9. Juli 2010

Die Sache meines Lebens.

Dreimal lernte ich die Sache meines Lebens kennen. Von drei grundverschiedenen Menschen wurde
sie mir vorgestellt. Mit drei verschiedenen Namen. An drei verschiedenen Orten. Und ist doch
immer die selbe gewesen. Die Sache meines Lebens. Durch die ich existiere.
Die Erinnerung an das erste Mal ist sehr verschwommen und doch als ein tiefes Gefühl in mir
vorhanden, lebendig, echt, auf keinen Fall ein Trugbild.
Ich bin etwa fünf Jahre alt und meine Mutter holt mich vom Kindergarten ab. Ich weiß, dass wir an
diesem Tag einen Ausflug unternommen haben. Wohin, das ist mir leider entfallen. Es war
irgendwas mit Bienen, denke ich. Meine Mutter unterhält sich noch kurz mit der Kindergärtnerin.
Entschuldigt sich, glaub ich, dafür, dass sie erst so spät kommt.
Ich bin mit den Gedanken ganz woanders, schon zu Haus in meinem Zimmer, „Geschäfte machen“
spielen. Dabei nehme ich mir immer zwei Schulhefte aus dem Schrank und blättere sie durch, tue
so, als würde ich lesen. Nehme mir einen Stift und kritzele etwas hinein, etwas, von dem ich hoffe,
dass es Sinn ergibt, doch ich kann es nur hoffen, der Stift macht sich frei von meinen befehlenden,
fordernden Gedanken. Es ist ein wirklich schönes Spiel. Ich spiele es auch heute noch oft.
Allerdings nenne ich es heute „etwas für die Uni machen“.
Da sagt die Kindergärtnerin zwei Sätze. Zwei Sätze und das neue Wort, sie dringen durch meine
Vorfreude, meinen Tagtraum hindurch: „Ich glaube, sie interessiert sich für Musikk. Sie hat den
ganzen Nachmittag ein Liedchen gepfiffen.“
Ich habe gesummt, ich kann gar nicht pfeifen. Aber das ist nicht wichtig, wichtig ist die Musikk.
Die Sache. Das neue Wort ist kein ganz neues Wort, ich habe es schon sehr oft gehört, eigentlich.
„Schau mal, Schnegge. Da spielen die Musikk.“
„Was ist das für eine Märchenkassette, Mutti?“ „Das ist keine Märchenkassette, das ist Musikk.“
Doch noch nie habe ich sie so auf mich bezogen gehört. Es ist also mein neues Wort.
Ich interessiere mich für Musikk, so so. Aha.
Ich summte von da an immer, wenn ich in Bussen saß und auf Ausflüge fuhr. Heute mache ich das
noch, in abgewandelter Form: Ich höre, immer wenn ich in Bussen sitze, und in Bahnen, Musikk, in
meinem MP3- Player drinne, und summe dabei, gedanklich, aber nur. Ich will niemanden nerven. Ich werde älter, ich ziehe um. Mit meinen Eltern. Nur eine Stunde entfernt, von Chemnitz nach Hof.
Und doch in eine andere Welt. Und da begibt es sich, dass ich 18 bin. Und im Kollegstufenzimmer
sitze. Im altehrwürdigen Jean-Paul-Gymnasium, einem musisch-humanistisch-sprachlichen
Gymnasium. Weil meine Eltern entschieden, dass ich mich für Musikk interessiere. Und eine ganz
Kreative bin. 7 Jahre Unterricht in klassischer Gitarre, ein Kampf der Liebe gegen das Nicht-
Können.
„I never loved nobody fully// Always one foot on the ground// And by protecting my heart truly// I
got lost in the sounds// I hear in my mind all these voices// I hear in my mind, all these words// I
hear in my mind// all this music// And it breaks my heart//.
Regina Spektor singt da ihren Hit „Fidelity“ aus den Boxen eines betagten, von irgendwem
gestifteten CD-Players. Ich spüre, dass die Musikk mich durchdringt, dass sie stärker ist als jedes
andere Gefühl, dass ich ihr gehöre und sie mir gehört. Und meine Freundin seufzt: „Ach,
wenigstens haben wir die Musiek.“ Die Musiek sagt sie, die Musiek! Schlagartig wird mir klar, ja,
da ist sie wieder, die Sache meines Lebens, in einer neuen Gestalt. Der Gestalt der Musiek. Der
Gestalt meiner Freundin. Der Gestalt unseres Lebens, einem sehnsuchtsvollen sich Sehnen nach
einem Ausbruch aus der Provinz mit ihrer kleinstädtischen Enge. Der Soundtrack unseres
Engagements, des Aufbegehrens, der Hoffnung. Alles vereint in ihrer Intonation, der Musiek. Ich
gehe in die Schule und mache mein Abitur, meine Eltern ließen sich scheiden und ich höre Musiek.
Alles ist großartig. Großartige Scheiße.
Das letzte Kennenlernen, das ist ja mal gar nicht so lange her. Es geschah in Berlin-Charlottenburg.
Da, wo ich jetzt auch sitze und schreibe.
Ich betrinke mich mit meiner Mitbewohnerin, das glorreiche Ende zwei-monatiger WG-Suche in
Berlin. Wir feiern meinen Einstand.
„Sollen wir Muhsik hören?“ fragt sie. Meine Mitbewohnerin kommt aus dem Allgäu. In mir beginnt
es zu vibrieren. Ja, ja, ich bin ganz scharf darauf, Muhsik kennenzulernen. Muhsik, vielleicht meine
neue Liebe?
Nach dieser ersten zarten Liebe zu Musikk. Wie unschuldig das war. Girlpower. Tic Tac Toe, Spice
Girls, yeay. Dann die etwas wildere, aber doch eingeengte Liebe zu Musiek. Die mit Travis begann,
sich über Arcade Fire hinweg streckte und nun bei Bodi Bill angelangt ist. Diese Lieben dauern alle
noch an. Sie warten auf ihren dritten Teil. Was dann passiert, das ist mir noch nicht klar. Ich weiß
nur, dass ich dieses Ereignis auf keinen Fall verpassen will. Wenn Musikk, Musiek und Muhsik auf
einander treffen.
Sie wirft ihren CD-Player an. „Ich hab hier nur zwei CDs.“, ergänzt sie schüchtern.
Wir trinken Wein. Wir rauchen auf dem Balkon. Wir bereden allzu Persönliches, dabei kennen wir
uns erst eineinhalb Nachmittage.
Fast hab ich schon nicht mehr an Muhsik gedacht. Da tönt mir Bright Eyes ins Ohr: „This is the
first day of my life// Swear I was born right in the doorway.“
„Du kennst Bright Eyes?“. „Ja, ich hab sie auf dem Southside gesehen, und gehört, dass die so gut
seien.“
Meine neue Mitbewohnerin hat eine Bright Eyes CD und ich also ein Zimmer in Berlin. Und wir
entdecken zusammen die Muhsik von Berlin, in der sich Musikk, Musiek und Muhsik vereinen. Wir
hören Indie-Rock im Magnet am Prenzlauer Berg und 70-er Jahre Rock in der Kaffeekaschemme am
Hackeschen Markt. Und wir tauchen ein in die Muhsik des Minimal-Techno im Scala in Mitte und
der arena in Kreuzberg, der eben für mich nur Muhsik, nicht aber Musikk und Musiek ist.
Ein Semester vergeht. Ein zweites ist dabei, zu vergehen. Und es ist so vieles passiert.
Ich war am Anfang so stolz, so motiviert, in die Uni zu gehen.
Vorlesung, darauf hatte ich mich schon so lange gefreut. V_O_R_L_E_S_U_N_G statt
U_N_T_E_R_R_I_C_H_T. Zuhören, zum Denken angeregt werden, studieren, eben. Pustekuchen.
Wieder nur Hausaufgaben machen. Geprüft werden. Verdammte Bildungsbulimie.
Und dann das Privatleben. Da stirbt wieder einer, der mir nahe steht. Da verlässt mich meine
vierjährige Beziehung, die eben doch nur eine Beziehung war und keine richtige Liebe. Da sagt mir
einer, ich passe nicht in seinen Autorenkreis. Der sagt mir auch noch, Frauen können nur über
Beziehungen schreiben. Da werd ich plötzlich schüchtern und kann niemanden mehr ansprechen
und werd vielleicht für immer einsam sein.
„Life is empty when you are twenty.“
ist der Titel einer studiVZ-Gruppe. Dieses studiVZ. Und all die neuen Bekanntschaften, die eben
doch meist nur Bekanntschaften bleiben, keine Freundschaften werden. All das vegetarische Essen
und all die Kaffees und all die Gespräche über alles und nichts. Und Berlin. Und das Heimkommen,
um 5. Mit meiner U 7. Und es wird das erste Mal hell. Und da sind Schneeflocken und ich laufe
durch den Regen. Und ich werde so nass. Und meine Lieblingsschuhe gehen kaputt. Kleben nicht
mehr zusammen. Sind einfach entzwei. Und wenn ich erkältet bin, kaufe ich mir Obst. Und wenn
ich verliebt bin, dann benutze ich jeden Tag Parfum. Und krieg Kopfschmerzen. Und ich rauche zu
viel. Und mein Zimmer ist so klein und teuer.
Und alles ist ganz großartig.
Und die Musik.
Ja, du, Sache meines Lebens.
Du hast so viele Gesichter.
Dreimal hab ich dich kennen gelernt.
Dreimal hab ich dich geliebt.
Dreimal hast du mich so verdammt glücklich gemacht.
Dreimal hast du mir so verdammt weh getan.
Hast mit mir geweint, gelacht. Mich umarmt und getreten.
Du bist mein Grund, nicht in die Vorlesung zu gehen.
Du lässt jemanden sterben, einfach so, wühlst mich auf und lässt mich weinen. Zeigst mir, dass ich
am Leben bin und Trauerschmerz auch Körperschmerz ist. Du lässt einfach zu, dass jemand mich
verlässt und ich weine. Und meinen Stolz habe. Und verletzt werde. Und verletzend werde.
Du lehrtest mich, zu lachen, als ich den Tanzwettbewerb in der 7. Klasse verdarb und den Hass der
Trainerin auf mich zog.
Du, ja du und Rufus Wainwright, ihr lehrtet mich beim Anblick des Kaffeefahrten- und für mich
Studienortes Sanssouci, zu seufzen. So sexy. Eine mir noch fremde Erotik, streichelt mich: „Who
will be at Sanssouci tonight?“
Ihr wart es auch, die mich nicht aufhören lassen konntet, Tiergarten zu lieben.
„Won't you walk me through the Tiergarten?“
Du und Morrisey, fuck, „you have killed me“ !!!!!!
Und du und Mikrofisch, ihr wollt, dass ich unterm Baum liege und Twee-Pop höre. Auf den Wiesen
des Park Sanssouci, so einladend, säußelt ihr:
„Let's lay down under the tree and listen to twee.“
Belle and Sebastian und du, ihr macht mich rasend vor Fernweh. Ich bin „asleep on an subeam“,
möchte mich aus dem Hörsaal erheben, und sein „somewhere I can feel the grass beneath my feet.“
Du mit deinen tausend Gesichtern, ja, du, nur du bist mein Grund nicht in die Vorlesung zu gehen.
So, wie du auch der Grund warst, nicht in den Kindergarten, nicht in die Schule zu gehen.
Bist du nun also mein Grund, die Uni zu verlassen.
Mich zu exmatrikulieren. Und Germanistik und Soziologie, also die deutsche Sprache und
Gesellschaft, statt in der Uni im Leben zu studieren. In Clubs, in Bars, in Galerien. Zu Hause. Bei
der Lektüre von studienfremden Texten.
Mich zu exmatrikulieren, im Kopf. Mein Grund, nicht in die Vorlesung zu gehen, sondern mir Zeit
zu nehmen, zum Träumen und Verlieben, zum Träumen und Pläne schmieden. Zur Bildung und
Bandenbildung. Du hältst mich von der Vorlesung ab, obwohl ich jeden Tag in jedes Seminar, in
jede Vorlesung gehe. Ich bin da, körperlich.
„I never loved nobody fully// Always one foot on the ground// And by protecting my heart truly// I
got lost in the sounds// I hear in my mind all these voices// I hear in my mind, all these words// I
hear in my mind// all this music// And it breaks my heart//.“

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