, mit denen ich durch die ebenso Touristen überlaufene Altstadt nach Hause laufe. Antisemitische Graffitis auf jeder zweiten Hauswand passen für mich nicht so recht zu der Information, dass das Museum und die Synagogen hier keine Security nötig haben. But instead of making crap up, beobachte ich weiter. Heute war mein erster Kazimierz freier Tag, den ich mit dem zweimaligen, spontanen Verlaufen verbrachte. Das erste bescherte mir mein neues Lieblingscafé "Kawka" irgendwo in einer Seitenstraße am Fluss. Dort kann man mit Laptop, Stift und Block in wechselnden Positionen stundenlang schreiben, bei einem einzigen, dafür aber grandiosen Kaffee, ohne den geringsten Rüffel zu bekommen. Das zweite Verlaufen brachte mir meine erste Erleichterungsträne ein. Ich versuchte mich an einer Kreuzung zu orientieren, wollte müde einfach nur nach Haus, und eine ältere Dame sprach mich auf Polnisch an, und ich verstand, ohne Sprachkenntnisse: Du siehst verwirrt aus. Alles o.k.?" Ich sagte: Sorry, I Don't speak polish." Sie zögerte: "Then... In English." Ich: I just want to go home, but I am somehow lost. I am searching for Krolewska Street." Sie:"I am from Warsaw." Und sie schwirrte zu einer anderen älteren Dame, mit der sie in einem Mix aus Polnisch und Englisch die Situation klärte, bis ein junger Vater mit Kinderwagen hinzustieß, und ebenfalls ungefragt helfen wollte. Als man mir das letzte Detail des Weges erklärt hatte, platzte ein fast zu enthusiastisches "Thank you all" aus mir heraus. So lächerlich klang meine Freude über diese eigentlich fast unnötige Nettigkeit. Ich habe gelernt, mit dem Gasherd umzugehen, und koche mir großartige Pasta, mit der es mir ein bisschen gelingt, mich bei meiner neuen Mitbewohnerin einzuschleimen.

13. April 2012

Aprilwetter

Und es war ein Montag oder so gewesen, da war sie zum Abendessen eingeladen, bei einer Bekannten. Es wurde, wie diese sagte, „abstraktes“ aufgetischt: Eier, Tomaten, Brot und Alkohol in Pulverform, der eine enorm starke Wirkung hatte. Da hatte die Bekannte gesagt, sie würde gern alles gleichzeitig tun: Trinken und rauchen und essen, obwohl es sich eigentlich widersprach und sie folgte diesem Ratschlag, obwohl sie gar keine Lust hatte. Sie fühlte:alles und sie aß: alles und sie schmeckte:alles. Und sie dachte dabei:nichts. Zwei Jahre später, es war genau ein Dienstag gewesen, war ihr auf dem Balkon Wein und Tabak, Schokolade und Pasta aufgetischt; man erwartete, sie würde essen, sie würde trinken, sie würde rauchen, sie würde sich Süßes auf der Zunge zergehen lassen; und es war dieser Dienstag, da hatte sie großen Appetit auf alles, und fühlte:nichts, und da begann sie von allein, alles durcheinander zu konsumieren: sie rauchte, sie aß, sie trank, sie ließ sich Süßes auf der Zunge zergehen. Sie katalogisierte ihre Gefühle, sie registrierte:“abstrakt.“ Und weil sie also so nicht konnte: „konkret“, bei einer Kippe ihre Probleme besprechen, alles einzeln, schön der Reihe nach, wollte sie alles zusammen:Trauern und Lieben, Überwinden und Fühlen. Leben und vernünftig sein, alles, was sich widersprach. Und als ihr das dann passierte, da war es so gewesen, sie fühlte: alles. Und dachte:nichts. Und er hatte keine Lust und machte:mit.

12. April 2012

Heimweh nach der Naivität

(Make up your own Mittwochslied!)

Ich nahm mir damals ein Herz und den Nachtbus,
und zwischendurch zwei Füße, die mich dankbar trugen.
Ich hatte damals noch nicht viel gelernt,
Und ahnte dennoch schon Heimweh nach der Naivität.

Ich finde keine Hüte, keine Tücher mehr,
kein fremdes Leben, keine Maskerade.
Nichts steht mir, nichts trägt mich, ich trag mich selbst nich,
Bin nicht pragmatisch und hab das Träumen
trotzdem verlernt.
Was soll das?

Es gibt kein wahres Ich
und keine Trennung von der Prägung.
Nur das Herz, das klobig im Hals und dazwischen schlägt,
mir vor die Füße fällt und ich da rüber.

Ich bild mir ein, mein Gesicht ist trotzdem versteckt,
Ich blinzel Dich an, immer noch verschreckt,
nehm ich mich selbst in den Arm.

Ich such, ich such doch immer noch nach mir,
hab mich nicht gefunden, hab nur eine Ahnung.
In meine alten Fußstapfen tret ich,
wenn sie mir grad mal vorm Bett bereit stehen.

Wenn das Meer am Fenster schwindet,
und der alte Penner Pathos mein Pyjamateil
bepinkelt,
wenn die alte Sau, die Sehnsucht,
meine satirische Seite stimmt,
kann ich' s nicht lassen,
und kann ich' s nicht fassen,
dass ich mir Tatsache immer noch wünsch,
jemand hier hätte mich mehr gekannt.

Nun hab ich angefangen, Lieder zu schreiben,
so, wie eigentlich alles schon mal begann,
und ich treff keinen Ton, und fang selbst an zu leiden,
weil ich doch immer noch nicht singen kann.

(u.s.w. Wenn Du anfängst zu weinen, ist es leicht, noch Strophen dazu zu erfinden)

7. April 2012

Die Tretboote in unseren Köpfen.

Kreative Menschen brauchen länger, um Dinge zu verstehen. Daher benötigen sie oft mehr Zeit für ihr Studium. Ständig räkelt sich die nächste Assoziation im Kopf, und keine Arbeit wird fertig.

Ich hab das gelesen, neulich, und eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob ich mich da einordnen darf, oder ob ich einfach zerstreut, abgelenkt oder verantwortungslos-verwöhnt bin, aber grad tröst ich mich mal damit, wenn ich mitten in einem Satz meiner B.A. steckend, diesen Post beginne.

Die Rösinger hat ein zweites Buch geschrieben, "Es heißt Liebe wird oft überbewertet", es nennt sich im Untertitel "Ein Sachbuch" und es ist ein bisschen Populärsoziologie gemischt mit charmanten Tagebucheinträgen, es ist teilweise völliger Blödsinn, unwissenschaftlich, und trotzdem nicht witzig genug für Satire, aber all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem eins ist:liebevoll.

Und so scheint es mir, dass die Rösinger selbst a bissel zu kreativ ist, neben dem Lesen textete,feiern ging, aber ganz sicher auch liebte, denn sonst kann man nicht so über die Liebe schreiben.

Einem Mitglied der Zielgruppe halb-freiwilliger Singles wie mir, wird tatsächlich auch sehr warm ums Herz, nach dem Lesen, da werden ein paar schöne Gedanken bestätigt, zum Beispiel, dass der Freundschaft ein höherer Wert beigemessen werden sollte, alternativen Haushalts- und Lebensentwürfen wie der WG-Familie, gesellschaftlich, damit man es auch innen drucklos fühlen darf. Da amüsiert man sich und weint und ärgert sich bisschen, wenn sie es tatsächlich wagt, den Trauerschwan Petra und ihre Liebe zum Plastiktretboot mit dem "Faible für Idioten" zu vergleichen, bei denen frau eine Regung des Windes als Signal der Zuwendung annehmen kann.

Aber ich finds schade, dass ich frau schreiben muss, denn das Buch ist ganz schön hetero-normativ. Und hier überwiegt dann das Tage- über das Sachbuch, und ich frage mich, ob es nicht schöner gewesen wäre, wenn nicht mehr Leute das Gefühl nach dem Buch gehabt hätten, welches ich habe.

Ähnlich wie nach meinem ersten Abend in der von der Autorin monatlich veranstalteten Gala-Reihe "Flittchenbar", ein Gefühl einer Zugehörigkeit, die ich in Berlin so ehrlich und unschämenswert nirgends fand, sagt das Buch mit jeder Seite: Du bist eigentlich voll o.k. Es sagt Dinge, die Dir Deine Freunde seit Jahren versuchen zu sagen, mit dem Unterschied, dass Autorin und Buch nicht in einer RZB stecken, so dass sich Ich nicht ständig denkt: Ja, ja!

Und trotzdem, immerzu fragt Bachmann in mir: "Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann: Soll ich die kurze schauerliche Zeit nur mit Gedanken Umgang haben, und allein nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun? Muß einer denken? Wird er nicht vermisst?"

Und so gerne ich mir selbst antworten würde, natürlich nicht, "Du hast genug Sinnlichkeit im Leben und FreundInnen!", so sehr weiß etwas in mir, dass hier etwas anderes gemeint und gefühlt wird.

"Liebe wird oft überbewertet" wäre ein feiner Selbsthilferatgeber, würde er im letzten Kapitel nicht etwas zu knapp auf das trotz aller Vernunft und Nicht-Normativität bleibende Bedürfnis nach einem "special someone" mit einem winzigen Exkurs über Polyamory mit der nicht ganz zu glaubenden Phrase enden, das gäbe sich alles, wenn man sich genügend Gefühle im restlichen Umkreis erlaube. Im Grunde hätte ich dagegen nichts einzuwenden, wenn da nicht dieser nervige Umstand wäre, dass Freundschaft nur in sozialer INTERaktion möglich ist. Und wen kann man schon zwingen, mehr Liebe in der Freundschaft zu sehen? Und wie sehr sie auch Recht hat, dass RZBs in der Regel langweilig sind, krank machen, unglücklich und im Gegensatz zu Freundschaften schneller enden, bedeutet das nicht, dass die Liebesbeziehung nur mit sich selbst nicht auch oft unbefriedigend, langweilig, und krank machend sein kann. Wie alles. Und wenn wenigstens die Sehnsucht bleibt, die vielleicht noch weder Gegenstand noch Namen trägt, hat diese eigentlich schrecklich-banale Beziehungskiste noch einen edleren Glanz. Find ich jetzt gerade. Morgen wahrscheinlich wieder nich mehr. Vielleicht ist das tatsächlich alles eine Sache der Normen und meinen vollen Respekt und Zustimmung, das Christiane Rösinger durch die Erziehung des Herzens diesen zu trotzen wagt. Und doch, ich halte mich fast lieber an die Worte meiner ersten Gender-Dozentin:
Ja, die Liebe ist ein soziales Konstrukt. Aber ich find sie trotzdem toll.

Zwei Gläser

Glas Wein und Glas Wasser,
dazwischen tippe ich diese Zeilen.
Ein schlechter Empfang am Telefon, ein Herzrutschgeräusch,
ein Zucken, ein Auto, ein Störungsgewimmer.
Ich vernehme es hölzern,
erstarre nicht.

Nur noch einmal, einmal noch möcht ich rückwärts
sehen.
Die Steine in die Schale legen,
wo sie auch ohne mein Zutun schwer liegen,
und sie in Folge nach unten durchbiegen.

Einmal noch möcht ich klare Worte finden,
und dem Schmerz die Zigarettenlänge gönnen.

Einmal noch dem Wein seine Stunde schenken,
und das Wasser, halb voll im Glas,
zu seiner Zeit trinken.

5. April 2012

Das Internet ist mein Pony, der Kosmos mein richtiges Pferd!

Ich führe eine doppelte Existenz im Internet, sie heißt mal bookishasearlgrey, mal sommer hier, mal nachtmar, schreibt für mich Gedichte, Prosa, Essays und manchmal sogar Tagebuch und entwickelt sich zu einer selbstlaufenden, zweiten Realität, der meine FreundInnen manchmal mehr glauben schenken als der Regine Glaß aus Fleisch und Blut. Ich schreibe gefühlvollere E-Mails, als mein Herz mir zu fühlen erlaubt und halte manche Pointen im Leben zurück, um sie auf Facebookpinnwände der Betreffenden zu verewigen. Ich euphoriere im Klappentext zu meiner Internetseite über die Autonomie digitaler Literatur und bin Mitglied in einem literarischen Teamblog. Meinen Backkatalog an Texten aus den letzten drei Jahren kann man samt und sonders bei keinVerlag durchblättern, auf myspace liegen auch noch ein paar Jugendsünden, und meine zeitgenössische deutsche Lieblingskünstlerin heißt Lena Knaudt, deren Literatur, Bilder und Filme ich zu Hause nur über ihre Website, ihren youtubechannel und keinVerlag rezepiere. Ich spreche eigene und fremde Texte als Hörstücke ein und stelle sie auf meinen oder den Seiten von Freunden online.

Und trotz all dem würde ich mich niemals als einen digitale bohéme bezeichnen.
Die ehrliche Wahrheit ist: Ich veröffentliche doch nur im Internet, weil ich mich noch nicht reif genug für einen Verlag fühle und trotzdem an Geltungssucht leide, und möchte, dass jemand meinen Rotz liest. In E-Mails kann ich mich von der besten Seite zeigen, ohne an meine Körperhaltung zu denken. Manche Witze und Bemerkungen erscheinen mir zu geistreich, als dass ich sie einfach dem Pöbel anvertraue, das heißt den FreundInnen und Bekannten, ich möchte, dass sie noch für mehr Menschen sichtbar sind, damit sie überhaupt wirklich gewertschätzt werden. Würde es einen Markt für Lyrikanthologien geben, der nicht auf Kosten der AutorInnen geht, würde ich all meine Freizeit in das Herumschicken von Manuskripten investieren. Ich bin zu faul, meine Texte ordentlich zu archivieren und überhaupt Sicherungen meiner Festplatte vorzunehmen. Meist schreibe ich die Texte spontan einfach ins Artikelformular des jeweiligen Blogs. Ich kriegs nicht hin, mein myspaceprofil zu löschen (obwohl da auch steht: more to love!, hihi). Lena Knaudt versüßt mir kostenlos jede Mußestunde, aber ich wünsche ihr nichts sehnlicher, als einen Verlag, einen Job in der Filmbranche oder eine Ausstellung. Ich fände es furchtbar, wenn die Welt nicht von ihr erfährt. Seit ich aus der Literaturbühne geschmissen wurde und die Berliner Lesebühnen mich nicht überzeugen, vermisse ich jede Gelegenheit, meine eigene Stimme zu hören.
Empfehlungen, Favorisierungen, Daumen nach oben und liebe Kommentare retten mir manchen Tag, aber wisst ihr, was mich wirklich glücklich gemacht hat? Mein erstes Gedicht gedruckt zu sehen und für meine erste Rezension im Missy Mag bezahlt worden zu sein! Meine erste, eigene Lesung! Mich zum Literatursalon mit meinen FreundInnen zu treffen und uns Sachen vorzulesen und zu kritisieren! Wie altmodisch! Und wie berechnend!

Nein, ich bin kein Digitale bohéme aus Leidenschaft, sorry, das war gelogen! Ich bin jemand, die wirklich gerne Schriftstellerin ist, ob haupt- oder nebenberuflich, und die nicht vom Land in die Stadt gezogen ist, um sich hier nur virtuell zu vernetzen! Nur ist das kulturelle Leben in Berlin nun manchmal angesichts der Ausmaße des gigantischen Potentials unterirdisch und die zugehörigen Menschen nerven und klüngeln. Da zieht man sich ins Netz zurück und macht vielleicht alles nur noch schlimmer. Womit ich nicht sagen möchte, dass ich dies nicht ändern möchte. Nur: Ich sehe es eben auch als Möglichkeit, ich könnte zu schlecht, zu faul, zu verzettelt, zu feige sein, für Print und Bühne sein, anstatt die digitale Welt als dankbare Spielfläche zu vergöttern. Und es einen Zustand zu finden, dass viele begabte Menschen für lau arbeiten, weil sie nicht genügend Selbstvertrauen zur ständigen Selbstvermarktung haben. Ich würde mich jedem Lektorat anvertrauen, das mir hilft, meinen Roman zu veröffentlichen. Und kennte ich die richtigen Leute und Orte, ich gründete sofort ein Kaberett, eine Lesebühne, und erneut meine eigene Zeitung. Woher kommt diese plötzliche Real-Life-Versessenheit? Vielleicht taugt mal wieder die all-round-Antwort: I'm getting too old for this shit.

12. März 2012

Dieser Tage das Fenster öffnen.

Was tun, wenn die lyrischen Gedanken
sich, überfällig ausgeschlafen, wankelmütig in Prosa verwandeln?
Es bleibt die Frage am Ende der Bettkante:
Sind Neologismen und mathematische Betrachtungskonstruktionen
im Raum der Emotionen und Definitionskonstanten der Jugend,
legitime Literaturschaffungswerkzeuge oder simple Auswüchse einer
gerade erwachsen werdenden Neurose?

Ich möchte es einfach halten,
und verstecke mich nicht länger
mentholtrunken hinter
violetten Baumwolltüchern.
Ich öffne das Fenster und
atme ein und aus.
Und selbst das hat ein Metrum.
Regelmäßig.

9. März 2012

8. März: Emanzipation der Herzen?

Was für ein aufregender Zufall! Ausgerechnet im Frauentag-Monat März ist der Gastblogger des popfeministischen Missy Magazine ein "Feminist mit Eiern" !"
Und dann erdreistet er sich auch noch über die Auszeichnung alleinerziehender Väter am Frauentag zu bloggen!
Ich, die Manifesterin der Emanzipation der Herzen, nicht von Männern und Frauen, blicke auf diesen spannenden Frühlingsbeginn ebenso janusköpfig enthusiastisch wie zweifelnd wie auf den Internationalen Frauentag überhaupt.

"Zunächst einmal", wendet Janus/Jana der LeserIn die neonpinke Wange hin, "warum zur Hölle ein Internationaler Frauentag? Was soll denn die reaktionäre Mann-Frau Scheiße?"

"Hallo?", die lilafarbene kanns nicht fassen und bewegt die Augenbraue zum Hochziehen gleich mit,
"Es braucht immer noch einen modernen Feminismus, Bitch !"

"Und dann, Fräulein alter Schule, geht es weiblichen cisgendern gut, und weiter?"

"Na dann, Fräulein Gender-Expertin, muss der Rest sich ebenfalls emanzipieren, und mit Feminismus hat das Ganze trotzdem zu tun!Noch nie was von struktureller Unterdrückung gehört?"

"Aha, und was ist mit den Vätern? Sollen wir wirklich, wie sich dieser Nelles wünscht, jetzt einfach das Topf-Deckelchen-Spielchen umdrehen und Managerinnen küren und ausnahmsweise Väter auszeichnen?"

"Da siehst Du's! Im Töpchen und Deckelchen liegt des Pudels Kern! Eine Auszeichnung und Anerkennung für Menschen, die sich im Ist-Zustand für einen so gehts auch -Zustand entscheiden ist ne super Sache. Aber braucht man dafür Preise, die Dinge ehren, die für den jeweils anderen Selbstverständlichkeit sind?"

Pff, alles irgendwie unberechtigt naseweis. Das Ganze ist doch wieder mal vor allem eins: Frustrierend. So frustrierend, wie wenn eine Gesellschaft einen Tag für ein Gender braucht, um daran zu erinnern, dass Gleichberechtigung noch Utopie ist.Ist es aber, sorry, welcome to reality, Femizisstinnen!

Und trotzdem: Von der privilege denying dude- Scheiße der restlichen Männerrechtsbewegung ist der Nelles Artikel weit entfernt. Er ist nett gemeint, er versucht den dekonstruktivistischen Gedanken, wie sinnvoll ein "Frauen-"Tag in einer wirklich nicht sexistisch erträumten Gesellschaft als Zeichen ist, originell anzubringen, ohne vorzugaukeln, dass alles gut so wäre wie es ist, vertut sich aber leider in der Umsetzung seines Beitrags gewaltig in Richtung kapitalistischer und pärchenlügnerisch-normativer Logik. Die gesellschaftliche Anerkennung, von berufstätigen Alleinerziehenden, auch von männlichen, ist leider ein genereller Missstand, und auf den darf auch am Frauentag hingewiesen werden. Das nächste Mal ein bisschen durchdachter, bitte. Ist ja schließlich ein Ehrentag.Oder bin ich nur so weich im Urteil, weil es durchaus anerkennenswert (aus Seltenheit!) ist, einen Beitrag von einem Feministen zum Frauentag zu hören?

Das erschien mir anscheinend im frühjahrserkälteten Hustensaftdelirium ebenso postenswert auf facebook einen Tag nach besagtem Fragentag, wie gestern M.I.A.s "Bad Girls"Video mit der Überschrift "8.3.Emanzipation der Herzen", was von 9 Personen, 5 männlichen und 4 weiblichen, mit dem nach oben gestreckten Daumen prämiert wurde. Hm, was nun an beiden Posts und der Beschreibung derer falsch sein könnte, dafür gibt es sicherlich und hoffentlich viele Lesarten.
Ich jedenfalls bin mir bewusst, dass in einer Welt, in der ich erlebe, dass in einem Gender Studies Seminar Genderzisstinnen fordern, ein gleichberechtigter, nicht sexistischer Umgang sei doch umsetzbar und gelungen, solange er in kleinen, gebildeten (natürlich nach unserem Begriff von Bildung!) Gruppen funktioniert und der Rest draußen bleibt, und wie andernorts ein sich selbst ausdrücklich als Mann bezeichnendes Individuum zu einem Opfer sexueller Belästigung sagt, einem Mann gingen schon einmal die Triebe durch, frau müsse nur deutlich ein "Nein!" signalisieren, sind der Anlässe, über Sexismus, Feminismus und strukturelle Unterdrückung zu sprechen, nicht genug.

Daher bin ich, ebenso janusköpfig, sehr gespannt, auf die Genderessaywochen mit meinem Rauhfaserteam, welches seit diesem Monat auch ganz ohne Quote gleichberechtigt durchgegendert ist, an denen auch ich teilnehme. Zum Zeitvertreib gibt es dort die Gewinner(sic!) des Poesieschachtwettbewerbes zu lesen:
rauhfaser.keinejugend

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