25. November 2012

Und deshalb beiß ich Dich jetzt.

Sie war in mich verliebt. Sie hat mir in die Wange gebissen, sie sagte, sie hätte das aus Liebe getan, und dann ist sie weggelaufen und hat lange kein Wort mehr mit mir gesprochen. Sie heißt Anne-Sophie*.

Dieser Akt der Eifersucht geschah vor 20 Jahren, und das hübsche, dunkelhaarige Mädchen, das als einzige im Kindergarten schon Lackschuhe, Nagellack und Lippenstift trug, wusste vielleicht nicht (aber wer weiß das schon?), welchen bleibenden Eindruck und welch düsteren Fluch sie mit ihrer Tat in meinem Leben hinterlassen würde. So wie ich damals nicht gewusst hatte, dass auch die letzten Milchzähne noch weh tun können, und wie man seinen Eltern erklärt, warum man eine angeschwollene Backe hat, ohne auch im Rest des Gesichts rot zu werden, und dass man instinktiv entscheidende Details weglassen muss (Liebe, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich sie erwiderte), und eigentlich viel sorgenerregendere dazuerfinden (Streit, Aggressivität) so hatte ich vor drei Monaten nicht gewusst, dass ich in einem polnischen, großstädtischen Hinterhof zwar zwei paar Schuhe, einen schweren Mantel, einen Haufen geregelten Papierkram und letzte Adoleszenswirren ablegen konnte, aber trotzdem mit drei Taschen Gepäck und 24 Jahren auf dem Buckel wieder zurück in mein Berliner WG-Zimmer ziehen musste.

So hatte ich vor 2einhalb Jahren nicht gewusst, dass es zwar das Ende einer Ära der romantischen Pubertät bedeutete, als ich am Ufer des Charlottenburger Kanals einen Bloody Mary nach dem anderen trank und heulte, dies aber gerade mal den Beginn meiner ganz persönlichen Aufklärung markierte.

Als ich vor 10 Monaten beschloss, den seit vier Jahren in mir gereiften Entschluss, eine Weile in Polen zu leben, mit einem Aufenthalt in Krakau in die Tat umzusetzen, hatte ich nicht geahnt, dass dies zu einer der schönsten Zeiten meines Lebens werden könnte, aber auch nicht, dass ich drei Nächte davon heulend im Bett verbringen würde, fest entschlossen, nie wieder eine Zeile zu schreiben. Hätte ich damals doch gewusst, dass ein Gedanke an Anne-Sophie mir den düsteren Rhythmus zu meinem aggressiven Schreibmaschinenesken Tastaturgeklapper immer wieder bieten würde, weil ich seit damals gar nicht anders kann. Als permanent zu kämpfen, und dabei sei zu beachten, dass ich mich durchaus im ökonomischen Kapital familiär in der halb-akademischen Mittelschicht verorten kann. Kulturell aber nicht. Und eben auch nur halb, zu Gunsten der männlichen Seite.

Ich bin eine Frau von 24 Jahren, und sitze des öfteren Männern gegenüber, die genau solche Ansichten in mein Gesicht lachen. Es ist eine Generation der 1978 bis 1983 geborenen männlichen Mitmenschen, um es mal grob zu fassen. Und genau aus diesem Grund lasse ich mich nicht mit dem Hinweis auf Satire vertrösten. Ihr denkt das doch wirklich, Leute. Verarscht euch doch nicht selbst. So wird jeder in der Pubertät erlebte Korb ein politischer Akt, mit dem sich das schlechte Gewissen, was vielleicht doch den ein oder anderen Sesselfurz hin und wieder etwas brennen lässt, schnell wütend zum Fenster der obersten Etage hinaus verflüchtigen können lassen kann. Und am besten dann noch eine Anti-feministische Cis-Gender zur Busen-Freundin, die wahnsinnig hübsch ist und wahnsinnig froh, eine Frau zu sein, weil ihr das schon so viele Vorteile verschafft hat. Vielleicht kannten sie aber auch mal einen Hans-Ullrich, eine Anne-Sophie, und haben einfach andere Schlüsse daraus gezogen, als ich. Vielleicht dient die Unterstreichung der eigenen Macht und die Rechtfertigung der Herrschaftsverhältnisse einem einfachen Verstande, zu ordnen, was zu schwierig zu begreifen ist. Und dann beißt man einfach mal zu, weil es so schwer ist zu ordnen, wenn sich da welche versammeln, und am Thron rütteln.

Man kann noch so boshaft auf den Verfall ab 25 hinweisen. Ich bleibe optimistisch. Vielleicht, weil ich vor vier Jahren schon meinen 20. einfach größer hätte feiern sollen. Keine Leistung als selbstverständlich hinnehmen, nur weil einem jeder einredet, es sei ganz einfach. Ich hatte damals das Abitur geschafft, nachdem mir 10 Jahre zuvor gesagt wurde, ich würde nicht aufs Gymnasium gehören, ich sei zu schlecht in Mathe. Ich habe habe vor einem halben Jahr einen Bachelor in Germanistik und Soziologie erworben, inklusive drei Teilen Statistik und freue mich trotzdem im Gedenken an meine Mathelehrerin immer noch mehr darüber, dass ich super im Kopf rechnen bin. In meiner Bachelorabschlussphase fragte mich auch so ein Dreißig-jähriger, warum ich so einen Kackbachelorschnitt habe, und dass es für mich mit einem Master schwer werden würde. Ich schrieb meine Abschlussarbeit wütend fertig, verbesserte meinen Schnitt, schickte fünf Masterbewerbungen an Unis ab und wurde an vieren genommen. Mein Lebenslauf sagt, dass ich immer überall und nirgends gewesen bin, aber auch, dass ich ziemlich viele Dinge kann. Dass ich eine Frau bin, hat mir bei all dem aber ganz sicher nie geholfen. In einer Schulklasse im musischen Gymnasium, in dem Frauen die Mehrheit bildeten, war ich nichts besonderes, ebenso wenig wie im Germanistikstudium, in dem mensch ohnehin nur eine zu prüfende Matrikelnummer war. Ich gucke besorgt zur 30 hin, aber bisher gings ja bergauf, trotz Leiden an den bestehenden Umständen, weil pink vor Wut sein zum Klettern und Abseilen auf-, zwischen-, und unter den Strukturen animiert.

Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte, nur dass es weg von der provinziellen Enge war, und was ganz anderes. Denn was mir widerfahren ist: Ich bin dabei, der Mensch zu werden, der ich wohl schon immer mal werden sollte. Ich bin gespannt darauf, 30 zu sein. Und hoffe eigentlich, dass mir nie wieder eine/r in die Wange beißen wird, um sein Gefühl auszudrücken. Und bis dahin die Menschen verstummt sind, die uns nur sagen können, dass "wir" toll sind, wenn sie damit Ungleichheiten rechtfertigen können.

*Name von Autorin geändert.

11. Oktober 2012

Weil ich ein Mädchen bin?

Passend zum Internationalen Mädchentag diskutierte ich heute mit meinen Mitbewohnerinnen darüber, wann man aufhört, ein Mädchen zu sein. "Irgendwann wirds albern, so ab 25 oder so," meinte ich, just 24-jährig. Wenig später wurde mir bewusst, dass ich es am albernsten und schmerzlichsten fand, mit 17 als Mädchen bezeichnet zu werden. Vielleicht hing es mit dem nur bedingten Selbstwusstsein der Gestalt zusammen, die ich war und die Almut Klotz in einem Interview zu Frauen in der Hamburger Schule als Avantgardeköniging bezeichnet hat, die nur in der Provinz funktioniert. In so einer Position ist der Gedanke, man sei jetzt son bisschen erwachsen und son bisschen Frau recht tröstlich, wenn man nichts weiter als abhauen und ernst genommen werden will. Inzwischen bin ich in Uni- und Arbeitskontexten ganz selbstverständlich Frau und finde das ziemlich gut. Nichtsdestotrotz fühle ich mich als Mädchen, ohne albern zu sein, weil ich mir den Begriff inzwischen zurückgeholt habe, als eine Selbstbezeichnung für die klare Positionierung im Dazwischen zwischen ironischer Weiblichkeit, Erwachsen werden und Riot-Grrrl-Versuch. Ich bezeichne Jungs zum Beispiel aber nur als Jungs, wenn sie entweder wirklich jung sind, oder mir sehr, sehr nahe stehen. Ohne darüber nachzudenken, denn wer erwachsen handelt, oder von der Gesellschaft so wahr genommen wird, der sollte auch so tituliert werden. Ich weiß, wie schnell man wieder zum Mädchen werden kann, wenn man neben dem falschen Typen steht, man mit der Gitarre in der Hand wie jemand aussieht, der sie nur schnell mal hält, oder emotionale Eigenschaften als aus dem gender hervorgehend wahrgenommen werden. Den jüngeren Mädchen und damit auch mir retrospektiv unter 18 wünsche ich einfach, dass "Internationaler Mädchentag" für sie etwas solidarisches bedeutet, und dass man sich nur als Mädchen fühlen sollte, wenn man damit etwas positives assoziiert. Dass sie ansonsten heute wie an allen Tagen kräftig dem Patriarchat die Zunge hinaus strecken, den rosa Luftballon in der S-Bahn schwenken, und sich ja nicht einreden lassen, pink wäre keine schöne Farbe. Sich unabhängig vom gender mit Mädchen solidarisch fühlen, die nicht als mehr wahrgenommen werden als als Mädchen.

22. September 2012

Und übrigens: "Die Aubergine"

Helene existierte nicht, denn ihre Beine waren gebrochen. Sie hatte Paul abgeschossen, denn seine Zähne waren hässlich. Er hatte gelacht, wenn er über Poltik sprach, wenn er über seine kleinen Gedanken und Utopien fantasierte, wenn er sich zum Gehen aufrichtete, er sagte „Voll Geil, ey“ und kniff die Augen zusammen und lachte in dieser fiesen Tonart. Wie ein Erdhörnchen, wie ein bekiffter Junge und all das wäre noch zu ertragen, wenn er nicht die Zähne entblößte! Klein und spitz, klein und spitz wie die Brüste der gemeinsamen 13-jährigen Tochter Mirjam. Helene war an die Grenzen des Humanismus gegangen, hatte Erde durch Wasser getauscht, und wo war sie gelandet? Bis in den Rachen des Menschengeschlechts und es war nich der faulige Atem, der sie betäubte, sondern der Anblick ihrer Haifischzähne. Sie hatte sein Geschlecht lieben gelernt, den auberginenförmigen Penis, sie hatte leidenschaftlich mit ihm geschlafen, sie hatte es ertragen, dass er nicht tief in sie kam, sie hatte es ertragen mit der Tiefe seines Geistes und oh, wie hatte sie gegen seine Zähne gestoßen. Paul, Paul, du hast mich nie geschlagen, nie dominiert, immer hast Du gelacht, immer wolltest Du Themen aussparen, nie konntest du Dich an meiner Andersartigkeit erregen. Paul! Ich hab dir einen geblasen, als Du aufgeregt warst, vor deiner Examensprüfung. Ich habe es ertragen, wenn du an meinen Brüsten herumbissest, bis es blutete. Ich habe deinen fehlenden Humor ertragen, und nun wagst du es noch, zu lachen? Helene war mittelgroß, hatte schulterlanges Haar, das sich noch nicht völlig zwischen Blond und Grau entschieden hatte und so vielleicht etwa ockersilber genannt werden konnte und hatte unaltersgemäß die vorderen Strähnen längs des Scheitels mit billigen Plastikspangen aus der Stirn geclippt.

21. September 2012

24/24

Seit vier Tagen bin ich 24 und es ist gut, zurückblicken zu können und zu wissen, wo die letzten vier Jahre geblieben sind. Und zu wissen, wo die nächsten zwei bleiben werden. Danach? Aber das Schöne am älter werden ist, dass die Zeit schneller vergeht. Und man mummelt sich ein, macht es sich gemütlich drinnen, und guckt ungemütlich aus dem Fenster und weiß, dass Frühling werden wird, wie es 24 Frühlinge gab. Und dass 12 Monate gar nicht lang sind, und vielleicht auch eine blöde Skala. Mit der Zeitrechnung Praktikum beginne ich ein neues. Und dann vielleicht wieder eins. Bis ich ungemütlich werde.

16. September 2012

Ich trag Pink, und das aus politischen Gründen.

Ein Freund hat mir mal zugetragen, er hätte zu einer gemeinsamen Freundin gesagt: "Manchmal ist Regine eine richtige Tussi, ich meine das aber liebevoll." "Ich trage Pink ja auch aus politischen Gründen", habe ich dann entgegnet, obwohl es eigentlich um etwas anderes ging. Und so meine ich auch den Titel "Schlampe" liebevoll, aber nur, wenn ich ihn mir selbst zugestehe. Oma und Mutter verwenden ihn gar weniger liebevoll, wenn sie damit auch weniger auf meine Sexualität oder mein äußeres Erscheinungsbild hinweisen, denn auf den Zustand meines Zimmers. Aus all diesen Gründen, und noch viel mehr fand ich mich heute auf dem Slutwalk 2012 ein, nachdem ich den ersten Berliner Slutwalk im Jahr 2011 verpasst habe, weil ich mich nicht in Deutschland aufhielt. Der Tag des Slutwalks begann sehr nervig, da ich ja schon wieder erst seit kurzem im Lande bin, noch einiges zu regeln habe, und daher das Transpi mit dreien der besten Bikini-Kill-Zeilen, vielleicht der ganzen Musikgeschichte überhaupt: "Just 'cause my world, sweet sister, is so fucking Goddamn full of rape--Does that mean My body must always be a source of pain?" in unangebrachter Eile dahinschmierte, wobei mich die zerbrochene Acrylfarbendose mit einem Schnitt daran erinnerte, dass ich sie viel zu lange unbeachtet gelassen hatte. Eindruck machte es anscheinend trotzdem- zumindest bei Photographen der dpa: http://www.bz-berlin.de/multimedia/archive/00383/slutwalk-berlin8_383480a.jpg Aus der Eile resultierte jedoch auch ein erstes positives Erlebnis hinsichtlich Solidarität auf dem slutwalk: Ein paar MitdemonstrantInnen boten mir kurzerhand ungefragt ihren Edding an, nachdem sie nur die Rückseite meines Schildes sahen, auf der bereits die Vorzeichnung zur nichterledigten Songfortsetzung: "NO NO NO! I believe in the radical possibilities of pleasure, Baby!" geschrieben stand. Auf diese kurze Welle der Liebe und Anerkennung, als ich ihnen die hoffnungsgrüne andere Seite zeigte, folgte die Ernüchterung: Der Platz vor dem Brandenburger Tor war viel mehr mit TouristInnen und FotografInnen gefüllt, als mit SlutwalkerInnen. Erstere machten sich aber umso ungenierter über die Protestierenden her, schossen Photos, bedrängten uns mit ihren Kameras, als besagtes Foto (mit unserer Erlaubnis!) entstand, schrie ein Mann: "Los, und jetzt tanzt!" Irritierend, weil ich mir für diesen Tag ganz egozentrisch sehr viel Kraft sammeln wollte, stellte er doch neben allem universalen Engagement auch eine persönliche Verarbeitung dar, und mich daher nicht als awareness-Person oder Ordnerin gemeldet hatte, blieb mir nun nichts anderes übrig, als selbst aufdringliche FotografInnen darauf hinzuweisen, doch bitte wenigstens vor und während der Demo zu fragen, ob die Demonstrierende bereit war, fotografiert zu werden. Offensichtlicher Zoom auf die Brüste, Verfolgung- nach dem Motto: Alles muss, nichts kann wurde die Dokumentation in einem zynischen Sinne ernst genommen. Einer der Sätze, die mir bitter in Erinnerung bleiben werden, war der einer condemonstrierenden Freundin: "Ich trage heute das erste Mal seit sechs Jahren Ausschnitt, und ich weiß genau, warum." Und auch ihr Ringen mit dem mehr als verständlichen Bedürfnis ihre Jacke anzuziehen, um sich vor Blicken zu schützen, und der Überzeugung, dass es richtig ist, so zu bleiben, wie sie war. Und sie blieb. Und ich blieb pink, mit dem Räuberhöhle-Supergirl auf der Brust und der Scham auf Grund meines Zögerns, die VeranstalterInnen zu unterstützen und dem Vorhaben, dies nächstes Jahr auch offiziell zu tun. Es fehlte wahrhaft an Personal, und die Stunde, bevor der Lauf startete, wird mir als eine Stunde des Zorns und der Schutzlosigkeit im Gedächtnis bleiben. Während des Laufs selber wiesen die RednerInnen darauf hin, dass auch das Belästigen durch ungewolltes Fotografieren eine Form der Machtausübung darstellte, gegen die sich der Walk richtete. Eine gute Idee war der safe-space hinter dem zweiten Wagen, bei dem mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass hier fotografieren verboten war. Von einem Beobachter worde ich allerdings darauf hingewiesen, dass der Begriff rape-culture verstörend wirken konnte, für denjenigen, der ihn nicht verstand- so wie er. Die Diskussion um eine integrierende und überzeugende Repräsentation der Ziele des Slutwalk- Bekämpfung der Verharmlosung von sexueller Gewalt, von victim-Blaming und einer Gesellschaft, die sexuelle Belästigung und Gewalt institutionell und sozial fördert, und der Einforderung von Selbstbestimmtheit von Körper und Sexualität- bleibt also noch weiterzuführen. Auch die Redebeiträge ließen noch einiges an Diversität und Inhalt- zum Beispiel Intersektionalität, gender-issues, die Diskussion um den Namen- zu wünschen übrig. Dies ist aber nicht nur Kritik, sondern auch eine Aufforderung an mich selbst und andere, denen es in ihrem Empfinden ähnlich ging, sich nächstes Jahr noch aktiver, als dies ohnehin schon mit der selbstbewussten Teilnahme am Walk getan wird, an der Demonstration zu beteiligen. Ich kann meine-in Bedingtheit beschämte- Erfahrung des diesjährigen Slutwalks nur als Ermutigung beschreiben, ihn als Teil der Biographie, zur Forderung der eigenen und fremder Rechte, zum Schutz und zum ins Bewusstsein rücken mitzuerleben. Gefreut haben mich neben der eigenen Selbstbewusstseinstärkung und der Verfestigung von Konfliktbewältigungststrategien auch die verschiedenen TeilnehmerInnen des slutwalk. Mehrere Gender und Altersgruppen waren vertreten, sowie die unterschiedlichsten Kleidungsstile, weitaus bunter und individueller als sich es die brüsteheischende Beobachterposition wohl gewünscht hätte. Zum Lieblingstranspi kürte ich: "Mein schöner Arsch ist auch zum Furzen da" und zum Lieblingst-shirt-neben meinem eigenen, danke Phillipi und Lena an dieser Stelle- die KatzundGoldt-Rumpfkluft mit dem Slogan: "Stehen Sie auf und berichten Sie mir laut und deutlich von ihren sexuellen Erlebnissen!" Lieblingsmusik: Das Trommelteam, dass in ihrer Abschlussrede auch das Engagement gegen jegliche Diskriminierung betonte. Und sonst war es musikalisch auch spitze. Weiteres künstlerisches Engagement-auch von mir!-wäre wünschenswert, Gegenphotographie (das nächste Mal Kamera mitnehmen!) als alternative Form der Berichterstattung zum Beispiel. Performances, um die Zeit vor der Demo nicht mit angegafft werden und sich ärgern zu verbringen, und die freundschaftliche Stimmung der Demonstrierenden nicht schon im Vorhinein zu trüben. Aber auch ganz pragmatisch könnte man- ich- diese fördern, zum Beispiel, in dem man gemeinsame Bahnfahrten plant, denn es ist durchaus nicht angenehm, als -vermeintlich-einzige slut im öffentlichen Verkehrsmittel von Charlottenburg nach Mitte angegafft zu werden. Beziehungsweise gemeinsam Strategien zu entwickeln, wie man dies allein bewältigt, und sich keine Sorgen machen muss, dass die FreundInnen wohlbehütet zu Hause ankommen. Ebenfalls eine Notiz an mich gewesen ist es, sich die Laufroute im voraus sorgfältig einzuprägen, um späteren Dazustoßenden telefonisch problemlos Koordinaten durchgeben zu können. Es wäre auch ratsam, sich mit eigenem Informationsmaterial zum Verteilen zu versorgen, Transpiworkshops zu organisieren- zum offiziellen konnte ich nicht, und das wird anderen wohl auch so gegangen sein, sich mit genügend Softgetränken und Proviant auszustatten, und zu überlegen, wem man Foto und Interview gestattet, oder auch nicht. Wahrscheinlich ließe sich die Liste endlos fortsetzen, aber ich möchte mich einmal auch loben: Nachdem mir heute eine Freundin steckte, dass es Ikeaintern nicht gestattet ist, die Geschirrtransportkartons des Möbelhauses zweckzuentfremden, freue ich mich, dies gewinnbringend getan zu haben, in dem ich aus einem ebensolchem ein Transpi baute, dass sich als sehr stabil und tragbar erwies. Man kann damit auch ganz im Räuberhöhlestil während der Demo ein Puppentheater veranstalten, es beim Tanzen beweglich halten- und ganz im Ikeasinn auch wiederverwenden: Als verdammt cooler Geschirrtransportkarton! Ein reiner Bikini-Killer eben. Der Slutwalk Berlin 2012 hat vor allem bewiesen, dass er nötig ist- Reaktionen von BeobachterInnen und JournalistInnen haben das schon heute gezeigt. Ich bin gespannt und bereits grundverärgert bei der Vorstellung, was alles bis zum nächsten passieren wird.

23. Juli 2012

I don't get over Andrea Dworkin.

I am an enemy of nationalism and male domination. This means that I repudiate all nationalism except my own and reject the dominance of all men except whose I love. In this I am like every other women...
And so "Scapegoat" begins and so begun my reading and studying in Kraków. I also can't stress enough that wonderful, smart blog. Discipline and Anarchy was the best Missy-Blogger so far! Kate Zambreno wonders about the meaning of her blog and inspired me to blog more, not trying to post literature here everyday, but also taking notes just to practice writing. That's why my last post looked more like a bad fashion-thingy.

22. Juli 2012

A serious Girl. Or:Let's watch our dreams die.

Letzte Woche habe ich mich der schönsten Nebensache der Welt gewidmet (dass das mit dem Sex Quatsch ist, habe ich an anderer Stelle mehrfach erwähnt): Sich frisieren und frisieren lassen. Erst wurden mir mit bilingualen Instruktionen die Haare gekürzt. Schon zum zweiten Mal wesentlich erfolgreicher und preisgünstiger als bei "Grünton", den ich ahnungslos und mit der traurigen Glanz und Gloria meiner früheren Berliner Zugezogenen-Arroganz bis vor kurzem für in beiden Kategorien unübertreffbar hielt. Aber sowohl der Mini-Oma-Frisör in der Innenstadt, als auch die polnische Discount-Kette "Trendy" wissen, mit kurzem Haar umzugehen. Schade eigentlich, denn eines meiner liebsten Erste-Welt-Abenteuer ist es, nicht zu wissen, wie scheußlich oder wundervoll ich nach einem Frisörbesuch aussehe. Erster verwandelte wenigstens mein Haupthaar mit Hilfe von dafür geeignetem Lack, Spray und Wachs in diesen Neunziger-Jahre Alptraum, vorne gebügelt, hinten hochgerupft, ein Pfau in Aschgrau sozusagen. Bei Trendy bekam ich für 5 Zloty mehr eine ungefragte Glätteisenbehandlung, was für mich, die ich seit Kindheit unter meinen unregelmäßigen Locken leidend, die so manche unliebsame Bekannte und/oder Prenzlbergfrisörin als "bieder" bezeichnete, immer wieder ein ungesundes, guilty pleasure darstellt. Nach der Fremdhaarbefassung rannte ich zu Rossman und kaufte Syoss-Chemie, die ich anschließend absichtlich eine Viertelstunde zu lang einwirken ließ. Das Ergebnis ist: barszcz-farben.
Es gibt nicht vieles, was Barszcz in seiner Intensität, geschmacklich und farblich ähnelt. Umso stolzer bin ich, ein Abbild meiner Lieblingssuppe zu sein. Ich werde mich in jedem Fall mit einem Vorrat dieses Haarzerstörprodukts und der ihm gleichenden Tütensuppe gegen den deutschen Winter (jaha, den draußen und den in der Seele) wappnen. Ich bin lange genug innen unvernünftig und außen vernünftig aschgrau gewesen. So frisiert tummle ich mich in Gdanks und Nowa Hutta. Kombiniert mit schwarzem Second-Hand-Samttutu, schwarzer Bluse über alter grauer Strumpfhose und ebenfalls antrazithnen Adidas haftet etwas verrucht gruftiges an mir- genauso gut wie das geneigte Klassenkameradinnen schon mit 15 konnten.
Ich aber habe jeher außerhalb Berlins den komischen Drang, mich von meiner Umgebung abzuheben. So muss man mich noch besuchen, möchte man mich in Joga-Pants bei Kunstworkshops assisitieren, in bodenlangem Kleid Museumsführungen halten und in roten Schlaghosen durch geschichtsträchtige Floure wandeln sehen. Zurück in Berlin sehe ich schneller wieder aus wie eine lesbische Version Rory Gilmores, eh wir Termine für die Großstadtstelldicheins finden, mit jedem einzelnem von uns. Wobei ich schon versuchen werde, etwas Juliette Binoche im Kostüm Karen Os mitzuschleppen.
Als Kind konnte ich mir immer nicht vorstellen, wie ich aussehe, denke, fühle, lebe als Erwachsene. Dann verging die 20 und die ein oder andere Zahl dahinter, und ich wusste warum: Weil ich weder erwachsen aussehe, noch denke, noch fühle, noch lebe. Und nach drei Monaten Krakau dann plötzlich gestern so: That's it. So wie jetzt bin ich sicher nicht mein ganzes Leben, aber ich kann doch sehen, dass so wie ich denke (sozialwissenschaftlich viel über Atrocities und Identitätsbildung, bildungsmäßig viel über Bildnisse dieser), fühle (zu tief und zu viel und zu schnell, aber in gesündere Bahnen gelenkt), lebe (nicht verplant, aber mit Plänen), das kann man ein bisschen die erwachsene Version von mir nennen. Und das geschah tatsächlich durch die äußere Veränderung. Von anfangs sehr seriös im Pleasantville-Style zu sehr casual hippiesk, zu der Mod-Attitüde, in der ich mich eben sehr serious finde. Und weil ich das nicht ironiefrei erzählen kann alles, und ich mir des "Machen sie doch mal was ganz verrücktes, färben sie sich die Haare!"-Faktors nicht erwehren kann, und es durchaus bedenklich finde, dass ich wie vorgefasst über Yoga und Beauty-Programm zum Seelenfrieden kam, habe ich eine Playliste für alle Aspekte dieses "Erwachsens" erstellt.

Let's watch our dreams die.

Belle and Sebastian: Step into my office, Baby

Maximo Park: Apply some pressure

The Thrills: Fancy Restaurant

Mikrofisch: Delusions of Decay

Belle and Sebastian: Get me away from here I am dying

Nina Simone: Feeling good

Ben Caplan: Seed of Love

Phantom/Ghost: Thrown out of Drama School

Marina and the Diamonds: I'm not a robot

The Thrills: Faded Beauty Queens

Regina Spektor: Ghost of a corporate future

Belle and Sebastian: Expectations

Tocotronic: Das Unglück muss zurückgeschlagen werden

Socalled: Work on what you got

The Divine Comedy: Generation Sex

Belle and Sebastian: Dear Catastrophe Waitress

Amanda Palmer: Ampersand

Und nie die Worte Yodas vergessen:
If you end your training now - if you choose the quick and easy path as Vader did - you will become an agent of evil.
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8. Juli 2012

4 Uhr morgens erwartet Dich keiner: oder möbliert ist eben schon.

Um 8 Uhr morgens wende ich mich im Bett um. Eine halbe Stunde lang, und noch eine. (Ja, manchmal Stunde, glaube ich kaum zuzugeben.) Schaffe ich es, Kleidung um mich zu hüllen, sieht ihr jeder an, dass ich gerade erst aufgestanden bin. Die Kleider erwecken den Eindruck, als befänden sie sich noch im Schrank, und ich mich im Bett, weil doch jeder sehen kann, dass wir noch nicht zusammen gehören, vielmehr an unseren Bestimmungsort zurückstreben, sie so also konvex um mich wehen, mich erst recht auf zwei Zentimetern Pfennigabsätzen unglaubhaft machen. Diese Nacht konnte ich wieder einmal nicht schlafen. Ich weiß, dass mir das in Berlin zweimal im Sommer geschah. Es hatte immer mit Prüfungen zu tun, erinnere ich mich, und weiß nicht recht, was ich davon halten soll, jetzt, wo keine ansteht. Ich plane also, den Kleidern ein Schnippchen zu schlagen, jetzt aufzustehen, Achseln und Beine zu rasieren, und in die Businesskleidung zu schlüpfen, mir ein prächtiges Frühstück einkaufen zu gehen, und so endlich auch den Eindruck zu erwecken, um 10, ich sei schon seit Stunden wach und hätte einiges erledigt. Aber man muss nicht einmal eine dekadente Langschläferin sein, um frühmorgens von niemandem erwartet zu werden. Im Supermarkt kann ich mich für keinen Käse entscheiden, (In Krakau gibt es einfach keinen salzigen Käse. Wie überhaupt kein wirklich würziges Essen. Ich war im indischen-, im Thai-Restaurant- entweder habe ich mir seit 15 Jahren tatsächlich die Magennerven oder so verätzt, oder ich habe Recht.) und der Putzmann wird wütend, denn nachdem um 3:30 neben mir die letzten Partyeinkäufer heraustorkelten, rechnet er einfach nicht mit einer Person, die unschlüssig das Käseregal auswendig lernt. Er weiß nicht, dass besagte Person tagsüber in einem Museum arbeitet, und Informationen durch das zirkelhafte Beschreiten allein aufnehmen und wiedergeben kann. Ich gehe spazieren, und auch hier erwartet mich keiner. Nicht das Pärchen, dass sich an jedes Schaufenster presst und küsst, auf dessen Route wir uns treffen. Nicht der Hundebesitzer, der eine Stunde wähnt, in dem niemand ihn erschreckt auf Deutsch anschreien kann. Der Betrunkene nicht, der nachdem er mich catcallte gar nicht weiß, was er in meine rotunterlaufenen Augen sagen soll, und der dann vorbeitorkelt, ohne, dass ich etwas tun muss. Gibt es eigentlich eine Grauzone zwischen "Reclaim the night" und Morgenspaziergang? Der Obdachlose wacht auf und sieht mich erstaunt an, als hinter mir die Hoftür ins Schloss fällt. Gemeinhin nächtigt er doch unbemerkt im Hinterhof unter meinem Fenster. Zurück vor diesem, mein Teilchen Stadt vom Aquarium aus betrachtet, stelle ich fest: erwarten tut mich auch nicht die schwanzlose rote Nachbarskatze, der der Kater aus "Breakfast at Tiffanys" ist, und der nicht versteht, wie ich ihm herzlos das Fenster öffnen und doch mein Zimmer verschließen kann. Das Zimmer selbst liegt im ersten Licht des Morgens... Im Spaziergang habe ich gerade gemerkt, wie schön die Stadt ist, in der ich lebe. Wenn die Temperatur gut ist, noch keine Autos fahren... Ein paar verirrte, letzte Taxis, kleine Schnarcher einer ansonsten gleichmäßig atmenden, schlafenden Stadt. Wie bezaubernd die roten Kirchdächer, wenn ihre Glocken nicht klingen, wie einladend Cafés wirken, wenn keine Menschen sie füllen. In der Küche weit das Fenster öffnen. Es im Zimmer der Katze verschließen. Das Kleid ordentlich am Bügel aufhängen, das Bett machen, das im Wandschrank steht. Die Räume sind hoch, in Altbauten üblich, auch in den herzlos sanierten, der Hinterhof mit seinen Balkonen allerdings bleibt geteilt und angenehm unangemessen intim. Es ist ein neues möbliertes Zimmer, zwei Tische, ein Sofa, ein Sessel, ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Wandschrank, in dem sich das Bett befindet. Das Schönste bisher, und wie ich so wandelte, um diese Zeit, in diesen Graden, hier könnte ich bleiben, das habe ich schon lange nicht mehr gedacht. Leichten Herzens hatte ich das letzte Zimmer zusammengepackt, die im Sommer nutzlos gewordenen samtenen Hosen und Röcke, geschäftig-knisternden, glänzenden Blusen, schwere, sanftmütige Mäntel. Aber auch die Leinenstoffe, die ich mir hier umhüllte, die einzigen, die ich nicht wünschte, von mir zu weißen. Das löchrige Bettuch, einzig dazu bestimmt, hier gelassen zu werden. Und während ich Schritt für Schritt, versuche eine Hängebrücke zu betreten, bei der ich nicht sicher weiß, aber hoffe, nicht wieder hinter mir alle Seile trennen zu müssen, die die hölzernen Pfosten, die irgendwas das irgendwie meiner Identität zusammen hielten, sondern vielmehr soll sie das Zurückgehen nicht nötig, aber möglich machen, ja, geade kann ich sogar manchmal um mich blicken und den Wald riechen, in dem Hängebrücken gebaut sind, und all die Sträucher zwischen den Pfosten, ebenso, wie trotzdem und immer: Leben heißt zwischen fremden Stühlen, möbliert ist es eben schon.

17. Juni 2012

They sentenced me to twenty years of boredom.

„Du kommst doch auch aus der Künstlerecke? Siehst jedenfalls so aus.“ Ich habe gelernt, wie eine Dame milde zu lächeln, und mir meinen Samtrock glattzustreichen.

Er trägt eine Baskenmütze, sandfarben, wie seine gelockten Haare, die sich beinahe um seine selbstgedrehte wickeln, die er sich mit einem neckischen Augenaufschlag anzündet. Ich tue ihm nicht den Gefallen, zu sagen: „Nö, Du wohl aber.“ Sondern versuche ein anderes Thema anzuschlagen. Wir haben ausführlich abgeglichen, dass wir die selben Länder bereisten, er jedes zweite gesellschaftliche Phänomen als „ethnologisch interessant“ empfindet, und für mich ein „soziologisch auch“ hinzufügt. Musikinstrumente. Museen. Kommunismus. Neben uns steht eine zierliche mit kurzem Pony und langem Stoffrock, „die lebt einfach nur“ und findet's „einfach nur schön hier“ und sie hat mich, die „Renate aus dem Museum,“ kennen gelernt, als sie meine Tasche abfotografiert hat. Ein Jutebeutel mit einem Mädchen, das Herzen kotzt. Sie möchte gern meinen Platz einnehmen, jetzt, sie gibt mir das zu verstehen, mit jedem Klappern ihrer Espandrillas. Das kann ich aus dem Augenwinkel sehen, während sie gleichzeitig ihrer Freundin, dem „Mäuschen“ laut genug flüstert, es langweile sie hier, niemand, den sie jetzt ansprechen möchte und zuhören macht sie müde.

Ich will doch längst selbst gehen, ich trotze ihr eigentlich nur, ihrer sich selbst reizend findenden Attitüde, ich weiß gar nicht warum. Vielleicht finde ich mich sogar selbst reizend dabei. Gieße mir schließlich seufzend Wodka in die Cherry Coke, komme eine halbe Stunde später zurück und höre, wie Leinenrock und Baskenmütze sich wechselseitig bestätigen, es füge sich schon, man müsse nur offen bleiben, nicht zu Hause herum sitzen, dann ergebe sich schon alles.

Wiederum ein Klogang später, ein paar Floskeln über Helsinki ausgetauscht, im einzigen englischsprachigen Gespräch auf der Party, mit einem Finnen und einem Isländer, erklärt mir eine aus der Kunstecke ihre Theorie des kulturellen Austauschs: Gleichgesinnte Europäer tauschen sich in Polen anders aus als in Deutschland. Auch sie hat ein Jahr in Berlin gewohnt.

Es soll endlich getanzt werden, denn die Gespräche machen die Menschen müde, das Nicken strengt an, das vom Gegenüber begeistert die Augen aufreißen, das Fragen nach Zigaretten und Feuerzeugen, die dritte Bestätigung von der vierten verschiedenen Person, dass man nicht wisse, wo es hingehe, aber man sei sicher, irgendwann sei man zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Luft ist sommerlich kalt, und so ein Balkon ist rar in Krakau, man kann über den Hinterhof über die Dächer blicken, den Rynek, und irgendwo dahinter muss Kazimierz liegen. Dorthin war mein Amerikaner, meine Begleitung, die keine blieb, weil ich mich verspätete, zurück geeilt, es ist ein gutes Stückchen Weg bis dahin, vom Außenring des grünen Gürtels, der die Innenstadt in spezifischer Weise umspannt, und tagsüber den täglichen Gängen etwas märchenhaftes verleiht, nachts gemieden werden muss. Stadtstreicher, verrückte Poeten, die Gefahr, auf Taubenfutter zu treten. So genau weiß ich das nicht. Ich war erst einmal hier, nachts. Die Karmelicka kann ich noch nicht sehen, ich wähne sie hinterm modernen Theater. Die Karmelicka ist nicht lyrisch, aber sicher, die Karmelicka ist die halb-ruhige Vene in den Adern des gerade von mir bewohnten Körpers, die mich heimführt, später.

Renate, einen Uwe soll es hier auch geben, der eine Frau geheiratet hat, deren Opa in Auschwitz war, weshalb er sich jeden Freitag zum Beit Krakau einfindet. „Have you met Uwe yet?“, fragen sie mich, sie sprechen Englisch, in der Hoffnung, sie wirken dann wie echte ErasmusstudentInnen, und jemand verirrtes klinkt sich dann vielleicht ins Gespräch. Es verirren sich viele, sie wollen eigentlich upstairs, und dahin bewegen sich alle, gemächlich, in dieser Wohnung kotzt es sich nicht gut. Wieder ein paar selbst gedrehte, ein Österreicher mit Idealismus, sein Studiengang wird abgeschafft, er wähnt sich interessante Dinge sagen, und zum Teil hat er auch Recht, er kann nicht viel dafür, dass ich müde bin und am Stück in Floskeln spreche. Die Gastgeberin hat inzwischen einen neuen Haarschnitt, ich habe mir meine Jacke über die Schultern gezogen. Die langberockte, die einfach nur lebt, die alles hier schön findet, die nicht weiß, was sie in einem Jahr macht, aber alles so schön, sitzt allein auf dem schmalen Bett in diesem großen Zimmer. Zu dritt wohnen sie hier, es befinden sich Bilder von nackten Frauen an den Wänden, Pin-up Style fünfziger, in einem Hostel haben sich die Fremden kennen gelernt, denen es nicht schwer fiel, Freunde zu werden. Sie sprechen sogar die selbe Sprache.

In Lingua-Franca Englisch träume ich schon lange nicht mehr, die Nachtmare sind einer Sprachlosigkeit gewichen. Ich trotte an den letzten Heimgängern mit rot-weißen Schals vorbei, Polen hat verloren heute, wir haben verloren heute, wie auch immer man es mir sagte, man sagte es mir. Es ist ein erstaunlich ruhiger Abend für ein Wochenende, noch niemals ist mir aufgefallen, dass es so wenig Straßenlaternen hier gibt. Morgen werden die Bäckereien wieder geöffnet sein, 7 Zloty werden mir teuer vorkommen, für zwei Gebäckstücke, doch es ist Sonntag und ich werde sie singen hören.

18. Mai 2012

What makes me happy now. And here.

Having the strong desire to attend yoga school.

Drinking polish coffee. Discovered it, when I had only coffee, but no machine. It's not to be confused with Turkish coffee, because this is made with love and sugar. Polish coffee is made with hate and nothing. It's just hot water and coffee. Real coffee, not Instant-Coffee. Nothing else. I've googled it, to see, if it will kill me and found out: Some people call it "Polish Coffee." The first was the best coffee I had in a lifetime. The second was even better.

Being able to cook for myself again.For example Giant potatoes with cheese, which I would call Quark. And the best fucking scrambled egg I had in a lifetime.

Recognizing that half of the museum I work at is gay and nobody will be at the museum tomorrow, because there will be Gay Pride. Still not quite decided, if I will be on the Market Square or let them have their pleasure and enjoying the museum on my own.

Finding Tape, after three days of searching it, including also shopping at night, being drunk, because most shops are open 24h. Nobody knew, what I meant, and when they did, they started to shout at me. Still don't know why. Finally found it at a ridiculous small gift shop in some mysterious side-street. Felt like a junkie, but just wanted to personalize my room a little bit.

Hearing a polish girl say that my German sounds not German, but Polish-German.

Tasting the difference between Polish and German Nutella. Polish is better.

Thinking of all the motivation letters which I have to write for my Master-applications. Should I be like Joey Comeau? That's how my application for Sociology M.A. will look like:

Sociology sounds more like "job" than "literature" does. But only on first sight. So if you want to reject me because of my horrible B.A., please do so. I don't have to take statistic classes in Master, so more fun for me, but "job" sounds more like "drinking" anyway.

Another day passed without being the cat of Miranda July in "The Future" or, even worse, being Miranda July in "The Future".

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