12. Februar 2011

Me and You and Everyone We Know und die Pink Lady

Sah gestern meinen neuen Lieblingsfilm
und kaufte heute pinke Wandfarbe und etlichen kleinen Buntfarbenkram für das verlierende Tetris an meiner Wand. Gute Zeiten.

10. Februar 2011

Die Sache mit der Struktur.

Mit viel Glück habe ich heute mein Soziologiestudium abgeschlossen. Aber nur mit viel Glück. Diese Tatsache berechtigt mich aber bereits dazu, den Moment dieses Semesters zu feiern:
Ein Statement der Sozialstrukturanalyse, bei dem ich mit todernster Soziologinnenstimme Christiane Rösingers Worte verlas und dafür eine sehr gute Note erhielt.
Hier also das drum rum, viel Spaß!


Statement „Webers soziale Klassen“

Britta: Wer wird Millionär?

Wer geht putzen und wer wird Millionär?
50 Euro-Frage, denn die Antwort ist nicht schwer
Wer lebt prima und wer eher prekär?
Wer geht putzen und wer wird Millionär?
Wer schon hat, dem wird gegeben
Und für uns bleibt nur das schöne Leben
Ja so läuft's, und so wird's weiter laufen
Denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen
[...]
Ich zähle täglich meine Sorgen
Dabei denk ich noch nicht einmal an morgen
Ich hab ja keine Angst, nur manchmal frag' ich mich:
Ist das noch Bohème oder schon die Unterschicht?
Und alle unsere Geistesgaben kommen gar nicht mehr zum Tragen
Weil wir schon seit jungen Tagen so gar keinen Ehrgeiz haben
Unsere Haut zu Markt zu tragen, da kommen die Geistesgaben
Leider gar nicht mehr zum Tragen



1 Individuum und Gruppenzugehörigkeit heute am Beispiel eines Songtextes

Zum Einstieg trug ich diesen Auszug aus einem Songtext vor, da meine Lesart dieses Textes meine im folgenden erläuterte, positive Haltung gegenüber Webers sozialen Klassen, um die es in diesem Statement zur Sitzung vom 18.11.10 gehen soll, unterstützt.
Der Konflikt, der in dieser postmodernen Lyrik aufgezeigt wird, ist, betrachtet man ihn sachlich, die Frage nach der Zugehörigkeit und der Zufriedenheit eines individuellen „Ichs“ zu einer bestimmten „Schicht“ oder in einem Lebensgefühl. Um mich dem Text anzunähern, habe ich literaturwissenschaftlich hermeneutische Methoden angewandt, und versuchte herauszufinden, für welche Personen das „Ich“ und das „Wir“ stehen und welche sozialen Vörgänge in dem Song beschrieben werden.

Ein Lyrisches „Ich“ stellt Fragen, wer putzen gehe und wer Millionär wird. Die Antwort darauf sei leicht zu geben, denn wer bereits etwas „hätte“ ( was derjenige hätte, wird nicht genau erläutert), dem werde gegeben. Dies sei schon immer so gewesen und würde auch weiter so werden. Für das lyrische Ich, das sich zu einem „uns“ vereinigt, bliebe „nur das schöne Leben“. Besorgt, aber angstfrei fragt es sich, ob dieser Zustand noch „Bohéme“ sei, „oder schon die Unterschicht.“
Ich finde hier also ein Lyrisches Ich, welches eine fatalistische Weltanschauung vertritt, in der soziale Vorgänge nach einem fest geschriebenen, repetitiven Prinzip verlaufen und Besitzverteilungen starr sind. Das Individuum ergibt sich diesen Prinzipien stellt aber sein Unbehagen im Spannungsfeld der Beschreibung seines Lebensgefühls als „Bohéme“ und seiner auf Grund von Besitzlosigkeit möglichen Zugehörigkeit zur Schicht der „Unterschicht“ dar.
In diesem Text fand ich vieles von marxschen und weberschen Modellen wieder, jedoch auch Kritik und Fragen. Hat eine derartige fatalistische Darstellung mit Marx Theorie vom Klassenkampf zu tun?

Nicht ganz. Auch Marx Theorie ist vor allem ein Modell und im Kontext einer Prognose über die wirtschaftlich-gesellschaftliche Entwicklung seiner Epoche zu sehen. Der Text aber verwendet Thesen der Verteilung in Besitz- und Nicht-Besitzklasse und verwendet somit Marx Modell, das also zumindest gefühlt noch existiert. Viel ergiebiger für die Analyse erscheint mir aber Webers Modell der sozialen Klassen. Dieses werde ich im Folgenden noch erläutern.

2 Bedeutung von Webers Modell und Gültigkeit

Woher kommt die Diskrepanz, die das Lyrische Ich in „Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?“ fragen lässt und somit dem Gefühl des unbürgerlichen Bohéme, des freigeistigen Künstlers somit in der Prestigehierarchie einen höheren Stellenwert einräumt als der „Unterschicht“, die doch nur die Bezeichnung einer Erwerbsklasse darstellt?
Weber hat die Komplexität der Diskrepanz vom Bewusstsein einer Klasse oder eines Standes sehr schön in ein Modell gebracht, in dem er Marx Klassen der Besitzenden und Nicht-Besitzenden in Erwerbsklassen, Besitzklassen und soziale Klassen unterteilte und somit das Entstehen von sozialer Ungleichheit nicht nur in Hierarchien des Kapitals, sondern auch in Zusammenhang mit dem öffentlichem Ansehen, dem Bildungstand, also ebenso kulturellen und traditionellen Faktoren. brachte. Weber hat in seinem Modell dargestellt, dass ein Wechsel innerhalb der sozialen Klassen durchaus möglich ist, sowie ebenso Ansehen und Macht getrennt vom Besitz betrachtet, in dem er den Begriff der Stände definierte und verwendete.

Am konkreten Beispiel des Textes lässt sich somit also die Einschätzung des lyrischen Ichs der Höherstellung zum Stand der Bohéme mit gleichzeitiger Einordnung in die Unterschicht, also wahrscheinlich äquivalent der Zugehörigkeit zu einer niedrigen Erwerbsklasse, erklären. Geigers Schichtmodell hingegen vereinfacht meiner Meinung nach diese komplexen Verknüpfungen, in dem es den Schichten Mentalitäten zuschreibt. In der Seminardiskussion am 18.11. versuchten die Teilnehmer allerdings Schichten erneut Mentalitäten zuzuschreiben, in dem zum Beispiel die Rede vom unterschiedlichen Studierverhalten von „Akademiker-“ und „Arbeiterkindern“ war. Selbstverständnis und Individualität spielten hier keine besonders große Rolle.

Weber lässt an dieser Stelle im Gegensatz zu Geiger mehr Spielraum in der Ausprägung der Klassen und Stände; freilich wird aber, da es sich um ein Modell handelt auch hier strukturell vereinfacht. Zur möglichen Ausweitung werde ich aber später noch kommen.

Betrachte ich den anschuldigenden Gestus des Textes, der durchaus marxistisch geprägt ist, so komme ich zu der Erkenntnis, dass Weber Marx Modell entschieden erweitert hat. In dem er den Begriff der Klasse um den Begriff des Standes erweiterte, Klassen komplexer unterteilte und Stand, Klasse, Parteien und Macht entkoppelt voneinander betrachtete, erlaubte er einen nüchterneren Blick auf soziale Ungleichheit. Dieser ist meiner Meinung nach ein anzustrebendes Ideal, um real existierende, gesellschaftliche Problem mit Hilfe soziologischer Methoden zu untersuchen, da mit einer allzu starken Politisierung der Weg in einen irrationalen Fatalismus schnell geschieht.
In dem er ein Klassenhandeln anzweifelt, stattdessen zwischen ungerichteten Massenhandlungen auf Grund ähnlicher Klassenlagen und gesellschaftlichem Handeln mit gerichteten Interessen unterscheidet, nimmt er der Klassentheorie ihre fatalistische Aussage. Weber ordnete somit auch weder der Ökonomie noch der Politik automatisch Macht zu. Er übte Kritik an einer zu einseitigen Zuschreibung von der Macht der Ökonomie.
An dieser Stelle muss ich betonen, dass dieses Modell wie jedes Modell immer im realen gesellschaftspolitischen Kontext gesehen werden muss und somit Macht in Systemen durchaus einseitig bestimmt werden kann.

3 Zur Kritik an Webers fehlendem Erklärungsbeitrag

Wieso bleibt beim Individuum aber oft ein Gefühl der ökonomisch erklärbaren Ungerechtigkeit? Woher entsteht „Klassenbewusstsein?“ Kann man zu einer bestimmten sozialen Klasse gehören, wenn Erwerb und Besitz eigentlich nicht dazu legitimieren? Wo sind die Mobilitätsbarrieren, die das Lyrische Ich und das Individuum allgemein am Wechseln der sozialen Klasse hindern?
Auf diese Fragen gibt Webers Ungleichheitsmodell der sozialen Klassen keine Erklärung.
Weber leistete einen komplexen Einblick in die Verknüpfung von ökonomischen, kulturellen und sozialen Faktoren auf das Bewusstsein und die Zugehörigkeit zu einer Klasse, einem Stand oder einer Partei. Er liefert hiermit einen interessanten Rahmen und ein Strukturmodell. Während Geiger versuchte, Schichten Mentalitäten zuzuschreiben, blieb Weber abstrakt und lässt das Modell zeitlos und vielfältig anwendbar bleiben.
Dieser Punkt kann ihm zurecht auch vorgeworfen werden; ist er doch wenig eindeutig und lässt sich nicht recht für realpolitische Lösungen und andere konkrete Schlüsse nutzen. So kann damit, um beim eingangs erwähnten Songtext zu bleiben, untersucht werden, dass es individuell eine Verknüpfung von einer niedrigen Erwerbsklasse mit einer künstlerisch-prestigeträchtigen sozialen Klasse oder gar einem Stand geben kann, die in Geigers Schichtmodell wahrscheinlich eine eigene Schicht als unterbezahltes Künstlerprekariat mit bestimmten Verhaltensweisen und einer Lebensführung bilden würde. Inwieweit dies aber ein politisch-strukturelle Problem sein könnte, wo die Ursachen liegen und wie die Barrieren des ökonomischen Aufstiegs bekämpft werden könnten,darauf lässt sich keine Antwort finden.

Vielleicht ist dies aber auch gut so. Ein Modell zur Strukturanalyse wird immer ein offenes Modell sein, denn in dem ich ein Modell zur Analyse benutze, vereinfache und verallgemeinere ich schon.

4Individuelle Ursachenforschung

Um tiefer in die Ursachenforschung zu gehen, können klassische Modelle um qualitative Forschung erweitert werden. Einbeziehung von aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, zum Beispiel Migration, auf die Forschung wären wünschenswert, ebenso wie ein Begreifen von Webers und Geigers Modellen sowohl als Schritte in der Entwicklung der Sozialstrukturanalyse als auch bleibende Rahmenfaktoren, die es zu erweitern und den aktuellen, gesellschaftlichen Situationen anzupassen gilt.
Ein zeitgemäßes Strukturmodell könnte vom „Wir“ und „Ihr“ zu einem „Ich“ und „Du“ zurückkommen, dass schichtübergreifend Mentalitäten überprüft. Hierbei kann Differenzierung von Besitzklasse, Erwerbsklasse und sozialer Klasse ein Hilfskonstrukt sein, genau wie Geigers Idee vom dominierenden Schichtungsprinzip

9. Februar 2011

Lied gegen die Schwerkraft

Sag mal Körper, langsam fühle ich mich verarscht von Dir. Hast Du es nicht noch vor zwei Wochen geschafft, dass mich Verkäuferinnen als "armes süßes kleines Mädchen bezeichneten", als ich kaltblütig ein Kleid umtauschen wollte, dass ich anderswo billiger gesehen hatte? Wurde ich wegen Dir nicht gestern beim Bier kaufen nach meinem Ausweis gefragt?
Gut, dass ich mich bereits Mitte September darauf freuen kann, "Ich hab 23 Jahre mit mir verbracht" durch mein Revier zu schmettern, damit habe ich mich schon abgefunden. Und auch damit, dass mein Wortschatz immer noch schwindend gering ist, ich ab und zu über der Kloschüssel hänge, nur einen Abend vor Klausuren zu lernen beginne, mir Tetrisfelder an die Wand malen möchte, der Ausdruck "an der Tür schellen" in mir Lachanfälle auslöst. Aber in der Performation von traditioneller Weiblichkeit hast Du mich einst mit üppigen Hüften beschert, die über Körbchengröße 75 A hinwegtäuschten. Und nun, gerade mal 10 Jahre später, was fällt Dir da Lustiges ein? Links im Winkel, was seh ich da? Die Schwerkraft. Das ist doch kein Alter für die Schwerkraft! Ich bin doch nicht Dornröschen, die mit 20 schon so zäh war, dass man eine besonders alte Hirschkuh finden musste, um damit die Menschenfresserstiefmutter zu verkohlen! Und außerdem ist da doch gar nichts da, für die Schwerkraft! Ich dachte immer, das kommt noch und dann hängt es bereits! Das ist bloßer Zerstörungswillen der Schwerkraft! Pure Lust am Deprimieren auf der Mikroebene. Damit auf der Meseoebene mehr verhüllende Klamotten gekauft werden. Und auf der Makroebene die Runterdrückung der Frau durch die Schwere, ob die der Männer oder anderer Kräfte des Seins, abgefeiert wird. Na komm, Schwerkraft, das ist doch wirklich nicht Dein Ernst, oder? Soll ich nun, sollte ich mal meinen Ausweis vergessen, sagen, sehen Sie sich doch mal meine Brüste an, hm? Ist es das, was Du willst? Und Körper, Du lässt das einfach so zu? Ich bin enttäuscht. Peter Licht hatte Recht, verdammt.
Nur weil ich mit 10 meiner Mutter noch glauben machte, ich würde mir immer noch gern Tierheim-Tier-Vermittelsendungen angucken, weil ich glaubte, es bräche ihr das Herz, wenn sie die Wahrheit erführe, und aus dem selben Grund meinem Vater mit 15 verschwieg, das mein Liebesleben sich nicht mehr 19:40 bei GZSZ abspielte, brauchst Du Dich doch nicht damit zu rächen!

8. Februar 2011

Immer noch

Immer noch
zieht es sich vor allen anderen
leichter aus
(ich mich)
als vor Dir.
Und an.
(ich die anderen, oder so)

30. Januar 2011

Irgendwo hatte ich hier mal noch Kopfhörer liegen...

Irgendwo hatte ich hier mal Kopfhörer liegen und irgendwann hatte ich hier mal Kopfhörer liegen und irgendwann hatte ich Dich geküsst und irgendwann hatte ich Dich umarmt und irgendwann irgendwo waren da mal die Töne und irgendwo dazwischen warst Du und Die Frequenz Deiner Schritte hab ich mal gespürt und das Dielenknarren und irgendwo hat das automatische Schreiben mal nie funktioniert und irgendwann hatten wir mal anders über Menschen gedacht und irgendwie war es mal unser Leben gewesen und nicht nur das geliehene und weißt Du, was das komische ist?
Als ich gestern in der Bahn lag, unter Deinem Fahrrad und zwischen den Türn, da hab ich noch über was anderes nachgedacht und als ich "digital" schreiben wollte, kam "analog" und als es ums Hirn dachte, schrieb ich dann doch ums Herz und ich war boshaft ohne Grund und ich war so stürmisch im Inneren und ich hab so gelächelt nach außen und ich find das komisch, dass das alles so kommt, dass man seinen Gefühlen traut und dann nicht mehr dem Verstand
und so
und irgendwo hatte ich hier mal noch Kopfhörer liegen.

25. Januar 2011

Es ist Dienstag.

Ein ureigenes Misstrauen gegen Dienstage hege ich seit frühester Kindheit. Ich kann das soweit zurückführen, dass es Kindergartensport gab, dienstags, und später Mathe und Werken, dienstags, und im Gymnasium sicher auch nochmal Sport, dienstags.
Meine von fremder Vorherbestimmung bislang unergründliche Konditionierung gegen Dienstage durch das Auffordern, Kopfstände zu machen, auf einem Bein zu stehen, und zur Strafe für Inkompetenz dessen von der Kindergärtnerin verarscht und gedemütigt zu werden, durch unkreative Textaufgaben und Metallbaukästen, Gymnastik- und Tanzklausuren, wurde gebrochen, als ich "See you next Tuesday" von Mikrofisch das erste Mal hörte und mit diesem Song das Unileben begann.
Was kann auch schöner sein, als zu glauben, man sähe jemanden am nächsten Dienstag wieder, egal, was passiere?
Und was mache ich heute, wenn der Song überhört ist, der Stundenplan nach 5 vergangenen Semestern natürlich ganz anders, Dienstage in Liebe und Hass und Verzweiflung vergangen, die Vorhersehung wieder Böses mit mir vor hat, mein Badezimmer schwemmt, mir Clubmate in der Bibliothek verbietet und dunkle Gedanken zulässt? Ich werfe mir meinen Künstlerponcho über und schreibe einen Blog, der unter dem Deckmäntelchen der Schicksalsschwangerheit und des Musiktipps simpel meine augenblickliche Unzufriedenheit zum Thema hat. Ich gebe zu, die Tarnung war ziemlich dürftig.

24. Januar 2011

Zwischen Turmleben und Zungenzirkulation

Rapunzel hatte entschieden, ihr Haar dem Prinzen nicht herunterzulassen. Ihr nützte es wesentlich mehr im Turmzimmer, wenn sie es abschnitt und in traurigen Wellen zu Boden tränen ließ und Brücken schlagen zwischen Stuhllehne und Kopf, die sich in regelmäßigen Abständen zu Brüchen wandelten. Denn ein h ist ein k mit Rundungen und nichts weiches liegt in den Brüchen. In Brücken schon, über Bäche und zwischen Menschen, aber wer weiß das schon nicht, dass das Weiche in den Brücken liegt und das Harte in den Brüchen, wenn die Brüche uns zwischenmenschlich erregen und in unserer eigenen Persönlichkeit doch auch. Manchmal nennen wir diese Erregung an uns selbst Gefühl der persönlichen Identität, und deshalb sind es doch immer die selben Leute, die uns an- und ausziehen, das Du und das Ich zum Beispiel.
Manchmal hat das Du eine kugelsichere Ich-Weste an, und es lächelt Dir zu und du freust Dich, das scheint Dir doch normaler, als vorm Spiegelbild oder auf dem Klo zu denken: Och, geil.

Ferner ist das Ich manchmal ein Du, wenn es sich auflöst und wir uns gleich mit. (Wo kommt denn dieses "wir" jetzt her?)
Gedankenlos zitiere ich beim Abwasch Améry und meine Mitbewohnerin sagt, ich kennte sie nicht das ganze Leben und das war später, nachdem sie mir heftig widersprach und meine Zunge im Ausguss zirkulierte. Ein Tropfen Blut über den Rand des frischgespülten Weinglases und den Artikel über Körperflüssigkeiten am Frühstückstisch.

Als es gerinnt, ist es rot und bräunlich, wie Rapunzels Haar, das sie in bedrohlicher Enerviertheit geschnitten hat. Im Bestreben nach einer Tätigkeit mit den Händen, ohne Herz und Kopf, wie sie rar in ihrem beengten und in die Höhe geschossenem Leben war, hatte sie es zu einem Strick geflochten und während sie ihn am Ende um den Hals legte und fest verknotete, stellte sie sich auf einen Stuhl. Ja, der Stuhl, über dessen Lehne zuvor noch durch das Haar die Brücke zwischen Mensch und Mobiliar geschlagen wurden war und der still in der Einsamkeit des Turmzimmers, welches seine Schönheit in nur im Licht sichtbaren Staubornamenten schüchtern feil bot, vor sich hin stand. Mit Blick auf die Turmstuckdecke, ergriff sie erneut die Schere und durchschnitt den rötlichen Knoten nahe ihres Kehlkopfes.
"Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabgestürzt hatte, empor.", so hatte es Kleists Marquise von O. gemacht und so schmiss Rapunzel ihren Strick Haar aus dem Fenster und seilte sich daran auf den Boden hinab. Darüber nachdenkend, welcher Name für einen Herrschaftsbereich passend war, der weder Matriarchat noch Patriarchat sein sollte, ging sie fort in die Stadt und bewohnte fortan Plattenbauten in der ersten Etage.

18. Januar 2011

F(h)as(s)t Du (D)eine Hommage

Für die.


Für die, die am Bahnsteig nicht still stehen können.
Für die, die aus der Schauspielschule flogen.
Für die, die auf und ab wandern müssen.
Für die, die, eh, die haben schon Kieferschmerzen von den engen Kopfhörern.
Für die, die, mit den großen Köpfen und dem kleinen, ähm, dem großen Minderwertigkeitskomplex.
Für die, die Hypochondrie.
Für die, die Selbstbewusstsein haben, ohne Dünkel.
Für die, die Celan lesen und Sarah Kane,
und dann Adorno und trotzdem noch Lyrik.
Für die, die.


Für die, die tanzen gehen,
für die, die yeay "is it getting better, or do you feel the same".
Für die, die auf zwei S-Bahnreihen schlafen.
Für die, die furzen.
Für die, die Liebe brauchen, wie Kinski,
und für die, die ihn nicht verstehen.
Für die, die Salinger gelesen haben,
und jetzt Miller und Ginsberg und Kerouac
und für die Graphic Novel Bible und für Art Spiegelman.
Für das dänische Comik, das Mosaik,
und für die, die.

Für die Bilder an unseren Wänden,
für die, die Post-Its Klebstoff unter den Fingernägeln haben.
Für die letzte Seite und für die,
die das Vorwort überspringen
und für die, die das Nachwort rausreißen.
Für Regina und Undine.
Für die, die ihre eigenen Gebete schreiben und für die,
die in Schweigen schlafen und für die, die wach liegen
und nachts myokardinieren.
Für die, die kaputt sind, aber nur ein bisschen.
Für Mascha, für Else, für Ingeborg.

Für die, die das alles so ernst nehmen,
für die, die des Wahnsinns lachen und lächeln,
für die,
die lächeln für die Kamera.
Für Evelyn, für Amanda, für die Literaturwissenschaft und die Soziologie,
für Goffman, für Luhmann, für dich.
Für die, die nicht aufhören wenn es im Treppenhaus schon nach Eintopf stinkt.
Für die, die.

6. Januar 2011

You can leave your shoes on.

Es ist hart, um 6:00 morgens aufzustehen. Dies ist wohl einer der wenigen Sätze in diesem Blog, der völlig frei von Neologismen Zustimmung heischt. Noch härter ist dies im Dunkeln. Oder wenn es kalt ist.
Seit dem Oktober 2010 ist es aber durchaus spannender als auf dem Klo Stephen King zu lesen und so nehme ich ganz ohne Anwesenheitsliste bisweilen diese Hürde auf mich, um im Proseminar "Einführung in die Sozialstrukturanalyse" Platz zu nehmen. Ich bin Zuschauerin eines nicht enden wollenden unisono Dialogs von gegelten Spiegellesern und gepiercten Winterschuhauszieher- und auf dem StuhlräklerInnen. Was auf den ersten Blick wie eine unfundierte, repetitive Debatte um Migration, Chancengleichheit und Kapitalverteilung anmutet, ist in Wahrheit eine gut inszenierte Wachwerdcomedy. Kaum bin ich bei unqualifizierten Bemerkungen zum Thema Wirtschaftswachstum und der 10.Jubiläum feiernden Feststellung, dass wir SoziologInnen uns zukunftswärts in ein paar Jahren Taxi fahrend oder Tätigkeiten, zu denen des Schreibens mächtige 4. Klässler qualifizierter seien als wir, ausübend, wiederfänden, beinahe eingeschlafen (träumend, wie ich eine Auszeichnung als beste Suizidsassistentin, Abteilung Autounfall, erhalte), reißt mich ein spannender Umbruch in der Debatte mitten ins Geschehen: Facebook alles Illusion? Nur gelangweilte Soziopathen am Werk? Die Medien sollen kontrolliert werden? Statistikpflicht im Politikteil der Bildzeitung?
Irgendwie habe ich die Extremisierung von Mädchen in Hippieröcken und Wollsocken verpasst. Ich lächle, vermeintlich veträumt, eine von Ihnen an. Über ihr komödiantisches Potential sinnend, denke ich: Bei so viel kulturellem Kapital, musst Du Dir über dein ökonomisches doch keine Gedanken machen, Baby.

5. Januar 2011

Das Herz ist mir schon so ein ungünstiges Organ.

Das Herz ist mir schon so ein ungünstiges Organ. Um ökonomische Entscheidungen zu treffen, hat mir jemand gesagt. Aha, dachte ich unbestimmt und las auf dem Klo Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere", in einer cheapy Taschenbuchausgabe, in den 90ern nicht von mir gekauft, die damals 9.80 DM gekostet haben muss. Nichts ist so beständig wie aufgedruckte Preisschilder von ungeschenkten Büchern.
Wie geht es Ihnen, wenn ich nicht von Jalousien erzähle, die herunterklappen, beim Vorübergehen? Nicht von emotionaler Großverwirrung, bei der ich vor brennenden Mülltonnen stehe und, die Kippe lässig rauchend, plane, diese ins Benzin zu werfen? Wenn der Wind nicht meine Haare verweht, das Meer riecht, die Nacht stinkt und der Tag mir zur Begrüßung die Drehtür ins Gesicht schlägt?
"Du sagst, es zählt ein andrer Geist auf ihn ...
Erklär mir nichts. Ich seh den Salamander
durch jedes Feuer gehen.
Kein Schauer jagt ihn, und es schmerzt ihn nichts."(Ingeborg Bachmann- Erklär mir, Liebe.)
Wenn nichts weh tut und der größte Adrenalinschub entsteht, wenn ich aufschrecke, weil ein Krankenwagen an meinem Fenster vorbeifährt oder ich vom Sex mit einer längst verjährten, beidseitig gescheiterten Liebschaft träume, mit "Nothing compares to you" dazu im Hintergrund. Ich öffne das Fenster weit, es ist ein schönes Fenster. Getautes Eis tropft auf meine müden Augen, ich trinke Kaffee mit zwei Dritteln Vanillemilch. Schreibe ich, um zu existieren? Existiere ich, um zu schreiben? Ein bisschen von beidem wohl.
"So this is the new year.
And i don't feel any different." (Death Cab For Cutie)
Oder doch?

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