31. Oktober 2010

Digital ist besser


Verehrte LeserInnen, ich habe zu feiern heute. Das ist der 100. Post. Und wie könnte dieser besser zu feiern sein, als mit DEM Tocotronic Zitat im Titel?
"In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt// In einer Gesellschaft//wie dieser// bin ich nur im Weg" so hieß es 1993 und obwohl ich zu diesem Zeitpunkt gerade mal fünf Jahre alt war, schluchze ich nostalgisch ob meiner vergangenen und untrennbar damit verbundenen Jugend, wenn ich das gleichbetitelte Album höre. Ich entdeckte und hörte es exzessiv mit 15 und 15 ist ja auch fast wie 5, aus heutiger Perspektive betrachtet. Verbunden bin ich zeitgenössisch trotzdem auch mit dem Song, denn auch ich trug Mitte der 90iger tatsächlich noch eine Digitaluhr, eine gelbe Baby-G-Fälschung, über die alle lachten, weil sie erstens im Vergleich zu meinem Arm riesig war, und ich sie zweitens verkehrt herum trug.
"Digital ist besser" ist aber auch ein Titel, der zum heutigen Tag sehr gut passt, denn gestern Nacht war die Zeitumstellung und natürlich hatte ich das wieder einmal vergessen, doch diesmal wars echt super, denn so kam ich heute pünktlich und wundervoll vorbereitet zum Theaterworkshop. Zusammen mit der unbeschreiblichen Melancholie am Vormittag, die mich ergriff, als ich passend zum Anlass auch den Tocotronic Song "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" hörte, mit den Zeilen "Und ich weiß nicht genau, ob es so etwas gibt, und ob es an der Zeitumstellung liegt", die für mich ganz dicht in Verbindung stehen, mit Sportstunden, vor denen ich mit einer meiner besten Freundinnen "You don't know Jack" spielte, willentlich zu spät kam, auf dem Weg besagten Song hörend und dann frech mit von der Wegzigarette heiserer Stimme entschuldigend: "Naja, die Zeitumstellung...", ließ mich dieser Umstand heute beinahe eine ungetrübt heitere Preisung der Zeitumstellung als Motivator und Erinnerer schreiben, hätte da nicht meine jetzige Armbanduhr mir nicht nur metaphorisch einen Strich durch die Rechnung, ähh, das Ziffernblatt gemacht, in dem sie heute sagte: "Digital ist besser!" und den Sekundenzeiger gegen 12 Uhr mittags wüst ins Uhrwerk warf. Ich betrachtete ihn erst eine Weile verblüfft, ließ ihn noch ein bisschen Reisen in der faszinierend kreisrunden Landschaft der Zeit im 12 Stundentakt, um dann festzustellen, dass das zum einen doof aussieht und ich zum anderen die Möglichkeit haben will, in langweiligen Vorlesungen das verdammte Schleichen der Zeit zu visualisieren.
Ich werde also demnächst neben dem Sparen auf einen neuen Rucksack und eine Winterjacke ebenso eine Digitaluhr einplanen müssen, und um mit einer schönen Casio mit silbernem Armband nicht den Hipsterverdacht zu erregen, wird es vielleicht eine pinkfarbene Baby-G werden. Alles, was hässlich ist, ist nicht ganz so hässlich, ist es pink. In diesem Sinne: Happy 100!

Bloody Marian

Es ist die Nacht vor Halloween und es ist Samstagabend und natürlich sah ich in der U-Bahn gerade dutzende von Menschen, mehr oder minder betrunken, mehr oder minder schrecklich verkleidet, on the way to the best parties in town. Natürlich habe ich selbst Kopfschmerzen und bin bereits auf dem Weg nach Hause. Aber ich habe gerade Julie Miess, Bassistin (Lassie Singers, Britta, Jens Friebe), Sängerin (I.M. Monster) und Doktor der Literaturwissenschaft aus ihrer Dissertation zum Thema "Neue Monster. Postmoderne Horrortexte und ihre Autorinnen" lesen hören, und es gab anschließend eine Diskussion, in der die allgegenwärtige Twilightsaga, Metalfrauen sowie so einiges anderes Schreckliches thematisiert wurde und auch Jens Friebe mitmischte und da ich nebenbei Bloody Mary trank, war also auch ich gut unterhalten, gehorrort und alkoholisiert.
Ich dachte ja nun schon seit längerem, dass jene Frauen, die sich um Christiane Rösinger und Jens Friebe formieren, das klügere und gleichzeitig furchtbar riotgrrrrlige feministische Gesicht der letzten beiden Jahrzehnte "hier" abbilden, aber dass es die von Jens Friebe in seinem Ausgehtagebuch "52 Wochenenden" als Dr. Miess bezeichnete nun tatsächlich zum Doktortitel gebracht hat, das erfüllt mich mit tiefer Freude. Ist das nicht DER neue Traumberuf? Hauptberuflich Bassistin und nebenbei Monsterforscherin? Das nenn ich mal ikonenhaft!
In Zeiten als ich noch speckig vor mich hinpubertierte und mir die Enge der Provinz tiefgehende Gefühle verbat, erschien mir das Leben der Heldinnen in Marian Keyes Romanen als das Erstrebenswerteste für meine Zukunft. Meistens flohen sie ebenfalls aus einer kleinbürgerlichen, beschränkten Welt (die oftmals Dublin war übrigens, nicht etwa Hof/Saale)in die große, aufregende, offene Stadt (so gut wie immer: London). Dort verstritten sie sich dann mit ihren Freundinnen und ihrer Familie, verliebten sich unglücklich und andersherum, gingen Sonntags Curry essen, verfielen der Drogensucht,trugen hübsche Schuhe und clubbten. Ich weiß nicht, irgendwie fühlte es sich für mich beim Lesen so nach Leben an und ich dachte, das Glück käme mit dem Leben.
Dann zog ich selbst von Hof nach Berlin, verstritt mich mit Freundinnen und Familie, verliebte mich unglücklich und andersherum, verfiel Zigaretten und Alkohol, ging Sonntags Gözleme essen, trug weiterhin hübsche Schuhe und clubbte. Und es fühlte sich tatsächlich an wie Leben und war daher schon mehr Glück als die Vorstellung davon vorher. Doch je weiter der Horizont wurde, auch durch all das (man mag urteilen, wie man möchte, für mich ist die Macht des lebendigen Lebens nicht zu unterschätzen), desto mehr fragte etwas in mir nach Antworten, auf die Frage: Was mach ich denn jetzt nun, jetzt wo ich tatsächlich merke, dass der Körper, der an mir dranhängt, lebt? Wo führt das Menschsein denn nun hin, wo ich merke, dass ich Mensch bin? Irgendwie hatte Marian da schon eine Antwort gefunden, mit der sie die starke-Frauen-Single-Literatur begründete: Du darfst zwar ne Weile irrig suchen, aber glücklich wirst du clean und mit Mr. Right. Das ist das wahre Leben. Ein ähnliches Rezept verfolgte ja auch Sex and the City: Geh in die große Stadt. Verlieb dich. Sei finanziell unabhängig und spiel ein Weilchen rum, aber glücklich wirst du mit dem Einen und um so besser, hat er die Kohle für ein Appartement, das größer ist als deins. Am Leben ist man, um eine Weile umtriebig zu sein und dann durch den neu gewonnenen Frieden in Form von Gesundheit, Zweisamkeit und finanzieller Sicherheit all die gewonnene Lebendigkeit wieder wegzuwerfen? Nein, nicht mit mir!
Ich fühl das Blut in mir rauschen und das Herz pochen, ich lauf durch die Straßen und bin neidisch, mitleidig, verliebt, verbittert, frierend, erwärmt, verbandelt, vereinsamt, isoliert und integriert. Ich hab keine Ahnung, wo ich hin möchte, aber wer sagt denn, dass ich das muss? Wer hat sich das eigentlich ausgedacht, dass man irgendwann all das innere Flirren, den Unrast, die Zweifel, die Brüchigkeit, das Lernen und das Verwerfen zu Gunsten eines Seelenfriedens aufgeben soll? Das war bestimmt der selbe, der auch das verdeckelte, verkaufsfertige Glas Wein im Supermarkt erfand. Soll mir mal jemand nen Seelenfrieden zeigen, in dem man noch wird und intensiv fühlt und vielleicht lass ich mich zu dem Mist dann auch noch überreden. Ansonsten trink ich weiter aus der Flasche.
Mit dem aufregenden Glanz von Glamour und neuer Weiblichkeit ködern sie uns und locken uns ins altbackene Hausfrauendasein, nur mit eigenem Geld diesmal. Unter der sympathisch-witzig-verkorkst-weiblich-selbständigen Fassade luken bei näherem Hinsehen repressive, schubladisierende Verkörperungen von "Frauen" jenseits einer wirklich sympathischen grenzenlosen Menschlichkeit. Obacht, denn patriarchale Strukturen können ebenso auf High-Heels daherkommen, wie selbstbestimmte Frauen und Männer.
Will sagen: Doktor in Monsterforschung und Bassistin wird es sich leichter in der großen Stadt; Heiraten, Kinder kriegen, Kleider kaufen, kannst Du auch auf dem Dorfe.

28. Oktober 2010

To Puke

Ganz berückend war es, als mir gestern in nonmuttersprachler Englisch erzählt wurde, man hätte einst von seiner Französichlehrerin gelernt, dass "bleu" so ausgesprochen würde, als würde man auf Englisch "blue" sagen wollen, "only that you say it like you puke."
Ob dies, wie im weiteren Verlauf des Gesprächs gemutmaßt wurde, für die gesamte Aussprache aller französischen Wörter gelte, sei nun dahingestellt oder ausprobiert. Ich jedenfalls musste mich nicht puken, denn ich war maßvoll in der vielleicht etwas stillosen und geschmacklich etwas gewagten Mischung aus Arak und Glühwein. Andere waren es nicht so, und so bleibt vom Abend neben dem obligatorischen geistigen Familienfoto vor allem die Erinnerung an "Die Moritat von Mackie Messer" in Hebrew, der Geschmack von süßem Alkohol, Spinatlasagne, Peanutbutterchocolatemuffinscupcakebrowniewhatevermakesyoufatsomethings und dem Hauch einer Ahnung, dass die Melancholie des Abschieds ein immer vertrauteres Gefühl wird, in einem unwurzeligen Großstadtleben.

26. Oktober 2010

Sich verkalkulieren...

Um zwei Minuten und dann ne halbe Stunde zu spät sein.
Aber das macht ja alles nichts.
Ich bin ja pragmatisch geworden.
Hehe.
Über all dem ganzen Kopieren, lesen, da sein, anwesend sein,
bleibt noch Zeit, ein Zigarettchen zu rauchen,
zu plaudern
und zu Kaffeeeeeeeen.
Und für ein bisschen Sympathie- und Herbstglück.
Pausieren.
Und doch ziemlich fertig sein am Ende des Tages.
Da ich heute recht amüsant über Anglizismen belehrt wurde,
verwundert es mich gar ein wenig, dass dieser Text keinen einzigen enthalten möchte.
Dafür frage ich mich, ob es euch auch so flasht, mit nem neuen Füller zu schreiben und ihr plötzlich alles mitschreibt.
Wahrscheinlich müsste ich mir jeden Monat nen neuen Füller kaufen.
Fick dich, VDS-ev!

25. Oktober 2010

Beauvoir, Auslieferung und Sprachlosigkeit.

Einer lieben Freundin sagte ich gerade ein Telefonat ab, denn ich sei nicht mehr ansprechbar.
Das stimmt auch und so werde ich heute auch mit den Worten anderer sprechen.

Zugpersonal: -Wegen spielender Kinder auf den Gleisen verzögert sich die Abfahrt. Ich werde sie informieren, sobald ich näheres weiß.

Frau mit starrem Blick und blondierten Locken: -Im Flugzeug geht alles immer seine Ordnung. Im Zug ist man dem immer völlig ausgeliefert.

Simone de Beauvoir: -"Diese Straßen verströmen eine traurige Poesie, die ich unendlich liebe" (als Chantal)

Zugpersonal: -Wegen spielender Kinder auf den Gleisen verzögert sich der Betriebsablauf. Bitte haben Sie Geduld."

Frau mit Journal "Landlust" und Louis Vitton-Taschen: -(stöhnend) Nett.

Chantal: -Für solche Geschöpfe ist das Menschsein zu brutal. Man möchte sie darüber hinwegtrösten, dass sie geboren wurden.

Zugpersonal: -Verehrte Fahrgäste, die spielenden Kinder auf den Gleisen spielen immer noch.

Oma: -Woher kommst du denn?

Beauvoir: -"Ich würde Desinfektionsmittel kaufen". (als Andrèe)

Zugpersonal: -Verehrte Fahrgäste, willkommen im ICE von Hamburg Hauptbahnhof nach Berlin Hauptbahnhof. Wir haben momentan eine Verspätung von 54 Minuten und ich entschuldige mich für die Verzögerungen im Betriebsablauf."

24. Oktober 2010

Hamburg oder Apfelwein oder Glühwein oder so.

Es ist ja nun einmal kalt in Deutschland, zur Winterzeit auch im Wetter gespiegelt. Ab August trug ich den Mantel, ab September die Mütze, ab Oktober die Stiefel ergo ist Winterzeit und Glühwein wurde auch schon getrunken. Der kam aus Nürnberg, das ist in Süddeutschland, gekauft wurde er allerdings in Hamburg, also Norddeutschland, doch geschneit hat es zuerst in Hof, also Süddeutschland.
Besser als Glühwein ist Apfelwein, den kenne man aus Franken, das hat man mir in Berlin gesagt. Ich kenne ihn aus Franken, da heisst er Cidre, und ich weiss nicht mehr, wer mir das gesagt hat, zuerst.
Da trinkt man ihn so in Gläsern wie Wein, und das ist ganz schön eigentlich.
In Berlin, da kennt man ihn plötzlich als Strongbow Cider und in Hamburg als Fichtekranz. Ersteres trinkt man in der Flasche und es sieht aus wie ein Mädchenbier; letzteres sieht aus wie Bionade-Aloha-dingsbums Verschnitt und ist in drei Geschmacksrichtungen erhältlich.
Eigentlich ist alles Cidre, lieblich, trocken, halbtrocken. Aber wie Brecht an Hacks schrieb: "Gute Menschen sind überall gut", als dieser ihn aufforderte, nach Berlin zu kommen, so sage ich: Apfelwein ist überall gut. Ob in der Flasche oder im Glas und darüber hinaus klingt Strongbow schön, und Fichtekranz hat den Slogan: "Apfelwein von glücklichen Äpfeln" und das ist doch nun wirklich sehr nett.
Irgendwie schmecken ja Pfannkuchen auch fast wie Pancakes und Eierkuchen klingt fast wie Pfannkuchen und Berliner sind auch als Krapfen oder Pfannkuchen ekelhaft. Ob mit Erdbeeren- oder Hievenmarmelade. Und wissen Sie nicht, was Hievenmarmelade ist, so setzen Sie sich doch einmal mit jemandem aus Franken in eine Kneipe, in ein Wirtshaus oder so, und wenn Sie nichts mehr zu reden haben, können Sie ja fragen, was es heisst. Wenn dann wieder eine Gesprächspause herrscht, dann fragen Sie doch nach der Zeit. Ich meine die auf der Uhr.
Und so vergeht der Abend und am nächsten Tag können Sie dann nach einer von Langeweile durchzechten Winternacht in Ruhe butzeln. Butzeln, das kommt aus Sachsen, das ist Mitteldeutschland oder so, und das bedeutet: Faul im Bett liegen bleiben, in einem Zwischenzustand aus Schlaf und Wachheit, und ich glaube, es gibt dafür weder eine hochdeutsche noch eine norddeutsche, noch eine süddeutsche Entsprechung, denn:
Gute Menschen butzeln überall gut.

20. Oktober 2010

In den leeren Zügen.

Ich bitte Sie, Joanna Newsoms "Bridges and Balloons" einzustellen.
Klicken Sie auf diesen
Link
wenn Sie mögen.
Sie sitzen in einem leeren Zug. Richten Sie es ein, dass der Zug wirklich leer ist. Also, nicht nur so, dass Sie gerade einmal eine Sitzgruppe für sich beanspruchen. Vielleicht sind ja nicht einmal Sie selbst da.
Und vielleicht auch, dass es dunkel ist und eine kalte Jahreszeit.
Dass sie eine Stadt von oben sehen.
Sie werden nicht verstehen. Eine Stadt von oben im Zug?
Naja, ich meine, so von Brücken, die altbekannten Stadtfragmente. Straßenzüge, Bahnen, Autolichter, Häuserschluchten...
Erzählen Sie mir nicht, Sie kennten das nicht aus der Literatur!
Lesen Sie viel?
Und könnten Sie es sich vielleicht bequem machen und auch Wasser betrachten? Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Wasser im Dunkeln gar nicht wie Wasser aussieht? Und dass Sie bei näherer Überlegung fest stellen müssen, dass Sie gar nicht wissen, wie Wasser aussieht?
Vielleicht meinen Sie aber, es sei so durchsichtig, klar, rein und sowas alles. Jedenfalls keine lackschwarze Ansammlung von Glitzertropfen.
Lassen Sie sich nicht beirren und fahren weiter.
Wenn die Musik nun aus ist, hören Sie vielleicht einmal auf die Geräusche um sich herum. Ist da etwas? Ist da nichts? Sind Sie es, die da atmet?
Lagen Sie nach diesen Gedankenreisen, bei denen man federtraumigleicht einschlafen soll, im Kindergarten oder so, auch immer noch lange wach? Weil Sie die Assoziationen nicht müde, sondern lebenshungrig machten?
Schlafen Sie in leeren Zügen?
Ich frage Sie, können Sie schlafen, in leeren Zügen?
Ich frage Sie, können Sie schlafen?
Ich frage Sie, wo schlafen Sie?
Können Sie schlafen auf Rücksitzen von Autos? In Betten, wenn es so kalt ist, dass Sie einen Pullover brauchen? Auf Ihrer Arbeit? In der Schule? Der Universität? Auf Tischen und in der Straßenbahn? Wenn es dunkelt oder scheint? Wenn es ruhig ist? Wenn es laut ist?
Ich frage Sie, wie können Sie schlafen? Wann?
Leere Züge fahren aus einer Stadt in die andere. Sie halten nie dort, wo sie gern aussteigen mögen. Nur dort, wo Sie wohnen, arbeiten, reisen.
Ich frage Sie, können Sie schlafen?

19. Oktober 2010

Dilettantenuni

Gewollt und nicht gekonnt ist mir eigentlich eine recht sympathische Lebenseinstellung, aber irgendwie sympathisch auf eine unsympathische Weise. Also sympathisch nur, weil mir manchmal Sachen sympathisch sind, weil ich sie auch mache/verkörpere/denke. Femiziss, der ich bin. Nicht, weil ich sie grundsätzlich gut heiße.
Ich wollte immer ganz gern Psychologie studieren. Aber ich konnte nicht, wegen diesem Dingsda, na, NC. Und vielleicht/sehr wahrscheinlich hätte ich es auch so nicht gekonnt. Nichtsdestotrotz erfüllte ich mir heute ganz dilettantisch meinen Lebenstraum und saß 10 Minuten in einer Psychologievorlesung, Diagnostik, um genau zu sein. Naja, so dilettantisch auf die Psychologie bezogen war es dann doch nicht, sondern eher auf das Studieren im Allgemeinen. In Ermangelung der Kapazität, den Raum meiner Germanistikvorlesung nachzusehen (das ist das Fach, das mir zugetraut wird, mit meinem Abiturschnitt und das ich bisweilen will, aber nicht kann), schlich ich von Raum zu Raum, vertauschte dann beim Dozentennamenlesen zwei Buchstaben und wunderte mich so eine Weile über die kreative Einführung mit Schwerpunkt ungewöhnliche, fachcampusfremde Raumwahl und ob der Verteilung so vieler unbekannter Gesichter um mich herum. "Na, die Erstsemester gehen aber heuer ran!" hatte ich fränkische Gedanken und fasste mir schließlich doch ein Herz, meine Sitznachbarin zu fragen, ob das hier tatsächlich eine Psychologievorlesung sei. "Natürlich!", antwortete sie verstört und ich beeilte mich, so unauffällig wie möglich vor 50 seriös und ihr Leben im Griff habenden jungen Menschen hinter dem Rücken des Dozenten zu verschwinden, mit meinem Umweltschulheft und einem angekauten Stift in der Hand.
An der Mensaschlange lächelt mich ein paar Stunden später jemand an: "Du warst doch grad auch in der Diagnostikvorlesung! War super, oder?" Als ich ihm gestehe, dass ich eigentlich Germanistikstudentin bin und mich verirrt hatte, guckt er 10 peinliche Sekunden betreten auf den Boden, fängt sich dann jedoch ganz psychologisch: "Kannst ja gern öfter kommen!"
Offenbar macht man auch als Dilettantin hin und wieder einen netten Eindruck.
Ich grinse noch vor mich hin, als mich eine Erasmusstudentin fragt, ob das Essen, für das ich anstehe, vegan sei. Es tut mir sehr leid, dem charmanten Mädchen mitteilen zu müssen, dass es dies keinesfalls sei, dass es in Wahrheit nur ein vegetarisches, überhaupt kein veganes Gericht gebe. Kopfschüttelnd fallen mir mal wieder die "vegan" Schildchen auf, die neben die derbsten Fleischgerichte gestellt werden, um anzuzeigen, dass Kartoffeln vegan sind.
Fischgeschmack noch auf den Lippen schmeckend, gehe ich angewidert an den geschmacklosen Begrüßungsballons für die Erstsemester vorbei. Voll die Dilettantenuni, meine Uni.

18. Oktober 2010

Schlaflos Part III oder I'm so tired of you, Sanssouci.

Ja, Park, du bist schön! Es ist ein Privileg am Neuen Palais zu studieren,ja, nach zwei Jahren hab ich das auch endlich mal kapiert! Ich weiß, ich weiß... Und doch: I'm so tired of you, Sanssouci!
Your fucking phoney name: Without Sorrows, ohne Sorgen, dass ich nicht lache!
I'm so tired of your phoneyness!
Tired of the Drachenhaus, the Botanischer Garten mit den vielen Scheißschmetterlingen im Sommer, tired of all this überladene Barockromance, tired of the Sunlight shining through the beautiful autumn leaves... I'm so tired of you!
Tired of Oktoberschönheit, Laubgeruch, Studentenmief.
Völlig ohne Schlaf durch den Park wandelnd kann man sich höchstens noch am perfekten Spazierstock in Form einer glatten, breiten Wurzel erfreuen und an Hand dessen zur Bushaltestelle finden. Touristen gucken mich komisch an. Ach, all diese störenden Studenten. In den Bus darf die dicke Wurzel natürlich nich mit. Ich lass sie ungern liegen. Ich mag diese Parabeln nicht, in denen es darum geht, man finde sich zufällig, gehe eben ab und zu gemeinsame Wege und dann verabschiedet man sich irgendwann und schlägt einen anderen Weg ein, wo der andere nicht mitkann und dann geht es weiter. Nein, so eine Parabel soll das nicht werden, denn ich mochte den Stock wirklich und hätt ihn gern behalten.
Stocklos schlafe ich im Zug ein und dann zu Hause. Aufzuwachen wenn es dunkel ist, bittert mich in den Abend und viel ist nicht mit ihm anzufangen, außer die Abscheu, dass es morgen wieder heißt:
I'm so tired of you, Sanssouci!

17. Oktober 2010

Bakterienherde

Auf der Party gestern abend hätte ich wohl aus mehreren Gründen nicht sein sollen. Der erste ist Pfirsichlikör-Sekt-Wodka-Bowle. Obwohl meine Mutter mich schon früh vor der Heimtückigkeit dieser gewarnt hatte, erwecken die aufgeweichten Dosenfrüchte in mir automatisch unschuldige Kindergeburtstagsassoziationen, die mich den Alkohol geschmackstechnisch in Saft verwandeln lassen.
Der zweite ist die Wohnhaftigkeit einer Biotechnologiestudentin in der gastgebenden WG. Von Gesprächen über schicke Seifen kommt man auf Schaumbäder und Badewannen und ob der Reinigung dieser finde ich mich plötzlich in einem Gespräch über Bakterien wieder.Die lauern überall. Vor allem, da, wo man Entspannung von Alltagsneurosen sucht, im Bett zum Beispiel.
"Aber, wenn man den Kopfkissenbezug auf 60 Grad wäscht, dann sterben die Bakterien doch!"
"Absoluter Blödsinn", jauchzt sie sadistisch grinsend. "Das solltest du aller drei bis vier Monate wegschmeißen!"
Ich richte mich ein wenig von dem fremden Bett samt Tagesdecke und einigen Kissen, auf dem ich gerade ruhte, auf.
"Milben fressen deine Hautschüppchen und weißt du, was richtig schlimm ist? Schwämme! Schöne, feuchte Haushaltsschwämme! Das lieben Bakterien! Außerdem ist es im Klo sauberer als in deinem Kühlschrank!"
Meine Nacht war schrecklich. Um 7 Uhr wache ich auf, ich weiß nicht warum. Vermutlich, weil mein Kopfkissen plötzlich so merkwürdig stinkt! Aus dem Fenster blickend stelle ich fest, dass es tiefschwarze Nacht ist und dass das noch vor ein paar Monaten nicht denkbar gewesen wäre, im Dunkeln nach Hause kommen, 4 Stunden schlafen und dann immer noch kein Morgenpink. Auf der Toilette fühle ich mich wohl, während ich den Saft aus dem Kühlschrank herunterwürgen muss. Ich lege mich auf mein widerliches Kopfkissen und träume noch ein paar Stunden von riesigen Insekten, die überall in der Wohnung lauern, um mich anzufressen. Am wohlsten fühlen sie sich rechts von meinem wirren Nischel.
Erwachend und glücklich, dass alles nur ein Traum war, wasche ich meine Teetasse auf. Mit einem feuchten Schwamm. Oh, was tu ich denn da? Ich lasse den Schwamm fallen und überspüle das Gefäß mit einer halben Flasche Spülmittel. Gute, alte Chemie!
Erleichtert trinke ich den Tee und beginne zu arbeiten.

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